Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1951 Nr. 2

Spalte:

119-121

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Bühlmann, Walbert

Titel/Untertitel:

Die christliche Terminologie als missionsmethodisches Problem 1951

Rezensent:

Westermann, Diedrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

119

Theologische Literaturzeitung 1951 Nr. 2

120

Lebensbild der edlen Frau kann uns den Reichtum aber auch
das uns Fremde katholischer Frömmigkeit zum Bewußtsein
bringen und dadurch unser ökumenisches Bewußtsein auch
in seiner Begrenzung gestalten.

Tübingen M. Schiunk

Bühl mann, p. Walbert, Dr., OFMCap.: Die christliche Terminologie

als missionsmethodisches Problem. Dargestellt am Swahili u. an andern
Bantusprachen. Schöneck-Beckenried: Administration der Neuen Zeitschrift
für Missionswissenschaft 1950. XXV, 418 S. gr. 8° = Neue Zeitschrift für
Missionswissenschaft, hrsg. v. Prof. Dr. J. Beckmann [u. a.]. Supple-
menta i. sfr. 21.—.

Uber die Wichtigkeit der Schaffung einer christlichen
Terminologie in den Sprachen der Missionsländer ist kein
Wort zu verlieren: von ihr hängt das rechte Verständnis des
Evangeliunis und seine Einwurzelung in den neuchristlichen
Gemeinden ab. Nicht nur der Pioniermissionar hat sich mit
ihr abzumühen, sondern sie geht jeden Missionar auf das
engste an, und sie muß immer wieder neu durchdacht und
geprüft werden, was freilich nur geschehen darf auf Grund
eines sicheren Urteils sowohl über das bodenständige religiöse
und soziale Leben des betreffenden Volkes wie der Beherrschung
seiner Sprache. Es gibt Vorarbeiten, meist von evangelischer
Seite (unter ihnen besonders Karl Roehl, vgl. dessen
in der Bibliographie nicht genannte Schrift: Können afrikanische
Sprachen den •Vollgehalt der Bibel zum Ausdruck
bringen ? Halle 1935), sie befassen sich jedoch vorwiegend mit
nur einer Sprache und beschränken sich auf die Hauptbegriffe,
während Bühl mann als erster es unternimmt, den Fragenkreis
in seinem ganzen Umfang zu untersuchen, wobei er allerdings
als Ausgangspunkt auch eine Einzelsprache, das Swahili,
nimmt, aber doch häufig auf andere Bantusprachen, gelegentlich
auch auf andere afrikanische Sprachen, übergreift.

Von vornherein darf man sagen, daß dem Verf. die Erfüllung
seiner Aufgabe wohlgelungen ist. Es ist ein schönes
Buch, der Autor erweist sich als ein gründlicher Kenner des
Swahili, er hat ein gutes sprachliches Verständnis, ist mit den
Fragestellungen des Missionars gut vertraut, und sein Urteil
ist maßvoll und besonnen. Seine Ergebnisse werden in allen
wesentlichen Punkten Zustimmung finden, und die Darstellung
ist so klar und übersichtlich, daß man das Buch mit
Genuß liest. Es ist eine Arbeit, die dem Missionar, dem Missionswissenschaftler
und dem Religionsforscher gewinnbringend
ist und die auch dem Linguisten wertvolle Anregung
bietet. Der katholische Standpunkt des Verf.s bringt es mit
sich, daß auch terminologische Fragen behandelt werden, die
über den Bereich der evangelischen Mission hinausgehen, so
im Abschnitt über die Sakramente (S.418—464), aber im
ganzen ergibt sich doch, daß die Probleme für die Mission
beider Konfessionen die gleichen sind, was auch darin wohltuend
zum Ausdruck kommt, daß der Verf. die evangelischen
und katholischen Quellenwerke völlig unparteiisch benutzt
und bewertet, ja er beklagt (S.37off.), ,,daß die katholischen
Missionare im Swahili und im ganzen Bantugebiet wenig
über die Schaffung der christlichen Terminologie geschrieben
haben ..." „Im protestantischen Lager haben wir unstreitig
mehr Stoff zum Thema gefunden."

Der Stoff gliedert sich in drei Hauptteile: 1. Richtlinien,
in denen die,grundsätzlichen Fragen beantwortet werden: Das
Fremdwort und seine Anpassung, Das Erbwort und seine Verwendung
, Bedeutungsentwicklung, Neuschaffung von Wörtern
; 2. Der Tatbestand im Swahili und in anderen Bantusprachen
; 3. Zusammenfassung und Beurteilung. Gleich zu
Anfang wird die Bedeutung der Muttersprache ins rechte Licht
gestellt, „sie ist die einzig zulässige Unterlage, auf der Predigt
und Katechese stehen sollen." Dieser Ton geht durch das
ganze Buch; bei allen Konzessionen, die dein Ubersetzer nicht
erspart werden, bleibt immer die Verwendung der Muttersprache
die beste Lösung. Konzessionen ergeben sich aus der
Vielsprachigkeit Afrikas und dem Bedürfnis, sie zu überwinden
; es entstehen Verkehrs- und Schulsprachen mit der
Tendenz, kleine Sprachen zu absorbieren. Nicht in jede der
800—900 afrikanischen Sprachen kann die Bibel oder das
Neue Testament übersetzt werden. Hier geht es nicht immer
ohne eine gewisse Gewaltsamkeit ab, wenn Menschen in einer
Sprache angeredet und unterrichtet werden, die sie nur ungenügend
verstehen.

Uberraschend ist, daß nun der Verf. in der Behandlung
des eigentlichen Themas das Fremdwort an die Spitze stellt:
er begründet es damit, daß der Missionar anfangs viele Fremdwörter
gebrauche, die später durch Erbwörter verdrängt
werden. Fremdwörter sind eine natürliche Begleiterscheinung
der Übernahme fremder Kulturelemente. Das gilt auch für den
religiösen Bereich. Findet sich in der Sprache nicht der geeignete
Ausdruck, oder deckt er sich durchaus nicht mit dem,
was der Missionar ineint, oder ist er so mit heidnischem Inhalt
gefüllt, daß man gegen seine Verwendung schwere Bedenken
haben muß, so scheint der einfachste Ausweg zu sein, ein
Fremdwort zu nehmen und so mit der neuen Sache auch das
neue Wort einzuführen. Der Verf. beruft sich (S.34) auf einen
Ausspruch Joh. Warnecks, wonach „ein (natürlich unvermeidliches
) Fremdwort leichter geistiger Besitz wird als ein
unglücklich gewähltes batakisches; denn bei diesem müssen
erst falsche Vorstellungen beseitigt werden, die der Europäer
oft gar nicht ahnt. Beim Fremdwort hingegen ist es für den
Lehrer selbstverständlich, daß er es erst erklärt."

Hier muß man freilich sparsam und behutsam sein und
sich immer den Weg offen halten, das Fremde später durch
Einheimisches zu ersetzen. Für den unerfahrenen Leser ist das
Fremdwort zunächst nichts anderes als eine Null, ein Nichts,
und leicht wird es zu einem Ding geladen mit fremdartiger
Magie. Vor mir liegt ein 1949 erschienenes Buch in einer
afrikanischen Sprache, in dem Ausdrücke wie Pentecöte,
Paques, Careme, Epiphanie, Circoncision, Noel, Requiem,
Canon, Sanctus gebraucht werden. Eine solche sinnlose Verwendung
von Fremdwörtern, noch dazu in Formell, die in
keiner Weise der afrikanischen Sprache angepaßt sind, muß
um so mehr befremden, als in zwei anderen Dialekten der
gleichen Sprache eine ausgebildete christliche Terminologie
vorhanden ist.

Derartige Monstrositäten wird niemand billigen. Anders
liegt der Fall bei Wortentlehnungen, die schon vorzeiten in die
Sprache eingedrungen sind und in ihr Heimatrecht erworben
haben (wer von uns hat bei Ausdrücken wie Lampe, Speise,
Tisch, Opfer die Empfindung, es handle sich um ursprünglich
nichtdeutsche Wörter?). Solches Lehngut auszumerzen und
durch Erbgut zu ersetzen, kann nur in besonderen Fällen Aufgabe
des Ubersetzers sein.

Das Swahili ist reich an Fremdwörtern aus dem Arabischen
, besonders solchen aus dem Bereich des Islam. Karl
Roehl hat sie, soweit sie nicht allgemein bekannt sind oder aus
missionarischen Gründen bedenklich erscheinen, aus seiner
Bibelübersetzung ausgemerzt und durch zum Teil neu gebildete
Swahili-Ausdrücke ersetzt. Bühlmaun steht Roehls
Reformen im ganzen durchaus nicht ablehnend gegenüber,
sondern zollt ihnen wiederholt warme Anerkennung. Wie weit
die Reformen im Sprachleben durchdringen, wird die Zukunft
lehren.

VorallemmitdemErbwort.demeigengewachscnen Sprachgut
, hat der Missionar es zu tun. Dies Werkzeug muß er ungehindert
zu handhaben wissen, muß seinen Reichtum, seine
Schwächen und seine Entwicklungsmöglichkeiten kennen. Was
er will, ist nicht ein übersetzen, sondern eine Neuprägung
des Evangeliums in die Form der neuen Sprache. Er muß sich
dessen bewußt sein, daß jede Übersetzung zugleich eine
Sinnentäusserung oder Sinnänderung ist, daß die Wiedergabe
immer nur annähernd sein kann und oft schief, zweideutig
oder zweifelhaft ist. Die Bedeutung, der Sinngehalt eines
Wortes in zwei Sprachen laufen eine Strecke parallel, dann
aber gehen sie auseinander oder kreuzen sich. Mau wird durchaus
nicht immer den Ausdruck finden, der einem adäquat erscheint
, ja, „wir besitzen für Gott und die Dinge des Glaubens
gar keine adäquaten und eindeutigen Ausdrücke und werden
sie auf Erden nie besitzen" (S.93). Es kommt darauf an, die
vorhandenen Ausdrücke mit neuem Sinn zu erfüllen. „Das
Entscheidende sind nicht neue Wörter, sondern neue, organisch
aufgebaute Vorstellungen" (S.68). Diese können nur
entstehen durch nachhaltige Belehrung, als deren Frucht sie
aus dem christlichen Gemeindeleben hervorwachsen müssen,
um so ihre endgültige Form zu finden. Die afrikanischen
Sprachen sind überreich an Ausdrücken für Sinnliches, aber
beschränkt in ihren Möglichkeiten, Geistiges wiederzugeben.
Ihre große Geschmeidigkeit und Bildsamkeit hat sie jedoch
dort, wo sie nicht durch Eindringlinge aus europäischen
Sprachen ersäuft worden sind, immer instand gesetzt, für die
in ihren Gesichtskreis tretenden neuen Kulturelemente geeignete
Bezeichnungen zu finden, durch neue Wortbildung, syntaktische
Fügung und Bedeutungsentwicklung. „Die Möglichkeit
der Bedeutungsentwicklung ist der eigentliche Boden der
religiös-sprachlichen Akkomodation" (S.88). „Omnis cognitio
ineipit a sensu. Wie die Erkenntnis, so muß auch die Benennung
von diesem Sprungbrett der sinnlichen Welt ausgehen
. Jede Sprache mußte diesen Werdegang durchmachen".
(S.51).

Im zweiten Hauptteil werden die einzelnen religiösen
Begriffe des Swahili (und anderer Bantusprachen) untersucht,
und zwar wird zunächst historisch quellenmäßig ermittelt,
welche Wörter gewählt worden sind und ob diese Wahl sich