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Ausgabe:

1950 Nr. 11

Spalte:

685-690

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Kraemer, Hendrik

Titel/Untertitel:

Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen Welt 1950

Rezensent:

Knak, Siegfried

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Theologische Literaturzeitung 1950 Nr. 11

680

Korrektur, die sehr dankenswert ist, — zumal in der Tat — wir wissen es doch
nochl — in jenen 12 Jahren „zuviel im Namen Luthers gesündigt worden ist".

Der gleiche Verf. kommt in der vorliegenden Schrift noch
mit einem weiteren Referat über die „Erneuerung der Kirche
im Licht der Reformation" zu Wort. Es trägt den Untertitel:
Zum Problem von „Alt" und „Neu" in der Kirchengeschichte.

In diesem Zusammenhang geht er dem Oedanken nach, worin eigentlich
eine rechte Erneuerung der Kirche bestehe. Er lehnt ein geschichtsdialek-
• isches Verständnis der Erneuerung ab, das auf dem Boden entwicklungsgeschichtlicher
Erkenntnisse erwachsen ist. Ebenso wehrt er spirituallstisch-
romantische Auflösungstendenzen als Erneuerungskräfte ab, die scheinbar
einer Festigung individualistischer Frömmigkeit dienten. Vielmehr sei die
einzig legitime Erneuerung der Kirche die Buße unter dem Wort ihres Herrn,
— ein Hören und Gehorchen unter seiner Weisung Deshalb wollten die Reformatoren
keine „Neuerer" sein, vielmehr die ecclesia apostolica catholica allein
als creatura Verbi wieder aufrichten. So trägt der Verf. hier eine lebensvolle
und wiederum äußerst lehrreiche Ergänzung zu seinen vorangegangenen Darlegungen
vor.

Schließlich stellt auch ein gewichtiges Wort der Vortrag
von Herbert Wehrhahn dar, in welchem „Kirchenrechtliche
Vorfragen zur Erneuerung des evangelischen Kirchenwesens
in Deutschland" erörtert werden.

Er erläutert hier, wie das Rechtsdenken der Kirche von Vorstellungen
lebt, die jenseits der biblischen Sicht liegen. Für die Bedeutung des Juristen
in der Evangelischen Kirche überhaupt sei die Vergangenheit unter dem
landesherrlichen Kirchenregiment wie auch das Fortleben katholischer Auffassungen
vom Kirchenrecht und schließlich die theologische Ungeklärtheit des
Verhältnisses von Kirche und Recht verantwortlich zu machen. So basiere
das „evangelische Kirchenrecht" bei solchen Erbströmen letztlich auf den Gesellschaftslehren
des Aristotelismus und des Rationalismus als den ideologischen
Fundamenten. Diese aber könnten den biblischen Begriff der Kirche
niemals erfassen. Die Reformation habe zwar das alte Kirchenrecht weithin
verworfen, aber den Aufbau eines neuen Kirchenrechtes nicht inaugurieren
können. Vielmehr sei an die Stelle des Kirchenrechtes nunmehr das staatliche
Recht getreten. — Man muß auch diesen Vortrag einfach zur Hand nehmen,
"m zu sehen, wie hier mit kundiger Hand eine lebendige Strichzeichnung der
kirchenrechtlichen Situation geboten wird. Auch der große und bekannte Lehrmeister
der Kirchenrechte, der vielerfahrene Hermann Kahl, ist noch der
Meinung, „daß alle ethischen oder religiösen Vorschriften, welche als lediglich
gewissenverbindlich ausschließlich der freien Überzeugung und Aneignung
der Kirchenglieder überlassen sind, ohnehin vom Gegenstand des Kirchenrechts
ausscheiden". Ein solches Ausweichen vor der legitimen Autorität des
Wortes Gottes darf jedoch in der Kirche grundsätzlich keine Stätte haben:
Sonst gilt noch die alte eigene Gesetzlichkeit außerhalb der Gesamtordnung
des Leibes Christi. Daher bezeichnen wir auch in Deutschland als „Kirche"
jene territorialen Körperschaften, die ihre Entstehung und ihren Umfang
dynastisch-politischen Vorgängen verdanken und die in solcher Gestalt „den
versunkenen Königreichen, Herzog- und Fürstentümern zu einem gespenstischen
Weiterleben verhelfen". Und weil Deutschland ein Bundesstaat war,
so haben wir auch jetzt noch wie eine schattenhafte Folie aus der Vergangenheit
die Bundeskirche. Der von ihr gebildete Rat leitet darum seine Befugnisse
nicht aus den Bekenntnissynoden her, sondern aus dem Behördenapparat
der ehemaligen „Reichskirche". — Nimm und lies; der Gewinn ist auch hier
ein unverhältnismäßig großer.

Wir sind für alle diese Darbietungen aufrichtig dankbar
und können nur dem Wunsche Ausdruck geben, daß solche
Gedanken sich in die Fundamente der EKD immer stärker
Inneinschmelzen möchten, um dem vielfachen guten Willen
zum Zusammenhalt, der allein nicht ausreicht, eine tragfähige
Grundlage zu schaffen.

Bitterfeld Martin Burgwitz

MISSIONS WISSENSCHA FT

K rae nier, Hendrik, Prof.: Die christliche Botschaft in einer nichtchristlichen
Welt. Zoilikon-Zürlch: Evangelischer Verlag 1940. 390 S. 8°.
Spät, aber nicht zu spät, erscheint dieses Standardwerk
der neuesten Missionswissenschaft in Deutschland. Es ist die
Ubersetzung des Buches, das im Auftrag des Internationalen
Missions-Rates zur Vorbereitung der letzten großen Weltmissionskonferenz
iuTambaram (Madras) 1938 erschien: „The
Christian Message in a Non-Christian World"1. Die
politischen Verhältnisse machten damals eine Ausgabe in
Deutschland unmöglich, doch erschien eine deutsche Übersetzung
1940 in der Schweiz. Leider ist die deutsche Ausgabe
jetzt schwer erhältlich, um so mehr sollte nach der englischen
gegriffen werden. Denn das Buch ist nicht nur für Missions-
wissenschaft und -praxis die umfassendste und sachkundigste
Einführung und Wegweisung, die wir heute haben, sondern
zeichnet zugleich die Grundsätze ab, die die gesamte Kirche

') Kraemer, Hendrik, Prof: The Christian Message in a NonChristian
World. With Foreword by the late Archbishop of Canterbury.
London: Edinburgh House Press [1947]. XVIII, 455 S. 8°. Lw. 17s. Od.

heute gegenüber ihrer nichtchristlichen Umwelt einhalten
muß. Die nichtchristlichen Religionen haben es ja alle nicht nur
mit der Welt religiöser Gedanken im engeren Sinn zu tun,
sondern umfassen die sozialen, wirtschaftlichen, politischen
Verhältnisse, kurz, das gesamte Leben der betreffenden Völker
. In der Mission steht die Kirche der Gesamtheit der nichtchristlichen
Welt gegenüber und muß daher — wie der Verf.
mit eindringlicher Gewisscnsweckung darlegt — ganz anders
als bisher den missionarischen Angriff auf die Welt in ihre Verantwortung
nehmen. Diese bekannte Forderung von Amsterdam
ist von niemand so sachkundig unterbaut worden wie
von Kraemer. Er ist der berufene Mann dafür, weil er auf
Grund eigener Betätigung als Missionar auf Java schreibt, als
Professor für Religionswissenschaft in Leyden diese beiden
Gebiete mit anerkannter Sachkunde beherrscht und als ein
führender Mann seiner heimatliehen Kirche mit den Problemen
von Kirche und Theologie eingehend vertraut ist.

Der Aufbau des groß angelegten Werkes ist so gestaltet,
daß zuerst der übergangscharakter der Gegenwart in zwei
Kapiteln als Krise des Ostens, Krise der Kirche und Krise der
Mission aufgezeigt, dann das Wesen christlichen Glaubens und
christlicher Ethik dargestellt, dann die nichtchristlichen Religionen
als Systeme von Leben und Denken und die grundsätzliche
Stellung der Mission zu ihnen, dann aber getrennt davon
die gegenwärtige religiöse Lage in der nichtchristlichen Welt
in vier Kapiteln entwickelt wird, um dann zu dem „eigentlichen
Gegenstand des Buches" zu kommen: der Frage, welche
Wege heute die Mission in den verschiedenen Völkern einschlagen
sollte: „Die missionarische Begegnung" in zwei
Kapiteln.

Was das Buch so wertvoll macht, ist — außer der überlegenen
Sachkunde auf allen diesen Gebieten — die Offenheit
für alle kritischen und skeptischen Gedanken und Bedenken,
die heute der Mission entgegengehalten werden. Der Verf. vermehrt
sie selbst noch, weil er hohe Maßstäbe anlegt, „denn es
ist das schwierigste und vermessenste in der Welt, große
geistige Welten von hohem Altertum aufzufordern, ihre
Lebenswurzeln in einen ganz andern Boden zu verpflanzen
als den, an welchen sie gewöhnt sind". Dazu auf der andern
Seite der große Respekt vor der religiösen Tiefe und Kraft der
nichtchristlichen Religionen, im Gegensatz zu dem Eindruck
der früheren Mission, daß es sich bei ihnen nur um einen entarteten
Teil des geistigen Lebens der Menschheit handle, der
tief in Irrtum und Finsternis versunken sei. Das empirische
geschichtliche Christentum, selbst eine Art menschlicher Bemühung
auf dem Gebiete der Religion, muß in eine Linie mit
den anderen Religionen als ein Ausdruck menschlichen geistigen
Lebens gestellt werden. Nur daß es sich dabei im Christentum
um ein Mißverständnis seines eigentlichen Sinnes handelt.
Ein ganzes Kapitel widmet der Verf. daher der Frage nach
dem Sinn der Offenbarung und der Botschaft. Er prägt den
Ausdruck „Biblischer Realismus", der dann die gesamte Darlegung
beherrscht. Darunter versteht er, daß die Offenbarung
nicht Darbietung einer Erkenntnis, nicht Darbietung geoffenbarter
Wahrheiten ist, sondern Bericht über die großen Taten
Gottes, die ein erlösendes Einbrechen Gottes in das Leben der
Menschen und der Welt bedeuten. Nicht das Geheimnis von
Gottes Sein und Wesen wird „offenbart", sondern das Geheimnis
seines Retterwillens. Das schließt zugleich ein radikales
Urteil über den Menschen ein, der auch in seinen höchsten Versuchen
, Gott zu finden, im Grunde vor Gott flieht, um autonom
zu bleiben. „Die in Christus offenbarte Gnade ist zugleich
immer Gericht über den Menschen — das ist biblischer
Realismus". Der Zentralgedanke kann in Inkarnation, Rechtfertigung
durch Gnade allein, Versöhnung, Reich Gottes, neue
Art des Lebens gesucht werden; am besten aber in Buße und
Vergebung, die an die Person Jesu Christi gebunden ist, der
sein Reich hat in einer Kirche, die auf Vollendung wartet.

Von hier aus wird zu den einzelnen Religionen Stellung
genommen, von hier aus die bisherigen Missionsmethoden beurteilt
, von hier aus die neuen Wege abgesteckt, die in der
gegenwärtigen Lage die Mission suchen muß. Dabei hat
Kraemer stets nicht nur die Missionare, sondern auch die
„jungen Kirchen", die des Rats sehr bedürftig sind, und die
gesamte Kirche im Auge. Denn die Frage, wie sich die Mission
und die jungen Kirchen zu den nichtchristlichen Religionen
verhalten sollen, ist nur ein besonderer Aspekt des Problems,
wie sich heute die gesamte Kirche zu ihrer nichtchristlichen
Umgebung verhalten soll. Uberall müssen zwei Gesichtspunkte
festgehalten werden: erstens muß das Christentum stets dessen
eingedenk sein, daß es sich auf das prophetische und apostolische
Zeugnis von einer göttlichen, überweltlichen Lebensordnung
gründet, die den ganzen Bereich des geschichtlichen
menschlichen Lebens jeder Zeit überragt und richtet, auf