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Ausgabe:

1947 Nr. 2

Spalte:

94-96

Kategorie:

Missionswissenschaft

Autor/Hrsg.:

Schick, Erich

Titel/Untertitel:

Vorboten und Bahnbrecher 1947

Rezensent:

Schlunk, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1947 Nr. 2

94

Zeit hinsichtlich ihrer Apriorität und Idealität wird sehr ausführlich
der Synthesen des Verstandes gedacht, zunächst
unter dem Gesichtspunkt der Analytik der reinen Verstandesbegriffe
und dann unter dem der transzendentalen Lehre vom
Urteil. Mit der Uberschrift: „Der ordnende Gebrauch der
reinen Vernunft" wendet sich der Verfasser dem „Ding an
sich" und den Nooumena zu, untersucht den Wert der „transzendentalen
Ideen" und das „transzendentale Ideal". Mit der
rein ordnenden Rolle der Vernunftideen wird dann ein Ubergang
zur Kritik der praktischen Vernunft geschaffen. Was an
der bisherigen Auffassung der Metaphysik von der reinen Vernunft
zerstört wird, baut die praktische Vernunft mit ihren
Begriffen von Gott, Freiheit, Unsterblichkeit wieder neu auf.
Auch Kant geht es ja schließlich wie den Zeitgenossen in der
Metaphysik um die Letztwirklichkeit der Dinge. Die beiden-
ersten Kritiken haben zwei große Bereiche der reinen Vernunft
erkennbar gemacht, den theoretischen, d. h. den der empirischen
Kausalität und den praktischen, d. h. den der Kausalität
der Freiheit. Eine direkte Durchdringung beider ist nicht
möglich, aber eine Verbindung irgendwelcher Art muß sich
finden lassen: „il faut bien que quelque pont soit jete" (S. 288),
zumal ja theoretischer und praktischer Vernunftgebrauch ein
und demselben Bewußtsein entspringen: „c'est le meine sujet
qui connait empiriquement la nature et qui s'oblige ä realiser
'a fin derniere de l'ordre morale" (ebenda). Diese Brücke ist
7-u sehen in der „faculte de juger", der Urteilskraft. In der
Kritik der Urteilskraft werden dann die Grenzen des Gebrauchs
des teleologischen Denkens aufgezeigt hinsichtlich der
metaphysischen Deutung der gesamten Welt.

Mau kann von den beiden vorliegenden Bänden wohl
sagen, daß der Verfasser sich in oft sehr eingehenden Einzel-
untersuchungeu bemüht, zunächst einen philosophiegeschicht-
Hch sorgfältigen Überblick über die Stellung des Rationalismus
und Empirismus der vorkantischen Zeit zu den Fragen
der Metaphysik zu geben, dann aber auch ein umfassendes Bild
des kantischen Denkens vor allem nach den drei Kritiken zu
zeichnen gleichfalls in besonderer Ausrichtung auf die Metaphysik
. Die Zitate und erläuternden Anmerkungen sind zahlreich
, meist gut gewählt und oft sehr ausführlich. Sie erweisen
zudem auch die Vertrautheit des Verfassers mit der deutschen
Kantliteratur. Die alphabetischen Sach- und detaillierten Inhaltsverzeichnisse
sind sehr sorgfältig aufgestellt und gestatten
dem Leser ohne Mühe die Auffindung jedes gewünschten Kapitels
. Diese französische Untersuchung gerade auch des kantischen
Denkens darf gewiß unser Interesse beanspruchen.

Leipzig Herbert Liboron

MISSIONS WISSENSCHAFT

B u rgw itz, Martin: Missionsdiakonie. Eine Studie über den Diakonissendienst
in der Äußeren Mission unt.besond. Berücksicht.der Kaiserswerthcr Gc-
neralkonferenz z. lOOjähr. Bestehen der Arbeit. Theol. Diss. Halle 1940. 144 S.

Während in der deutschen evangelischen Mission die Mitarbeit
der Missionarsfrau au der beruflichen Tätigkeit ihres
Mannes von Anfang an sehr bedeutend gewesen ist, hat es verhältnismäßig
lange gedauert, bis ledige Missionarinnen zum
geordneten Arbeiterstab auf dem Missiousfelde gehörten. Die
selbständige Mitarbeit der Frau in der Öffentlichkeit war lange
Zeit zu ungewohnt. Dazu machte ihre Einordnung in den Aufbau
der Missionsgesellschaften und ebenso die Struktur der
Diakouissenmutterhäuser Schwierigkeiten. Mit der Zeit
scliwaimeu die Bedenken gegen solche Mitarbeit, und das Bedürfnis
nach planmäßiger, sachkundiger Frauenmission wurde
als so brennend anerkannt, daß eine Gesellschaft nach der
anderen Frauen in die Arbeit einstellte. Doch geschah das erst
nach unsäglich umständlichen Verhandlungen unter den
heimatlichen Missionsgesellschaften, die dadurch erschwert
wurden, daß auch unter den Missionaren vielfach eine starke
Abneigung gegen diese neue Form der Arbeit überwunden
werden mußte.

Uber die Entwicklung dieser neuen Form von Mitarbeit,
soweit sie sich in Ansätzen, Verhandlungen, Plänen und organisatorischem
Aufbau in der Heimat vollzogen hat, gibt die
vorliegende Dissertation Bericht. Die fleißige Arbeit baut sich
auf Grund von großer, kleiner und kleinster Missionsliteratur
und außerdem auf reichem ungedrucktem Aktenmaterial auf
und gibt einen guten Einblick in den verwickelten Werdegang
dieses Zweiges neuzeitlicher Missionsarbeit.

Nicht verschwiegen werden kann, daß die Arbeit unter dem Ausgangspunkt
, den der Verfasser zu nehmen veranlaßt war, leidet. Missionsdiakonie
ist nur eine Seite der Arbeit der ledigen Frau auf dem Missionsfelde. Sie kann
aber wiederum auch von der übrigen Frauenmission nicht reinlich geschieden
werden, weil auch andere wie die evangelistisch oder pädagogisch arbeitende

Missionarin mindestens nebenamtlich in der Regel Krankenarbeit zu tun hat
und für sie ausgebildet ist. Auch der Verfasser hat solche Tätigkeit nicht ganz
ausschließen können, sie aber andererseits nicht planmäßig und umfassend herangezogen
. Die Ursache dafür liegt wohl darin, daß die Schrift ein Beitrag zur
100-Jahrfeier der Kaiserswerther General-Konferenz sein wollte, weshalb denn
auch die ausländischen, dieser Konferenz angeschlossenen Mutterhäuser mit
herangezogen worden sind. So wird hier die Frage der Frauenmission im wesentlichen
vom Gesichtspunkt des Diakonissenmutterhauses aus beantwortet.
Sachlich richtiger und fruchtbarer wäre es gewesen, wenn der ganze Fragenkomplex
unter den Gesichtspunkt der werdenden Gemeinde und der werdenden
Kirche auf dem Missionsfelde gestellt worden wäre. Die an sich wichtige
und lehrreiche Arbeit der Diakonisse Anna von Waldow (Paul-Gerhardt-Stift
und Berliner Mission) in Maneromango (Deutsch-Ostafrika) z.B. zur christlichen
Umgestaltung der Pubertätsriten der Saramo ist ihrem Wesen nach
nicht „endogene Missitfnsdiakonie", d.h. Ausbildung von eingeborenen Diakonissen
, sondern Arbeit an der Umgestaltung des Familienlebens des Volkes
von der christlichen Gemeinde her. Der unsachgemäße Ansatzpunkt verrät
sich dadurch, daß der Verfasser den Ausdruck „Familiendiakonie der Frau"
hierher verwendet. Kindererziehung und Diakonie sind aber verschiedene
Dinge (wenn man nicht jeden Dienst des Christen am Nächsten „Diakonie"
nennen will). Auch die Miao-Mission der Mechtaler Schwestern Ist weniger
diakonisch als evangelistisch ausgerichtet.

Einen breiten Raum nehmen die theoretischen Diskussionen und der
Plan eines Missionsdiakonissenhauses ein, für den vor allem A. W. Schreiber
wieder und wieder warb. Auf wenig bekannte Anfänge weist das 1. Kapitel
hin, das von Ooßners, Flledners und Herrnhuts Versuchen berichtet. Recht
wertvoll ist der statistische Überblick über die Beteiligung der Mutterhäuser —
und zwar nicht nur derjenigen des Kaiserswerther Verbandes — an der Missionsarbeit
. Daß er nicht ganz vollständig ist, erklärt sich aus der Vielfältigkeit
der fraglichen Organisationen und der Verschiedenartigkeit ihrer Berichtsweise
. Aus demselben Grunde sind wohl andere Einzelirrtümer der Schrift zu
erklären. S. 48 heißt es z.B., daß im Jahre 1909 die größte Zahl der Missions-
schwestern, nämlich 41, Berlin 1 gehabt habe, vor allem In Südafrika. Die
Berliner Mission (Die Bezeichnung „Berlin I, II, III" werden leider immer
wieder in der Schrift verwandt, obwohl sie längst bewußt außer Kurs gesetzt
sind, nachdem die einzelnen Gesellschaften sie abgelehnt hatten), hatte in Südafrika
damals gar keine Schwestern. Die Zahl bezieht sich auf weiße Südafrikanerinnen
, die als Lehrkräfte herangezogen worden waren. Wertvoll sind die 10
Anhänge mit allerhand statistischen Mitteilungen, vor allem aber durch die Beispiele
für Verträge zwischen Missionsgesellschaften und einzelnen Mutterhäusern.

Mit Recht stellt der Verfasser fest, daß das lange Zögern
der Missionsleitungen und besonders die Zurückhaltung der
Mutterhäuser eine beklagenswerte Wirkung für das Missionsfeld
gehabt hat. Die evangelische Frauenmission ist infolgedessen
nicht nur weit hinter ihren Bedürfnissen, sondern auch
hinter der katholischen Mission zurückgeblieben, die aus ihren
Nonnenorden früher und weit großzügiger vielfach tüchtige
Arbeitskräfte in großer Zahl auf das Missionsfeld entsandt hat.
Möge die nunmehr erreichte, auf reicher Erfahrung beruhende
Gestalt der Zusammenarbeit zwischen Missionsgesellschaften
und Mutterhäusern immer reifere Frucht tragen. Der Verfasser
hat dafür durch seine Schrift eine recht wertvolle Hilfe
geboten und verdient für seine mühsame Arbeit von beiden
Seiten warmen Dank.

Berlin S. Knak

Schick, Erich: Vorboten und Bahnbrecher. Grundzüge d. evangei.

Missionsgeschichte bis zu den Anfängen der Basler Mission. Basel: Basler

Misslonsbuchh. [1943.] 344 S. 8". Lw. Fr. 10.50.

Seit Heinrich Frick im Jahre 1922 sein Buch: Die evangelische
Mission, Ursprung, Geschichte, Ziel veröffentlichte,
ist eine Geschichte der evangelischen Mission auf Grund selbständiger
Forschungen nicht wieder geschrieben worden. Julius
Richters Allgemeine Missionsgeschichte ist unvollendet
geblieben, der Band über die Heimatgeschichte fehlt. Um so
dankbarer ist jede neue selbständige Darstellung zu begrüßen.
Erich Schick ist als Lehrer am Missionsseminar in Basel besonders
berufen zu solcher Arbeit, und indem er die Grün-
dungsgeschichte seiner Mission bis zur Reformation zurückverfolgt
, dabei auch die Entstehung der wichtigeren ausländischen
Gesellschaften berücksichtigend, gibt er gleichsam
einen ersten Band einer neuen Missionsgeschichte. Feinsinnig
beobachtet er vor allem die geistlichen Triebkräfte der Arbeit
und schildert mit innerstem Verständnis die wichtigsten Persönlichkeiten
und die Geisteswelt, aus der heraus sie verstanden
werden müssen. Er beginnt mit Villegaignon, der Lehre
der Reformatoren, Erasmus und Saravia, behandelt dann den
Missionsgedanken des 17. Jahrhunderts, ferner die Dänisch-
Hallische Mission, Herrnhut und Zinzendorf, das Missiousleben
Englands bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, die Deutsche
Christentumsgesellschaft und das Werden der großen Gesellschaften
bis zur Begründung der Basler Mission. Von besonderer
Feinheit ist die Zeichnung der geistlichen Atmosphäre.