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Ausgabe:

1940

Spalte:

180-182

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gestalten des christlichen Abendlandes 1940

Rezensent:

Hoffmann, Paul Theodor

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179

Theologische Literaturzeitung 1940 Nr. 7/8

180

und Vokabular. Aber noch immer fehlte eine vollständige
Zusammenstellung der galiläisch-aramäischen Fragmente
der Midraschim.

Nun hat H. Odeberg, Professor für neutestamentliche
Wissenschaft an der Universität Lund;, neben Q. Dalman
der beste christliche Sachkenner auf diesem Gebiet, den
ersten Schritt getan, um auch diese Lücke auszufüllen,
indem er die aramäischen Stücke aus dem Midrasch zur
Genesis (Beresit Rabba) vollständig zusammengestellt
hat.1 Mit diesem aus der Zeit zwischen 450 und 500
stammenden, aber älteres Material überliefernden Midrasch
zu beginnen, lag deshalb nahe, weil für ihn die
kritische Ausgabe von Theodor-Albeck (Berlin 1903 bis
1929) abgeschlossen vorlag (in der der Leser auch den
textkritischen Apparat findet, auf dessen Abdruck Odeberg
verzichtet). Odeberg hat sich jedoch nicht mit einer
bloßen Zusammenstellung der Texte begnügt, sondern
gibt durchgängig jeweils auf der rechten Nebenseite eine
Transkription von vorbildlicher Exaktheit. Damit ist dem
Benutzer, namentlich dem Anfänger, mehr gedient, als es
mit einer Übersetzung geschähe (die im übrigen, wenn
auch verbesserungsbedürftig, schon A. Wünsche, Der
Midrasch Bereschit rabba, Leipzig 1881, geliefert hatte);
denn die Transkription gibt ihm für jedes Wort des unpunktierten
Textes die Möglichkeit der Selbstkontrolle
seines Verständnisses. An den Text (S. 4—121) schließen
sich Notes an, die Erläuterungen zum Text und vor
allem — ein wichtiges Hilfsmittel! — Paralleltexte in
Transkription bieten (S. 122—172). Additions bringen
aramäische Texte (überwiegend in Transkription) aus
dem palästinischen Talmud, dem Midrasch zu den Klageliedern
, dem Targ. Scheni zu Esther, dem Gebetbuch,
dem Sefär hazzohar, dem (hebr.) Henochbucli, und zwei
späteren Midraschim (S. 172—201).

In einem zweiten Band hat Odeberg, ganze Arbeit
leistend, noch eine Short Grammar of Galilaean Aramaic
angefügt, zu der er sämtliche Beispiele unmittelbar aus
den Quellen gesammelt hat. In vorbildlicher Prägnanz
der Sprache ist hier auf 160 Seiten in 604 Paragraphen
erstmalig eine umfassende Grammatik des galiläischen
Aramäisch — Morphologie, Noten zur Syntax und kurze
Noten zur Orthographie und Phonologie — in Angriff
genommen. Erstmalig: denn keine der bisher vorliegenden
Grammatiken des palästinischen Aramäisch, auch
nicht die seiner Zeit Neuland rodende, grundlegende
Grammatik des jüdisch-palästinischen Aramäisch von G.
Dalman (Leipzig 1894, 19052), hat den Schritt über die
Formenlehre hinaus zur Syntax getan. In Angriff genommen
: denn wie schon die Teil-Überschrift „Notes on
Syntax" (S-76—152, § 330—458) zeigt, beansprucht
Odeberg nicht, eine abgeschlossene galiläisch-aramäische
Syntax vorzulegen. Als überaus fruchtbar für die ausgezeichnete
Darstellung der komplizierten Probleme der
Syntax erweist es sich, daß Odeberg bei den arabischen
Grammatikern in die Schule gegangen ist und ihre Terminologie
, besonders bei der Behandlung der Verbal-
und Nominalsätze, benützt.

Möchte das neue Hilfsmittel, dessen Zuverlässigkeit,
Gediegenheit uno Prägnanz vorbildlich ist, genutzt werden
, und möchte es dazu beitragen, daß die Muttersprache
Jesu mehr als bisher studiert werde. Ich würde für
das Selbststudium als Einführung das Durcharbeiten von
Dalmans Aramäischen Dialektproben (19272) an Hand
der kurzen übersichtlichen Grammatik von Stevenson
(1924) und unter Hinzuziehung von Dalmans Grammatik
(19052) empfehlen, für die Weiterarbeit Odebergs
Doppelwerk unter Benutzung von G. Dalmans Aramäisch
-neuhebräischem Wörterbuch (1901, 19222 =
19383). Die Mühe lohnt: denn die Arbeit hilft, über den

1) Odeberg, Hugo: The Aramaic Portions of Bereshit Rabba.

With Grammar of Galilaean Aramaic. I. Text with Transcription
(207 S.); II: Short Grammar of Galilaean Aramaic (177 S.). Lund:
C.W.K. Gleerup; Leipzig: O. Harrassowitz 1939. gr. 8° = Lunds
Universitets Arsskrift. N. F. Avd. 1. Bd. 36, Nr. 3 u. 4. Zus. Kr. 16—.
bzw. RM 13—.

griechischen Text der Evangelien zurückzukommen zu
den Überlieferungen der aramäisch redenden palästinischen
Urkirche — und über diese zurück zur ipsissima
vox Jesu.

Gestalten des christlichen Abendlandes. Bd. 1—4.

I Stolz, Anselm: Anselm von Canterbury. Sein Leben, seine Bedeutung
, seine Hauptwerke. (336 S.) 8°.

Geb. RM 6.80; Subskriptionspreis RM 5.60.
Fels, Heinrich: Martin Deutinger. Gestalt und Beurteilung, Lebenswerk
, Ernte und Erbe. (340 S.) 8°.

Geb. RM 6.80; Subskriptionspreis RM 5.60.
Kuckhoff, Josef: Johannes von Ruysbroek, der Wunderbare,
1293—1381. Einführung in sein Leben. Auswahl aus seinen Werken
. (311 S.) 8°. Geb. RM6.80; Subskriptionspreis RM 5.60.
Sertorius, L.: Katharina von Genua. Lebensbild und geistige
Gestalt. Ihre Werke. (270 S.) 8°.

Geb. RM 6.30; Subskriptionspreis RM 5.60.
München: Kösel-Pustet 1937—1939.

Mit dem Unternehmen dieser neuen Bücherreihe
hat der Verlag Kösel-Pustet München einen glücklichen
Griff getan. Wie er in der Ankündigung zum ersten
Band der Reihe, zu der von A. Stolz verfaßten Auswahl
aus den Werken Anselms von Canterbury, bemerkt, soll
die Sammlung „eine Überschau des wertvollsten Geistesgutes
geben, das für die geistige Prägung des christlichen
Abendlandes grundlegend und formgebend' war
und heute noch ist". An einer anderen Stelle bezeichnet
der Verlag die Serie etwas drastisch als „keine Gesamtausgabe
für die Büchergestelle, sondern eine aktuelle
Lebenssammlung". Daß das Letztere verwirklicht wurde,
das erweisen die vorliegenden obengenannten vier Bände.
Es ist nämlich nicht nur eine Auswahl aus den Werken
der vorerwähnten großen religiösen Meister getroffen
worden, die, im herkömmlichen Stil, doch immer etwas
vom subjektiven Standpunkt des Auswählenden zu behalten
pflegt; es ist ebensowenig eine der üblichen „Einleitungen
" zu solchen Ausgaben vorangestellt worden.
| Vielmehr ergänzen die vorangehenden umf angreichen Be-
j Schreibungen des Lebens, der Werke und des Wesens
der Dargestellten sich aufs glücklichste mit der angeschlossenen
Lese aus deren Schriften. Es wird angestrebt
, ein möglichst klares Bild von der Gesamtpersönlichkeit
zu geben, wie diese geistesgeschiichtlich in unserer
Zeit wirklich noch lebendig ist oder es werden könnte
- Dabei handelt es sich aber auch wiederum nicht um
eine billige Popularisierung sondern um lebensnahe wissenschaftlich
einwandsfreie Darstellung. So zeigt A n -
se 1 m Stolz den Erzbischof Anselm von Canterbury
als den Geist, der einer selbständigen und vertieften
Erkenntnis des Glaubensgutes die Bahn weist, der
die „fides quaerens intellectum" für die folgenden Zei-
j ten ihren Siegeslauf antreten ließ. Die Verdeutschung
j der lateinischen Texte ist Stolz und seinen Mitarbeitern
P. Bernhard Barth O. S. B., M. Schmaus u. a. insofern
glücklich gelungen, als das gesteckte Ziel erreicht wurde,
„das Latein so zu verdeutschen, daß die Übersetzung
■ eine wirkliche Vergegenwärtigung Anselms für den heu-
< tigen Leser bedeutet, und daß doch der lateinische Text
irgendwie durchscheint". Will man Anselms Geist wirk-
I lieh vermitteln, so muß man einen Begriff der Geistge-
' walt auch gerade seiner eigenwilligen, sehr persönlichen
I Sprache geben, und das ist von Stolz erfreulich erreicht
worden.

Als nächster Band liegt sodann die Arbeit von H e i -
j rieh Fels über Martin Deutinger vor — ein
mächtiger Sprung durch die Zeiten und Welten. Aber
in der Durchführung bewährt Fels wiederum das oben
I als charakteristisch für die Sammlung Hervorgehobene.
I Fels bietet in dem ersten Drittel des Bandes eine einge-
I hende liebevolle Schilderung der geistigen Lage des ka-
j tholischen Deutschlands in der ersten Hälfte des 19.
| Jahrhunderts, der sich damals auftuenden Hauptfragen
i jenes Geisteslebens, um seinen Helden Martin Deutinger
| in allem Für und Wider der Zeit recht lebendig vor uns