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Ausgabe:

1939 Nr. 2

Spalte:

41-42

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dodd, Charles H.

Titel/Untertitel:

The Bible and the Greeks 1939

Rezensent:

Bertram, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 2.

42

D o d d, Prof. C. H.: The Bible and the Greeks. London : Hodder
& Stoughton 1935. (XV, 264 S.) 8°. 10 s. 6 d.

Der Verfasser, lecturer für Septuaginta und Neues
Testament an der Universität Oxford und Professor für
Bibelkritik und Exegese an der Universität Manchester,
legt in dem anzuzeigenden Werk Untersuchungen begriffsgeschichtlicher
und religionsgeschichtlicher Art vor,
die der Erforschung des hellenistischen Judentums und
damit der Umwelt des Urchristentums gewidmet sind.

Der erste Teil des Werkes beschäftigt sich mit dem
religiösen Sprachschatz des hellenistischen Judentums, j
wie ihn die Übersetzer des hebräischen Alten Testaments
geprägt haben. Dabei geht es dein Verfasser um
die Umbildung der religiösen Begriffsinhalte, die unwill- !
kürlich bei der Übersetzung eintreten mußte, weil sich
die Vokabeln verschiedener Sprachen nach Begriffsum- |
fang und -Gehalt niemals völlig decken und weil in dem '
vorliegenden Fall die religiöse Entwicklung, die das j
hellenistische Judentum genommen hat, sich in seinein
Verständnis des alttestamentlichen Textes widerspiegelt.
Diese an sich nicht neuen methodischen Oedanken werden
an einer Reihe von Beispielen durchgeführt, die inzwischen
meist in den entsprechenden Artikeln des Theologischen
Wörterbuchs eine Behandlung erfahren haben
. Dodd stimmt mit dem dort Dargebotenen in
der Methode wie in den Ergebnissen überein. Seinem
Thema gemäß beschränkt er sich im ganzen
auf den Stoff der Septuaginta, doch zieht er jeweils
Folgerungen für das Verständnis des neutesta-
inentlichen Spruchgebrauchs. Wertvoll und wichtig sind
dabei namentlich mancherlei scharfe Einzelbeobachtungen
. Selbst dem oft verhandelten Thema der üottesbe-
Zeichnungen in der Septuaginta vermag der Verfasser
noch neue Seiten abzugewinnen. Schade nur, daß er Bau-
dissins großes Kyrios-Werk nicht berücksichtigt hat und
i auf seine grundlegende These, daß die Lesung Adonaj
für Jahwe im hebräischen Alten Testament von der Ersetzung
des Jahwe-Namens durch Kyrios in der Septuaginta
abhängig ist und nicht umgekehrt, nicht eingegangen
ist. Die offenbar durch eine falsche Etymologie
(vgl. ThW) begründete Übersetzung des geheimnisvollen
""Z1"^ durch ixavoc wird ihm Ausgangspunkt für das
Verständnis auch entsprechender verbaler Aussagen wie
Hiob 31,2 und Kol. 1,12. Die schematische Darstellung
des Verhältnisses von Thora und Nomos, die sich im
Begriff ,üesetz' überschneiden, daneben aber als ,Lehre', j
bzw. als ,Prinzlp' noch ganz andere Inhalte haben, ist I
ein besonders gutes Beispiel von Begriffsverschiebungen |
in der Septuaginta, die weittragend den Sprachgebrauch
des Neuen Testaments beeinflußen. Paulus ist dabei so- |
wohl durch den alttestamentlichen Begriff der Thora wie
durch den hellenistischen Nomos bestimmt, Johannes l
durch Thora, Jakobus dagegen durch Nomos.

in einem weiteren Kapitel ist der Verfasser den Be-
griffen Recht, Gnade und Wahrheit in ihren verschiedenen
Prägungen und gegenseitigen Beziehungen und
Überschneidungen nachgegangen. Das Material dafür ist
natürlich auch in den entsprechenden Artikeln des ThW
verarbeitet, doch hat der Verfasser die Möglichkeit, un-
abhängig von den Grenzen eines Wörterbuches Synony- i
menforschung zu treiben, fruchtbar ausgenutzt. Hinge- j
wiesen sei z. B. auf seine Bemerkungen zu fiixaiovv.
Dodd stimmt im Ansatz mit dem ThW überein, geht
aber weiter in der Anwendung der Ergebnisse auf Pau- |
lus. Das Verbum heißt bei Paulus nicht so sehr ,jem.
gerecht machen', als vielmehr ,Recht (Freiheit) schaffen 1
für jem.' Gott hat den Gottlosen aus Gnaden die Er-
lösung von dem Fluch des Gesetzes geschaffen, das ist
der Sinn von Rö. 4,5: öixaioöv tov Aocßfj, weil von der
hebräischen Grundlage her der Begriff Recht Gnade und
Erbarmen einschließt. So übersetzt die Septuaginta gelegentlich
rtpis mit tt«ino<rtfc»| (z.B. Da. 4, 24 [ 27 ]).
Schließlich werden noch die Begriffe Sünde und Buße
behandelt. Auch hier läßt sich aus trefflichen Einzelbe- '
obachtungen vieles lernen.

Im zweiten Teil seines Werkes behandelt der Verfasser
das Verhältnis des hellenistischen Judentums zu
den hennetischen Schriften. Vor allem wird die Schöpfungsgeschichte
des Poimandres und des Logos Hieros
mit den Septuagintabcrichten sprachlich und sachlich verglichen
. Darüber hinaus werden auch andere Vergleichspunkte
in den religiösen Anschauungen des hellenistischen
Judentums und der hermetischen Traktate behandelt
. Die neue Ausgabe der Traktate von Scott wird dabei
nur mit Zurückhaltung verwendet, weil die oft gewiß
notwendige Textherstellung vielfach über die gebotenen
Grenzen hinausgeht. Sachlich knüpft Dodd ebenfalls an
Scott und daneben natürlich vor allem an Reitzenstein an,
so selbständig und andersartig auch seine Problemstellung
und seine Ergebnisse sind. Ihm kommt es auf den
Nachweis des jüdischen Einflusses in der heidnischen
Sphäre an. Und trotz mancher Unsicherheiten und wohl
auch Übertreibungen im einzelnen, ist es ihm unzweifelhaft
gelungen, zu zeigen, daß die Anschauungen von der
Entstehung der Welt und des Menschen in den herme-
schen Traktaten von den biblischen Überlieferungen z.T.
direkt abhängig sind. Die Verfasser der hermetischen
Traktate, die etwa in die Zeit des entstehenden Christentums
hineingehören, versuchen in wissenschaftlicher Begriffssprache
den Inhalt der alttestamentlichen Erzählungen
wiederzugeben und dabei gleichzeitig den Anspruch
uralter Offcnbarungsweishieit aufrecht zu erhalten. Der
Poimandres besonders steht dabei auf dem Boden plalo-
nisch-stoischer Anschauungen. Um Mysterienreligionen
handelt es sich in den Traktaten nicht sondern um eine
spezifisch unkultische, auf Wissen (Gnosis) ausgerichtete
religiöse Weltanschauung.

Das Judentum hat zu dieser Gnosis durch die Septuaginta
und die alexandrinische Exegese, wie sie uns besonders
aus Philos Schriften bekannt ist, einen wesentlichen
Beitrag geliefert. Dabei hat es selbst Formen und
Inhalte der hellenistischen Kultur in sich aufgenommen
und verarbeitet. Die neutestamentliclie Botschaft ist in die
so vorbereitete Welt eingetreten. Aber sie ist niemals unmittelbar
von ihr beeinflußt worden. Für das Christentum
bildet das hellenistische Judentum die Brücke zur heidnischen
Welt, nicht nur sofern es selbst den hellenistischen
Einflüssen weithin unterworfen war, sondern auch
sofern der jüdische Einfluß dem Heidentum biblische
Anschauungen und Begriffe vermittelt hat, die gewiß
einen Anknüpfungspunkt für die Predigt des Evangeliums
abgeben konnten, in den gnostischen Bewegungen
aber dem Christentum und der Kirche zur drohenden
Gefahr geworden sind.

Auch in diesen Ausführungen und Schlußfolgerungen
wird man dem Verfasser im wesentlichen folgen können.
Die jüdische Kultur- und Religions-Propaganda hat in
der hellenistischen Welt an vielen Punkten in mannigfachen
Beziehungen erstaunliche Erfolge errungen. Wenn
die hermetischen Traktate jüdischen Einfluß zeigen —
und das ist ja auch früher schon festgestellt worden —
so sind sie nur ein Beispiel mehr für die Durchdringung
des Römischen Reiches in der Zeit seiner höchsten Blüte
mit jüdischem Geist, und es ist dabei gleichgültig, ob dem
Judentum zuneigende Heiden oder synkretistisch bestimmte
Juden als Verfasser der Traktate zu denken sind.
Die alttestamentliche Offenbarung wurde so jedenfalls zu
einem Bestandteil der synkretistischen Weltanschauung
herabgewürdigt. Erst das Christentum hat sie aus der
weltanschaulichen Umdeutung und Verdrehung befreit,
dem Mißbrauch des Alten Testaments im Dienste der
jüdischen Propaganda ein Ende gemacht und damit dem
wahren Wesen des Alten Testaments als dem Worte
Gottes wieder Geltung verschafft. In der Gnosis erwächst
dem Christentum und dem christlichen Verständnis des
Alten Testaments eine neue Gefahr. Die Verwerfung der
Gnosis ist das entscheidende Wort der Kirche in ihrer
Auseinandersetzung mit dem hellenistisch-jüdischen Synkretismus
.

Gießen. _ Georg Bertram.