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1939 Nr. 2

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38

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Reallexikon der Assyriologie ; 2. Bd., 5. Lfg. 1939

Rezensent:

Gustavs, Arnold

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Theologische Literaturzeitung 1939 Nr. 2.

38

Mesopotamien, legen sich als Herrenschicht über die
Unterworfenen und unterscheiden sich auch dadurch von
ihnen, daß ihre Könige keine göttliche Würde für sich
in Anspruch nehmen, sondern sich nur als „Günstlinge
der großen Götter" fühlen und im übrigen mit ihren
selbstbewußten Vasallen auf einer Stufe stehen- Diese
über ganz Vorderasien verbreitete Herrenschicht konnte,
da sie nur dünn war und des Nachschubs entbehrte, sich
national-partikularistischen Regungen gegenüber nicht behaupten
. Von den neuen Bildungen verdient das Assyrer-
reich darum besondere Beachtung, weil es, von etwa
1300 bis 700 v. Chr., eine fast ununterbrochene Reihe
großer Herrschergestatten von ganz bestimmtem Typus
aufweist: „Selbstbewußt und energisch, von klarem,
nüchternem Verstände, dabei politisch weitblickend und
von kühnem Unternehmungsgeist beseelt, passionierte
Jäger und Soldaten . . . ., geborene Führernaturen . . .
eifrige und verständnisvolle Förderer von Kunst und
Wissenschaft". Gewiß fürchteten und verehrten sie die
Götter, vorab ihren eigenen, Assur, „aber jedwede Mystik
war den rational eingestellten assyrischen Großkönigen
durch Jahrhunderte hindurch fremd; sie fühlten
sich nicht durch ein geheimnisvolles geistiges Band mit
der Gottheit verknüpft". Nachdem zu Anfang der zweiten
Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. unter Tiglatpileser
III. dies „Zeitalter der Vernunft" seinen Höhepunkt erreicht
hatte, gewann gegen Ende des Jahrhunderts in
Sargon II. die alte religiöse Auffassung des Königtums
wieder die Oberhand, und Assurbanipal gilt wie Dungi
geradezu als Erlöserkönig, mit dessen Regierung ein
Weltenfrühling angebrochen ist.

Diese sakrale Wertung des Königtums hat den Sturz
des assyrischen Reiches überdauert und seinen Nachfolgern
, den Reichen der Perser und Alexanders, dem
Imperium Romanum und dein Römischen Kaiserreich
Deutscher Nation, weithin das Gepräge gegeben. Aber
die Hohenzollern-Fürsten haben nicht in dieser Ideologie
gelebt, sondern, ans christliche Ethos gebunden, sich
nur als Diener ihres Gottes gewußt. „Wenn sich die
Hohenzollern-Fürsten ,von Gottes Gnaden' nennen, so
ist dies nicht wie bei den orientalischen Herrschern ein
Anspruch auf Göttlichkeit, sondern ein Ausdruck christlicher
Demut und Frömmigkeit, der aber zugleich den
Begriff göttlich übertragener Pflichten in sich schließt".
Wilhelm II. hat die ihm obliegende Pflicht besonders
in der sozialen Fürsorge gesehen, die — für einen christlichen
Herrscher selbstverständlich! — gerade den Ärmsten
und Schwächsten zugewandt war.

In Einzelheiten wird man gegen die Darlegungen
des anregend geschriebenen Büchleins manches einwenden
können, vor allem wohl dies, daß unser Quellen-
Material nicht immer zu so scharfer Unterscheidung des
Herrscher-Gedankens der einzelnen Perioden und Dynastien
ausreicht, wie sie hier vorgenommen wird, und
daß die Anwendung moderner Kategorien wie „Kapitalismus
" Mißverständnissen ausgesetzt ist. Aber aufs Ganze
gesehen, dürfte die Linienführung richtig sein. Die
Schrift verdient daher von vielen gelesen zu werden,
ganz abgesehen davon, daß ihr auch darum besondere
Bedeutung zukommt, weil sie von einem herrührt, der
30 Jahre lang Herrscher über ein großes und mächtiges
Volk gewesen ist und damals wie nachher in geschichtlicher
und systematischer Besinnung viel über das Königtum
nachgedacht hat.

Die Schrift ist mit einer Übersichtskarte über das alte
Mesopotamien und mit 20 gut ausgeführten Abbildungen
ausgestattet, von denen Nr. 4 „Gott Ea tötet den Unterweltsgott
Kingu; Relief in Chafadsche" und Nr. 10 „Sargon
I. von Akkad, Bronzemaske, Ninive; älteste Bronzebüste
des mesopotamischen Kulturkreises (Baghdad)"
wenigstens in Deutschland noch kaum bekannt sind und
doch — das gilt besonders von der Bronzemaske Sar-
gons — wegen ihres hohen künstlerischen Wertes größte
Beachtung verdienen.
Halle/Saale. Otto Ei Ii fei dt.

[Ebeling, Erich, u. Bruno Meissner:) Reallexikon der
Assyriologie. Unter Mitwirkung zahlreicher Fachgelehrter hrsg.
2. Bd. 5. Lfg. Berlin: W. de Oruytcr & Co. 1938. (S. 321 — 491,
Taf. 00- 63) Lex. 8°. RM 13.20.

Mit dieser Doppellieferung ist nun der zweite Band
des Reallexikons abgeschlossen. Auch diese Lieferung
enthält wiederum eine ganze Anzahl von gut orientierenden
Artikeln, sodaß man sehnlichst ein rascheres Fortschreiten
des Werkes wünscht. An geschichtlichen Aufsätzen
seien hervorgehoben: Elam, das nach der ge-
j schichtlichen Seite hin von König, nach der ethnologi-
I sehen von Christian behandelt ist; daran anschließend
I gibt Unger einen Überblick über „Elam und Elamiten in
assyrischer Darstellung". Nahezu erschöpfend hat Un-
gnad die Eponymen vorgeführt. Religionsgeschichtlich
bemerkenswert ist der Artikel von Jirku über „Elohim
als Bezeichnung einer Gottheit". Den Ausführungen von
Ebeling über Enki(Ea) und über Enlil von Nötscher
j hat Weidner astronomische Bestimmungen beigegeben.

Von kulturgeschichtlichen Themen seien noch angeführt:
| Elfenbein, Entmannung, Erbe, Erdöl, Ersitzung, Erträn-
I ken, Erziehung, Esel. Unter den geographischen Stich-
i Worten zeichnen sich aus: El-Hibba, Eufrat, Europa und
Vorderasien. Die Anzahl der beigegebenen Tafeln ist
diesmal etwas kärglicher ausgefallen als beim ersten
1 Bande, dort 59 und hier nur 4. Man darf wohl die
I Bitte an den Verlag richten, in diesem Punkte nicht zu
sparsam zu sein. Es mag noch besonders darauf hingewiesen
werden, daß neben den größeren Artikeln auch
j jeder irgendwie bedeutende Eigenname, sei es von Per-
| sonen oder Städten und Ländern, gebucht ist, was vor
allem Ebelings umfassenden Kenntnissen der Keilschriftliteratur
zu danken ist.

Hiddensee._Arnold Gustavs.

j Galling, Prof. Kurt: Syrien in der Politik der Achaemeniden

bis zum Aufstand des Megabyzos 448 v. Chr. Leipzig: J. C. Hinrichs
1937. (51 S.. 2 Karten, 1 Zeittafel.) 8° = Der alte Orient. Oemein-
I verständliche Darstellungen, hrsg. von der Vorderasiatisch-Aegyptischen
Gesellschaft. 36. Bd. Heft 3/4. RM 2.25.

In der vorliegenden Studie will Galling die Frage
entscheiden, wann wirklich — angeblich 540/39 — Syrien
-Palästina- Ebirnari, dem persischen Reich eingegliedert
wurde (S. 6). Zu diesem Zweck behandelt ein
j erstes Kapitel (7—27) die Politik der Achämeniden gegenüber
Syrien bis 526. Das folgende Kapitel erörtert
die Religionspolitik der Achämeniden von Cyrus bis
Xerxes (27—39). Zuletzt wird eine Abfolge der Ereignisse
von 526 bis zum Aufstand des Satrapen Megabyzos
! von Syrien gegen seinen Schwager Artaxerxes geboten,
i Im Zusammenhang seiner — vielleicht zu — scharfsinni-
i gen Untersuchungen kommt G. zu dem Ergebnis, daß
nicht schon unter Cyrus, sondern erst unter Cambyses
i 526 Syrien-Palästina mit dem Perserreich vereinheitlicht
wurde. Aber ganz abgesehen davon, daß in der Über-
I lieferung nichts darüber bekannt ist, will es wenig einleuchten
, daß Cambyses zur Zeit, wo er den Zug gegen
Ägypten begann, die Juden aus Babylonien nach Jerusa-
! lern zurückführte. Unabhängig von dem Hauptergebnis,
j das Bedenken erregen muß, gibt die flott geschriebene
Broschüre einen lebendigen Einblick in die inneren und
äußeren Zustände des Perserreiches während der zwei
I ersten Jahrhunderte seines Bestehens und wird dem, der
| sich mit den Texten der Bücher Esra und Nehemia zu
I beschäftigen hat, viele Anregung und Hülfe leisten. Be-
' sonders dankenswert ist die Beigabe der Zeittafel (S. 48)
und der beiden geographischen Übersichtskarten am
, Schluß.

Neckargemünd b. Heidelberg._ Georg Beer.

! Zucker, Hans: Studien zur jüdischen Selbstverwaltung im Altertum
. Berlin: Schocken-Verlag 1936. (200 S.) 8°. RM 6 —; geb. 7.20.
Diese Studien zeichnen in gedrängter Darstellung den
Verlauf und die Wandlung jüdischer Selbstverwaltung
I im Altertum. Die Einleitung bespricht die Sippenverfassung
in der vorexilischen Zeit und eilt dann durch
i die persische und hellenistische Zeit, durch die Mak-
! kabäerzeit und ihre Dynastie und Gerusie in die Zeit