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Ausgabe:

1938 Nr. 9

Spalte:

163-165

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krahn, Cornelius

Titel/Untertitel:

Menno Simons 1938

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 9.

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düngen, die meisten seither wenig bekannt, begleiten
den Text.

Über die Auswahl der Bilder kann man oft anderer
Meinung sein, wenn man den Begriff Kirche schärfer
betont. Von der Kirchenordnung und dem wichtigen
Pietistenedikt von 1743 ist nur wenig die Rede, auch
nicht von der Teilnahme der Frau am kirchlichen Leben
. Von Karl Grüneisen hätte wohl erwähnt werden
dürfen, wie eifrig er an der ersten deutschen Kirchenkonferenz
mitarbeitete. Manche Fehler laufen mitunter,
so wenn der Pfälzer Billikan als Württemberger erscheint
, wenn Tetzel in Ulm auftritt (S. 11, 16). Mangelhaft
ist der Quellennachweis (S. 236 ff.). Hier hätten
Scheels Luther und Kolbs Bibel in Württemberg genannt
werden müssen. Viktor Ernst hat nichts mit
der Herausgabe der Politischen Korrespondenz der Stadt
Straßburg zu tun (s. 236). Rentschlers Aufsatz über
Luthers schwäbische Nachkommen steht im Schwäbischen
Merkur vom 28. April und 5. Mai 1928. Mit Recht betont
der Vf., wie nötig gerade jetzt beim Übergang
von der württembergischen Landeskirche zur deutschen
evangelischen Kirche die Zusammenfassung und Darstellung
der vierhundertjährigen Geschichte der evangelischen
Kirche Württembergs ist. Das geschieht erfreulicherweise
in der Neubearbeitung der württembergischen
Kirchengeschichte durch K. Weller, G. Metzger, J. Rauscher
, F. Fritz, und H. Waldenmaier. Wünschenswert
wäre auch eine Drucklegung des von f Chr. Sigel
bearbeiteten Pfarrerbuches von 1534—1934, das freilich
einer gründlichen Durchsicht bedarf, aber maschinenschriftlich
auf der Landesbibliothek in Stuttgart und der
Universitätsbibliothek in Tübingen eingesehen werden
kann und dem pfälzischen und hessischen Pfarrerbuch
von Biundo und Diehl zur Seite geht. Schusters Buch
zeigt, daß die württembergische Kirche keine Pastoren-,
sondern eine das Volk erfassende und vom Volk getragene
Kirche gewesen ist.

Stuttgart-Berg. Q. Bossert.

Krahn, Dr. theol. Cornelius: Menno Simons. (1494—1561). Ein
Beitrag zur Geschichte und Theologie der Taufgesinnten. Karlsruhe i. B.:
Heinrich Schneider 1936. (192 S.) 8°. RM 5—.

Der Vf. hat vor 10 Jahren sich vom Pflug weg der
theologischen Arbeit zugewandt und bei W. Goeters in
Bonn, bei W. Köhler in Heidelberg und bei W. Kühler
in Amsterdam die Anregung zu seinen Studien bekommen
. Sein Augenmerk gilt dem Gemeindebegriff des
Menno Simons; er charakterisiert dessen Theologie als
ecclesiozentrisch im Unterschied von der theozentrischen
der Calvinisten. Zuerst gibt er einen Überblick über die
seit Anfang des 20. Jh.s erfreulich angewachsene Literatur
und macht vor allem auf die Arbeiten von John
Horsch, K. Voß, W. Kühler und im Mennonitischen
Lexikon von Chr. Neff und Chr. Hege aufmerksam. Am
Schluß stellt er die Literatur auf S. 181 — 189 zusammen.
Der Vf. setzt sich besonders mit den Arbeiten von K. Voß
und W. Kühler, ebenso mit dem Artikel von Sam. Cra-
mer in der Prot. Realeneyklopädie auseinander. Er gibt
im ersten historischen Teil einen Lebemsabriß in 14 Abschnitten
. Als Geburtsjahr Mennos nimmt er mit Voß
1496 an; auf dem Titelblatt steht merkwürdigerweise
1494. Die seither übliche Annahme war 1492. Als
Todesjahr nimmt er, auch mit Voß, 1561 an statt 1559.
Die einzelnen Lebensdaten lassen sich nicht mit Sicherheit
festlegen, auch nicht das seiner Taufe. Ebenso sind
seine verschiedenen Aufenthaltsorte nicht genau festzustellen
, doch tritt die Wirksamkeit Mennos in Preußen
schärfer hervor. Leider gibt es noch keine wissenschaftliche
Ausgabe der Werke Mennos. Seine neuen Erkenntnisse
verdankt der Vf. vor allem der Einsicht in die
Bibliothek der Taufgesinnten in Amsterdam. Er geht kritisch
vor und die Bezeichnung seines Buchs als „erste
wissenschaftliche Arbeit" über Menno Simons in deutscher
Sprache hat eine gewisse Berechtigung.

Zuerst schildert er Menno im Dienst der katholischen Kirche, seine
Herkunft und Priesterweihe, seine ersten Zweifel an der Transsubstan-

: tionslehre, was in dem Lande C. H. Hucns nicht merkwürdig ist, und
seine Hinwendung zur Bibel unter Luthers Einfluß, weiter sein Bekanntwerden
mit den „Bundgenossen" im Jahr 1531 und sein Ringen mit
den neuen Oedanken Melchior Hofmanns über die Menschwerdung
Christi. Dann schildert er den Kampf Mennos als „katholischer" Pfarrer
j seines Geburtsorts Witmarsum gegen Münster und Rom. Seine „Be-
j kehrung" nennt der Vf. ein langsames der katholischen Kirche Entwachsen
. Ist der Vergleich mit Luther ganz richtig, wenn es S. 35
I heißt: „Auch der impulsive Luther ist nicht durch einen plötzlichen
| Entschluß aus der Kirche ausgetreten, während Erasmus sie überhaupt
I nicht verließ?" Menno hat die Kirche bewußt verlassen und wollte auf
j biblischer Grundlage die Gemeinde neu sammeln ; Luther blieb in der
Kirche, die er reformierte. Der Vf. nimmt an, daß sich Menno als
Pfarrer von Witmarsum taufen ließ und noch einige Monate im Amt
blieb. Ist das psychologisch und praktisch möglich ? Sicher sagen läßt
sich nichts, auch nicht, ob sein Austritt aus dem Pfarramt auf den 12.
oder 30. Januar 1536 fällt. Ebenso wenig genau sind wir über seine
Heirat und seine Familie unterrichtet, auch nicht über den Zeilpunkt
seiner Berufung ins Amt eines Ältesten oder Bischofs.

Wichtiger als die äußeren Daten ist die Schilderung seines „Kampfes
um die christliche Gemeinde mit Schrift und Wort". Dankenswert
i ist die Zusammenstellung der Schriften der Kirchenväter und Zeitge-
1 nossen, die Menno gelesen hat, und wichtig der Hinweis, daß er viel
j aus Seb. Franck geschöpft hat. Weiter erhalten wir eine Zusammen-
| Stellung und Charakterisierung der ersten neun Schriften Mennos aus
! den Jahren 1535—41, von denen das Fundamentbuch das bekannteste
ist; aber der Vf. macht auf den erbaulichen Wert der Auslegung des
25. Psalms ebenso aufmerksam, wie auf das Auftreten der eigentümlichen
christologischen Gedanken schon in der zweiten Schrift „Van de Gee-
■ stelijke Verrijsenisse". Die Verdeutschung des Holländischen ist ganz
ungleichmäßig und wäre hier angezeigt gewesen. Sie wird in Anmerkung
326 nachgeholt. Seine Auseinandersetzung mit a Lasko und seine
Arbeit in Köln zur Zeit Hermanns von Wied führen ihn immer mehr
auf eigene Wege.

Im dritten Hauptabschnitt schildert Krahn den Bischof der Täufergemeinden
des Ost- und Nordseegebiets, seinen Kampf gegen die spiritualische
Schriftauffassung der Joristen, gegen die Christologie und Trini-
tätslehre Adam Pastors, seine Wirksamkeit in Preußen und den Hanses
städten. Nur wenig Briefe und vier Traktate sind aus den Jahren 1541
bis 1554 erhalten. Erst der Streit mit a Laskos Mitarbeiter Oellius
j Faber zwingt ihn von neuem zu seiner ausführlichsten Darlegung über
Berufung der Prediger, Taufe, Abendmahl, Bann, Gemeinde und Menschwerdung
Christi, über die er sich auch mit einem anderen Anhänger
a Lasko's, Martin Micron, stritt. Über die Frage des Banns und der
Meidung der Gebannten hatte er sich mit seinen Freunden in Wismar
auszusprechen, ebenso über die Stellung zur Obrigkeit und über das
Recht der Predigt in der Gemeinde.

De* letzte Abschnitt schildert Menno in seiner Zufluchtsstätte
i Wüstenfelde bei Fresenburg unter dein Adligen Bartholomäus von Ahle-
feldt, wohin auch die Druckerei der Täufer von Lübeck weg verlegt
wurde. Hier wurden Mennos weitere Schriften gedruckt und die älteren
z. T. neu aufgelegt. Seine letzte Arbeit galt der Reinheit der Gemeinde
in Verhandlungen und 3 Schriften. In der Handhabung des Banns
wurde Menno auf immer strengere Bahnen gedrängt!; aber er litt inner-
! lieh unter der Konsequenz seiner radikalen Freunde, die die Einheit
! zwischen dem Norden und dem Süden empfindlich störte, da man in
j Süddeutschland und der Schweiz weder der strengeren Kirchenzucht
noch der Lehre von der Menschwerdung Christi im Sinne Mennos zu-
i stimmte. Seine letzte Schrift in dieser Sache ist datiert vom 23. Januar
1560 und zeigt seinen Schmerz in bitteren Worten über die Störung
der Reinheit und Einheit der von ihm über alles geliebten Gemeinde in
streng biblischem Sinn.

In einem zweiten systematischen Teil erörtert Krahn
Mennos Gemeindebegriff im Rahmen seiner Theologie.
Er geht aus von dem christozentriseben Schriftverständnis
und der eschatologischen Erwartung Mennos, die
sich im Gegensatz zu den chiliastischen Revolutionären
von Münster ganz der biblischen „Leidsamkeit" anschließt
. Die strenge Beugung unter Gottes Forderung
nach dem klaren Zeugnis der Schrift ist der Gefahr der
gesetzlichen Auffassung der Schrift oft nahe. Der Ge-
! meindebegrift Mennos wird als neutestamentlich-christo-
! zentrisch dargestellt im Gegensatz zu Calvins alttesta-
I mentlich-theokratischer Auffassung, die „bei der An-
! wendung des Banns auch der Anwendung der Todes-
! strafe beipflichten" kann (s. 117). Mit der kirchlichen
Tradition bricht Menno ganz und fragt überall nur
I nach dem ausdrücklichen Befehl Christi und dem Vorbild
| der Apostel. Diese biblische Gemeinde ist eine Ge-
; meinde der Wiedergeborenen, die im Gehorsam die
j Glaubenstaufe vollzieht als Zeugnis des Bundes. Sie
| bringt ihre Gemeinschaft zur Darstellung im Abendmahl,