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Ausgabe:

1938

Spalte:

158-159

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grabmann, Martin

Titel/Untertitel:

Handschriftliche Forschungen und Funde zu den philosophischen Schriften des Petrus Hispanus, des späteren Papstes Johannes XXI. 1938

Rezensent:

Koch, Wilhelm

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157 Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 9.___158

be^eg^deTeÜgiöse Umwälzung kaum ohne tiefgreifende müßtest". Hier wie beim Geschlecht der Björndals

Umschichtungen im gesamten Leben der betreffenden ist es nicht eine fremde oder angekränkelte Faser der

Völker denkbar ist, und darum geht er zunächst der po- Seele, die dem Oedanken der Schuld und Sühne verfallt

Wischen Struktur'derselben nach. Die fundamentale sondern gerade dort, woL^,,™^^ ^' '"^

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politische Lebenszelle war damals das Godentum unter ist, um trügerische Ausfluchte zuzulassen^spricht mit
Leitung des Bezirkshäuptlings. Aber der Bauer konnte aller Wucht beides eigene Schuld und göttliche Gnade
seinen? Häuptling den Rücken kehren und sich zum (E. von Kirchbach) Aber auch schon durch die grund-
Thingmann eines andern erklären. Mitunter wurde so- liehe Heranziehung des a l t nordischen Quellenmaterials,
gar der Plan des erzählten Führers verworfen und das Peuckert hervorragend beherrscht wird seine gei-
ein aus der Gefolgschaft gemachter Gegenvorschlag aus- stesgeschichtl.che Widerlegung der These von der
geführt Als jar[SigurdI in einer Schlacht den Islan- Zwangsbekehrung uberzeugend und bedeutet die neue
der Thorstein bat das Rabenbanner aufzunehmen, er- soziologische Sicht seiner Darstellung eine wirkliche Behielt
er die Antwort" Trag selber deine Krähe, Jarl! reicherung der apologetischen Literatur über das Pro-
- Das war die politische Form, in der der Germane sich blem der Germanenbekehrung.

wohlfühlte. Das Aufkommen des Königtums aber hat Quakenbrück._H. Vorwahl.

eine grundlegende Änderung im Aufbau des germani- Qrab mann, Martin. Handschriftliche Forschungen und Funde
sehen Volkslebens herbeigeführt und damit eine umwal- zu den philosoph. Schriften des Petrus Hispanus, des späte-
zende Krisis des germanischen Ethos heraufbeschworen. ren Papstes Johannes XXI. (t 1277). München: in Komm. C.
Die Einordnung ins Volksganze verlangte ein solches h. Beck 1936. (137 s.) gr. 8" = Sitz.-Ber. d. Bayer. Akad. d.
Maß von Selbstverleugnung, wie es der Germane auf Wiss. Philos.-i.ist. Abt 1936, H. g. RM 8.50.
Grund^ sein^eT Vnges munten Ethos gar nicht wollen Eine literarhistorische; Meisterarbeit mit bedeutsamen
durfte n d esemg Konflikt fand er bei seiner Religion und endgültigen K arstellungen und mit neuen Fun-
weder Rat noch Hilfe. Die Religion gab vielmehr dem den. Zuerst wird über das Handbuch der Logik Su.n-
Königtum Recht, das vom Glücksglauben getragen wurde. mulae logicales volles Licht ausgebreitet: es ist kein
Der Fultrui-glaübe mußte jetzt seine Unzulänglichkeit ' Plagiat aus der byzantinischen Logik wie C Prantl in
offenbaren, denn was konnte noch die Huld des Freu,.]- seiner Geschichte der Logik fest behauptete und mit
gottes in Haus und Hof bedeuten, wenn die große Ge- , ihm viele, sondern ein Werk des Petrus juluin. Hispanus,
samtlinie des Lebens verkümmert war? jetzt war die ■ Professor der Philosophie in Paris, hernach (1247) der
Stunde des Schicksalsglaubens gekommen, man vertraute Medizin in Siena,1272 Erzbischof v. Braga 1273 Kar-
das Leben dem Winde und sausenden Speer an. Aber dinal und Leibarzt Papst Gregors X Septembe« 1276
für die Allgemeinheit war diese Lösung nicht brauchbar, , Papst mit dem Namen Johannes XXI, + 1277 zu Vi-
weil der Lebensstil des Wickings nicht zu dem der Ge- : terbo. Und zwar ist Summae log.cales" das W erk
samtheit werden konnte. Der Glücksglaube führt den : keines anderen Philosophen aus dem 13. Jahrhundert,
Germanen notwendig zur Frage an die Macht der | auch nicht des Petrus Alphonsi (wie vor nicht langem
Götter heran und von hier aus ergibt sich die Bedeu- j behauptet wurde) als nur des Petrus Juhani Hispanus.
tung der Krafttaten bei der Auseinandersetzung. Mit ; — Dann wird das Fortwirken dieses verbreitetsten Hand-
der Zerstörung eines Heiligtums war die Macht der Gott- i buchs der Logik, seine Stellung in der Philosophiege-
heit herausgefordert und in der Grausamkeit der Könige schichte des 13. Jahrhunderts, sein Verhältnis zu den
wirkte sich nicht das neue Christentum aus, sondern j Logikwerken des Wilhelm v. Shyreswood und des Lam-
sie glaubten sich berechtigt, von den Untertanen auch i bert v. Auxerre im besondern, mit vielen Ergänzungen,
die Befolgung ihrer relio-iösen Entscheidung zu verlan- Nachträgen und Berichtigungen zu C. Prantl, gezeigt,
gen weil sie sich als Glücksmänner fühlten. Andrer- ; Ein dritter Abschnitt der f. Hälfte des Hefts zählt
seits gab das Christentum dem germanischen Mann die ! die Kommentare zu den „Summae logicales" auf und
Würde seiner Persönlichkeit zurück, darum lag in ihm bespricht ihre literarischen Verhältnisse: die bei C. Prantl
die Möglichkeit die Krisis des germanischen Ethos zu schon angeführten gedruckten Kommentare (wiederum
überwinden Indem das Christentum in einer vorwie- ; mit Ergänzungen und Erweiterungen), die Logikbücher
gend kultisch eingestellten Form zu den Germanen kam, | von Joh. Buridanus und von Marsilius v. Inghen, dann
die bisher wesentlich kultischen Umgang mit ihren Gott- aber viele bis jetzt unbekannte und ungedruckte Kom-
heiten gepflegt hatten und eine gewisse Gesetzlichkeit mentare aus dem 13., 14. und 15. Jahrhundert, dann
besaß die immer die'typische Form der Volksreligion den Auszug aus „Summae logicales", den sog. Parvulus
ist, blieben bei dem religiösen Wandel die ältesten und logicae Im ersten und zweiten Nachtrag am Schluß
echtesten Züge des germanischen Charakters ungeschma- des Heftes wird ein weiterer Kommentar, den Grabmann
lert, ja sie wuchsen wie Vilmar einmals sagte, am ; jüngst gefunden hat, autgeführt, und die ursprüngliche
Stamme des Kreuzes 'empor Denn der Germane kannte Gliederung der „Summae logicales" gezeigt. — Der
von der Blutrache her die grausige Verkettung von t Schlußabschnitt der ersten Hälfte bespricht die Stellung
Schuld und Sühne, und verstand daher, wie tief recht das j der „Summae logicales" im Unterrichtsbetrieb der Ar-
Ghristentuin mit seiner Lehre hatte, daß nur Vergebung ; tisten(philosophischen)fakultaten des Mittelalters. — Die
Qie Schuld zu tilgen vermag Nach dieser Seite hin hätte zweite Hälfte dieses an neuen Ergebnissen fast über-
die gehaltvolle Schrift Peuckerts noch eine Vertiefung reichen Heftes bringt lauter ungedruckte und bis vor
durch einen Ausblick auf die nordische Dichtung der Ge- kurzem ganz unbekannte, von Grabmann entdeckte, pbi-
genwart erfahren können an Hand deren E. von Kirch- losophische Werke: den sog. tractatus maiorum falla-
bach feststellt- Der Nordländer erspart sich nichts. Der ' darum (ein Logikbuch), den Uber de anima (philos.
T"ter kann nicht anders, er muß gestehen und seine Hauptwerk des Petrus Hispanus), den Kommentar zu
Strafe auf sich nehmen, um im Gewissen Frieden zu fin- des Aristoteles „de animalibus", den Kommentar zu des
den. Der Name Gottes wird kaum genannt, und doch Aristoteles „de morte et vita et de causis longitudinis et
steht hinter dem ganzen Geschehen der ewige Richter, brevitatis vitae", den Kommentar zu des Aristoteles „de
der den reuigen Sünder in Gnaden aufnimmt. Das gilt anima", einen Kommentar zu den Schriften des Pseudogicht
nur von den hier genannten Büchern der H. Dixe- dionysius (Grabmann schreibt ihn nur mit Wahrschein-
üus (Pflegegeschwister) oder J. Bojers „Lofotfischern", lichkeit, nicht mit Gewißheit, dem Petrus Hispanus zu),
sondern auch von G üunnarsson.s „Die Leute auf Borg". Nachtrag 1 am Schluß des Heftes kann, dank einem
Gewiß wird das Sündenbewußtsein hier nicht in die während des Drucks dieses Sitzungsberichts gelungenen
Worte gekleidet die uns geläufig sind, aber es ist Fund Grabmanns, abermals ein zwar bekanntes, aber in
nicht weniger deutlich da, wenn die Empfindungen bei seinem Urheber unbekanntes philos. Werk bekanntge-
den Gedanken an die Mütter zu Hause, die auf das ver- ben: die synkategoremata des Petrus Hispanus. Noch
spielte Geld warten, so geschildert werden: „Singe, j C. Prantl hatte daran gezweifelt, daß sein Urheber einsinge
, denn du bist 'bei weitem nicht so, wie du sein ! mal werde aufgedeckt werden. Grabmann hat, wie er