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Ausgabe:

1938 Nr. 7

Spalte:

133-134

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Distler, Hugo

Titel/Untertitel:

Dreimaliges Kyrie M.Luthers 1526 für 3 gem. Stimmen. Kyrie minus summum 1612 für 4 gem. Stimmen 1938

Rezensent:

Luther, Wilhelm Martin

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Seite 1

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133 Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 7. 134

tion würde mehr mechanisieren und lähmen als lebendig Melodien zugrunde, davon sechs Kyrie, drei „Große
machen, — wie wir gesehen haben. Kirchlich ist für uns Gloria" und „das deutsche Et in terra 1537". Die man-
jede Versammlung, die aus Glauben kommt und Liebe nigfaltigsten Anlagen und buntesten Besetzungsmöglich-
bekundet- Sehr wichtig aber ist die Bemerkung, daß un- ! keiten bieten die Vertonungen der kürzeren dreimaligen
sere Kirchentümer auch in der jüngsten Vergangenheit j Kylies (15 Chorsätze). Im streng kanonisch oder auch
mehr auf den Schutz der Lehre als auf den Schutz und ! 'frei kontrapunktisch gearbeiteten Bicinium bis hin zu dem
die Förderung des Gemeinschaftslebens und der kirch- i sechsstimmigen doppelchörigen Werk kommt der Choral
liehen Lebensformen eingestellt waren. — Die Erkennt- zur Darstellung. Der dreistimmige Satz ist im ganzen
nisse M. Webers vom Ursprung der modernen Wirtschaft j vorherrschend. Wesentlich breiter sind die tropierten
aus der protestantischen Frömmigkeit sind übrigens nicht ! und meist mehrstrophigen neunmaligen Kyries gearbeitet,
„allgemein anerkannt", sie haben auch beachtenswerten ! Die c. f. Behandlung ist frei. Nur in den isometrischen
Widerspruch gefunden. — Daß die Körperschaften und Fassungen wird der Choral wörtlich vorgetragen, er
Verbände, an denen bisher die Kirche reich war, nicht liegt meist in der Oberstimme. Die übrigen Stimmen brin-
als leerlaufender Betrieb anzusehen sind, wird mit Recht ! gen nur gelegentlich choralisches Melos, sind aber deutbetont
. Noch sei ein gegenwartsnaher Satz wörtlich an- lieh auf die Vorlage bezogen und machen den gregoria-
geführt: „Diejenigen, welche dem Protestantismus Un- ! nischen Choral zum strahlenden Mittelpunkt. Bisweilen
kraft zur Selbstbehauptung innerhalb der Welt vorwer- j wandert der cantus firmus und der Tenor ist neben dein
fen, sollten nicht vergessen, daß die eigentliche Ursache i Diskant bevorzugter Träger. (Vgl. Kyrie magnae Deus
dieser Unkraft geschichtlich in der fast restlosen, bis zur ! potentiae 1531, S. 18ff. u.a.m.) Wenn auch der gre-
Selbstaufgabe bewiesenen Hingabe für die deutsche I gorianische Choral die Faktur der einzelnen Stücke weit-
Volksgemeinschaft begründet ist. Nunmehr aber muß die | gehend bestimmt, so haben wir doch an keiner Stelle

Bedeutung auch der Kirche im engeren Sinn für die Er
haltung und Pflege der christlichen Volksgemeinschaft
neu verstanden werden" (S. 39). Dem Verfasser ist beizustimmen
: Kirche mit lebendigen Gemeinden im Dienst
der Volksgemeinschaft ist kein veralteter Gedanke, son

den Eindruck von einer gezwungenen und allzusehr gebundenen
Musik. Alles ist von einer ungeheueren Lebendigkeit
und dennoch bis in das kleinste Melodiestück
in den liturgischen Dienst eingestellt. So ist der ambitus
der Vorlage im einzelnen notwendigerweise stark über-

dern die wichtigste neu zu entdeckende Wahrheit; sie schritten, ihre Tonalität bleibt aber meist gewahrt. Das
ist die kirchliche Losung für die Gegenwart und für die ist das Kennzeichen der Distler'schen „gregorianischen
Zukunft. Möge der ehrwürdige Vorkämpfer des evan- Mehrstimmigkeit", daß sie den vorgegebenen Choral
gelischen Gemeindetages für diesen Ruf reichen Wider- in seiner Welt beläßt. Der für Gregorianik charaktcri-
hall finden. I stische freischwebende nahezu irrationale Choralrhvthmus

Tübingen. G. Wehrung. I ist von dem Komponisten auch im Ganzen verwandt.

--Dabei steht das Bemühen um klare Gestaltung des Wor-

Distler, Hugo: Liturgische Sätze über altevangel. Kyrie- und tes im Vordergrund. Mitunter entdeckt man auch reser-
Gloriaweisen. Kassel: Bärenreiter-Verlag. (80s.) Lex.8°. Kart. RM3.80. j vatische Züge, aber die der „Musica reservata" eigene
Der gregorianische Choral ist Jahrhunderte hindurch Tendenz zur Autonomie des Musikalischen tritt hier&vol-
bedeutendstes musikalisches Formengut der abendländi- l lends zurück. Auch die wenigen Textwiederholungen die-
schen Musikkultur gewesen. Auf ihm konnte sich die | neu lediglich der Bekräftigung und Herausstellung des
Mehrstimmigkeit entfalten und er wurde Anreger und i liturgischen Wortes. Stücke wie etwa der vierstimmige
Grundlage zahlloser musikalischer Schöpfungen. Vorherr- j Chorsatz zum Kyrie minus summum 1612 (vgl. S. 2b)
schenc'. ist das gregorianische Element in den ersten Ar- ! erinnern deutlich an die Vokalpolyphonie der spätnieder-
beiten der Mehrstimmigkeit bis hin zu den Großwerken ! ländischen Meister. Das Ganze zerfällt in einzelne Moder
spätniederländischen Meister. Das Reformationsjahr- tivgruppen, die am Text orientiert sind; fast jede Texthundert
, ja die Zeit eines Schütz und Bach verdankt j zeile fordert einen neuen Motivteil, der mehr oder weni-
ihm noch Ungeheueres. ger vom vorgegebenen Choralgut zehrt. Die weitzügige

Abgesehen von dieser Mehrstimmigkeit, die den gre- paarig angelegte Eingangsimitation wechselt mit moti-
gorianischen Choral in den verschiedensten Auspräguu- ' visch verschieden gearbeiteten und auch kleineren sylla-
gen als cantus prius factus verwandte, konnte sich auch j bisch deklamierten Partien ab.

auf ihm innerhalb der Liturgie — hier ist er einstimmiger Alle schon berührten Stilmittel werden in den Gloria-

solistisch oder chorisch vorgetragener Kultgesang —- eine Sätzen gewissermaßen auf breiterem Räume verwandt.
Mehrstimmigkeit entwickeln. (Man bezeichnet sie im 1 Gegenüber der Dreistimmigkeit der Kyriestücke ist hier
Unterschied von der mehr oder weniger gregorianisch be- | die Vierstimmigkeit grundlegend.

stimmten Polyphonie am besten mit „gregorianischer ; Erwähnung verdient noch die Anlage der wechsel-
Mehrstimmigkeit.") In der protestantischen Liturgie, mit i chörigen Stücke, insbesondere die Behandlung der Stunden
] deutschen Gemeindelied als ihrem Kernstück, war me des Liturgen. Innerhalb der 28 Vertonungen finden
diese gregorianische Mehrstimmigkeit zwar nur eine peri- j wir nur dreimal choral notierte Solointonation, alle übri-
phäre Erscheinung; seit dem Verfall der gottesdienst- gen Sätze enthalten mit Einschluß der psalmodierenden
liehen Formen erlosch ihre Bedeutung gänzlich. In jüng- ; Stimme Mensuralnotation. Die psalinodierende Einzel-
ster Zeit aber ist man durch die Besinnung auf Wesen > stimme, die vorwiegend im Diskant liegt, hebt sich aus
und Aufgabe einer gegenwärtigen protestantischen Kult- i dem übrigen Chor heraus und trägt den Choral teils
musik wieder auf die gregorianische Mehrstimmigkeit | mit dem Chor wechselweise vor oder übernimmt ihn
aufmerksam geworden und hält sie mehr und mehr als
für den Ausgangspunkt einer zukunftsreichen liturgisch
musikalischen Entwicklung der protestantischen Kirche
am geeignetsten. Es ist hier nicht der Ort, für oder wider

diese Auffassung zu streiten, eines aber muß als entschei- j Distler gibt für die Aufffibruogspnuda dieses Stückes folgende An-
dend betont werden: auf der deutschen Gregorianik kann Weisung, „der Chor hat sich stets mit Bedacht der psalmodierenden -
ein liturgisch musikalischer Sonderzweig treiben, der ! SoPranstimme unterzuordnen, freilich nicht als „Echochor", denn der
wirklich den Anspruch auf den Namen Kultmusik er- 1 c"f- des Chores hat dieselbe strukturelle Bedeutung wie der der Solo-
heben darf. Das hat Hup-o Distler in seinem Werke stlmme"- "In dcm dreimaligen Straßburger Kyrie von 1525 (vgl. S. 15)
„Liturgische Sätze &^lno22dJ Kn£ZaA Ofch i '! diC Stimme deS Liturgen auf zwd ^'"^"de gleiche Einzel-
riaweicen" ™,a;/o11 2™VJa&,I8CBU?X stimmen verteilt, die über einem dreistimmigen Chorsatz konzertieren.

Wie de^ f«?^^^ i v ■ Distlers „Liturgische Sätze über altevangelische Kyrie-

,.~A r nri,l- gt> hat Dlstler als Vorla2e Kyne" "nd Gloriaweisen" bezeichnen auf das Ganze Besehen

*JirS™n kUS v'e[schi'edenen evangelischen Gottes- , einen entscheidenden Neueinsatz in der Geschichte der
d enstordnungen benutzt (1525-1612). Den 28 mehr- ! evangelischen Kultmusik. uesemente aer

stimmigen batzen liegen im ganzen zehn gregorianische I Güttingen. W.M.Luther.

wie z. B. in dem Nürnberger Großen Gloria allein (in
frei melismierter Form), während ihr die übrigen Stimmen
mit dem vierstimmigen Chorsatz „Allein Gott in
der Höh . . ." gegenüberstehen.