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Ausgabe:

1938 Nr. 6

Spalte:

106-110

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmitt, Johann

Titel/Untertitel:

Der Kampf um den Katechismus in der Aufklärungsperiode Deutschlands 1938

Rezensent:

Wicke, Johann Heinrich

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105 Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 6. 106

Urteil, das der Spärlichkeit der Quellen Rechnung trägt, den, was die religiöse Unterweisung den Kindern mitgab,
— eine Ausnahme macht nur die Idealisierung des germa- , welche Bücher der reichen spätmittelalterlichen Erbau-
nisch-arianischen Christentums — wird die Bedeutung i ungsliteratur für Thüringen im Gebrauch nachweisbar
der gothisch-arianischen, fränkisch-katholischen, iroschot- : sind, welche Stücke der kirchlichen Lehre in den Altartischen
und angelsächsischen Missionseinflüsse geprüft bildern usw. dem Betrachter anschaulich vermittelt wur-
und der fränkischen Kolonisation die stärkste Wirkung den u. a. m. Da Thüringen zu den Ursprungsländern der
zugeschrieben. Auch Bonifatius findet ausführliche Be- Reformation gehört, bat das alles hier noch ein beson-
handlung, die sich bemüht, dem Menschen und dem Werk deres Interesse. Doch das sind Wünsche die den Wert
gerecht zu werden. Schon die Beschäftigung mit der des Gebotenen nicht herabsetzen sollen. Das Buch ist
Christianisierung führt auf Fragen der Geschichte des : allgemein verständlich geschrieben. Die Rücksicht auf
Pfarrsvstems und der Ausstattung der Pfarren. Der Ver- einen weiten Leserkreis bringt es mit sich, daß die Ein

fasser verfolgt sie durch den ganzen Zeitraum. Sein besonderes
Interesse gilt dabei der Entstehung der Ur-
pfarreien, deren beide älteste Schichten links der Saale
dem Wirken der fränkischen Kolonisation und der Mission
des Bonifatius entstammen, während sie im Gebiet

führung in die Zusammenhänge der allgemeinen Kirchengeschichte
einen größeren Platz einnimmt, als es die
Sache an sich fordert. Die Rücksicht auf diesen Leserkreis
erklärt wohl auch, daß das Material zur Illustrierung
gewisser Verhältnisse in Thüringen gelegentlich

der Sorben aus den Burgkapellen hervorgegangen sind, : auch den Quellen benachbarter oder auch ferner liegen-
die zur Pfarrkirche für ihren ganzen Burgwardbezirk i der Gebiete entnommen wird. Die Darstellung baut sich
(„Kirche" bei den Sorben „Kostol" == casteflum!) wur- auf dem Studium einer umfangreichen Literatur und auch
den. Einen weiten Raum in der Darstellung mehrerer eigener Quellenforschung auf. Quellen--und Literatur-
Abschnitte nimmt die Geschichte des Kloster- und Or- angaben sind am Ende jedes Abschnitts und auch unter
denswesens ein, das wegen der Nähe von Fulda und | dem Text geboten. Wer das Buch liest, wird den Wunsch
Hersfeld zunächst nur zu kurzlebigen Schöpfungen in | haben, daß der zweite Band dem ersten in nicht allzu
Thüringen führte, dann aber auch hier eine hohe Blüte : ferner Zeit folgen möge.

erlebte (die h. Elisabeth!). Dabei wird sowohl der Aus- Adelebsen. Ph. Meyer,

breitung der verschiedenen Orden wie auch den einzelnen
Klöstern nachgegangen. Wer den Wert eines zuverlässigen
Klosterverzeichnisses für die mittelalterliche Kir-

Schmitt, Dr. Johann: Der Kampf um den Katechismus in der
Aufklärungsperiode Deutschlands. München: R. Oldenbourg

chengeschichtsforschung zu schätzen weiß, wird dankbar > 1935. (XVI, 546 S.) gr. 8°. RM 22-

für die am Ende des Bandes angefügte Klosterliste sein, Die Dissertation gibt in ausführlicher Darstellung der

die für jedes Kloster Ort, Ordenszugehörigkeit, Grun- i theologischen und pädagogischen Richtungen der Zeit
dungszeit und Literatur angibt. Besondere Aufmerksam- j etwa von 1750—1780 ein genaues Bild von den den
keit ist weiter dem vorrefonnatorischen landesherrlichen Katechismen und damit zugleich dem verbindlich formu-
Kirchenregiment gewidmet, wobei folgende Momente Be- | lierten christlichen Bekenntnis widersprechenden An-
achtung finden: Besetzung von Domherrenstellen und schauungen.

dadurch Einfluß auf die Besetzung der Bischofsstühle, | Schmitt geht besonders auf die Gründe für die An-
Zurückdrängung der geistlichen Gerichtsbarkeit, Verfü- j griffo gegen das Dogma ein und veranlaßt uns dadurch
gung über Ablaßgelder, Einfluß' auf die Pfarrgeistlich- über die Einzelkämpfe hinaus ihren eigentlichen Ur-
keit durch Besetzungsrechte, Schutz der Pfarrgeistlichen | sprung und damit auch die letzten Gründe für den heu-
gegen druckende Subsidienforderungen der Bischöfe, Auf- I tigen Kampf gegen das bekenntnisgebundene, „dogmati-
iicht über den Lebenswandel der Priester, Entwicklung : sJj,c Christentum" aufzuspüren.

der eigenkirchlichen Herrschaft über die Klöster zur '■ Aus der ganzen Darstellung wird ersichtlich, daß die
landesherrlichen, landesherrliche Klosterreformen (NB. Ablehnung des Katechismus als „Lehrbuchs der Reli-
Bursfelde hegt in Südhannover an der Weser). Auch die giori« und dei- Bindung an das zu lehrende Doama die
Geschichte des Kirchenbaus wird immer wieder berührt. , christliche Botschaft als geoffenbarte Wahrheit über-
Er erweist sich als wertvolle kirchengeschichtliohe Quelle < haupt überflüssig macht. Daraus lassen sich wieder die
z. B. für die Feststellung, daß der thüringer Volksstamm j Folgerungen ziehen für den gegenwärtigen Kampf eegen
an der Germanisierung des angrenzenden sudlichen bor- i konfessionelle Bindung, wie wir ihn im Namen eines
beutendes in erster Linie beteiligt gewesen ist Noch man- „wirklichen, lebensnahen Christentums" beute wieder er-
cne weitere Fragegebiete wie z. B. Archipresbyterat und leben.

Archidiakonat, Stadt und Kirche, Entstehung des Fabrik- I rjiie katholische Herkunft hindert allerdings den Verf.,
und Kustereivermögens könnten genannt werden. Auf der , bis zum letzten Grund des Gegensatzes zwischen Auf-
anderen Seite wird man auch diese oder jene Frage- : klärung und christlichem Glauben vorzudringen. Er sieht
Stellung, die man in einer neu erscheinenden Landeskir- : nur den Kampf des aufgeklärten Menschen gegen die
chengeschichte gern berücksichtigt sähe, vermissen. Dazu Lehrautorität der Kirche und nicht den entscheidenden
gehört z.B. ein stärkeres Eingehen auf die Frage nach Gegensatz: Autonomie oder Gehorsam unter den Totali-
clcm Zusammenhang, in dem die gezeichnete kirchliche tätsanspruch Gottes'

Entwicklung mit der Thüringer Landschaft und Stammes- < |„ einer thematischen Vorbesprechung werden die
art steht. Es fallt auf, daß das Werk gleich in medias ; Ideeil Kants als bester Ausdruck für das Ziel der Auf-
res geht und auf eine, wenn auch nur kurze, Einfuhrung klarun entwickelt. Der Einzelne muß mündig werden
in Landschaft und Stammeskuiide verzichtet. Gerade der , und über Wahrheit und Irrtum einer religiösen Anschau-
Terntonalkirchengeschichte mochte man die Aufgabe zu- u xlbst entscheiden. Damit fällt die Bindung an eine
weisen, dem Zusammenhang von Kirche, Landschaft und normierte Lehre
Stammesart nachzugehen. Die stärkere Beachtung des i '

Zusammenhangs von Kirche und Stammesart würde ini pAb(er(we".n Sct"mM "'bcr£jv«^hiriener OcKner der Symbole

nirli ™iu i • iL ■ i j du ,ii____i Im Protestantismus in der Zeit 1600—1750 hinaus den Grund dieses

auch von selbst zu einer noch eingehenderen Behandlung Autonomismus der Aufklärung in der Reformation glaubt nachweisen,
1 R ^?CniChte der Volksfrommigkeit fuhren, die SChon zu können, zieht er eine Verbindungslinie zwischen zwei Richtungen,
i b?ltr.aS zur Geschichte des Kampfes der Kirche mit die sich ihrem Wesen nach völlig ausschließen. Zwar stimmen Kant und
uem Heidentum wichtig ist. Ein anderer Wunsch, den J die Aufklärung mit den Reformatoren iiberein in der Ablehnung der gei-
mancher teilen mag, wird dahin gehen, daß auch in einer stigen Vormundschaft der Kirche, doch ist zu beachten:

Landeskirchengeschichte die zentrale Aufgabe der Kirche, ; Die Aufklärung will den selbständig denkenden Men-

i r f V€I"kündigung, noch mehr in den Vordergrund ! sehen von der kirchlichen Lehrautorität befreien, damit

der Betrachtung träte. Wenn auch gewiß in der vorlie- die eigene Vernunft in ihre Herrscherrechte eintritt,

genden Kirchengeschichte diese Dinge nicht unerwähnt Die Offenbarung wird überflüssig und muß abgelehnt

bleiben, so hörte man doch gern noch mehr davon, wel- j werden, so weit sie mit der natürlichen Erkenntnis nicht

che Gedanken in den Predigten besonders behandelt wur- I übereinstimmt.