Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1938 Nr. 4

Spalte:

76-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mahling, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Innere Mission 1938

Rezensent:

Schian, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

75

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 4.

76

finden und damit die Existenz Gottes beweisen. Dieses absolute Sein ist
das absolute Prius gegenüber dem Denken, das deshalb „aposteriorisch"
sein muß. Den systematischen Ansatz kann nur der Wille gewinnen.
Die demensprechende Kategorie ist die Potenz. Der Beweis der Existenz
Gottes vollzieht sich in der Ableitung von der Potenz zur Existenz, die
aber in einem ganz anderen „modus progrediendi" zu begreifen ist, da
die Wirklichkeit des Seins dem Begriffe vorgeordnet ist. Das unvordenkliche
Sein ist nur als reiner Wille denkbar, als „Wollen dem kein
Wille vorhergeht". Die Korrelation von Potenz und Wille ergibt die
positive Bestimmung dieses transzendentalen Sein: „das zu sein und
nicht zu sein erst wirklich Freie". Unabhängig von der Welt meint
Sendling die Existenz Gottes damit beweisen und die Frage: wie dieses
in sich existente transzendente Sein ein Sein außer sich, die relle Wirklichkeit
, setzt, mit der potentiellen Weltschöpfung in Gott beantworten
zu können.

Hier bemerkt Schelsky einen Bruch (S. 85). Die Welt ist als Erscheinung
des allein existierenden Gottes gedeutet, aber ihre Wirklichkeit
nicht erwiesen. „Schellings Lehre ist keine Wirklichkeitslehre, sondern
bleibt Potenzenlehre" (86). Dieser Gedankengang sei falsch, Schelling
habe seinen Ansatz nicht völlig ausgewertet.

III. Schelsky will diesen Ansatz in seiner Tragweite für eine gegenwärtige
Lehre von Willen, für eine echte Wirklichkeitslehre fruchtbar
machen, die „entscheidende Schritte über die Wahrheit jedes unhäretischen
Christentums hinaushebt" (S. 88). Er knüpft an der idealistischen
Reflexion auf die Reflexion an und weist darauf hin, daß die Reflexion,
die denkt, zugleich Wille ist und ihrer Existenz nach eine andere ist
als die, die gedacht wird. Das hat schon Fichte gesehen, aber nicht
systematisch auszuziehen gewußt, haben die „Existenzphilosophen von
Kierkegaard über Nietzsche zu Jaspers" hervorgehoben, aber unter Verlust
der idealistischen Vernunftlehre (S. 94). Demgegenüber bestände die
besondere Bedeutung Schellings darin, daß seine aposteriorische Philosophie
des reinen Willens eine transzendentale Lehre des Handelns ist,
die an systematischer Geschlossenheit und wissenschaftlichem Rang nicht
hinter der idealistischen Vernunftwissenschaft zurücksteht, vielmehr die
Philosophie der Vernunft und des Willens in gegenseitige Beziehung setzt.

Programmatisch zieht Schelsky daraus Folgerungen für Einzelwissenschaft
und vor allem für eine transzendentale Wirklichkeitslehre. Die
Potenzen der Vernunft und des Willens sind transzendental und weiden
Wirklichkeit durch die Entscheidung. Ist Schellings Transzendentallehre
des Handelns entgottet, dann besteht die eigentliche Freiheit, zu sein
oder nicht zu sein, in der Wahl, Gott anzuerkennen oder zu verwerfen.
Kann Gott verworfen werden, dann kann die Wirklichkeit im Diesseits
konstituiert werden, in der Entscheidung zwischen Gott und Welt.

Eine Stellungnahme zu diesem Aufsatz liefe auf eine
Kritik Schellings hinaus, die uns nicht zusteht. Wertvoll
ist, daß Schelling zur Sprache kommt und die Destruktion
der Vorurteile über ihn sein Anliegen für das gegenwärtige
philosophische und auch theologische Gespräch
fruchtbar macht. Die klare Gedankenfüihrung und die
methodische Sicherheit bei der Wiedergabe Schellings
sind besonders im Vergleich mit dem vorhergehenden
Aufsatz erfreulich und hervorzuheben.

Notwendig bleibt jedoch, auf die Folgerungen des
Verfassers einzugehen, die mit dem Beitrag zu einer
transzendental-metaphysischen Theorie des Willens das
Gottesproblem behandeln und dieses aus der christlichen
Thematisierung lösen wollen.

Dieses letzte Problem wird aber eigentlich nicht angeschnitten
. Es ist kein Zufall, daß die angedeutete Entscheidung
zwischen Gott und Welt für Schelsky nur am
„asiatischen" Gottesbegriff (S. 105) relevant werden kann.
Unter dieser Bedingung mag es zutreffen, daß der Tod
je nach der Entscheidung verstanden werden muß: entweder
müde und weltverneinend als Tor zur eigentlichen
Wirklichkeit im Jenseits oder weltbewältigend als belanglose
Grenze. Selbstverständlich ist das „diesseitige
Menschentum" gemessen an der „asiatischen Form der
Religion" „heroisch" (S. 106). Dann soll sich diese
Transzendentalphilosophie des Willens aber auch mit dem
Inder auseinandersetzen oder wenigstens die theologische
Unterscheidung zwischen christlichem Glauben und abstrakter
Religiositätsform ad absurdum zu führen ver-
suchen.Will sie nicht die Kontroverse schematisieren und
verharmlosen, indem sie nach Asien schielt, dann muß
sie sich mit dem christlichen Gottesbegriff einlassen,
wenn es um die Zukunft des Christentums gehen soll.
Das hat Schelling gewußt und wohl deshalb die von
Schelsky vermißten Folgerungen nicht gezogen.

Darauf ist auch zu achten, wenn Schelsky Kierkegaard
gegenüber Schelling ausspielt. Der Däne ist, an-
; geregt durch diesen, den gleichen Problemen nachgegangen
, sehr intensiv sogar dem der Reflexion und der
dabei hervortretenden Bedeutung des Willens und —
sicher nicht von ungefähr — im Gesichtkreis christlicher
| Problematik. Allerdings liegen diese Arbeiten zum größten
Teil in den noch nicht übersetzten Tagebüchern vor.
Auch er sah die „Bruchstellen" in Schellings System,
j führte sie aber auf dessen Ansatz zurück: retrospektiv
| eine Spekulation über Gott und Welt anzustellen und den
Willen, der transzendental nur als Wollen in actu gefaßt
werden kann, in das Vernunftssystem aufzunehmen.
Eine methodische Klärung von Transzendentalität und
Transzendenz des Willens sowie eine Erörterung der ka-
tergorialen Bewandtnis der „Potenz" wären angebracht
und böten erst die Basis, für eine Gegenüberstellung
von Schelling und Kierkegaard und für dessen Betonung,
den Sprung als transzendentale Sicht des Willens zu verstehen
. Dann würden auch die Dimensionen der Kierke-
gaardschen Zeitproblematik hervortreten, die über das
von Schelsky umrissene Zeitproblem (lOOf.) weit hinausgehen
. Angeregt von Schelling, haben Kierkegaard und
die durch diesen geförderte Philosophie und Theologie,
das Anliegen schon vorgetragen das Schelsky intendiert.
Mannheim. Sieber.

Mahling, Prof. D. Friedrich: Die innere Mission. Gütersloh:
Bertelsmann 1937.

Lief. 1—2 dieses großen Werks sind Theol. Lit.-
Ztg. 1936 Sp. 238 kurz angezeigt. Seither sind weitere
8 Lieferungen erschienen; das Buch ist damit abge-

i schlössen. Freilich stellt sich nun heraus, was bisher
nicht mitgeteilt war, daß das Werk ein Fragment ist;
der Herausgeber, Prof. Dr. Friedrich Mahling (Sohn),
nennt es im Nachwart selber so. Außer den in der erwähnten
Anzeige schon genannten Abschnitten über den
Namen und über WLcherns Begriff und Verständnis
der IM. bringt es nur noch die Darstellung der „Aufnahme
der Wichernschen Gedanken in Kirche und Volk",
d. h. einen geschichtlichen Abriß. Geplant war sicher
auch eine prinzipielle Behandlung. Wahrscheinlich hatte

i M. sie für einen 2. Band in Aussicht genommen. Von

I dieser Absicht ist zwar nirgends gesprochen; aber im
Text S. 1435 ist unvermittelt von einem „ersten Band"
die Rede, übrigens ohne daß eine erklärende Bemerkung
des Hrsgbrs. hinzugefügt wäre. Besonders schmerzlich
ist aber, daß auch die geschichtliche Darstellung nicht
zu Ende geführt ist; sie reicht etwa bis 1920; für
die neueste Zeit ist nur ein Anfang (ca. 20 S.) gemacht;
der Tod nahm dem Verf. die Feder aus der Hand.
Wir beklagen die Nichtvollendung des Buchs sehr lebhaft
. Aber es war trotzdem richtig, daß der Sohn
(mit dem Verleger!) das Werk seines Vaters herausgab.
Denn wir haben in ihm eine überaus gründliche, außerordentlich
stoffreiche, äußerst sachkundige Darstellung
der Entwicklung der gesamten deutschen IM. von 1848
bis etwa 1920. M. selber spricht S. 103 von einem
„historisch-kritischen Überblick". Aber der „Über-

I blick" umfaßt mehr als 1300 Seiten in Groß-Oktav!
Vielleicht wäre es angesichts dieses Umfanges besser
gewesen, auszuscheiden, was nicht im eigentlichen Sinn
zur IM. gehört. Über den Zusammenschluß der Landeskirchen
(einschließlich Eisenacher Konferenz der Kirchen-
regierungen und Kirchenausschuß); über Kirchengesangvereine
, Kirchenaustrittsbewegung und Konfirmationspraxis
brauchte hier nicht gehandelt zu werden; auch die
mich persönlich sehr erfreuende, ziemlich ausführliche
Geschichte des Deutschen Evang. Gemeindetags konnte
auf die Beziehungen zur IM. beschränkt werden. Auch
so blieb noch ein gewaltiges Gebiet; zuweilen ist auch
etwas weggeblieben, was man besprochen zu sehen er-

J wartet. Von der Kriegsarbeit der IM. ist verhältnismäßig

I wenig (S. 726f., 749) die Rede; vom Kindergottesdienst
sehr wenig (S. 310f.); so sehr es zu billigen ist, daß er

1 als Kindergottesdienst der Gemeinde aus einer Darstel-