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Ausgabe:

1938 Nr. 4

Spalte:

71-72

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richter, Liselotte

Titel/Untertitel:

Der Begriff der Subjektivitaet bei Kierkegaard 1938

Rezensent:

Ruttenbeck, Walter

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 4.

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gezeichnet wird, die allerdings keinen Namen aufweisen
kann, der an die Führergestalten des 16. Jahrhunderts
heranreichte. Aufschlußreich ist der Nachweis über die
Einflüsse von Quietisten wie Poiret und Mdme. Guyon,
der eine Ergänzung bietet zu anderen Aufsätzen, die
sich mit den Wirkungen religiöser Einflüsse anderer
Länder auf das religiöse Leben Schottlands beschäftigen,
wobei der Einfluß Deutschlands nur gering, um so nachhaltiger
der der Niederlande ist; eine besondere Abhandlung
über Schottland und die Dordrecbter Synode legt
davon Zeugnis ab. Die geistige Bewegtheit des Jahrhunderts
wird ganz besonders deutlich in den Aufsätzen
, die sich mit markanten führenden Persönlichkeiten
wie Patrick Forbes beschäftigen oder in kurzen
Strichen die Bilder einiger hervorragender Independen-
ten entwerfen, so daß die Aufsätze in ihrer Gesamtheit,
dem Leser, dem der äußere Gang der schottischen Kirchengeschichte
des 17. Jahrhunderts vertraut ist, in
vieler Beziehung wertvollste Ergänzung und Bereicherung
schenken.

Bonn. Q. Reich.

Richter, Dr. Lieselotte: Der Begriff der Subjektivität bei
Kierkegaard. Würzburg: Konrad Triltsch 1934. (IV, 110 S.) 8°.

Die Schrift greift an den Herzpunkt der Gedankenwelt
Kierkegaards und behandelt zugleich ein Problem,
das gerade heute Interesse beanspruchen kann, denn
die Auseinandersetzung mit dogmatischer Theologie der
Gegenwart, wie sie der Umbruch des theologischen
Denkens aufgibt, richtet ja gerade den Blick in besonderer
Weise auf die Frage nach Sinn und Bedeutung
christlicher Subjektivität.

Der erste Teil der Arbeit stellt den Subjektivitätsbegriff
K.'s in einer systematischen Interpretation dar.
Diese geschieht so, daß nach einer allgemeinen Kennzeichnung
desselben als existentiellen im Gegensatz zum
theoretisch-philosophischen (1. Kap., Einleitung) die
entscheidenden Charakteristika der christlichen Subjektivität
herausgestellt werden: „Sünde" (2. Kap.) und
„Glaube" (3. Kap.); dann wird der Übergang von der
Sünde zum Glauben fixiert: „Die Verzweiflung" (4.
Kap.). Diese hinwiederum ist der Weg zur neuen Existenzweise
; so folgt die Beschreibung des neuen Lebens
, der „üeschöpflichkeiit" (5. Kap.). Bei alledem
erscheint das Ich als lebendiges, im Werden begriffenes
Ich; demnach wird im letzten (6.) Kap. des 1. Teils
die Subjektivität als „Werden" beschrieben. Wenn nun
in diesen Ausführungen auch, was die Verwendung des
Materials betrifft, der Rahmen nicht allzu weit gespannt
wird — Verfasserin begnügt sich mit einer interpretierenden
Wiedergabe zusammenhängender Stücke aus „Krankheit
zum Tode" (20 ff., 36ff.), „Philosophischen Brok-
ken" und „Unwissenschaftlicher Nachschrift" (29 ff.)
sowie zweier „Christlicher Reden" (3 ff., 46 ff.; vgl.
Jen. Ausg., Erbauliche Reden Bd. IV) — so wird doch
der Begriff der Subjektivität in seiner Existentialität im
wesentlichen richtig gekennzeichnet. Im Gegensatz zu
allem sicheren Haben charakterisiert sich die Subjektivität
als lebendiges, das Ich in steter Unruhe haltendes
Werden (31) und gegenüber jeder Art von theoretisch-
spekulativer Verflüchtigung als konkretes „Sein" (7),
wobei dann immer dieses im Sein und Werden in die
Erscheinung tretende Ich der Wirklichkeit bestimmt ist
durch die Objektivität Gottes, Christi, sodaß recht eigentlich
K.'s Begriff der Subjektivität „die schärfste Entgegensetzung
bezeichnet zu jeder Selbstverwirklichung
oder Selbstbehauptung des natürlichen Ichs im Sinne
des Bildungsideals der Humanität, oder eines sich Er-
lösenwollens aus eigener Kraft, sei' es ethisch durch
Werkgerechtigkeit, sei es theoretisch durch Ausgestaltung
der rationalen Erkeimtniskräfte" (42). Wird somit
in dem Verhältnis des Subjekts zur Wirklichkeit
Gottes deutlich der letzteren die Souveränität zuerkannt,
so ist das hinwiederum der Ausdruck der Tatsache,
daß die Subjektivität eine auf Grund von Gottes Neuschöpfung
entstandene Existenzweise bezeichnet, eine

! „erworbene Ursprünglichkeit" (46). Der innere Zusam-
j menhang dieser verschiedenen Bestimmungen wäre in
der Ausführung sicherlich klarer geworden und die
Darstellung freier von Wiederholungen geblieben, wenn
R. die auch von ihr angedeutete Bestimmung des „vor
Gott" (vgl. 14, 42, 79) mehr in den Mittelpunkt gerückt
i hätte. — Die Beschreibung des Subjektivitätsbegriffs bietet
die Folie für die im zweiten Teil folgende geistesgeschichtliche
Interpretation, in der offenbar das Schwer-
| gewicht der ganzen Arbeit ruht. Verfasserin vergleicht hier
j den Subjektivitätsbegriff K.'s mit dem Luthers (7. Kap.)
j und dem der Aufklärung und der Spekulation (8. Kap.)
I und verdeutlicht vor allem im Gegensatz zu letzterer
i Notwendigkeit und Sinn von K.'s „Operation" (9. Kap.),
die ihre schneidende Schärfe erhält im Gedanken der
| „Schuld vor Gott" (10. Kap.). Im Blick auf die beiden
letzten Kapitel wird deutlich, daß dieser zweite Teil
nicht nur Auwendung, sondern auch „Wiederholung"
des ersten Teils ist. Im einzelnen wird hier zunächst,
und zwar im Anschluß an Aussagen Luthers aus der
Vorrede zu Bd. I der Opera Latina der Wittenberger
Ausgabe von 1545, gezeigt, wie der Subjektivitätsbe-
! griff K.'s eine unter anderer geistesgeschichtlicher Situation
geschehende „Wiederholung" des Eigensten lutherischen
Glaubens darstellt, ja wie, scharf gesehen, über
Luther hinaus hier paulinische und augustioiische Intentionen
neu zum Ausdruck kommen (62 f.). Indem K.
die Gedanken Luthers wiederholt, bildet er sie zugleich
weiter: „er trägt der nun entfalteten Reflexionsmethode
Rechnung, die bei Luther erst im Keim angelegt und zunächst
noch in der ursprünglichen Sphäre des Ethisch-
Religiösen eingeschlossen war" (71); der Rationalismus
der Aufklärung und des Idealismus war eben die Gefahr
der Innerlichkeit des reinen Glaubensstandpunktes (65),
und K. hatte die Aufgabe, die „Vermischung der Glaubensbestimmungen
mit der theoretischen Sphäre wieder
rückgängig zu machen" (76). Ertut es durch Hinweis auf
das „zur Reduplikation im eigenen Leben verpflichtende
Wesen" der Wahrheitserkenntnis und die damit ge-
I gebene „existentielle Verwandlung" (80, 84). Auf diese
I Weise rührt R. in diesem zweiten Teil Fragen an,
I die heutige Theologie wiederum neu zu durchdenken
hat, so die Frage nach der Autorität Luthers innerhalb
der gegenwärtigen Lage, im besonderen die
Frage nach der Fortführung und Abwandlung der Re-
i formation; sodann das Angelegtsein der Verniunftreli-
I gion in dem Glauben der Reformation, und, damit zusammenhängend
, die Frage nach Sinn und Bedeutung
eines sog. „Neuheidentums" (vgl. 65). Was das Letztere
betrifft, so kann hier die K.'sehe Unterscheidung von
j Religiosität A und Religiosität B wertvolle Richtlinien
geben. Merkwürdigerweise gebt R. auf diese so wich-
| tige Differenzierung nicht im einzelnen ein (vgl. 26).
I Das ist umso auffallender, als die Verfasserin den in
i dieser Unterscheidung enthaltenen Grundgedanken sehr
I richtig heraushebt, das Ineinander der beiden Sätze:
„Die Subjektivität ist die Wahrheit" und „die Subjektivi-
; tät ist die Unwahrheit", und in der Dialektik dieser bei-
, den Bestimmungen die tiefste Problematik der christ-
! liehen Subjektivität sieht (93).

Bonn. W. Ruttenbeck.

I Ekklesia. Eine Sammlung von Selbstdarstellungen der christl. Kirchen.

Band 11. Die skandinavischen Länder. Die Kirche in Dänemark —
I Die Kirche in Island. Leipzig: Leopold Klotz 1937. (195 u. 35 S.)
; gr. 8°. RM 10— i in Subskr. 7—.

In dem neuesten Hefte der „Ekklesia" gibt der Her-
| ausgeber Fr. Siegmund-Schultze zunächst eine Einlei-
I tung, bei der man mit Bewunderung feststellt, wie sehr
I es ihm, dem Ausländer, gelungen ist, sich in das Wesen
' der dänischen Kirche einzufühlen. Zu dem von ihm mit
j Recht bedauerten Fehlen Grundtvigscher — ich möchte
überhaupt sagen: dänischer — Kirchenlieder in den Ge-
I sangbüchern außerhalb Skandinaviens (S. 18) möchte
j ich auf die Übersetzungen Th. Kaftans und Herrn.
I Möllers verweisen. Eine „Nordschleswiger Diözese" (S.