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Ausgabe:

1938 Nr. 3

Spalte:

58-60

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Günther, Werner

Titel/Untertitel:

Der ewige Gotthelf 1938

Rezensent:

Kohlschmidt, Werner

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 3.

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scheinungen (Kap. IV u. V), die Trennung von der Brüdergemeinde
(Kap. V). Hier liegt nun einmal die Hauptschuld
bei den „Brüdern", besonders bei Molther, auch
nach der Darstellung des nichtmethod. Historikers Sout-
hey. Wesleys Haltung in dieser Sache ist vorbildlich.
Es tritt jedoch nicht klar genug hervor, wie weit sich
Zinzendorf bemühte, die Wiedervereinigung herbeizuführen
. Bei Erwähnung der Unterredungen mit Spangenberg
und Boehler wird nur das gute Herz Wesleys betont
, nicht aber das versöhnliche und doch klare Auftreten
der Brüder gegen Wesleys Perfektionismus. Um
des theologischen Verständnisses des M. willen hätte
diese Kontroverse ebenso ausführlich dargestellt werden
sollen wie die zwischen Wesley und Whitefield. Wesley
hat jene Unterredung mit Zinzendorf in seinem „Journal"
nicht erwähnt. In einer deutschen Geschichte des IW.
ist diese Auseinandersetzung von so brennendem Interesse
, daß sie nicht fehlen durfte. (Ein Teil des Gesprächs
ist wiedergegeben bei Southey, Life of Wesley,
ed. Fitzgerald, 1925 I, 254f. und bei J. S. Simon, John
Weslev and the Meth. Societies, 1923, p. 58 f. Es fehlt
in alten Biographien, in McPyeires, Hist. of Meth., 1924,
und bei Jakobi). Außerdem sähe man in einer deutschen
Gesch. des M. statt allgemeiner Wendungen gern eine
Idare Zusammenstellung dessen, was der M. der Brüdergemeinde
verdankt und was ihn von ihr unterscheidet.

Das historisch wichtigste Problem ist die Organisation
der Bewegung und ihre Trennung von der Staatskirche
. Es ist bis in die Einzelheiten in einfachen und
klaren Linien dargestellt. Die meth. Organisation wird
weniger für die Trennung verantwortlich gemacht als die
Fehler der Kirche: Mangel an Verständnis und Verfolgung
. Doch ist es auch hier wie bei der Reformation:
Die alte Kirche scheidet nicht nur die Neuerer aus, sondern
reformiert sich auch selbst. Beweis: die Entstehung
der Evangelical Party in der Kirche von England, deren
Bedeutung für die soziale Geschichte Englands im 19.
Jahrhundert garnicht überschätzt werden kann. Die Darstellung
sucht in der taktvollsten Weise die Zwangsläufigkeit
der Separation zu schildern, ohne die Staatskirche
zu sehr zu belasten. Es ist aber historisch außer allem
Zweifel, daß die anglikanische Kirche die Hauptschuld
an der Trennung trägt, was heute auch von vielen einsichtigen
Anglikanern bedauert wird.

Druckfehler sind mir aufgefallen auf S. 45, 52, 57,
60, 64, 76, 77, 84, 85, 96, 99, 107, 113, 139, 182.

Im ganzen ein Werk, für das wir sehr dankbar sein
können. Besonders dankenswert für die Forschung ist
die ausführliche eng].. und deutsche Bibliographie.

Okarben (Oberhessen).__J. F. Laun.

Lee, Umphrey, Ph. D.: The Historical Backgrounds of Early
Methodist Enthusiasm. New York (Columbia Univ. Press) 1931.
(176 S.) 8°. = Studies in History, Economics and Public Law, 339. S 3—.
Hier ist nur zum Schluß vom Methodismus die Rede,
In der Hauptsache ist es eine dogmengeschichtliche Untersuchung
über das Problem der Inspiration und der
Führung durch den Heiligen Geist. Ausgangspunkt ist
der Vorwurf des „Enthusiasmus", der dem Methodismus
in den ersten Jahrzehnten gewisse Schwierigkeiten bereitete
. Es soll hier untersucht werden, welche Bedawang
dieser Begriff in der Kirchengeschichte insbesondere in
England gehabt hat und welchen Wandlungen er unterworfen
war.

Die Untersuchung beginnt mit Ciceros Begriff der
„Divination" und dem griechischen Enthusiasmus im
dionysischen Kult und bei den Philosophen. Sie wird
dann über die alttestamentliche Prophetie, Jesus und
d'-e Apostel, die charismatischen Gaben in der alten
Kirche, die Auseinandersetzung des Mittelalters mit der
Frage der Inspiration bis zur Haltung des Tridentinums
und der gegenwärtigen katholischen Kirche und bis zur
Stellungnahme der Reformatoren zu den Schwärmern in
knapper, klarer und sehr aufschlußreicher Weise durchgeführt
. Daraus geht hervor, daß sich die Kirche stets
in einer seltsamen Spannung gegenüber dem Phänomen

der Wirkung des Heiligen Geistes befunden hat. Des
j weiteren beschäftigt sich die Darstellung ausschließlich
mit England, und zwar zunächst mit den mystisch-spiri-
' tualistischen Erscheinungen des 17. und 18. Jahrhunderts,
j wobei nicht nur die Stellung der einzelnen Sekten zur
j Inspiration (II. Kap.), sondern auch die damit verbun-
I denen theologischen Erörterungen (III. Kap.) und die
Stellungnahme der Philosophen Bacon, Casaubon, Hob-
I bes, Henry More, Glanvill, Locke und Shaftesbury (IV.
I Kap.) dargestellt wird. Das V. Kap. zeigt dann noch die
! damals in der Gesellschaft und im Volk herrschende
! allgemeine Auffassung von „Enthusiasmus", um endlich
] erst im VI. und letzten Kapitel den eigentlichen metho-
| distischen „Enthusiasmus" zu kennzeichnen.

Es kann sich hier natürlich nicht um eine gründliche
, Monographie, sondern nur um einen Überblick handeln,
; der aber insofern auch wissenschaftlich wertvoll ist,
als er uns einen historischen Beitrag zu der bei uns
wieder aktuell werdenden Frage nach der Wirklichkeit
des Heiligen Geistes und seinem Verhältnis zum „Wort"
leistet. Besonders aktuell wird mit dem wachsenden Ein-
I fluß der Gruppenbewegung die Frage der Geistesleitung.

In diesem Fragenkreis hat die vorliegende Untersuchung
1 manches zur Klärung beigetragen.

Historisch wertvoll ist die Darlegung der Gründe,
I aus denen dem Methodismus der Vorwurf des „Ent-
, husiasmus" gemacht wurde. Es sind vor allem seine
I ethisch radikale Haltung und der Anspruch auf
[ Geistesleitung für jeden einzelnen Christen, sodann
der emotionale Charakter seiner Frömmigkeit und
die extravaganten seelischen Erscheinungen anläßlich
I der Massenversammlungen. Nicht nur historisch
sondern auch ethisch und praktisch wichtig ist
I die Stellung John Wesleys zum Enthusiasmus. Dafür ist
j besonders folgende Aussage kennzeichnend: „Ich behaupte
nicht, besondere Offenbarungen oder Geistesgaben
zu haben, sondern nur solche, die jeder Christ
I empfangen kann, die er beanspruchen und für die er
j beten sollte" (S. 138). Er lehnte die Mystik ausdrück-
J lieh ab, bestritt nicht die Möglichkeit außerordentlicher
j Geistesgaben, interessierte sich aber selbst imgrunde nur
für die „gewöhnlichen" Früchte des Geistes Liebe,
j Freude, Friede usw. Was ihn verdächtig machte, ist
seine Forderung, daß jeder Christ persönliche Gotteser-
! fahrung haben müsse, und daß ihm durch die Bekehrung
| eine Art innerer Sinn gegeben werde, durch den er geistliche
Einsicht und Urteilskraft bekomme. So könne und
| müsse der Christ durch den Geist Gottes auch in den
j praktischen Dingen des Alltags geführt werden. Dies
alles aber nicht in schwärmerischem Individualismus,
sondern gebunden an das Wort Gottes und an die Zucht
der Gemeinschaft der Gläubigen, So kommt der Verfasser
zu dem Ergebnis, daß der Methodismus die bereits
durch den Rationalismus eingeleitete Abkühlung und Ent-
I giftung des Enthusiasmus zuende geführt und ihn in die
| gesunde und normale Bahn religiöser Erfahruno- ec-
! lenkt habe.

Eine dankenswerte Untersuchung; besonders wertvoll
I ist auch hier die ausführliche Bibliographie.

I Okarben (Oberhessen)._ j, f, Laun.

i Gunther, Werner: Der ewige Gottheit. Erlenbach-Zürich und
I Leipzig: Eugen Rentsch [1934] (400 S.) 8°.

Geh. Fr. 8.50; RM 6.80; Leinen Fr. 10.50; RM 8.50.
Ziel des Buches ist, die Erscheinung Gotthelfs einer
j neuen Wertung zu unterziehen. Sie soll von den Miß-
j Verständnissen, die die bisherige literarhistorische For-
i schung über sie ausgebreitet hat, gelöst werden und endlich
die ihr gebührende Stelle zugewiesen erhalten. Diese
Stelle soll gleich weit entfernt sein von der Bestimmung
Gotthelfs als vorwiegendem Volkserzieher christlich-erbaulicher
Art wie von der daraus abgeleiteten herablassenden
• kritischen Abschätzung, mit der Gotthelf in zünftigen
Kreisen weiithin auch betrachtet wurde. Der Weg, zu
einem neuen richtigeren Bilde Gotthelfs zu kommen, ist
die „ästhetische" Methode als die dem dichterischen