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Ausgabe:

1938 Nr. 2

Spalte:

28-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berghoff, Emanuel

Titel/Untertitel:

Religion und Heilkunde im Wandel der Zeiten 1938

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 2.

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Lidersky, Le cara'fsme et ses doctrines (S. 197—221)
gibt Geschichte, Lehre und reiche Bibliographie der
Karäersekte. — J. Toutaiw (S. 222—235) skizziert
an Hand eines posthumen Werkes von H. Huber Geschichte
und Kultur der Kelten. — A. H. Krappe:
Les dieux au corbeau chez les Celtes (S. 236—246) behandelt
ihre rabengestaltigen Gottheiten, unter Beiziehung
nordamerikanischer Paraden (S. 246 Raben wegweisend
auf Seefahrt, isländisch, griechisch, indisch).
Basel. W. Baumgartner.

Mensching, Gustav: Das Heilige Wort. Eine religionsphänome-
nologische Untersuchung. Bonn: Ludwig Röhrscheid 1937. (VII, 147
S.). gr. 8°. = Unters, z. allgem. Religionsgeech. hrsg. v. Carl Clemen,
H. 9.

In einer Zeit, die wieder zum „Wort" zurückfindet,
ist die vorliegende Untersuchung besonders wertvoll.
Man kann wohl sagen, daß die Phänomenologie, die der
Verfasser aufgrund ausgedehntester religionsgeschichtli-
cher Belege entwirft, erschöpfend ist: Das Wort Gottes,
das heilige Wort als metaphysische Realität, das Wort
als Mythos, das Wort des Sehers und Propheten, das
Wort des Meisters, das gehörte und geschriebene Wort,
das ekstatische und das inwendige Wort, das Gebetswort
, das Wort als heiliges Lied, das Wort als rituelle
Formel, das Wort als Sakrament und im Sakrament,
das Wort der Predigt, abschließend dazu Übergänge in
das Gebiet des rein magischen Wortes. Die genannten
Kapitel faßt Mensching in drei große Abschnitte zusammen
, die er überschreibt: Das heilige Wort in der Beziehung
zur Welt, in der Beziehung Mensch-Gott, im
(persönlichen und gemeinschaftlichen) Umgang mit dem
Numen. Ich lasse dahingestellt, ob diese Dreiteilung
wirklich alle Überschneidungen ausschließt.

Die Untersuchung, die sichtlich im Geiste Rudolf
Ottos erfolgt, bleibt nicht in bloß religionsgescbichtlichen
Feststellungen stecken, sondern stößt durch zu dem, was
im Wort sichtbar bezw. hörbar wird, nämlich zu einer
übersinnlichen Realität. Gegenüber allem Rationalismus
und Positivismus wird deutlich, daß die Wirklichkeit
größer ist als unser menschlicher Horizont und daß im
Wort ein transsubjektiver und transrationaler Faktor auf
uns zukommt, bezw. vom Menschen gemeint wird.

Einzelne Stücke gewinnen in der heutigen Situation
besondere Bedeutung. So scheinen mir die Ausführungen
zum Mythos, besonders was über Lebendigkeit und Auflösung
des Mythos und über den sterbenden Mythos
gesagt wird, in der heutigen Fragestellung nach1 der
germanischen Frömmigkeit von beachtlichem Wert. Ebenso
sind die Einzelausführungen über das Meisterwort,
über das „Hören" desselben und über seine schriftliche
Überlieferung, wegweisend nach zwei Seiten, nach dem
Erfassen des pneumatischen Gehaltes und nach dem Vermeiden
der Gefahren von Historismus und Magie.

Die Religionsgesehichte erlangt so ihre große, aber
dienende Bedeutung. Es läuft eine Verbindungslinie von
früherer „liberaler" Theologie über Karl Barths pneumatische
Exegese zur heute wieder so lebendig werdenden
„Verkündigung". Darum ist dies sehr „gelehrte"
Buch über die Fachwissenschaft hinaus eine Handreichung
für den „praktischen" Dienst, wenn man sich hier
anregen läßt, für das neutestamentliche Wort nach seinem
„Sinn" zu fragen, nach dem was es uns „sagen"
will.

Lanz (Westprignitz). Kurt Kessel er.

Nießen, Prof. Joseph: Rheinische Volksbotanik. Die Pflanzen
in Sprache, Glaube und Brauch des rheinischen Volkes. II. Bd.: Die
Pflanzen im Volksglauben und Volksbrauch. Berlin: Ferd.
Dümmler 1937. (341 S., I Taf., 52 Abb. im Text) 8°. RM 5.80.

Dem ersten Band des Werkes, der die Namen der
Pflanzen als Volksgut behandelte (siehe die Anzeige:
Theol. Lft. Zeit. 1936 Nr. 12), folgt hier die Darstellung
der engen Beziehungen, die zwischen der Pflanzenwelt
und dem Volksglauben und -Leben in Brauch
und Sitte bestehen. In den Kapiteln: Bäume und Sträucher
im rheinisch-deutschen Volkstum, Alt-Blumen und
Alt-Kräuter in Bauerngärten und auf Friedhöfen, Heil-
umd Zauberkräuter, die Pflanzenwelt in Kinderspielen
und Jahresfesten, Christliche Blumennamen, Pflanzensagen
, Pflanzen als Wetterpropheten, Orakelpflanzen, Saat
und Ernte im Volksleben, die Pflanzen in der Kunst
und Natursymbolik werden nahezu alle Seiten des Themas
erschöpfend, aber doch angenehm lesbar und immer
wieder den Leser fesselnd behandelt. Gegenüber der üblichen
Nichtachtung, mit der die Mediziner früher alles
übersahen, was Volksmittel hieß, wird an Hand von
Äußerungen S. Kneipps, M. Neubergers, H. Schulz der
praktische Wert der alten Kräuterkunde gewürdigt, die
ihre Rechtfertigung heute vornehmlich in der „Reichsarbeitsgemeinschaft
für Heilpflanzenkunde und Heil-
pflanzenbeschaffuing" findet.

So gründlich freilich die Leistungen des Naturwissenschaftlers
und so verdienstvoll die Ergebnisse des
volkskundlichen Sammlers sind, bleiben doch' bei dem
Umfang unseres Gebietes noch Wünsche genug, deren
Berücksichtigung nicht nur vom Anbau irgendeines Sondergebiets
aus notwendig ist. Das gilt in erster Linie
von der Exaktheit der volkskuindlichen Terminologie.
Daß z. B. die Übertragung von Krankheiten auf Pflanzen
auf dem Glauben an die Beseeltheit der Bäume
beruhe, stimmt so wenig wie die Behauptung, daß die
stark riechenden Pflanzen darum bevorzugt wurden, weil
sie als „beseelt" galten. In beiden Fällen handelt es
sich eindeutig um den M a n a - Begriff, ohne den ein
sachgemäßes Verständnis der Volksmedizin nicht möglich
ist. Auffällig ist ferner, daß sich keine Notiz über
die Vorstellung von der Entstehung der Alraunwurzel
findet, deren Gewinnung ausführlich beschriebeil wird.
Auch beim „Gebildbrot" vermißt man einen Hinweis
auf Forrnengebungen, die mit Fruchtbarkeitszauber zusammenhängen
werden (Vergl. Niedersachsen Jg. 1921,
S. 171). Wenn der gleiche Gedanke auch bei der Bedeutung
des Lauches, den ich Archiv f. Geschichte d.
Medizin 1923 Heft 3/4 nachgewiesen habe, völlig übergangen
wird, liegt die Vermutung einer Materialsiebung
durch Sammler oder Berichterstatter nahe. Die Schmerzbeseitigung
durch Pflanzen hat neuerdings eine zusammenfassende
Darstellung (Riedel-Archiv 1937, Heft 1)
erfahren, die zur Vervollständigung herangezogen werden
müßte. Verdienstvoll dagegen ist die in den einzelnen
Kapiteln stets vollzogene Heranziehung der Volkskunst
, die dann auch noch eine systematische Zusammenfassung
erfahren hat. Sprachkarten und Abbildungen
vermitteln weitesten Kreisen zuverlässige Anleitung zum
Erkennen und Sammeln der Pflanzen. Indem aber nicht
nur der Biologe, sondern auch stets der Volkskundler
zu seinem Recht kommt, ist das Werk eine Fundgrube
reicher Überlieferuingsschätze, die bisher nur von Mund
zu Mund weitergegeben nunmehr vor dem Vergessen
bewahrt bleiben. So liefert die unermüdliche Arbeit Nie-
ßens zugleich einen wesentlichen Beitrag für die Erkenntnis
der Glaubensvorstellungen des Volkes und die
Erschließung der Volksseele selbst. Da Namen, Glaube
und Brauch auch in anderen Gegenden als dem Rheinland
wiederkehren, kann die Volksbotanik endlich vielleicht
dazu beitragen, siedlungsgeschichtliche Probleme
zu klären. Auch der Verlag verdient Anerkennung dafür
^ daß er trotz gediegener Ausstattung des Werkes
den'Buchpreis für beide Bände senkte, er möge durch
den Erfolg der Verbreitung für dieses Opfer belohnt
werden.

Quakenbrück. H. Vorwahl.

B e r g h o f f, Emanuel Dr.: Religion und Heilkunde im Wandel der
Zeiten. Wien : Verlag Ars Medici 1937. (173 S.) 8°. brosch. RM 5.50.

Der Verfasser will nachweisen, daß die medizinischen
Theorien stets ein Produkt der Weltanschauung
ihrer Zeit waren, indem Religion und Philosophie zu allen
Zeiten einen tiefgehenden Einfluß auf die Theorienbildung
in der Medizin ausgeübt hätten. So galt dem primi-