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Ausgabe:

1938 Nr. 25

Spalte:

457-461

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Erich

Titel/Untertitel:

Wer ist Christus? 1938

Rezensent:

Hermann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 25.

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in den Sibyllinen nicht gefunden werden könne. Er datiert
die Abschnitte entweder wesentlich später oder sucht
zu zeigen, daß sie nur vom lebend zu den Persern geflohenen
Nero reden. Nun ist die Datierung der Sibyllinen
sehr unsicher, aber es ist methodisch ungerechtfertigt
zu behaupten, eine Vorstellung könne dem
Apokalyptiker garnicht bekannt sein, weil der Belegtext
erst aus der Zeit Hadrians stamme; der Vf. rechnet hier
nicht mit der Zufälligkeit der Bezeugung volkstümlicher
Vorstellungen. Außerdem scheint mir Or. Sib.
5, 215 ff. (die Musen werden den geflohenen Nero fi|owriv
itET«0Qov ecoQ la£8<oa(v e Ttävxeq) doch deutlich eine dämonische
Nero-Gestalt vorauszusetzen. Es scheint mir
darum weder bewiesen, daß in den Oracula Sibyllina
die Vorstellung vom Nero redivivus nicht vorkomme,
noch gezeigt, daß diese Vorstellung nicht vorkommen
könne. Und wenn der Vf. sich fragt, wieso Bousset
und Andere eine so „schrullenhafte Ansicht" wie die vom
„Nerogespenst" vertreten konnten, und wenn er das zurückführt
auf die Sicherheit der Lage der deutschen Gelehrten
vor dem Kriege, so kann man ein solches argumentum
ad hominem schwerlich ernst nehmen.

Holzinger datiert schließlich die Apokalypse genau
auf das Jahr 92/93, weil Apk. 6,6 auf das Edikt
Domitians von diesem Jahre anspiele. Und damit erhebt
sich die Frage, wie überhaupt über die Erklärung
der Kapitel 13 und 17 der Apokalypse durch Holzinger
zu urteilen sei. Daß die Apokalypse zeitgeschichtliche
Züge trägt, scheint mir trotz Lohmeyer und Anderen
sicher. Aber ebenso sicher scheint mir, daß primär
dämonische Endzeitgestalten geschildert werden sollen,
die nur zeitgeschichtliche Züge tragen. Holzinger aber
meint, die Apokalypse sei eine rein politische Kampfschrift
und muß darum alle bildhaften Züge zeitgeschichtlich
deuten. Infolge dieses grundsätzlichen Mißverständnisses
kann er die Erklärung, die die dämonische
Nerofigur im Text verwendet findet, nur als
bedauerlichen Irrtum gebildeter Menschen betrachten und
muß in Kap. 17 eine Bearbeitung einer älteren Vorlage
durch den Apokalyptiker annehmen. Das ist außerordentlich
unwahrscheinlich, so unsicher die Zählung der Kaiser
in Kap. 17 auch immer bleiben wird. Die Arbeit Holzingers
zeigt nur von neuem, daß man mit einer rein zeitgeschichtlichen
Erklärung der Apokalypse nicht durchkommt
.

Als Anhang ist eine Erklärung von Matprfal ep. 11,33 geboten,
was auf Nero, nicht auf Domitian bezogen wird. Über die Richtigkeit
dieser an sich einleuchtenden Beweisführung kann ich mir kein Urteil
erlauben.

Zürieh. Werner Georg Kümmel.

Seeberg, Erich: Wer ist Christus? Tübingen: J. C. B. Mohr
(Paul Siebeck) 1937. (58 S.) 8° = Sammlung gemeinverständlicher
Vorträge u. Schriften a. d. Gebiet der Theologie u. Religionsgeschichte.
Heft 183. RM 1.50.

Die Abhandlung ist reich an Gedanken, Anregungen
und, teilweise überraschenden, Thesen. Sie kann mit
Recht ernste Beachtung und Auseinandersetzung verlangen
.

Ihr Gedankengang ist kurz folgender: Die theologische
Lage der Gegenwart ist durch das Auseinander-
fallen von Glaube und historischer Forschung gekennzeichnet
. Daran hat sich auch dadurch nichts geändert
, daß die historische Kritik in der Beurteilung der
neutestamentlichen Urkunden vielfach sehr konservativ
geworden ist und sich gar betreffs der urchristlichen
„Kirche" und ihrer Rechtsordnungen bisweilen katholischen
Thesen nähert, wie sich letzteres auch in der
kirchenrcchtlichen Literatur wiederspiegelt.

Trotz solches Konservatismus der Historie wandelt
sich der Glaube nicht in die dargestellte Geschichte
zurück, ob diese Darstellung nun dem neutestamentlichen
Zeugnis von ihr senr fremd oder auch sehr ähnlich
ist. Da aber der Glaube auch nicht erneut dem
Prinzip einer doppelten Wahrheit verfallen, noch auch

■ die Wahrheit schlechthin in die „Existenz" verwandeln,
; bzw. sie einfach zur Darstellung und Rechtfertigung
j seiner selbst machen darf, so bedürfen wir klarer gedank-
i lieber Erkenntnisse und neuer Wege. (3—7)

j Auch die religiöse Lage selbst enthält ungelöste

Spannungen. Neben einen nicht sehr kirchlichen Typ

der natürlichen Religion, den S. mit dem praktisch-
: ethischen Christentum, mit Kantischen und idealiistir
| sehen Motiven zusammennimmt, steht das kirchliche, aber
I konfessionsmäßig gespaltene, dogmatische Christentum,

wie es bei den Katholiken mehr die sinnliche Gestalt
! der Religion herausarbeite, bei den Protestanten mehr

auf die persönlich-ethische Lebensgestaltung ausgehe.

Neben natürliche Religion und kirchliches Christentum
tritt dann noch der „Spiritualismus". Auf Plato fu-
! ßend sucht er etwa in Meister Eckhart die Realität
> der Idee vor aller Existenz, fragt in Seb. Frank nach

dem Sinn der Geschichte, weiß in Jac. Böhme von dem
I gegensätzlichen Charakter alles Lebens, und ist mit
i seinem religiösen Unmittelbarkeitsprinzip und seiner fa-
! natischen Kirchenkritik aus dem 17. Jahrhundert, laut

S., auch heute noch, freilich vielfach verkleidet, am

Werke. (8—12)

Was der religiösen Lage als solcher ihr besonderes

Gepräge gibt, ist einmal die seit langen Jahrzehnten,

nicht ohne Hetze, in Gang befindliche Entchristlichung

weiter Volkskreise, sodann auch die Tatsache, daß das
! Verständnis für das finitum capax infiniti, für die, noch

dazu einmalige, Menschwerdung Gottes in Jesus Chri-
I stus, (die Inkarnation) nicht, oder doch viel zu wenig,

vorhanden ist. „Inkarnation" ist bekanntlich für S. die
I Grundformel des Christentums und seiner eigenen theo-
j logischen Arbeit. (12—14).

S. stellt nun die Frage nach dem geschichtlichen

Wissen um Jesus Christus. Er lehnt nicht nur das
i „doppelte Evangelium" Harnacks sowie das sogenannte
! liberale Jesusbild, und die dort vielfach gelehrte Ver-
| derbung des vermeintlichen synoptischen Rabbi Jesus

■ durch tlen Theologen Paulus ab, sondern auch die Konstruktion
des Bildes Christi vornehmlich aus der Ur-
gemeinde und den Ostererlebnissen. Er erhebt laut die

' Parole: Zurück zu Christus selbst! Jesus mit seinem
: Selbstbewußtsein des Menschensohnes, des Gottessohnes,
I des Erfüllers, des Gottesknechtes und des Herrn, ist
selber der Präger des neutestamentlichen „dogmatischen
" Bildes von ihm. Auf ihn, nicht erst auf seine
| Jünger und seine frühe Gemeinde, geht das „Chrir
; stentum" zurück. (Daß S. auch bei der genaueren Zeich-
' nung des neutestamentlichen Christus nicht sowohl von
der beherrschenden Priorität des Pneumatikertums, dem
j dann allmählich erst Ordnung und Recht gefolgt wären,
I ausgegangen wissen möchte, sondern vom frühen Bekenntnis
, von der als sofort einsetzend angesehenen
Tradition, vom Recht, wie es aus dem Pneumatikertum
' selber unmittelbar folge usw., wurde schon angedeutet.)

Gewiß haben die Forschungen unserer „Großväter" wie
i unserer „Väter" auf wesentliche Punkte hingewiesen.
; Aber das Gesamtbild ist anders geworden als sie es
sahen, und vor allem: Jesu Hoheitsprädikate entspreschen
seinem eigenen Sendungs- und Selbstbewußtsein.
Das Dogma von Christus geht auf ihn selbst zurück.
(15—33).

| Letztere These meint S. so, daß zwar zumal der
Begriff „Menschensohn" ihm unter den Titel des „Mythos
" tritt, daß aber Jesus, wenn er sagt: „Ich bins",
— das Mythische abstreift, dafür aber die einmalige
Geschichte einsetzt und somit sich selber auch zum
Inhalt der Lehre setzt. Wenn auch das Dogma nun in

< seiner langen Entwicklung immer wieder zwischen Christus
oder dem Logos als dem göttlichen Wesen und
zwischen dem Menschen Jesus schwankt, und die Tatsächlichkeit
des Selbstbewußtseins Jesu nicht wirklich
aussprechen kann, so bedeutet doch das Christentum
gerade als von Anfang an dogmatische Religion („das

1 Dogma .... (ist) der auf eine bestimmte geschieht-