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Ausgabe:

1938 Nr. 25

Spalte:

454

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huth, Otto

Titel/Untertitel:

Der Lichterbaum 1938

Rezensent:

Vorwahl, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 25.

454

roische Dichtung vielmehr nur als weltliches Kunsterzeugnis
der germanischen Adelsschicht verstanden wer-

Huth, Otto: Der Lichterbaum. Germanischer Mythos und deutscher
Volksbrauch. Berlin-Lichterfelde: Widukind-Verlag, Alexander

den kann, hat Seh., wie mir scheint, in überzeugender j Boß 1938- (84 S., 36 Abb.) 8° — Deutsches Ahnenerbe 2. Abt.
Weise erbracht. Zwar die naturmythische Erklärung | 9- Band-

der Meldengestalten ebenso wie die Ableitung aus Göt- I Von Bachofens These ausgehend, daß die späte Zeit
lern konnte in der Hauptsache auch wohl bisher schon j keine neuen Symbole mehr schafft, versucht der Ver-
als erledigt gelten. Um so wertvoller erscheint in Schä- fasser wahrscheinlich zu machen, daß der Lichterbaum
fers Arbeit die Widerlegung der von Schuck, M. Phill- | bereits dem germanischen Kult angehörte. Die fehlende
potls, F. R. Schi-oeder u. a. vertretenen Kulttheorie; ) äußere Kontinuität gewinnt er durch die Annahme, daß
für den, der mit wachsendem Befremden gesehen hat, j der Weihnachtsbaum als „Wintermaien" mit dem Mai-
vvie hier in den letzten Jahren mit unzulänglichen Mitteln ! bäum und den übrigen Jahresfcstbäumen in einer Reihe
eine willkürliche Konstruktion auf die andere gesetzt j stehe. Aus dem Neujahrsbrauchtum der indogennani-
worden ist, wirkt seine, aus klaren geistesgeschicht- scheu Völker, das kultische Feuererneuerung und Räu-
Ifchen Einsichten erwachsende Kritik dieser auf einer cherungen aufweist, liest er im Gegensatz zur christlichen
völligen Verkennung religiöser Phänomene beruhenden Dainonenabwehr die Absicht der Anlockung der Ahnen-
Hypothesen wie eine Befreiung. Wenn es auch Seh. Seelen heraus, mit denen die Lebenden in der seeli-
selbst vor allem auf die Unvereinbarkeit der küustleii- sehen Steigerung des ekstatischen Rausches die Vereinischen
(„adelig-schönen") und religiösen Sphäre an- gung erlebten.

kommt, so scheinen mir doch die als Spähne bei seiner Die an sich einleuchtende Schlußfolgerung, daß zvvi-

Hobelarbeit für die germanische Religionsgeschichte ab- scheu Maibaum und Weihnachtsbaum Zusammenhänge
fallenden Erkenntnisse von besonderem Wert zu sein. bestehen, wird aber durch die Verflüchtigung der Be-
Ich hebe als Beispiel nur die vernichtende Kritik an den ! deutung des Maibaumes zum „Sinnbild des Jahreskrei-
kulttheoretischen Deutungen der Baldrsage hervor (S. ses" und die Leugnung seiner primitiv-magischen Rolle
48ff.); man kann nur hoffen, daß sie diesen in wissen- i gestört. Wenn ferner die mittelalterlichen Radleuchter
schaftlichem Gewände einherschreiteoden Phantastereien als „germanische Kultleuchter" und der alttestamentliche
endlich ein Ende machen möge! Erfrischend wirkt auch j siebenarmige Leuchter als Nachbildung des Weltenbau-
die Unbefangenheit, mit der die Haltlosigkeit der ety- j ntes gedeutet werden, andrerseits die Störung des Not-
mologischen Konstruktionen R. Muchs ebenso wie die
Einseitigkeit der magisch-mystischen Theorie Vi.lhelm

Qrönbechs (die heute manchem als der religionsge- i wird der kritische Leser den Eindruck nicht los, daß es

schichtlichen Weisheit letzter Schluß erscheint) aufgedeckt
werden. Hier kann die germanische Religionsgeschichte
sich reiche Belehrung holen! Wichtige Fingerzeige
gibt die Untersuchung für die Geschichte der
üdinssestalt in der Wikingerzeit, wenn hier auch eine

feuerbrauches durch eine Frau Pastorin im 18. Jahrhundert
neben der üblichen „Taktik der Kirche" erscheint,
wird der kritische Leser den Eindruck nicht los, daß es
sich um einen der Versuche von „Gleichschaltung handelt
, die Vergangenheit und Gegenwart in gleicher Weise
um die ihnen eigentümlichen Werte bringen" (Verg. u.
Geg.). Wie der Osterhase sich frühestens um 1682
nachweisen läßt und höchstwahrscheinlich aus einem

unter religions- bezw. mythengeschichtlichem Gesichts- Mißverständnis der Osterlammdarstellung erwuchs, zeigt

punkt unternommene Untersuchung die Linien etwas die Geschichte des Weihnachtsbaumes, daß in den Winter

anders ziehen dürfte. Überhaupt werden sich aus all- übertragene Fruchtbarkeitsmagie und kirchlich-christliche

gemein-religionswissenschaftlichen (phänomenologischen) Symbolik in einer jungen Einheit zusammengeflossen zu

Gründen gegen die Grundposition Schäfers Einwcn- spezifisch deutschen Brauchmotiven führten. Diese

düngen machen lassen. Auch wenn man zugibt, daß die Feststellungen L. Mackensens lassen sich nicht durch

seelische Haltung der für die Schöpfung des vom Schick- bloße Postulate und Ablehnung der „bürgerlich profes-

soralen sog. Volkskunde" widerlegen.

Quakenbrück. H. Vorwahl.

salsgedanken beherrschten Heldenliedes verantwortlichen
Kreise unfromm war (was aber aus dem weltlichen Charakter
dieser Dichtung nicht notwendig folgt), so läßt

sich doch das (vermeintliche) „Anschwellen des relir Maiden, R. H.: The Authority of the New Testament. London •
giösen Bedürfnisses" seit dem 10. Jahrhundert unmög- Oxford University Press 1937. (VII, 94 S.) 8°. 4 s. 6 d

lieh auf eine „Priniitivierung" der kunstgenießenden Ge- Der Verfasser vorliegender Vorträge, der Dean of

Seilschaft zurückführen. Sch. scheint der Meinung zu | Wells, hat sich mm Zid gesetzt) fürlaien zu zeigen
sein, daß Religiosität ein Merkmal seelischer Primitivität daß die moderne Wissenschaft den Wert der Bibel nicht
sei („der Grund ist die für religiöse Werte und Fra- angetastet hat. Er stellt zunächst einleitend fest, daß die
gen empfänglich gewordene (!) Seele eines primitiven , Bücher des Neuen Testaments nicht mit der Absicht der
Menschen"), während der Aristokrat sich durch Un- j Kanonisierung geschrieben seien, und daß ihr Wert nicht
gläubigkeit auszeichne. Es ist der Fehler der Unter- einfach durch die Annahme der Inspiration bewiesen
suchung, daß sie nicht zwischen Religion (die keine ! werden könne. Er gibt dann eine Übersicht über die
Sache sozialer Schichten, sondern ein menschliches Ur- , Chronologie der neutest. Schriften, die nicht weit von
Phänomen ist) und Aberglauben bezw. mythischer I hau- i der durchschnittlichen kritischen Meinung abweicht Da
tasie unterscheidet; nur die Gebilde dieser letzteren ; die ältesten Schriften Briefe sind, zeigt der Verfasser
Geisteshaltung dringen zur Spatzeit wie in die Gotter- so ; an einer voraussetzungslosen Analyse von 1 Thess 1
auch in die Heldendichtung ein. Wenn man diesen Un- daß bereits diese äheste Schrift phantastische Aus ' '
terschied berücksichtigt, sieht man die von Sch. ge- < ü,ber den Menschen Jesus enthalte, an denen aber offenzeichnete
geistesgeschichtliche Entwicklung in etwas an- ; bar die Leser keinerlei A { ß h obwoeh,°™h
deren Licht (so z.B. auch dje Verbindung des Gottes- vieIe Augenzeugen lebten. Vf. wendet sich dann den
mit dem Schicksalsglauben). Diese Emwenduugjst. not- | Evangelien im besonderen zu, entwickelt die Zweiquellen,
wendig; sie kann aber die Anerkennung der positiven theori bestreitet dk Mögl chkeit ein Leben j'esu m
Ergebnisse der Schäferschen Arbeit die jedenfalls eine , schreiben und stellt die Frage, ob das Bild Jesu in den
wertvolle Förderung der sagen- und religionsgeschicht- | Synoptikern ausreiche, um die hohe Wertung Jesu in
liehen Forschung bedeutet, in keiner Weise schmälern. ( den Briefen m erklaren Die Lücke wird nachs dJer Md.
Man muß dem Verf. Dank wissen für den Mut, mit dem , nu,ng des vf ausgefullt durch das Johannesevangelium
er die ausgefahrenen Geleise einer sich in unfruchtbaren das auf dem persönlichen Zeugnis von Johannes von
Hypothesen ergehenden „Deutungs -Wissenschaft ver- ; Jerusalem ruhe und dessen Darstellung der der anderen
lassen und den Weg für eine unvoreingenommene kunst- Evangelien vorzuziehen sei, wenn eine Abweichung vor-
und geistesgeschichtliche Würdigung der Heldendichtung , liege Aufgrund der Darstellung Jesu im Johannesevan-
freigemacht hat. gelium „we can understand, w h y, if not actually how

Leipzig.__Walter Baetke. | the jesus Qf th{. ^ thrce Gospe,s was ^ ^