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Ausgabe:

1938 Nr. 24

Spalte:

443-445

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Asmussen, Hans Christian

Titel/Untertitel:

Die Lehre vom Gottesdienst 1938

Rezensent:

Schian, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 24.

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sittlichen Forderung möglich sei. Sittlichkeit und Religion seien korrelate
Funktionen der Seele, die sich gegenseitig fordern und hervorrufen.
Sittlichkeil an sich sei nicht Wertmaßstab der Religion, sondern „die
Durchdringung von Religion und Sittlichkeit, wie sie einzigartig in der
christlichen Offenbarungsreligion vorliegt, ist der Wertmaßstab für Religion
wie für Sittlichkeit" (S. 30). Zur Kollision der Pflichten wird gesagt
: „Eine Kollision der Pflichten kann es also in der Theorie nicht
geben. Dagegen ist sie in der Praxis allerdings möglich und unter
gewissen Bedingungen unvermeidlich" (S. 52).

Heidelberg. Wilhelm Knevels.

Asmussen, Hans: Die Lehre vom Gottesdienst. München:
Chr. Kaiser 1937 (294 S.) 8° = Gottesdienstlehre I. Bd.

geh. RM 6—; geb. RM 7.20.
A. hat bereits früher Bd. II und III einer Gottesdienstlehre
vorgelegt. Bd. II bespricht das Kirchenjahr,
Bd. III bietet Entwürfe für Gottesdienste. Zuletzt erscheint
der grundlegende Teil, die eigentliche Lehre
vom Gottesdienst. Diese Reihenfolge des Erscheinens
unterliegt natürlich manchen Bedenken, die aber, nun das
Ganze vorliegt, zurückgestellt werden können. Auch in
dem jetzt anzuzeigenden Bd. I ist die Ordnung des
Stoffs recht eigenartig. Abschnitt I behandelt die Lehre
vom Worte Gottes, II die Lehre von der Gestaltung
(ohne nähere Bestimmung), III „den christlichen üsd."
Unter diesem sehr allgemeinen Titel kommen „ganz
schlicht" die einzelnen Stücke des christlichen Gsd.s zur
Behandlung: Lieder, Introitus, Kyrie, Gloria usw., aber
auch Abendmahl und Taufe; anfangs werden Ausführungen
über die Mannigfaltigkeit des gottesdienstlichen
Lebens und den Aufbau geboten. Zu verstehen ist
diese Gedankenfolge nur aus A.s Anschauung heraus.
Die „Lehre vom Gsd." nimmt ihren Anfang an dem
Kernstück der Lehre, also der Lehre vom Wort Gottes.
Sie soll die Frage beantworten, wie sich das geschehende
Wort Gottes im Leben und Gestalten der Gemeinde
auswirkt. Was tut Gott in der Gemeinde? und was hat
darum die Gemeinde zu tun? Diese Erwägungen werden
nachher mit dem Leben der Gemeinde „konfrontiert".
Dabei werden dann die praktischen Möglichkeiten berücksichtigt
, wenigstens in gewissem Umfang. Diese
Grundlegung greift bis in die Wurzeln von A.s Theologie
hinein. Sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen,
würde nicht bloß e i n Buch, sondern mehrere Bände erfordern
. Denn es handelt sich ja um die ganz großen
Fragen nach dem Wesen des „Wortes Gottes", nach
seinem Verhältnis zu Christus und — nicht zuletzt —
nach dem Verhältnis vom Wort Gottes und heil. Schrift.
In allen diesen Fragen stellt A. sehr bestimmte Sätze
auf, die aber, bei näherem Zusehen, dennoch die letzte
gedankliche Bestimmtheit oft vermissen lassen. Nicht
nur, aber vielleicht am meisten wird das deutlich bei
den ersten Sätzen, die die hl. Schrift betreffen. Man
fragt sich unwillkürlich, wie es eigentlich, nachdem die
gesamte historische Arbeit der Bibelwissenschaft geschehen
ist, möglich ist, so, wie A. tut, von der hl.
Schrift zu reden. Aber hier liegt eben die Besonderheit
dieser Theologie. Hier liegt auch die Schwierigkeit, von
andersartigen Voraussetzungen aus A.s Lehre vom Gsd.
richtig zu würdigen.

Wir haben sonach einen durchaus eigenartigen, aber
aus einer geschlossenen theologischen Gesamtanschauung
heraus entwickelten Entwurf einer Lehre vom Gsd. vor
uns. Eigentliche Auseinandersetzungen mit den bisher
herrschenden Anschauungen vom Gsd. finden nicht statt;
weder mit der Schleiermacherschen noch mit der auf
Luthers Torgauer Predigt 1544 beruhenden vom Verkehr
Gottes mit der Gemeinde und der Gemeinde mit
Gott. Jesus Christus ist das eine Wort Gottes. Er
will sich auf keinem anderen Wege von uns finden lassen
als durch die Schrift. Der christliche Gottesdienst
ist eine „Versammlung der Gemeinde, in der die Schrift
verlesen und gehört wird." (S. 31). Neben der Schrift
will Christus sich in den Sakramenten finden lassen und
zu uns kommen. Die Sakramente sind weder Ergänzungen
noch Krönungen des aus der H. Schrift geschehenden
Wortes Gottes; sie sind „besondere Gnadenerweise
Gottes", um der Heilsaneignung willen gegeben
. Die dargereichten Güter sind jedoch einerseits
beim Wort, anderseits bei den Sakramenten nicht verschieden
. (S. 37). Die letzteren haben ihre Besonderheit
in der Art ihrer Vermittlung. Von hier aus bekämpft
A. die Theorie, wonach der Gsd. als eine Art Pyramide
zu gestalten sei, an deren höchste Spitze sich das
! Sakrament ereigne. Taufe und Abendmahl sind Got-
' tesdienste; hinsichtlich ihrer Verbindung mit dem „Ge-,
J meindegottesdienst" werden bestimmte praktische Gren-
] zen anerkannt. Aber es sollte nach A.. die Regel werden,
! die Taufe in den Gemeindegottesdienst zu verlegen.

Es ist einfach nicht möglich, die Einzelthemata in
! der gleichen Weise durchzusprechen. Jedes Einzelstück
i der Liturgie müßte für sich erwogen weiden. Vor allem
wäre die „Gestaltung der christlichen Rede" näher zu
! erörtern. Daß sie in die Lehre vom Gsd. einbezogen
j wird, ist bei A.s Grundstellung selbstverständlich. Ganz
neu ist gerade diese Einbeziehung nicht. Und ob sie
I praktisch ist, kann wohl gefragt werden. Aber gritnd-
I sätzlich ist sie richtig. Eime Homiletik, die nicht von
einer sicheren Lehre vom Gottesdienst ausgeht, hat
j keine feste Grundlage. Freilich wäre zu A.s „Gestal-
i hing der christlichen Rede" (Abschn. II, Kap. 3) wie
j zu seinen Sätzen über die Verkündigung des Predigers
(Abschn. I, Kap. 4) sachlich sehr viel, auch in kritischem
Sinn, zu bemerken. Daß er die Verkündigung
zugleich Auslegung und Zeugnis sein läßt, ist allerdings
eine viel zutreffendere Formulierung, als wenn
(was heut mehrfach geschieht) die Predigt einfach als
„Auslegung" bezeichnet wird. Es ist auch zu begrüßen,
daß A. trotz etwaiger zu befürchtender Mißverständnisse
erklärt, die Gestalt der christlichen Rede sei insofern
„durch den Hörer bestimmt", als sie dein Hörer
verständlich werden will (S. 132); auch durch
die ihr gestellten phonetischen Aufgaben läßt er sie bestimmt
sein. Freilich trägt das den Gesichtspunkten
die durch die Einfügung der Predigt in den Gcineiude-
gottesdienst, und zwar in dem zu einer bestimmten
! Stunde in einer bestimmten Lage einer bestimmten Ge-
j meinde gehaltenen, längst nicht ausreichend Rechnung.
Doch sei hingewiesen auf den Satz S. 32: „Das Wort
der Schrift leuchtet nicht zeitlos über der Gemeinde
wie Die Mitternachtssonne über dem Pol. Die Gemeinde
horcht in die Schrift hinein. Sie fragt danach,
was Gott ihr heute und hier zu sagen hat. A.
scheint dabei wesentlich an die Auswahl der Schriftlesung
zu denken; dagegen kommen die Konsequenzen
für die Gesamtgestaltung der Verkündigung längst nicht
in dem notwendigen Maß zur Auswirkung.

Auch die Besprechung der Einzelstücke zeigt überall
eine ganz eigene, ja einseitige Art. Aber da A. überall
von seiner Anschauung aus neue Gesichtspunkte aufstellt
, da er nicht etwa nur Kritik am Bestehenden
übt, sondern positive Forderungen aufstellt, so sind
seine Sätze sehr anregend, ja förderlich.

In dem ausführlichen Vorwort äußert A. kritische
Gedanken über die bisherige Praktische Theologie im
Allgemeinen und bezeichnet sich selbst im Unterschied
zu den Leuten vom Fach als „Laien". Er fühle sich als
Laien, sobald er etwas tun solle, was nach akademischer
I Leistung aussieht. Diese Ausführungen gehen sowohl
in der Darstellung der Art der bisherigen Prakt. Theol.
wie in dem Urteil über die Leute vom Fach einfach
fehl. Er erklärt, sie sei einesteils historisch, anderseits
I „praktisch" gewesen, unpraktisch aber, sofern man von
| ihr Hilfe im Amt erwartete. (S. 4). Das stimmt schon
insofern nicht, als man dabei ganz die Würdigung der
I vielfach sehr grundsätzlichen Art der Pr. Th. vermißt;
einen Zusammenhang mit den „grundsätzlichen" Fächern
der Theologie hätten nach A. beide Zweige nicht deutlich
machen können. Die wenigen Einzelanführungen,
die A. bringt, können diese Beurteilung nicht entfernt
ausreichend begründen. Doch wäre es falsch, die nicht
voll oder auch gar nicht zutreffenden Ausführungen
! auf irgendwelches „Laientum" zurückzuführen. Vielfach