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Ausgabe:

1938 Nr. 24

Spalte:

436-437

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Essays in Anthropomorphism 1938

Rezensent:

Duensing, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 24.

436

keininschriftlichen Materials, gezeichnet. — Die Übersetzung
ist schlicht und ziemlich wortlautgemäß. Offensichtliche
Verse sind entsprechend gesetzt. Als Probe
diene 6,6 ff.:

Da flog zu mir her einer von den Seraphen mit einem Olühstein
in seiner Hand, den er mit einer Zange vom Altar genommen hatte, berührte
(damit) meinen Mund und sprach:

„Siehe berührt hat dieses deine Lippen,

und (so) ist gewichen deine Schuld und deine Sünde gesühnt!

Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sprach :

„Wen soll ich senden, wer wird uns gehen?"

Da entgegnete ich: „Hier bin ich, sende mich". —

Textkritische Arbeit steht im Hintergrund; dagegen wird
die Literarkritik gebührend berücksichtigt, wenn auch
in ihren Ergebnissen größtenteils abgelehnt. 11, lOff.
stammen von Jesaia. Für 12 ist die Herkunft von
ihm „nicht ausgeschlossen". Bei der Jesaia-Apokalypse,
24—27, spricht ,,manches in Stil und Darstellung für
Jesaia"; manche Anzeigen rechtfertigen aber auch die
Annahme späterer Herkunft. 33 paßt zur Situation vom
Jahre 701. Daß 34—35 Jesaia zugehören, ist „wenig
sicher".

Die gleiche, notgedrungene, Gebundenheit, die aus
dieser Zaghaftigkeit blickt, verraten auch manche der
inhaltlichen Erklärungen. Zu 7, 14, der Gebärerin des
Immanuel: „Der Name besagt auch, daß in diesem
Kinde wirklich irgendwie Gott und Mensch verbunden
sind". 'Alma ist das „noch unberührte, unverheiratete
Mädchen". So muß eben die wunderbare, vaterlose
, Geburt gefunden werden; aber Procksch erklärt
ja die Stelle ebenso! Zu 9,4, der Vernichtung der erbeuteten
Kriegsrüstung: „Das Christentum strebt prinzipiell
dem Völkerfrieden zu". 9,6: „Was der Prophet
geahnt hat, ... hat sich in Christus . . . herrlich erfüllt".
Ulme Kritik wird die Bezugnahme von Matth. 2, 23 auf
11,1 erwähnt. Zu 11, 6ff., dem Tierfrieden: „Wie sich
freilich die Dinge gestalten werden, wenn einst der
neue Himmel . . ., ist für uns wie so vieles andere
ein Mysterium, und so wissen wir auch nicht, wie sich
die Prophezeiung vom Tierfrieden erfüllen wird".

Kritisch steht dagegen der Verf. zur angeblichen
Siebenzahl der Geistesgaben des Messias in 11,2 ff.,
die „exegetisch nicht gerechtfertigt werden" kann; vergl.
auch seine Stellung zur umdeutenden Obersetzung von
11, 10 in der Vulgata. Es muß anerkannt werden, daß in
ruhig abwägendem Ton auf Erklärungsversuche, etwa
protestantischerseits, eingegangen wird, auch wenn sie
abgelehnt werden. Es ist eine Willigkeit zu ernstlicher
Auseinandersetzung zu spüren. Die eigene Linie ist überall
erkennbar. Die christologische Sicht ist noch durchaus
gesund und organisch. Jedenfalls nötigt den Verf.
kirchliche Tradition nicht zum Verlassen der wiss. Höhe,
was man von allerlei neuen Versuchen protestantischer
„theologischer" Exegese des A. T. leider nicht behaupten
kann! Verf. gibt z. B. die durch den zeitgeschichtlichen
Rahmen bedingte Schwierigkeit der Messiasdeutung
in 7,22 auf Christus zu; „der weite Abstand
zwischen Weissagung und Erfüllung" ist „nicht oder
nur unvollkommen zum Bewußtsein gekommen". Die
nüchterne Erwägung des kath. Verf.s in der Einleitung,«
S. 19, kann protest. Verfechtern überspannter christolo-
gischer Ausdeutung geradezu als Warnung empfohlen
werden: „Aber wenn auch die messianische Vorausschau
des Isaias unsere ehrfürchtige Bewunderung heischt,
so wird man doch den Ausspruch des Hieronymus nicht
pressen und nicht das Evangelium einfach in die mes-
sianischen Perikopen hineinlesen dürfen. Wie die meisten
messian. Weissagungen, so sind auch jene des
Isaias in einen zeitgeschichtlichen Rahmen eingespannt;
der Emmanuel steigt dem Auge des Propheten unmittelbar
aus der Assyrernot empor."

In die Bearbeitung der Zwölfpropheten, erste
Hälfte, hatten sich Lippl und Theis so geteilt, daß
Lippl Hosea, Jona, Micha, und Theis Joel, Arnos, Obad-
ja, übernahm. Den Beitrag des 1935 verstorbenen Lippl

: hat H. Junker aus dem Nachlaß herausgegeben. Eine
allgemeine Einleitung von 4 Seiten wird dem Buche,
spezielle von 5 bis 14 Seiten werden den einzelnen
6 Propheten vorausgegeben.

Lippl zeigt etwas Mut in seiner kritischen Haltung.
| Entgegen Theis und auch Fischer hat er eine textkri-
tischc Spalte eingeführt. — Hoseas Ehe ist reales Ereignis
und geschieht als Symbolhandlung auf Jahwes
I Geheiß. 1,7 ist „jüdische Glosse"; ebenso werden 4,3b
1 und 9, auch 7,10 im Text in Klammern gesetzt. 12,6
i soll anscheinend echt sein. — Jona ist wohl nachexilisch
und stammt aus dem 5. Jhdt. Aber es handelt sich
nicht um Dichtung oder Legende; es sind ältere Erzählungen
über Jona verarbeitet, dessen Historizität für
die Assyrerzeit angenommen wird. Die Wunderfrage
bleibt einfach offen, nachdem rationalistische Deutung
abgelehnt wird. — Sehr gut sind die Ausführungen über
Micha 4, 10f.; Historisches und Eschatologisches werden
als in einander übergehend dargestellt. 10 c wird in
Klammern gesetzt. 4,1—3 sind echt. Zu 7,8—20 wer-
i den nur die verschiedenen Meinungen gebucht, ohne
j eigene Stellungnahme.

Theis ist ängstlich in seiner konservativen Haltung.
— Joel ist zwischen 843 und 745 geschrieben. —
Arnos 2,4 und 5 sind echt. Mit Recht werden seine
Visionen als wirkliche geistige Vorgänge erklärt, die
Deutung als poetische Fiktion wird abgelehnt. Die prophetische
Ablehnung des Kultus in 5,21 ff. wird im
Kommentar einfach übergegangen! — Merkwürdig sind
die Behauptungen zu Obadja, der mit Joel zeitlich und
literarisch vor Arnos zu setzen sei, etwa in das Jahr
j 843. Gründe: Die altertümliche Sprache, Jer. 49 ist
| abhängig von Obadja, Jo. 3, 5 ebenfalls. Arnos hat den
i von Obadja abhängigen Joel benutzt. Von den 3 Er-
| oberungeri Jerusalems vor dem Jahre 700 kommt nur
die unter Joram von 845 in Frage, durch Philister und
Araber.

Eingehen auf eigentlich theologische Fragestellungen
fehlt in beiden Teilen fast völlig; auch in den Ein-
J leitungen unter „Bedeutung" sucht man umsonst. So
wird nicht verweilt bei Hos 2,21; zu 4,1—3 findet sich
nichts; ebensowenig zu Am. 3,1—2, um nur einige Bei-
i spiele zu erkennen.

Anzuerkennen ist die sorgfältige Literaturverarbeitung
.

Breslau._Adolf Wendel.

Marmorstein, A.: The Old Rabbinic Doctrine of God. II:
Essays in Anthropomorphism. London : Oxford University Press
I 1937. (VII, 163 S.) 8° = jew's College Publications No. 14.

In 5 Aufsätzen werden die Themata abgehandelt:
I. Philo und die Haggadah, II. Anthropomorphismen
I in der Haggadah III. Die Sichtbarkeit Gottes IV. Die
I Terminologie der Schulen V. Der Kampf zwischen Allegorie
und buchstäblicher Auffassung. — Schon in ältester
Zeit haben Anthropomorphismen des A.T. Anstoß
erregt und solche, die gleichwohl an ihm als Offen-
barungsurkunde festhalten wollten, zu einer allegorischen
Auffassung gedrängt. Diese allegorische Ausdeutung findet
sich sowohl auf hellenistischem als auch auf alt-
rabbinischem Gebiete, wodurch die Frage entsteht, ob
| eine Beziehung und welche zwischen diesen beiden Strö-
! miingen besteht. Der Gegensatz zwischen buchstäblicher
und allegorischer Auffassung wird verfolgt bis in die
amoräische Periode, wo eine kleine Minorität für die
allegorische Auffassung eintritt. Der Verfasser kommt
Seite 157 zu dem wertenden Urteil, daß beide, die buchstäbliche
wie die allegorische Auffassung ihr Recht haben
. Vf. kommt zu der Feststellung, daß das alexandri-
ntsche Judentum zur Zeit Philos in viele religiöse Gruppen
geteilt gewesen ist. Im einzelnen werden Themata
abgehandelt wie Philo über Gottes Reue, Mann als
Name für Gott, Gottes Körperlichkeit, Gottes Beobach-
j tung der Gebote, Gottes Kummer und Anteil an Israels
Mißgeschick, Gottes Bedürfnisse (Opfer, Tempel), üot-
I tes Ruhe am Sabbat u. a. m. Vf. führt das rabbinische