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Ausgabe:

1938 Nr. 23

Spalte:

421-422

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hussey, Joan M.

Titel/Untertitel:

Church and learning in the Byzantine empire 1938

Rezensent:

Dreher, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 23.

422

genossen zu Sachsenkrieg und -mission. 7. Karls militärische
Fürsorge für das eroberte Gebiet) ist der ganze
Stoff gegliedert und darunter in 28 Nummern das Wichtigste
mitgeteilt. Die Sammlung ist für den Anfänger,
der sich in dieses Gebiet einarbeiten möchte, recht geschickt
zusammengestellt. Aber auch wer in die Materie
schon tiefer eingedrungen ist, wird gelegentlich gern zu
dem Heft greifen, das ihm den Zugang zu dem genauen
Wortlaut mancher Stellen, die er sonst mit
einigem Zeitaufwand sich in den Mon. Germ. Hist,
den Act. Sanct, bei Jaffe und anderswo erst zusammensuchen
müßte, in sehr erwünschter Weise erleichtert.
Der Ansicht des Herausgebers, der Lateinunterricht werde
einen solchen Stoff künftig in stärkerem Maße heranziehen
müssen, wird man nur beipflichten können. Durch
Erläuterungen, die eher zuviel (z. B. desurgere; nun-
ciatum =nuntiatum; aecclesia = ccclesia u. ä.; auch einzelne
Vokabeln wie z.B. pignus = Pfand) als zu wenig bieten,
hat er sich den besonderen Dank schwächerer Lateiner
verdient.

Im einzelnen wird an einer solchen Sammlung natürlich jeder sich
manches anders wünschen, so daß es schwer sein dürfte, allen Wünschen
gerecht zu werden. Gleichwohl glaube ich für die nächste Auflage
Folgendes zur Berücksichtigung empfehlen zu sollen: Es ist doch
wohl nicht ausreichend, wenn sogleich in dem ersten Abschnitt über
die Sachsenmission vor Karl d. Qr. nur die fränkische Mission berücksichtigt
ist. Da neben dieser eine unter ganz anderen Gesichtspunkten
ins Auge gefalite angelsächsische Mission in Betracht kommt, hätten
auch über sie Belege mitgeteilt werden dürfen. Aus der Briefsammlung
des Bonifatius in der Ausgabe von Tangl (1916) würden sich dafür die
Nummern 21 und 46 empfohlen haben. — Daß bei den Auszügen aus
den Annalen eine gewisse Sparsamkeit waltet, wird jeder, der diese I
•weitschichtige Literatur kennt, nur begreiflich finden. Immerhin wäre
es erwägenswert, ob nicht — als Probe der Poesie — ein Stück aus
dem Pott» Saxo und — als Stimme aus Sachsen - der betr. Passus
aus Wldukind von Corvey Aufnahme verdiente. Ungern vermißt habe
ich die höchst charakteristische Abweichung Reginos von Prüm von
seiner Vorlage, den Reichsannalen. Unklar ist mir der Grundsatz geblieben
, der für die Reihenfolge der gewählten Auszüge maßgebend war.
Die Annales Petaviani z.B. sind (wie S. 52 vermerkt ist) für 771—799
gleichzeitig, kommen aber hier erst in einigem Abstand nach den Annales
Fuldenses zu stehen, von denen wir erfahren (S. 52), daß sie eine
Kompilation aus dem Ende des 9. Jahrh. sind. Damit ist die Gefahr
nahe gelegt, daß der Benützer in die Ann. Pet. unwillkürlich hineinliest,
was er, z. T. recht ausführlich, in den jüngeren, ihm aber vorher mitgeteilten
Annalen gelesen hat. Nicht ersichtlich ist mir, warum auch
die Metzer Annalen mitgeteilt werden mußten, da sie doch nach Ranke
nur „eine unförmliche Kompilation" sind und jedenfalls in dem ihnen
entnommenen Abschnitt nichts Eigenes bieten. — Im Literaturverzeichnis |
hätte im Hinblick auf IV, 8. 9 wohl auch auf die Deutsche Rechtsge- |
schichte von R. Schröder in der Bearbeitung von Frhr. von Künßberg !
verwiesen werden dürfen. Außerdem durfte, wenn der Aufsatz von j
Dietrich Schaefer mit Recht Aufnahme fand, auch die Arbeit von j
von Bippen, gegen die Schaefer sich wandte, nicht fehlen. Aus ihr
hätte sich wohl aucli ergeben, daß die (auf S. 23) zur Wahl gestellte ,
Datierung der Capitulatio de partibus Saxoniac (782) mehr als bloß
zweifelhaft ist. Schließlich wäre es angesichts der herkömmlichen Überschätzung
der sog. Einhardsannalen auch angezeigt gewesen, deren Kritik
durch Ranke in das Verzeichnis mitaufzunehmen.
Münster (Westf.). K. Bauer.

Hussey, J. M.: Church and Learning in the Byzantine Empire
867—1185. London: Humphrey Milford 1937. (259 S.). 12s 6d.

Nach einer Einleitung, die die Außen- und Innenpolitik
der macedonischen und komnenischen Zeit, sowie
eine kurze Charakteristik der Herrscher zeigt und Ausblicke
auf die Geschichte kommender Perioden eröffnet,
legt der Verfasser die Geistesgeschichte der in Frage
kommenden Jahrhunderte dar und macht den gelungenen
Versuch, den Anteil der Kirche an Gelehrsamkeit
und Erziehung aufzuweisen. Diese beiden Gebiete sind
im byzantinischen Reich zwar unabhängiger von der
Kirche als im Westen, aber durch die herrschende Religiosität
und die enge Verbindung von Kirche und Staat
wird ihnen doch die eigentümliche Prägung des griechischen
Christentums verliehen. Das wird durch eingehende
Charakteristik einzelner Kaiser, Patriarchen und
Gelehrter klar herausgearbeitet. Führende Gelehrte, wie
Psellus und Xiphilinus, sind stark philosophisch interessiert
der erste ist Neuplatorüker, der andere
Aristoteliker — und können sich ihrer weltanschaulichen
Grundlagen wegen verfeinden, in der Religion jedoch hält
jeder, alle offenkundige Häresie vermeidend, an der
orthodoxen Kirchenlehre fest. Man mag Kommentare
zu den Werken Homers verfassen, die Universität, die
infolge des Einflusses wissenschaftlich interessierter
Kreise wieder eröffnet wurde, in erster Linie in den
Dienst der Politik und Verwaltung stellen, jeder Gelehrte,
welches auch immer sein ureigenstes Gebiet sein mag,
ist immer auch theologisch interessiert und beschäftigt
sich mit der Bibel und den Väterschriften.

Ebenfalls ausführlich behandelt wird das innere Leben
der Kirche und ihre Stellung zum Staat. Kaisertum,
Patriarchat und Mönchturn, diese das Ostreich gestaltenden
Faktoren, werden in ihrem Wert erfaßt und die
mannigfachen Querverbindungen dem Leser vor Augen
gestellt. Der Kaiser galt als Hüter und Garant des Christentums
. Er ist der Durchmesser, der die Brennpunkte
der Reichsellipsc, Politik und Kirche, mit einander verbindet
. Neben ihm befindet sich als kirchlich-politische
Macht das Patriarchat, das mit dem Kaisertum in Wechselbeziehung
steht, aber doch letzten Endes von ihm beherrscht
wird. Das Mönchtum wird politisch, wirtschaftlich
, organisatorisch, in seiner Stellung zur Welt und
seinem inneren Wesen nach geschickt beleuchtet. Den
abschließenden Höhepunkt bildet die Schilderung der
Persönlichkeit, die den größten Beitrag zur Geistesentwicklung
dieser Zeit spendete: .Symeons des neuen Theologen
, der, aller Theologie abhold, die ohne eigene religiöse
Erfahrung das Christentum lehren will, seinen Mönchen
wahrer Seelsorger und Vater sein und ihnen die
herrlichen Erfahrungen zueigenen möchte, die er selbst
machte: selige Schau des göttlichen Lichts und Vergießen
von Tränen vor unaussprechlicher Freude. Seine Mystik
und seine Gnadentheologie bilden ein kostbares Kleinod
in der Schatzkammer des byzantinischen Christentums.

Großer Fleiß und gute Sachkenntnis haben in diesem
Buch eine fast überreiche Stoffülle zusammengetragen
und machen die Arbeit zu einem wertvollen Baustein
im Gebäude der byzantinischen Forschung.

Reiffenhausen. Dreher.

Smolitsch, Igor: Leben und Lehre der Starzen. Wien:
Thomas-Verlag Jakob Hegner 1936. (279 S.) 8°. RM 6.50.

Der in Berlin lebende russische Verfasser, ehemals
Kirchenrechtslehrer, gibt „keine Geschichte des russischen
Starzentums", läßt vielmehr eine Anzahl seiner wichtigsten
Vertreter von den Anfängen bis 1917, jeweils nach
einem kurzen Aufriß ihres Lebensganges, teils in ihren
eigenen Werken, teils in Zeugnissen der Zeitgenossen —
beides glücklich ausgewählt und vorzüglich übersetzt —
vor dem deutschen Leser erstehen. Vorausgeschickt ist
eine auf den Ergebnissen der orthodoxen russischen
Theologie (Minin, Ponomarow, P. Popow, Karsawin
u. a.) fußende Entwickelungsgeschichte des ^«xiio weu-
u<my.öc in der Ostkirche vom 4. Jahrhundert bis auf
Gregor Sinait. (Dazu und für die Fortsetzung in Rußland
ein „Stammbaum" im Anhang.) Die Wurzeln des
Starzentums in der Lehre vom Gebet und vom Gehorsam
und seine zentrale mystische Idee in dem von den Hagio-
riten zu höchster Entwickelung geführten Hesychasmu.s
werden aufgezeigt und in ihrer Fortbildung bis an den
Zeitpunkt der Aufnahme in Rußland (1. Hälfte des 15.
Jh.s) herangeführt. In der daran anschließenden „Entwicklung
" überschriebenen Zeit (ihr Hauptvertreter Nil
Sorskii •]- 1508) erscheint von kirchengeschichtlich besonderer
Bedeutung die Auseinandersetzung mit der politisierenden
Richtung der Hierarchie (Metropolit Daniel.
„Moskau, das Dritte Rom"), die mit einem Verzicht des
Starzentums auf Mitarbeit an der organisierten Kirche
endet, ein Ereignis, das eine Schwäche aufdeckte, die bis
zuletzt für das Starzenvum charakteristisch geblieben ist.
Erst nach mehr als 200 Jahren setzt nach Smolitsch die
„Blüte" ein (3. Kap.), als deren Vertreter die Starzen