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Ausgabe:

1938 Nr. 22

Spalte:

395

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Puttkammer, Gerhard

Titel/Untertitel:

Die Briefe an die Thessalonicher 1938

Rezensent:

Stelter, Hugo

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395

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 22.

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Mangel an Exaktheit: Nach S. 300 gibt es für I Ma „only two un-
cials (SA)"; nach S. 313 ist der Text jedoch „contained in thrte un-
cials (SAV) and in fifteen cursives", für die auf Holmes-Parsons verwiesen
wird: als wiese nicht Rahlfs' Liste mehr als 30 Hss für I Ma
nach (S. 387—90). — Ähnlich unbefriedigend ist auch die Belehrung
bei Jesus Sirach, mit dem sich Oe. doch schon früher literarisch befaßt
hatte. Bei der Frage nach der 2. griech. Übersetzung Gr. II und
der Sonderstellung des lat. Textes ist Smends so glänzende Arbeit eben
doch nicht mehr das letzte Wort. Oe.s vage Angabe, Gr. II sei „re-
flected, more or less", im Altlateiner und Syrer, und im Syrhex seien die
Zusätze aus Gr. II asterisiert, genügt in keiner Weise mehr: Hier war
Bericht und Auseinandersetzung mit den grundstürzenden Ergebnissen
de Bruynes in Rev. ben. 40 (1928) vonnöten. Dann wäre anstelle des
fatalen „more or less" ein ganz anders exaktes Urteil getreten. Zu den
Asterisken im Syrhex wäre, in Korrektur de Bruynes, darauf hinzuweisen
gewesen, daß wir es hier mit der gleichen sekundären Verwendung
zu tun haben, die Rahlfs in der Studie zu Ruth Kap. 2, § 3 erläutert
hat (vgl. Sp. 32 f. meiner Besprechung von BH 3 Heft 13): wie
in Ruth und Richter lucianische Zusätze, so ist in Sirach das Plus von
Gr. II unter mißbräuchlicher Weiterverwendung des Asteriskus gekennzeichnet
worden. Der Gebrauch des Asteriskus scheint zu zeigen, was
sich Syrhex dabei dachte: er behandelte die erweiterten Parallelvorlagen,
als wären sie aus 9Jt aufgefüllte Texte einer Septuagintakolumne des
Origenes. — S. 250 wird gelehrt, alle gr. Hss basierten auf dem Text
von Gr. II und seien erst nachträglich nach Gr. I hin durchkorrigiert.
Bei dem dafür zitierten Ryssel1 aber geht diese heutzutage ungeheuerliche
Annahme einzig auf die falsche Voraussetzung zurück, daß 248
als einzige gr. Hs die große Umstellung nicht mitmache. Da aber über
248 auf S. 249 richtig berichtet wird, so herrscht hier wieder Konfusion
, nur daß der H. Vf. nichts davon merkt. Zudem ist auch hier
durch de Bruyne eine ganz neue, Oe. offenbar unbekannte Problemlage
geschaffen. Ebenso wird in der theologischen Beurteilung Veraltetes
weitergeschleppt: Nachdem der Behauptung Harts in seiner Sirachausgabe
nach cod. 248 (1909), Gr. 11 sei „the Pharisaic recension of the
Wisdom of Ben Sira", Smend noch im gleichen Jahr das schwach
flackernde Lebenslicht ein für allemal ausgeblasen hat (ThLZ 34,
Sp. 633 f.), durfte sie nicht wieder ausgegraben werden

Die Vergleichung des Autorenregisters mit dem Text gibt an die
Hand, daß bei Herstellung des Buchs Versehen unterlaufen sein müssen.
Das Register nennt zu S. 167 Nestle, zu „244 ff." de Bruyne; jener
wäre in der Tat zur Frage der verschiednen Rezensionen des Buchs
Tobit, dieser zu den genannten Sirach-Fragen mit Gewinn zu zitieren
gewesen; Oe.s Text aber weist an den aufgeführten Stellen die durch
das Register angedeuteten Zitate nicht auf.

Alles in Allem ist der etwaige Gewinn aus Oe.s Buch äußerst gering
anzuschlagen.

I) Ebenso hätte Ryssels Bemerkung über den noch ungedruckten
syr. Text des Gebets Manasses (Ap. ed. Kautzsch I 168) als durch Nestle,
SSt III 15, erledigt gelten können. Gerade bei diesem Apokryphon Nestle
ganz unerwähnt zu lassen, verrät mehr insularity als üblich und tragbar.
Koblenz. Peter Katz.

Puttkammer, Liz. Gerhard: Die Briefe an die Thessalonicher

übers, und hrsg. Leipzig: G. Schloeßmann o. J. (88 S.) 8° ~ Bibelhilfe
für die Gemeinde, hrsg. von Erich Stange. Neutestamentliche
Reihe Bd. 12. RAI 1.70; geb. RM 2.50.

Puttkammer sieht die Thessalonicherbriefe vom Gesichtswinkel
der Mission her. Dadurch gewinnt er von
vorn herein die feste Position von der überzeitlichkeit
des Wortes Gottes — eine Feststellung, die uns heute
wieder von besonderem Werte ist. Damals wie heute und
wie immer die Schöpfungsordnungen: Judentum, Rasse,
Volkstum. Gegenüber so vielen mehr philologischen Auslegungen
stellt P. das spezifisch Christliche in den Vordergrund
, den eschatologischen Gedanken: Christus
kommt wieder. Von hier aus ergibt sich alles andere
von selbst: Verkündigung, Seelsorge, Stellung zu Verfolgung
und Leid, Kampf zwischen Christus^ und dem
Antichrist. So wird das alte Pauluswort lebendig — gegenwärtig
.

In der „Einführung" ist vom Missionscharakter der
Briefe die Rede und von ihrer Gegenwartsbedeutung.
Die eigentliche „Auslegung" erleichtert das Verständnis
durch prägnante Überschriften, wie sie für die „Bi-
belhilfe" charakteristisch sind. Im „Querschnitt" wird
in biblisch belegten Fundamentalsätzen von der „Hoffnung
im N. f." gehandelt.

Alles in allem eine wissenschaftlich begründete praktische
Auslegung,* die sich den bisher erschienenen Bänd-
chen der „Bibelhilfe" würdig an die Seite stellt.

Stettin.' Hugo Stelter.

Loisy, Alfred: La naissance du Christianisme. Paris, Emile
! Nourry 1933.

Das große Werk des französischen Gelehrten ist eine
I Art Zusammenfassung seiner Studien über einzelne Bü-
j eher des Neuen Testaments und eine Fortsetzung des
Buches über die Religion Israels. Es beruht auf den An-
i schauungen, die der Verf. dort begründet hat, und so
i wird man nicht erstaunt sein, hier chronologische Hypothesen
ohne weiteres vorausgesetzt zu finden, die den
meisten deutschen Lesern fremdartig erscheinen und bei
uns als Ergebnisse einer Hyperkritik angesehen werden.
Das gilt z. B. von der Beurteilung der Paulusbriefe
I als Kompilationen aus echten Stücken und Lehrabschnitten
, die eine spätere „Gnosis" verkünden. Die Folge
ist, daß das Paulusbild bei L. ziemlich blaß ausfällt und
mau in dein Kapitel über Paulus eigentlich nur Biographisches
diskutiert findet; übrigens auch dies gelegentlich
im Sinn einer Hyperkritik („ici l'imagiiiation du
redacteur se donne carriere et suscite ä Paul un neveu
j inattendu"). Und so kann auch von einem einigermaßen
I einheitlichen Paulusbilde nicht die Rede sein; die einzelnen
Fragmente jener Gnosis erscheinen als „choses
fort etranges" (über Rom. 5, 13 ff.) oder als „subtilites
oü ne manque pas toutefois le sens psychologique et l'in-
teliigence du devoir" (über Rom. 7,14—17).

Übrigens hat L. auch bei der Analyse der Lehre Jesu
nicht den Willen (oder sieht nicht' die Möglichkeit),
eine „Mitte" auszubilden. Ihm erscheint als Hauptsache
mit Recht die Ankündigung des Reiches Gottes,
aber die Spruch-Überlieferung setzt sich, so scheint es
ihm, doch ziemlich bunt aus rabbinischen Sentenzen und
anderem Gut zusammen. Davon, daß der Radikalismus
der Reiehs-Predigt auch die rabbinisch klingenden Sentenzen
auf eine andere Ebene hebt, weil sie nun mit
neuem Ernst und erschreckender Unbedingtheit dargeboten
werden, ist nicht die Rede.

Die Anlage des Ganzen ist mit der Sache gegeben:
Quellen, Botschaft Jesu, Jesus der Christus, Mission,
Paulus, Verfolgungen. Dann folgen, bevor das Ganze
mit Gnosis und Katholischer Kirche schließt, zwei schon
in ihrer Benennung äußerst bezeichnende Kapitel: „Le
mystere Chretien et ses rites" und „Les premieres
J theories du mystere" (hier werden die verschiedenen
„Gnosen" in den Paulusbriefen, Hebräer und Johannes
j behandelt). Es zeigt sich in der Anlage einmal, daß für
L. der Kult — und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes
, nicht in der bei uns gelegentlich gebrauchten Erweiterung
— im Vordergrund steht. Die Evangelien sind
für L. „des catechismes liturgiques", in den Ostergeschichten
zielt alles auf die Feier des Sonntags ab, das
Hohepriesterliche Gebet ist eine Art Abendmahlstext,
i Hier verbinden sich m. E. sehr richtige und immer wieder
zu erwägende Beobachtungen mit anderen, die man
gerade von der Religionsgeschichte her zu beanstanden
hat. Wäre z. B. die Tauferzählung, wie L. meint, „le
mythe d'institution du bapteme Chretien", (und nicht
die Initiation der Messiaswürde), so dürfte ein Hinweis
auf die neue Taufe, ein Befehl zu ihrem Vollzug
etwa, nicht fehlen. Trotz solcher Differenz scheint mir,
daß hier die interessanteste Seite der Darstellung zum
Vorschein kommt.

Aus den zitierten Kapitelüberschriften geht aber noch
ein anderes hervor: die besondere Bedeutung, die nach
L. das christliche Mysterium und der christliche „My-
| stizismus" hat. Dabei muß sich der deutsche Leser da-
; vor hüten, „interpretation mystique", z. B. bei den Deuteworten
des Abendmahls, als mystische Erklärung im Sinn
| unserer Terminologie zu verstehen. Für den Franzosen
ist „mystisch" bekanntlich der Gegensatz zu allem, was
nur vordergründlich ist und bezeichnet somit jegliche
I Art von Hintersinnlichkeit, auch wenn wir von Mehr-
: deutigkeit oder Symbolik reden würden. Hier wundert
man sich oft, wie stark französisch L. die Dinge nicht
| nur formt, sondern auch beurteilt, wie hoch das Eindeu-
) tige, Klare bei ihm in Kurs steht — und er will doch ein