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1938 Nr. 21

Spalte:

387-390

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Das Mittelalter 1938

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 21.

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Schutz zu verschaffen. Die Durchführung der Reformen
wirft zugleich ein Licht auf den Streit um die Kompetenzen
zwischen Kirche und Klöstern bzw. ihren Vertretern
in Bezug auf das Jurisdiktions- und Aufsichtsrecht sowie
auf die wechselnde Stellung der Renaissancepäpste in
diesem Punkt. Der Briefwechsel zwischen R. und der
Kurie und der Bericht über die Romreise des Prokurators
von R. zwecks Vertretung von Abteiinteressen bilden
einen schönen Beitrag zu den Beziehungen zwischen Rom
und den Niederlanden im Spätmittelalter.

Kloster Loccum. S. H ick mann.

Zwingiiana. Beiträge zur Geschichte Zwingiis, der Reformation und
des Protestantismus in der Schweiz, hrsg. vom Zwingliverein. Bd. VI,
Heft 8. Zürich: Berichthaus 1937. (S. 417—364) gr. 8°.

Zum Erasmusjubiläum bringt R. Liechtenhan
noch einen Nachtrag: „Erasmus von Rotterdams religiöses
Anliegen". Er zeigt unter Verzicht auf den Vergleich
mit Luther, wie für Erasmus die bona studia
zusammen mit der pietas evangelica die Philosophia
Christi bilden, wie die Ratio als göttliches Licht von
oben den Menschen erleuchtet und ihm das liberum
arbitrium gibt. L. zeigt, in welchem Gegensatz Erasmus
nicht bloß zu Luther, sondern auch zur Scholastik steht
durch eine Betonung der Ethik, die als militia Christi
gekennzeichnet ist. Dann beschreibt L. des Erasmus
Bemühen um die Bibel, die Einheit der Christen, die
Bekämpfung des Kriegs und das Ideal eines Fürsten.
Dem Scheitern seines Idealismus stellt L. das Gottver-
trauen des Erasmus gegenüber. E. Nagel untersucht
„die Abhängigkeit der Coverdalebibel von der Züricherbibel
" von 1531, vor allem nach der Seite der äußeren
Buchgestaltung. Es ist erstaunlich, wie stark Coverdale
neben Tindales Vorlage in der Anordnung der Reihenfolge
der biblischen Bücher und vor allem in den Summarien
die Züricher Bibel benützt hat. Wie weit diese
auf den englischen Text eingewirkt hat, ist noch nicht
untersucht. O. Farner macht aufmerksam auf ein
wiedergefundenes Autograph Zwingiis zu CR 92, 286 ff.
G. Kuhn schildert „Caspar Frantz als Pfarrhelfer in
Maur", der 1534 wegen seiner unbedachten Reden vom
Amt gewiesen wurde. „Zur Geschichte des 2. Kappelerkrieges
" teilt A. Largadier zwei Briefe des österreichischen
Prokurators Vyt Sutor vom 15. Sept. 1531
und eine Züricher Aufzeichnung vom 26. Dez. 1531 mit.
Stuttgart-Berg. G. Bossert.

Ritter, Gerhard: Die Heidelberger Universität. Ein Stück deutscher
Geschichte. 1. Bd. Das Mittelalter. (1386—1508). Mit 7 Tafeln.
Heidelberg: Carl Winters Univ.-Bchh. 1936. (XIV, 533 S.) gr. 8°.

RM 18.50; geb. 22—.

Die großen Universitätsjubiläen pflegen Universitätsgeschichte
zu gebären, aber daß Universitätsgeschichte
schreiben, eine dankbare Aufgabe sei, wird kaum jemand
zu behaupten wagen; teils liegt das am Stoffe, der nur
zu leicht in Lokalgeschichte, Organisationsfragen, unfruchtbare
Disputationen oder zwar amüsante, aber doch
wenig wichtige studentische Händel hineinführt, kurz,
der großen Linie entbehrt, teils und vor allem aber an
der Undankbarkeit des Lesepublikums, das derartige Festschriften
vielleicht kauft, namentlich wenn sie sich äußerlich
gut präsentieren, aber nicht zu lesen pflegt. Hoffentlich
bleibt die zur 550. Jahrfeier der Universität
Heidelberg auf Anregung und im Auftrag der Heidelberger
Akademie der Wissenschaften geschriebene Universitätsgeschichte
von Gerhard Ritter vor diesem Schicksal
bewahrt, wozu freilich auch gehören würde, daß
sie über den jetzt vorliegenden, von 1386—1508 reichenden
Band hinaus fortgeführt wird bis zur Gegenwart
oder wenigstens bis 1886; das leider übliche Mißgeschick
, daß Universitätsgesichichten „stecken bleiben",
nachdem das Fest, dem sie dienten, vorüber ist, möchten
wir gerade von diesem Ritterschen Werke ferngehalten
sehen. Es ist mit einer bewundernswerten Disziplinierung
des Stoffes, Einordnung des weniger Bedeutsamen und

j rein Lokalgeschichtlichen in größere Zusammenhänge,
und straffer Linienführung geschrieben; und die Grundlinie
ist eine politische, wir erhalten ein Stück nationaler
Geschichte, ich könnte auch sagen: Kirchengeschichte,
insofern die nationale Geschichte in dieser Periode we-

! sentlich durch die kirchlichen Verhältnisse bestimmt ist,
die natürlich nicht minder in die Details der Universitiits-
organisation und -Verwaltung (Besoldung durch Pfründen
, besondere Stellung der theologischen Fakultät u.

I dgl.) eingreifen. Das Alles ist in lebendiger, gewählter,

| aber nicht gezierter Sprache dargestellt, einprägsam in
den zusammenfassenden Formulierungen, sodaß die Spannung
des Lesers bis zum Ende nicht nachläßt. — Wir
heben aus dem überaus reichen Inhalt einige Momente

j heraus.

Das deutsche Universitätswesen ist von Laienhänden
der Kirche geschenkt worden, aber durch den Landes-

: fürsten des Territorialstaates, nicht durch die Ratsherren
deutscher Städte. Handelte es sich zunächst um Übertragung
der französischen Vorbilder auf deutschen Boden
, so ist für Heidelberg das unmittelbare Vorbild die
Gründung von Prag gewesen, und die böhmischen Verhältnisse
spielen weit in die Heidelberger Universitätsgeschichte
hinein. Der Pfälzer Ruprecht I stand in
enger persönlicher Fühlung mit Karl von Böhmen. Aber
das war natürlich nicht entscheidend, sondern die Politik
: die Gründung der Universität Heidelberg war eines
der Mittel, durch die der werdende moderne Territorialstaat
sein geschichtliches Daseinsrecht erwies, und das
kirchliche Schisma, das den deutschen Studenten das
Studium in Paris unmöglich machte, gab den entscheidenden
Anstoß. „Was Paris verlor, gewannen die Deutschen
mit einem Male an geistigen Kräften wieder." Die
Universität Heidelberg ist von Anfang an ein Sammelpunkt
der durch das Schisma aus Frankreich vertriebenen
Deutschen gewesen, zugleich ein Bollwerk des
Deutschtums gegen die französische (päpstlich-französische
) Propaganda Clemens' VII im Westen des Reiches
. Der Augenblick war um so günstiger gewählt,
als im Osten Prag durch den Kampf der Slawen gegen
die Deutschen seine Bedeutung langsam einbüßte. Prager
kamen nach Heidelberg, Lehrer, Magister, Bakkalare,
Scholaren, darunter ein Konrad von Gelnhausen, Konrad
von Soltau, Matthäus von Krakau, Nikolaus Magni
von Jauer — im „großen Kurtz" pflegte man sie unter
den Vorreformatoren zu lernen —, mit der überragenden
Persönlichkeit des ersten Rektors, Marsilius von Inghen
setzte die lang laufende Linie der Beziehungen Heidelbergs
zu den Niederlanden an. Aber das mußte Alles
erst gesammelt werden, bei der feierlichen Eröffnungsmesse
am 18. Oktober 1386 waren drei Lehrer zugegen
, darunter kein Deutscher! Irgend ein Gegensatz
zwischen weltlicher und geistlicher Gewalt lag nicht vor,
die Universität empfindet sich ganz als geistliche Korporation
, der herrschende Geist ist durchaus kirchlich, die
Professoren sind Kleriker, Kanoniker des Heiliggeiststif-
tes, und genießen als solche das Privileg der Exemtion
von der Gerichtsbarkeit der Ordinarien. Auch dem
Kanzleramte darf der kirchliche Charakter nicht abgestreift
werden, der erste Kanzler Konrad v. Gelnhausen
wurde nicht vom Landesherren ernannt, sondern durch
den Papst berufen; immerhin das Amt war entwicklungsfähig
, weil es eine Aufsichtsinstanz über den Professoren
war, ist aber in Heidelberg zunächst bedeutungslos
gewesen. Für die weitere Entwicklung der Universität
ist die Konzilsbewegung des 15. Jahrhunderts wertvoll
geworden. Von dem ursprünglichen Gegensatz der
Kurpfalz zu Frankreich her organisiert Heidelberg den
Widerstand gegen die Konzilsbewegung; der als deutscher
König in bösem Gedränge sitzende Pfälzer Ruprecht
hätte seinen deutschen Gegnern nur die erwünschte
Gelegenheit geboten, auch noch kirchenpolitische Waffen

j gegen ihn ins Gefecht zu bringen, wenn er sich den

! papstfeindlichen Tendenzen Frankreichs angenähert hätte.

j Der deutsche König reagiert gegen die drohende Über-