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Ausgabe:

1938 Nr. 21

Spalte:

377-378

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hempel, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Mehrdeutigkeit der Geschichte als Problem der prophetischen Theologie 1938

Rezensent:

Schmökel, Hartmut

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Seite 1

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377

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 21.

378

Außerdem bietet das Buch weniger bekannte und bemerkte
Einzelheiten. Als solche möchte ich noch das
Urteil von S. 260 anführen: „die Samarier stehen vor
ihrer baldigen Auflösung im jüdischen Volk." Diesem
Bande sind 2 Karten aus Guthes Bibelatlas und ein Anhang
von 15 Tafeln mit guten einschlägigen Abbildungen
beigegeben. Im ganzen ein Buch, das von Gestaltungskraft
zeugt, und das auch in diesem seinem zweiten
Teil wie schon im ersten selbst da nicht ungern
und mit Nutzen gelesen werden wird, wo das Urteil
des Lesers von dem des Verfassers, der zu erzählen versteht
, abweicht.
Goslar a. H. Hugo Duensing.

Hempel, Johannes: Die Mehrdeutigkeit der Geschichte als
Problem der prophetischen Theologie. Güttingen 1936. (44 S.)
Er. 8° = Nachrichten v. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Rel. Wiss.
N. F. I, 1. RM 3—.

Von einer vergleichenden religionsgeschichtlichen Umschau
aius erhebt Hempel die Frage nach der Geschichtsdeutung
in Israel und nach den besonderen Vor- i
aus Setzungen, die hier vom Jahweglauben her für eine i
Stellungnahme gegenüber der Mehrdeutigkeit des Ge- '
schehens und für die Versuche zu ihrer Überwindung j
bestanden. Vf. praezisiert die Versuche Israels und zumal
seiner Prophetie, das Geschehen dieser Welt, die
Geschicke des Volkes und die Taten der fremden Nationen
unter einen klaren Generalnenner zu bringen,
einmal auf das Wunder, zum anderen auf das göttliche
Wort.

Das Wunder muß zunächst den rniteingewanderten
Wüstengott Jahwe als neuen Herrn auch des Kulturlandes
erweisen, kann aber auf die Damer den Gegenbeweis
der Geschichte gegen die Göttlichkeit Jahwes nicht entkräften
, zumal ja auch die heidnischen Götter Wunder
tun und somit letztlich das Wunder zur Mehrdeutigkeit
der Geschichte selbst beiträgt. So muß ein Gesamtverständnis
des Wunders von der Geschichte her einsetzen:
Der Auszug wird im Passahmahl beständig neu erlebt
und als das entscheidende Gotteswunder gefeiert. Jahwe
wird Gott des Kulturlandes und übernimmt damit mannigfache
Züge der seßhaften Religion; er wird der
Weltschöpfer und Weltherrscher, der seine Macht beliebig
an die Völker verteilen kann. So scheint der Zwiespalt
zwischen Jahwes Macht und den Siegen der Heiden
Gelöst, in der Tat aber ist das Problem nur verschoben.
Denn nun erhebt sich um die Stellung des Jahweheiligtums
eine neue Schwierigkeit. Das Wunder braucht die
heilige Stätte. Silos Zerstörung muß als schwerste Belastung
empfunden worden sein; das Wunder des Jahres
701, von Jesaja prophezeit und gedeutet, ist
erneuter Glaubensbewers, aus dem sich nach dem gewaltigen
Bruch des Exils das alte Vertrauen ungeschwächt
zu erheben vermag. Freilich, der Jesaja von
701 spricht nicht für die Hochprophetie insgesamt, denn
an sich ist es gerade die Prophetie — und nicht zum
wenigsten Jesaja selbst —, die den neuen Weg zur ein-
linigen Deutung des Weltgeschehens erlebt und betritt.

Das geschieht im Empfang des Wortes, das als unbedingte
, aus der Transzendenz kommende Realität erlebt
wird. Von ihm erwartet man nun die jahwistische |
Sinngebung der Geschichte. Was Jahwe spricht, das
trifft ein — man sucht das durch Aufzeichnung des ;
Spruches vor Zeugen juristisch einwandfrei nachzuweisen
—; umgekehrt geschieht nichts ohne vorherige Ankündigung
an die Propheten (Anm. 3,7). Nur zu bald
erheben sich aber auch hier die Schwierigkeiten: Wie
steht es mit sich widersprechenden „Worten" von
„Propheten", wie unterscheidet man den echten vom falschen
Propheten, wie schließlich begegnet man der im
empfangenen kurzen Gotteswort selbst wohnenden Mehrdeutigkeit
? Nicht immer ist eine „authentische Interpretation
" durch den Propheten selbst möglich oder vorhanden
. Mag der Prophet selbst aus seinem eigensten
Erleben heraus um die Eindeutigkeit der Geschichte wissen
— für die Gesamtheit ist auch das „Wort" nicht in

der Lage, eine solche zu schaffen. Denn sogar die
prophetische Gewißheit selbst wird durch das diesseitige
Geschehen nicht selten zerstört, ja, die Propheten
nehmen unter Gotteszwang eigenes Jahwewort zurück
(Jes. 38,4ff.)! So erkennt die Prophetie in einer gewissen
Resignation, daß auch das Gotteswort selbst
kein magischer Spruch, keine unwandelbare Größe ist,
sondern aus dem verschiedenartigen Wege Gottes sich
gebiert. Gottes Ratschluß kann sich ändern, Gottes
Gnade des Propheten Fürbitte erhören. Wenn Vf. so
als Abschluß seiner Untersuchung den sich ergebenden
Verzicht auf eine Lösung der „Mehrdeutigkeit" nennt,
der — neben einer spät gewagten dualistischen Lösung
— etwa im Qohelet erscheint, so tut er auf der anderen
Seite Recht daran, als irrationale Lösung das „Schauen
jenseits der Zeit" zu nennen, jenes gläubige Aufsehen
der Frommen zu Gottes unerforschlichen Wegen in Gericht
und Heil, das sich gerade aus der Vieldeutigkeit
der Geschichte und aus der Bescheidung mit ihrem Erkennen
als ewiger religiöser Gewinn ergibt.

Damit liegt in der Untersuchung Hempels eine psy-
chologisch-geistesgeschichtliche Studie vor uns, die in
feinsinnigem Eingehen auf die Mittel, den Grad und die
Art der israelitischen und vor allem der prophetischen
Geschichtsdeutung einen bestimmten Bezirk der religiösen
Problematik des AT. erhellt und in den Grundgegebenheiten
wie den sich weiterhin entwickelnden Folgerungen
und Erkenntnissen klarstellt. Im Einzelnen
mag dies und jenes anzumerken sein: So erscheint (S.
40 f.) die Deutung von Jes. 28, 23 ff. lediglich auf das
Begreifen des zweckhaften göttlichen Willenswechsels zu
dürftig angesichts der Möglichkeit, hier ein Gleichnis zu
sehen von Jahwes Walten in der Geschichte, das die
wertvollen frommen Teile unter den Völkern, Israel
voran, besonders hart und schwer läutert und so zu seiner
Edelsaat macht die Annahme eines bestimmten Einflusses
der Weltperiodenlehre auf Israels religiöses Denken
(S. 6) wäre stärker zu unterbauen gewesen; in
Ps. 2, 6 (S. 38) ist „ich habe gefürchtet" falsch (oder
Druckfehler?). Des Vf.'s an sich dankenswerte Gewohnheit
, zu allen angerührten Fragen jeweils grundsätzlich
Stellung zu nehmen, erleichtert nicht gerade die Lektüre,
vermittelt aber für diese Mühe vielseitige Anregungen
und Hilfen, wie ja auch die Reichhaltigkeit der Zitierungen
in Hempels Arbeiten stets eine fast ausschließliche
Bibliographie des — im weitesten Sinne — einschlägigen
Schrifttums darbietet. Die kritische, klare und saubere
Untersuchung bedeutet eine begrüßenswerte Bereicherung
der Forschungen über Voraussetzungen, Weg und Ergebnis
der prophetischen Theologie.

Kiel. Hartmut Schmälte 1.

Zerwick, Max, S. J.: Untersuchungen zum Markus-Stil. Ein

Beitrag zur stilistischen Durcharbeitung des Neuen Testaments. Rom :
E. Pontificio Instituto Biblico 1937. (XII, 145 S.) 8° = Scripta Ponti-
ficii Instituti Biblici. Lire 38—.

Als Stil bezeichnet der Verfasser das Gebiet, das zwischen
dem Grammatisch-Lexikalischen und der Erzählungsform
und Erzählungstechnik liegt. In seiner Arbeit
, die ursprünglich eine philosophische Dissertation
der Universität Wien darstellte, will er dieses noch fast
garnicht bearbeitete Gebiet für das Markusevangelium
in Angriff nehmen. Seine Methode ist nicht bloß statistisch
, sondern er geht den vermutlichen inhaltlichen
Gründen für die stilistischen Tatsachen nach, vermeidet
aber zu weitgehende Schlüsse. Für das Vorkommen von
öe statt Koi am Satzanfang nimmt er das psychologische
Moment des Nachdruckgebens in Anspruch. Der relativ
seltene Gebrauch der indirekten Rede findet sich im
ganzen Evangelium in gleicher Weise, sodaß sich stilistisch
keine Quellen erkennen lassen. Es werden weiterhin
der Gebrauch der Tempora und die Wortfolge untersucht
, wobei wieder in erster Linie Gründe der inhaltlichen
Betonung für die Abweichungen vom durchschnittlichen
Stil des Markus genannt werden. Bei alle dem