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Ausgabe:

1938 Nr. 20

Spalte:

357-359

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dietrich, Erich Kurt

Titel/Untertitel:

Die Umkehr 1938

Rezensent:

Duensing, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 20.

358

Dietrich, Pastor Dr. theol. Erich Kurt: Die Umkehr (Bekehrung
und Buße) im Alten Testament u. im Judentum bei bes. Berücksichtigung
der neutestamentlichen Zeit. Stuttgart: W. Kohlhammer
1936. (XIX, 460 S.) gr. 8°. RM 24-.

In diesem Werk wird sprachlich die These verfochten,
daß die Ausdrücke, welche man sonst teils mit Bekehrung
und Buße, teils mit Reue und Sinnesänderung übersetzt,
samt und sonders mit umkehren bzw. Umkehr wiederzugeben
seien. Das gilt nicht nur für das hebräische
schub, sondern auch für das griechische metanoein und
das rabbinische 'asa teschuba. Die Umkehr wird durch
das ganze A. T. verfolgt, ihre Grundlage gefunden in
dem LJinkehrerlebnis, das schon an der Figur Abrahams
festzustellen und mit der mosaischen Religionsstiftung
und insbesondere mit dem 1. Gebot zusammenhängen
soll. Es werden dann einige Stellen in den ältesten
erzählenden Abschnitten besprochen, wo die Umkehr
im Gegensatz zum Götzendienst, aber auch als reuevolle
Abkehr eines Einzelnen von einer bösen Tat erscheint.
Die weiteren Hauptetappen bilden die Propheten der
assyrischen Periode, die Zeit der josianischen Reform
und die babylonische Periode. In einem II.Teil wird der
Sprachgebrauch der Septuaginta behandelt, in einem III.
die Umkehr durch die Apokryphen und Pseudoepigrapben
verfolgt, ein IV. Teil beschäftigt sich mit Philo, ein V.
mit Josephus, und der VI. und letzte Teil behandelt
die Umkehr in der rabbinischen Literatur, wozu als Anhang
die rabbinischen Stellen im chronologischen Aufbau
gefügt werden. Die Propheten der assyrischen Periode
fassen die Umkehr vom Wesen Gottes her auf
und fordern einen religiös-ethischen Umbruch des inneren
Seins und des äußeren Tuns. Die josianische Reform
brachte die Gefahr mit sich, daß das Volk meinte,
mit der Abschaffung des Götzendienstes und der Zentralisierung
des Kultus der Forderung der Propheten Genüge
geleistet zu haben. Die Gefahr der Gesetzesreligion
tritt damit auf, und die geistige Grundlage für das mechanische
Schema der deuteronomistischen Schule: Sünde,
Strafe, Umkehr und Heil ist damit geschaffen. Unter den
Propheten der babylonischen Periode werden Habakuk,
Jeremia, Hesekiel und Deuterojesaja behandelt. In dieser
Periode bilden Jeremia und Deuterojesaja die höchste
Höhe. Bei Hesekiel und den Deuteronomisten sind leise
Verfallsanzeichen zu bemerken. Sie stellen nicht mehr
den rein prophetischen Typus der Umkehr dar, bei dem
eine wahrhaft innere, schließlich als Gottes Werk erscheinende
Umkehr des Einzelnen oder wie bei Deuterojesaja
sogar universaler Art erscheint, sondern sie stellen
den prophetisch-gesetzlichen Typus dar, bei dem die
Umkehr auch vom Gesetz her mit Einschluß der kultischen
Bestandteile gefaßt wird. Bei Hesekiel hat der
Gottlose die Umkehr nötig. Das individuelle Vergeltungsschema
bringt eine Verflachung mit sich. In den
späteren Schriften des A. T. gehen beide Strömungen, die
prophetische und die gesetzliche Auffassung, nebeneinander
her, wobei bald die eine, bald die andere die
Oberhand hat. Nirgendwo ist allein die prophetische
Auffassung in reiner Ausprägung vertreten. Was ein
Hosea, Jesaja und Jeremia, auch noch Deuterojesaja
gefordert hatten, wirkte zwar fort, wurde aber durch
verunreinigende Momente von seiner Höhe herabgezogen.
In V Exkursen werden mit der Umkehr zusammenhängende
Fragen behandelt, so: die zur Umkehr bewegenden
Mittel im A. T., die kollektive und individuelle Umkehr
im A. T., die bewirkende Ursache der Umkehr im
A. T., das Verhältnis der Umkehr zu Heil und Unheil
im A. T. und schließlich die universale Umkehr im A. T.
Der II. Teil, welcher den Sprachgebrauch der Septuaginta
behandelt, bezieht auch die anderen griechischen Ueber-
setzer des A. T. in die Erörterung ein und legt den
Sprachgebrauch von metanoein in der Profangräzität dar
mit dem Ergebnis, daß hier die einschlägigen Worte
keine so starke religiös-sittliche Färbung haben, wie sie
sie im hellenistischen Judentum erhalten haben. Im III.
Teil wird festgestellt, daß der alttestamentliche Gedanke

der Umkehr seine gradlinige Fortsetzung in den Apokryphen
und Pseudoepigraphen finde. Der
Inhalt der Umkehr wird vom Gesetz her bestimmt, ja es
tritt die gänzliche Veräußerlichung der Umkehr auf, bei
der die äußerlichen Zeremonien betont werden. Die Umkehr
wird zu einer selbstauferlegten Strafhandlung, und
als neues Moment wird die Umkehr zur Erwartung des
ewigen Lebens in Beziehung gesetzt. Eine im Judentum
alleinstehende Figur ist Philo, der, wie der IV. Teil ausführt
, die Umkehr mit griechischen Elementen auffüllt,
sodaß sie zu einer Abkehr vom untugendhaften Denken
und Leben und einer Zukehr zur Tugend, einer Abkehr
vom unharmonischen und einer Zukehr zum harmonischen
Leben wird. Sie erscheint als ein Gut zweiten
Grades. Der Gedanke der Umkehr wird außerdem
durch die Lehre vom allmählichen Aufstieg zur Vollkommenheit
paralysiert. Auch Josephus findet eine
Würdigung, deren Ergebnis der V. Teil dahin festlegt,
daß er selbst zu dem Typus des Pharisäers rechnet,
der eine Umkehr nicht nötig hat und daß darum in seinen
Schriften die metanoia keine wesentliche Roile spielt.
Der IV. Teil, welcher die Umkehr in der rabbinischen
Literatur behandelt, bringt im Wesentlichen
dasselbe Material in derselben Beurteilung, wie es der
Aufsatz von Montefiore in der Jewish Quarterlv Review
„Rabbinic coneeptions of repentance" vol. XVI Seite 208
bis 257 vorführt. Dieser Aufsatz erscheint nicht in der
von dem Verfasser angegebenen Literatur; sein Gesamturteil
würde er sich aber aneignen können, weil es
mit dem seinigen übereinstimmt. Es lautet Seite 211
„auf den verschiedenen Auffassungen von Gott und seiner
Beziehung zum Menschen, die in der hebräischen
Bibel sich finden, wurde die unsystematische und widerspruchsvolle
Religion der Rabbinen errichtet. Was wir roh
die priesterlichen und prophetischen Elemente des A. T.
nennen, erscheint beides in der talmudischen Religion
in einer mehr oder weniger glücklichen Harmonie."

Die Arbeit des Verfassers will nicht nur die neu-
testamentliche Zeit besonders berücksichtigen, sondern
rückt manches zu schnell und zu nahe an das N. T. heran
. Kaum ist das Umkehrerlebnis der mosaischen Periode
und das 1. Gebot als richtunggebend für das
Verständnis des Umkehrgedankens herausgestellt, da will
der Verfasser Seite 36 schon zeigen, daß die ßanileia xüiv
oüoavöiv ihren letzten Keim im 1. Gebot hat und zeigt,
daß die neutestamentliehe Verknüpfung zwischen ßaadeia
xoO fteoü und der Umkehrordnung notwendig ist. Die
Ausführungen über die Frage der Gefahr des Ausruhens
auf der Gnade Seite 158/159 sind vom N.T. her konzipiert
. Seite 160 ist der Satz zu lesen: „Das A.T. kennt
genau so die zuvorkommende Gnade, wie das N. T. die
Forderung zur Erlangung des Heils." Seite 214 lesen
wir, daß Jesus auf den rein prophetischen Typus der
Umkehr zurückgegriffen hat „und ihn kraft seines Gottseins
zur Vollkommenheit gebracht". Aehnlich lesen wir
Seite 426: „Nur Jesus hat wieder ganz radikal Ernst
mit der prophetischen Forderung gemacht und sie kraft
seines Gottseins mit unübertrefflicher Kraft gefüllt."
Das sind Urteile, die über den Rahmen des rein Historischen
hinausgehen und ein Bekenntnis enthalten. Diese
ganze Einstellung ist deshalb nicht überraschend, weil
die vorliegende Arbeit die Grundlage für den neutestamentlichen
Gedanken der Umkehr darbieten will (nach
S. 2). In folgenden Sätzen ist eine Selbstcharakteristik
des Verfassers und seiner Arbeit ausgesprochen: „Religionsgeschichtliche
Parallelen stehen außerhalb der uns
gestellten Aufgabe." (S. 4). „Literarkritische, textkritische
und ähnliche Erwägungen stehen außerhalb des
eigentlichen Bereiches unserer Untersuchung." (Seite 4)
„Dem für ,unecht' erklären wie auch den Quellenhypothesen
gegenüber nehme ich im allgemeinen eine skeptische
Stellung ein." (Anm.1 S. 4) Die rein historische
Darstellung wird vom Verfasser hie und da verlassen und
predigtartige, erbauliche Ausführungen wie Seite 183
oder von Seite 184 zu 185 treten auf. Die Darstellung