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Ausgabe:

1938 Nr. 18

Spalte:

333-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wust, Peter

Titel/Untertitel:

Ungewissheit und Wagnis 1938

Rezensent:

Piper, Otto A.

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 18.

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waren die Kräfte des Verfalls übermächtig geworden. . Problem nur von außen behandelt; es ist eine Art Selbst-
Der Tod B.s bedeutete das Ende des fränkischen König- j biographie eines Mannes, der die Sicherheit in der Un-
tums von Jerusalem. Gegen das durch Nachfolgestreitig- gesichertheit" entdeckt hat, der aber eben deshalb auch
keiten noch mehr geschwächte Reich holt Saladin zum | aufs stärkste durchdrungen ist von der Unsicherheit
entscheidenden Schlage aus. 1187 fällt die heilige Stadt I in aller Gesichertheit.

in seine Hand. Mit dem Ausblick auf den 3. Kreuzzug In einfach-klarer Darstellung und in festem systema«

schließt der 2. Band. | tischem Aufriß verfolgt Wust das Problem auf den

Die Fülle des Stoffes hat die Leichtigkeit der Dar- ; drei „Ebenen" der Schicksalsbedrohtheit, der philosophi-
stellung nicht beeinträchtigt. Situationen und Personen [ sehen Ungewißheit und der Heilsunsicherheit. Im Mitsind
lebendig und farbig gezeichnet. Gr. ist wissen- ; telpunkte steht, wie das bei einem Philosophen ver-
schaftlich schwer gerüstet. Die Darstellung ruht auf I ständlich ist, das philosophische Gewißheitsproblem (S.
einer umfassenden und intimen Kenntnis der Quellen 125 ff.), und W. scheint mir da ganz besonders glücklich
und der französischen Literatur. Die außerfranzösische in seinen Formulierungen und Argumenten zu sein.
Forschung wird freilich nur in geringem Maße verwertet. | Er zeigt die seltsam-widerspruchsvolle Doppelheft auf,
Unter den Quellen wird das Werk Wilhelms von Tyrus i die den Erstprinzipien anhaftet: sie sind unmittelbar
— zumeist in der airfranzösischen Übersetzung a cause ! evident, und doch können sie in ihrer unbedingten Gül-
de sa belle langue zitiert — L'estoire de Eracles, bevor- tigkeit angezweifelt werden, und das wird immer ge-
zugt, das fast auf jeder zweiten Seite in einem kür- , scherten. Freilich, diese Sachlage ist nur für den verwun-
zeren oder längeren Zitat zu Worte kommt. Die tables derlich, der die Philosophie mit der Mathematik verde
matieres sind im Aufbau klar und einfach und zu- | wechselt. Aber Philosophie hat es nicht mit den Axiomen
gleich sehr ausführlich. Sie müssen uns die Register ! unseres Geistes zu tun, sondern mit Wirklichkeiten,
ersetzen, die in diesem wie in den meisten französischen Sie fordert deshalb Hingabe an das Sein und Selbstein-
Werkeu fehlen. Dankenswert sind die klar und über- | satZj nicht nur Hingabe an das Philosophieren. Der
sichtlich gezeichneten Karten und genealogischen Tabel- j Uigegensatz von Selbst und Sein scheint eine Bedrohung
len. Über Einzelfragen unterrichten sechs Anhänge. | des Selbst in sich zu schließen: wie kann das Ich es
Gr. hat die Geschichte der Kreuzzüge vor allem als j selbst sein, wenn es gleichzeitig von einem anderen

Geschichte der machtpolitischen und kriegerischen Ent
Wicklung im Orient dargestellt. Sein Werk ist fast
eine nachträgliche ungemein aufschlußreiche, mit Einzelheiten
gesättigte Kriegsberichterstattung zu nennen
und wird als solche für die weitere Forschung wohl
unentbehrlich sein. Er hält sich im wesentlichen auf dein
Kriegsschauplatz auf, faßt die Gegner und die Kräfteverteilung
ins Auge, berichtet über die Kämpfe, vermerkt
die Gebietseroberungeii und -Verluste und schildert das
Entstehen und Vergehen von Staatsgebilden. Die Problematik
des Kreuzzugsgedankens wird von Gr. überhaupt
nicht behandelt,'die der Idee des Königtums von

Sein abhängt? Wust zeigt, wie hier dem Ich zwei Möglichkeiten
offenstehen: sich trotzig gegen das Sein zu
verschließen und zu behaupten, es gäbe nur das Ich
oder die Vernunft, oder aber es auf die Möglichkeit
der Intelligibität eines an sich ichfremden Seins hin zu
wagen.

Das philosophische Problem aber ist nach W. deshalb
so zentral, weil es nach der einen Seite verknüpft ist
mit den Nöten, die sich dem Menschen aus seiner naturhaften
Existenz ergeben, und auf der anderen Seite
hinweist auf das Heilsproblem als den letzten Ursprung
aller philosophischen Problematik. Denn im Naturhaften

Jerusalem nur gestreift Mar, hätte von dem Vf. gern ^srn^i^aii^^e^Zuö ^Schick

etwas mehr über Wurzel und Wesen der Kreuzzüge er
fahren als nur dieses, daß bereits Byzanz im 10. Jahrhundert
Kreuzzüge geführt habe und daß die Kreuzzüge
des Abendlandes eben nichts anderes seien als eine Fortsetzung
des byzantinischen Kampfes zu dem Zweck, daß
die frommen christlichen Wallfahrer ungekränkt und
ungestört an den heiligen Stätten anbeten können. Weil

sal bedroht; darin liegt seine unaufhebbare Not. Der
Mensch würde diese aber nicht so tragisch nehmen,
wenn es dabei nur um sein Glück ginge. Tatsächlich
aber sind die Unstimmigkeit und Unbeständigkeit der
Welt als das schlechthin Irrationale bereits eine Bedrohung
unseres Daseins als Vernunftwesen. In seiner
Einstellung zum Schicksal muß der Mensch sich des-

~..s^^. .. ------p— — - . i7ä_jä-„».,„h '-»""viiiuig zum oLiiicivaai rnuii cier mensen sicli des-

das fränkische Königtum von Jerusalem im Vordergrund ha]b schon dfc Frage beantworten. ,• ,f dgm Qan7en

der Kreuzzugsgeschichte steht, kommen deren n inei- ejn Ursinn zl,grunciie) oder ist es UrzufalP

gründe ein wenig zu kurz. Das Jedoch wird den, Leser Auf ^ ^ ^ ^ ^

dieser beiden Bande sehr eindrücklich wden, dali die w_ m|f NotWendigkeit zum Gottesproblem, d. h. zur

politische Geschichte der Kreuzzuge im Orient, n nd J , F)age nad) ^ Vollkommenheit des Seins. Da-

vielgestaltig, verwickelt und spannungsreich in den ; mjt ^ ^ sje mr p ^ ^

Situationen wie in den handelnden P^ ^defi Sr Religiösen ist der Mensch in keiner grundsätzlich bes-

dritte Band wird gewiß die Vorzuge der be.de«i hier De seren ^ auf ^ ^ Lebensebenen. Denn

snrochenen aufweisen die ungeheure MatenalfflHe und ; ^ önliche Qott der uns •„ der Offenbarung an-

d,e farbige Emzelschilderung sodaß Wff n Uar ^ v«rfaQllt sich uns dadurch zugleich, wenn wir

Stellung ein Standardwerk fe.^^.^,*^™ uns ihm nicht im Wagnis der Liebe hingeben- ferner

Schreibung der Kreuzzuge zu besitzen uns freuen können, i kann die 0ffenban,ng ^ottes ffl ,hrer ko.fti,°™n J^/.

Greifswald. _Eger- j schichtlichen Erscheinungsweise nur dann für uns Glau-

—----- 1 bensnorm sein, wenn wir es wagen, die rechte AusWust
, Peter: Ungewißheit und Wagnis. Salzburg und Le,p»B: ; legung einer autoritativen Instanz zu überlassen: und
Anton Pustet, 1937. (317 s.) 8. ^ i schließlich kann es auch keine absolute Heilsgewißheit
Das Gefühl der Ungesichertheit des menschlichen , geben> weU der Mensch trotz seiner ten Werke nicht
Daseins, das der protestantischen Theologie und der , absolut wissen kann, ob er sein Ziel erreichen wird
modernen Philosophie der Nachkriegszeit so weithin (S. 239). Der Einzelne hat lediglich die allgemeine Gna-
das Gepräge gegeben hat, hat auch vor den 1 oren der denzusage und muß in „hoffender Gelassenheit" alles
katholischen Kirche nicht Halt gemacht. Wenn auch in Qott selbst überlassen. So ist, wie in der antiken Philoder
eigentlichen Theologie noch nicht viel davon zu ver- sophie und bei Thomas Aquinas, Weisheit die Krone
spüren ist, so macht es sich doch bereits in den Grenz- alles menschlichen Tuns. Sie wagt auf das Minimum
gebieten der Metaphysik und der Religionsphilosophie der menschlichen Sehfähigkeit das Maximum des Glaubens
an die universale Ordnung. Und das bedeutet ein
Maximuni der Ehrfurcht, ein Maximum der Demut, ein
Maximum der Liebe." (S. 294). Freilich, hier zeigt
sich auch das Paradox von Freiheit und Gnade. So

stark bemerkbar. Neben Scheller und Przywara hat nun
auch der Münsterer Philosoph Peter Wust ihm seine
besondere Aufmerksamkeit zugewandt, oder vielleicht genauer
, ihm Ausdruck verliehen. Denn das vorliegende

Buch ist nicht eine akademische Abhandlung, die das | sehr diese Weisheit Selbsteinsatz ist," so "ist sie doch

nur