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Ausgabe:

1938 Nr. 18

Spalte:

332-333

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

L'anarchie musulmane et la monarchie franque 1938

Rezensent:

Eger, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 18.

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von S. von Hinweisen auf die Mystik wie mit einem roten
Faden durchzogen. Schon jenes Urerlebnis Luthers: durch
Tod zum Leben rückte ihn in die Nähe Bernhards. Spuren
einer mystischen Psychologie treten dazu (20). Deutlicher
wird die Verwandtschaft in der Fassung Christi als des
Wortes Gottes: hier klingt die augustinisch-mystische
Linie vom innern Wort hervor, nur in modificierter Form
(57), wie überhaupt den psychologischen Begriffen Luthers
einmal gründlich nachgegangen werden sollte; wertvolle
Einzelausführungen bietet S. durch sein ganzes
Werk hin. Aus dieser Sphäre bekommt auch das äußere
Wort für Luther seinen überirdischen Glanz, wie es Vogelsang
(Luther-Jahrbuch 1937, S. 52) absolut treffend ausdrückt
: „alles was die Mystik über den Geist und das
innere Wort gesagt hat, hat Luther dem äußeren Wort,
mit dem das innere Wort geschenkt wird, zugeschrieben
". Wort, Geist, Glaube und dennoch Mystisches: ohne
diese Verschmelzung ist Luther einmal nicht zu verstehen
, bleibt bei ihm die Geburt des Sohnes, des verbum
increatuin, in der Seele und die Wiedergeburt des Menschen
in Gott, ohne Wunsch, Wissen und Sein, etwas
Unbegreifliches (93. 156).

Am sprödesten gegenüber dieser Verschmelzung bleibt
in. E. die Ubiquitätslehre Luthers, obwohl sie für S. zum
Großartigsten und Tiefsinnigsten gehört, was Luther gedacht
hat (330). Es bleibt nun einmal der Hiatus zwischen
dem noch so allmächtig, weltdurchwaltend gedachten
geistleiblichen Christus und dem einfachen Vergebungswort
; man kann hier auch nicht beides identifizieren:
der leibliche Christus ist das Wort. Luther stellt im
Abendmahl beides in Gegensatz: nicht Leib und Blut,
sondern das Wort tröstet.

Andere wichtige Fragen müssen hier übergangen werden
. Das Bild der Christologie Luthers, das hier mit
einer Fülle von Material im sorgsamsten Aufsuchen der
Gedankenfaden und ihrer Verzweigungen ausgebreitet ist,
zeigt den christo/.eutrischen Charakter dieser Theologie
in ihrem ganzen Umkreis.

Zum Stil der ganzen Arbeit Seebergs wäre noch zu
sagen, daß sie 1) den Spiritualismus in Luthers Theologie
hervortreten läßt als das Ademetz, das das dogmatische
Gewebe durchblutet, von der Psalmenvorlesung
bis zum Ende hin. Nirgends ist das Objektive aufgelöst
oder erweicht, stellenweis tritt es stärker hervor, aber
wiederum ist Luthers Christus- und Gottesverhältnis niemals
zu denken ohne dieses Element. Man nenne es
Spiritualismus oder „mystisch", über jede Bezeichnung
läßt sich streiten, die Sache ist da. Darum bringt jener
sog. Transcendentalismus eine so entscheidende Färbung
des ganzen Gewebes.

2) Die für manchen Leser wohltuende Abgegrenzt-
heit und begriffliche Konsequenz des bisher bestimmenden
Lutherbildes von C. Holl hatte Luther in gewissem
Grade stilisiert. Es war Holls konstruktive Kraft, die
man an ihm rühmte, nicht ebenso seine historisch-analy-
sierende. Vergleicht man etwa seine Darstellung der
Rechtfertigung mit dem, was bei Luther alles vorhanden
ist, so bedarf das keiner Beweise mehr. Seeberg führt
intensiver in den ganzen Luther ein. Er liest sich nicht
so eindeutig-deduktiv-zwingend wie Holls Ableitungen.
Aber doch bringt diese unruhigere und vielfältigere Linienführung
in der Tat eine größere Treue des Bildes
und eine Bereicherung. Und vielleicht ist seine innerste
Wirkung eine Umschiebung der Dynamis, der „Kraftlinien
" vom Gebiet der fertigen übernatürlichen Tatsachen
— so untrennbar sie für Luther von ihren Auswirkungen
sind — auf jenes Gebiet der gegenwärtigen, unendlichen
Wirkung des göttlichen Geistes.

So bekommt das Werk auch eine Bedeutung für
unsere Theologie. An dem wirklichen Luther gemessen
ist jene Verschiebung des theologischen Denkens auf
das Gebiet transcendenter Tatsachen und Ereignisse eine
„Irrlehre", um ein heute billig gewordenes Wort zu gebrauchen
. Wie Luthers Theologie von einem im höchsten
Maß persönlich erlittenen Schicksal ausging, so kreiste

sie dauernd um den zum persönlichen Schicksal geworde-
! nen Christus. Auch wir Heutigen wollen nicht das Le-
: bendige verlassen, um dafür Lebloses einzutauschen,
j Bonn.__E. Kohlmeyer.

Qrousset, Rene: Histoire des croisades et du royaume franc
de Jerusalem. 1. u. 2. Bd. Paris: I.ibr. Plön 1934/5. (LXII, 638 S.,
3 Krtn. u. 921 S., 9 Krtn.) 8°.

Der Inhalt der beiden Bände kann angesichts ihrer
i gewaltigen Stoffmasse nur in ganz großen Linien nachgezeichnet
werden. In der Einleitung wird eine Vorge-
, schichte der abendländischen Kreuzzüge dargeboten, die
j sich mit den byzantinischen „Kreuzzügeu" des 10. Jahrhunderts
, dem Abstieg der byzantinischen und dem Auf-
und Abstieg der seldschuckischen Macht befaßt.

In die Zeit der seldschuckischen Schwäche — damit
beginnt die Darstellung des 1. Bandes — fällt der 1.
Kreuzzug, der auf die „geniale Idee" des großen Papstes
i Urban II. zurückgeht. Der Eroberung der heiligen Stadt
| durch die Kreuzfahrer folgte die politische und kirch-
1 liehe Organisation des eroberten Gebietes, bei der Gottfried
von Bouillon nur die Rolle eines Avoue des heiligen
Grabes übernahm. Das neue Reich konnte damals
I nicht als patrimoine ecclesiastique, sondern allein als
I royaume lai'que bestehen. Der eigentliche Begründer
j dieses Königreiches mit ausgesprochen fränkischem Cha-
| rakter — eigentlich ein französisches Kolonialreich —
| wurde Balduin L, dessen Werk Gr. ausführlich würdigt,
j Anschließend schildert er die Entstehung neuer staat-
| lieber Gebilde: der Grafschaft Tripolis, des Fürstentums
Antiochien und der Grafschaft Odessa. Inzwischen

■ führt er das vielmaschige, weitgespannte Netz der äußeren
Politik vor Augen, das von den Ufern des Nils
über den vordem Orient bis zur goldenen Pforte reicht.
Innenpolitisch ist das neue Reich vor allem durch Auseinandersetzungen
mit dein Patriarchat in Anspruch genommen
. Die Regierung Balduins II. fällt bereits in
eine Zeit mannigfacher Machtverschiebungen. Der seld-

I schuckische Sultanat hat mit inneren Schwierigkeiten zu
kämpfen. Die fatirnidische Dynastie in Ägypten befindet
i sich im Zustand der Dekadenz. Das Band, das die drei
| anderen fränkischen Herrschaften mit Jerusalem als dessen
Vasallenstaaten verknüpfte, ist enger geworden. Die
militärischen Orden der Hospitaliter und Templer entstehen
in dieser Zeit, außenpolitisch gesehen ein Macht-
I Zuwachs, innenpolitisch ein Spannungsfaktor für das Kö-
| nigreich. Es gelang Balduin II. in seiner schicksalsrei-
| chen Regieiungszeit die fränkische Monarchie erheblich
zu festigen.

Der 2. Band setzt ein bei dem Jahre 1131, dem
j Jahr des Regierungsantritts Fulkos von Anjou. „Das
Gleichgewicht der monarchie franque und der monar-
chie musulmane" lautet die Aufschrift dieses Bandes.
Sie hätte ergänzt werden können: „und seine Bedrohung
". Dieses Gleichgewicht bestand zu Zeiten Fulkos
mehr in dem Fehlen gegnerischer Angriffe als in
j der Gleichwertigkeit der Gegner. Unter dem noch nicht
mündigen Balduin III. wird die Grafschaft Edessa von
dem Emir Zenki erobert. Die Gegenaktion ist der sog.
2. Kreuzzug. Sein Endergebnis ist die Zurückverlegung
der fränkischen Front vom Euphrat an den Orontes.
Der mündig gewordene Balduin III., der ein Vorbild
J der fränkischen Könige des 12. Jahrhunderts wurde in
seiner Ritterlichkeit und in seiner pietätvollen Haltung
gegenüber dem Patriarchat, trieb eine glückliche Politik,
j die ihren Höhepunkt in dem Bündnis mit Byzanz hatte.
| Sein Nachfolger Amalrich mußte es erfahren, daß seine
| Ägyptenpolitik, die er ohne Einvernehmen mit Byzanz
I machte, fehlschlug. Die Schicksalsgestalt des Königreiches
Jerusalem, Sultan Saladin, trat nun auf den Plan
und zwang die Franken, die sich auf das Abendland

■ nicht verlassen ■ konnten, sich wieder mit Byzanz, „der
J letzten Hilfe", gegen die neue Einheitsfront des Islam
j unter Saladins Führung zu verbünden. Der Islam war

jetzt im Angriff. Der aussätzige Balduin IV. befand
sich schon ganz in Verteidigungsstellung. Im Innern