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1938 Nr. 18

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323

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Dat Ole Testament in unse Moderspraak 1938

Rezensent:

Strasser, Ernst

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823

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 18.

324

Jessen, Johannes: Dat Ole Testament in unse Moderspraak.

Vun dat Beste en goot Deel. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
(367 S.) kl. 8°. RM 3.50.

Ders. Dat Nie Testament in unse Moderspraak. Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht 1937. (494 S.) kl. 8°. RM 3.50.

In einer Zeit, die der Bibel mit zunehmender Kritik
begegnet und besonders dem A. T. Kampf angesagt hat,
überrascht uns die Darbietung des A. T. in Auswahl
und die nötig gewordene zweite Auflage des N. T. in
Holsteiner Platt.

Beim Gespräch über diese schöne Gabe stellte jemand die Frage,
ob man auch die Bibel ins „Sächsische" — er meinte in den Dialekt
des „Genigs" — übersetzen könne. Das muß selbstverständlich als ganz
abwegig verneint werden. Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern dem
Hochdeutschen gegenüber eine andere Sprachstufe. Ein guter Teil der
Niedersachsen und der Bewohner der Nordmark und des nördlichen
Ostens steht noch heute auf dieser Stufe.

Die plattdeutsche Sprache ist lebendig und keineswegs
ein degeneriertes Hochdeutsch. Heute, wo wir dem
Urtümlichen uns besonders zugewandt sehen, muß daher
auch die Pflege des Plattdeutschen ein Anliegen des
deutschen Menschen sein. Das eben wird durch die Darbietung
der Jessenschen Arbeiten auch innerhalb der
Kirche möglich. Denn der Tenor der Übersetzung ist so
würdig und „ungemacht", daß alle, die plattdeutsch fühlen
, spüren: hier kommt einer von ihnen zu Worte.
Wir können daher nicht genug anerkennen, daß die Lan-
deskirchenämter Hannovers, Hamburgs und Schleswig-
Holsteins im Zusammenwirken mit der Gesellschaft zur
Förderung Theol. Wissenschaft in Kiel und der Bibelgesellschaft
für die Herzogtümer Schleswig und Holstein
dem Unternehmen ihre Unterstützung geliehen haben.

Es wäre sehr interessant, einmal herauszustellen, worin die Eigenart
dieser Holsteinischen plattdeutschen Bibel gegenüber der von Voß
für Mecklenburg besorgten Bibelübersetzung ins Plattdeutsche besteht.
Bei näherer Betrachtung würde man merken, wie in beiden Übersetzungen
jedesmal die Seele des Übersetzers oder seine Stammesart zum Ausdruck
kommt. Jessens Arbeiten atmen die I.uft Schleswig-Holsteins. Es kann
dabei nicht ausbleiben, dal! diese bestimmte Art auch auf die Auswahl
der AT Stoffe Einfluß hat. Mit dem Humor des Plattdeutschen scheinen
auch die Überschriften gelesen werden zu müssen : De Ffiürkopp (Elias),
de Scheper as Profet (Arnos), en Stakelsminsch (Hiob), Vun Namiddags-
burn un anner Lüd, de sik mit de Arbeit nich verdreegen künnt (Aus
den Sprüchen) usw. Hier scheint mir die Grenze deutlich zu werden.
Die Frage entsteht: kann Gottes Wort humorig geboten werden? Man
lese der Probe halber die Simsongeschichte überschrieben „Vun Kriegen
un Hochtiedmaken" und danach Luthers Übersetzung Richter 14, 1—20.

Die Jessensche Darbietung ist ganz echt plattdeutsch
und in ihrer Auffassung ein Spiegel niederdeutschen
Bibelverständnisses. Das heißt die A. T.-Frömmigkeit als
Bauernfrömmigkeit liegt dem Plattdeutschen mehr als
die Verkündigung der apostolischen Briefe. So wenig
ein bibelforschendes Herz sich an der plattdeutschen
Bibel genug sein lassen wird, so gewiß ist sie geeignet,
Brücken des Verstehens zu schlagen, wo Luthers Bibel
Heutigen unverständlich bleibt. Und so wünschen wir
diesen Übersetzungen einen Platz in der Bücherei der
norddeutschen Pastoren.

Hannover._ Ernst Strasser.

de Wilde, W. J.: Levitikus. (Tekst en Uitleg, praktische Bijbel-
verklaring I. Het Oude Testament) Uitgevers-Maatschappij, Groningen-
Batavia: J. B. Wolters 1937. (163 S ).
Das 3. Buch des Pentateuch, Leviticus, teilt mit
einigen Texten aus den Ketubim das gleiche Schicksal:
Nur selten wagt sich ein Forscher an seine*Exegese heran
. Nach Ryssel (1897), Bertholet (1901) und Baentsch
(1903) erschien — abgesehen von 2 jüdischen Kommentaren
— erst wieder 1935, also nach mehr als 3 Jahrzehnten
, eine Leviticus-Exegese, der Kommentar des
katholischen Gelehrten Paul Heinisch. Der Grund für
diese etwas stiefmütterliche Behandlung des Buches Leviticus
ist leicht zu erkennen; er liegt in der Spröde
und Einförmigkeit des hier dargebotenen Stoffes, der in
der Hauptsache nur dem kultgeschichtiich und archäologisch
Interessierten etwas zu sagen hat.

W. J. de Wilde, der nunmehr eine neue Übersetzung
und Erklärung des Lev. von protestantischer Seite her

1 in dem kurzgefaßten holländischen Kommentarwerk Tekst
1 en Uitleg vorlegt, ist freilich anderer Ansicht. Unter
J Zuhilfenahme der pneumatischen Exegese wird ihm diese
Schrift nicht nur ein zentrales, nicht zu missendes Stück
des AT. (S. 15), sondern in Nachfolge Vischers (Das
Christuszeugnis des AT.) ein Christusprediger (S. 16),
das „christologische Zentrum des AT." (S. 17). Freilich
ist das eine Erkenntnis, die „die natürliche Wissenschaft
" nicht erwerben könne noch wolle. Für das geist-
i liehe Verständnis aber predige der Opferaltar, der im
| Mittelpunkt des Lev. steht, das Gleiche wie das Jesus-
1 wort: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich"
; (S. 92).

Solcher Grundsinn der Auslegung bestimmt die Einzelheiten
des Kommentars. Die Einleitung (S. 1 — 18)
i erläutert zunächst den Namen und die Einteilung, die
Vf. in 2 große Hauptstücke (K. 1 — 16 und 17—26/27)
' vornimmt, und tut dann in spartanischer Kürze (S. 6 f.)
die Fragen der Literarkritik, der literargeschichtlichen
und der kultgeschichtlichen Methode für Lev. ab. Die
Antworten Steuernagels, Sellins, Eißfeldts usw. finden
keine Erwähnung, die Herkunft des Lev- aus P wird
zögernd als „der allgemeinen Auffassung entsprechend"
| zugegeben, seine Unterschichten werden als völlig frag-
I würdig und unabweisbar hingestellt. Das ist auch für
| eine „praktische Bijbelverklaring" bei aller zuzugeben-
j den Berechtigung des Zweifels an übersteigerter Literarkritik
denn doch zu wenig, heißt auch zu leichtfertig geurteilt
, bedeutet schließlich eine ungerechtfertigte Ver-
i achtung gegenüber der Forscherarbeit von Jahrzehnten.

Etwas näher geht Vf. auf die Frage des Opferkults im
i allgemeinen ein (S. 7ff.). Hier wird der verschiedenen
I Theorien kurz Erwähnung getan und auf Grund der alt-
I orientalischen Parallelen sowie vor allem der neuen Kult-

I texte von Ras Samra die breite gemeinsame Grundlage
j des Opferkultes im Alten Orient zugegeben. Jedoch:
Israel hat in dem „Geheiligt" des Lev. eine besondere
I Offenbarung, durch die es wie König Midas in der grie-
j chischen Sage alles, was es anfaßte und übernahm, in
Gold verwandelte. Allerdings habe denn auch das Juden-
j tum angesichts all dieser Schätze das Midasschicksal ge-
I teilt (S. 16). Man liest diese Bewertung des Lev. nicht
i ohne den sofortigen Eindruck, daß hier gewaltsam vor-
I gegangen und über einen durchaus berechtigten Ansatz
im Urteil hinaus ein Irrweg eingeschlagen wird. Denn
j nicht die Kultreligion, die ja auch außerhalb Israels
auf dem „Heilig" basiert, nicht die Opfer- und Ritual-
} gesetzgebung ist das, was Israel nach seiner Berufung
i an die Welt weiterzugeben hatte, sondern gerade in ste-
I tem Gegensatz zum Kult nach der Art des Lev. entzündete
sich die Hochreligion, gerade außerhalb des Kultes
geschah die Offenbarung, von der Israel künden sollte,
j Vf. erwähnt diese Linie mit Samuel, Arnos, Jesaja (warum
nicht Hosea und Jeremia?) nur einmal in aller Kürze
(S. 15), und doch scheint es uns, als ob sie unendlich
! viel klarer und reiner die Offenbarung widerspiegele
als jene tiefsinnige pneumatische Vergleichung des Blutes
der Schlachtopfer auf dem Altar des Lev. mit dem
Opferblut Jesu Christi, die für de Wilde notwendig
wird (S. 18). Wenn Vf. also im 3. Teil der Einleitung
1 (S. 15 ff.), in dem es um die Bedeutung des Lev. geht,
diese auf dem angegebenen Wege umreißen will, so glau-
i ben wir, daß eine solche Ehrenrettung für Lev. miß-
i glücken muß.

Die Übertragung des Textes auf S. 19—65 scheint —
j für den deutschen Rezensenten sfchwer zu beurteilen —,
soweit möglich, flüssig, lebendig und gegenwartsnah
erfolgt zu sein. Da der trockene und exakte Stil des
Priestercodex keine wesentlichen Hindernisse bietet, stößt
der Übersetzer hier ja auch kaum auf Schwierigkeiten,
i Wo sich solche finden, ist aus der Übersetzung nicht zu
I ersehen: De W. hat es vermieden, unsichere Stellen, Zu-
j taten oder Lücken im Textgefüge durch die sonst üblichen
Mittel von kleinerem Druck, Klammern o. ä. anzudeuten
. Das mag für die praktische Benutzung der