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Ausgabe:

1938 Nr. 17

Spalte:

311

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Dunkle Stellen in der Offenbarung Johannis 1938

Rezensent:

Schneider, Carl

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 17.

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Übernahme der Ansichten Holls und Kattenbuschs über
Urgemeinde und Kirchenbegriff nicht zustimmen kann.
Zu wenig betont ist aber doch die Tatsache, daß Jesus
trotz grundsätzlicher persönlicher Beschränkung auf die
Juden durch einzelne Taten und Worte (Mt. 8, 10 f.,
Mk. 7, 24 ff.) gezeigt hat, daß er keine Nichtjuden abweisen
wollte, die der Botschaft vom Kommen der Gottesherrschaft
zu glauben bereit waren. Fridrichsen
fügt eine kurze Darstellung der missionarischen Gedanken
des 4. Evangeliums bei, die zeigt, daß auch für das
4. Evangelium das Heil von Israel ausgeht, daß aber die
Apostel die Aufgabe haben, dieses Heil der Welt zu verkünden
. Der dabei von Fridrichsen ausgesprochene Gedanke
, daß das 4. Evangelium geschrieben sei, um die
aussterbende Stimme der Apostel vom Heil weiter lebendig
zu erhalten, ist zu kurz angedeutet, um ein Urteil
zu erlauben.

Zürich. _Werner Georg Kümmel.

C1 e m e n, Prof. D. Dr. Carl: Dunkle Stellen in der Offenbarung
Johannes, religionsgeschichtlich erklärt. Bonn: Ludwig Röhrscheid
1937: (IV, 50 S.) gr. 8° = Untersuchungen zur allgemeinen Religionsgeschichte
, herausgeg. von Carl Gemen. Heft 10. RM 2.75.

Sechs Studien zu einzelnen Bildgruppen der Apokalypse
, die die früheren Arbeiten des Verf. mit gleicher
Grundeinstellung fortsetzen und an Einzelbeispielen erläutern
. Die Apokalypse ist ihm ein Kompendium aller
möglichen Zukunftserwartungen, die im großen und ganzen
zu einer verständlichen Einheit zusammengesetzt
sind.

Im einzelnen ist einiges neu gesehen, anderes schärfer
akzentuiert als früher. Bei der Siebenersymbolik 1, 4
und Par. wird Gestirneinfluß vermutet, der in allen Fällen
die gleiche Bedeutung habe. Wenig einleuchtend
sind die australischen und samoanischen Parallelen zu
dem Namen auf dem Stimmstein und der Tempelsäule
(2,17; 3,12). Die Umgebung des göttlichen Thrones
ist zum größten Teil aus den wichtigsten Sternbildern
mit Sternen erster Größe erwachsen: auch das Lamm
am Thron ist vielleicht durch das Sternbild des Widders
beeinflußt. Die Zahl 666 wird ohne ausreichende
Begründung als r tarcivn ßaoiAeia gedeutet. Beachtenswert
ist die These, daß die zukünftigen Aussagen
über das schon vorhandene römische Reich ursprünglich
im Munde eines vorzeitlichen Apokalyptikers gedacht
gewesen seien. Apok. 12 liegt ein erst jüdisch, dann
christlich überarbeiteter Mythus zu Grunde.

Königsberg._._ Carl Schneider.

Feine, Prof. D. Dr. Paulf: Einleitung in das Neue Testament.

8., völlig neu bearb. Aufl. von Joh. Behm. Leipzig: Quelle & Meyer
1936. (XII, 326 S.) 8°. RM 7.80.

Unter den Lehrbüchern der Einleitung in das Neue
Testament hat das von Paul Feine von seinem ersten
Erscheinen 1913 an eine geachtete Stellung eingenommen
. Abgesehen von den Änderungen und Erweiterungen
in der 3. Auflage 1922 und der 5. 1930 ist das Werk
bis zum Tode des Verfassers 1933 und darüber hinaus —
die 7. Auflage erschien 1935 — in seiner ursprünglichen
Form erhalten geblieben und ein bewährtes und weit
verbreitetes Studentenbuch geworden.

Nun hat Johannes Behm es in seine Obhut genommen
und eine 8., völlig neu bearbeitete Auflage vorgelegt
. Dabei ist auch jetzt das Buch im einzelnen wie im
ganzen, der Inhalt und die grundsätzliche Stellungnahme
dieselbe geblieben. Aber wenn sich Behm auch mit
alledem als treuer Schüler erweist, so hat er es doch
verstanden, dem Werk in vielem ein neues, gefälligeres
Gesicht zu geben. So ist namentlich in dem ersten Teil,
der die Entstehung der einzelnen neutestamentlichen
Schriften behandelt, kaum eine Zeile dieselbe geblieben.
Die Darstellung ist vielfach stilistisch gebessert, vor
allem aber hat die Vorführung des Stoffes und die Darstellung
der Probleme an Klarheit, Schärfe und Übersichtlichkeit
gewonnen. Auch sachlich kommt in zahlreichen
Einzelheiten Behms eigene Art zur Geltung. So
bietet er in der paulinischen Chronologie im ganzen

! und bei der Ansetzung der einzelnen Briefe etwas andere
Ergebnisse als Feine. Besonders bei den Past.
und der Offb. Joh. zeigt sich die Nachwirkung eigener
einleitungswissenschaftlicher und exegetischer Arbeiten
Behms. Mit besonderer Sorgfalt, Eindrücklichkeit und
Ausführlichkeit werden hier die einzelnen Fragen behandelt
, wobei dann auch Feines Vorlage mehr beiseite
geschoben wird. Im ganzen — und hier zeigt sich wohl

; der Fortgang der Arbeit im letzten Jahrzehnt — hat
die Stellungnahme des Bearbeiters gegenüber der form-

. geschichtlichen Fragestellung die Darstellung beeinflußt.

| Feine selbst hatte erst in der dritten Auflage auf die damals
gerade erst erschienenen formgeschichtlichen Arbei-

j ten hinweisen können. Er verhielt sich sehr zurückhaltend
und hat auch im einzelnen die neue Fragestellung
kaum berücksichtigt. Anders Behm. Er gewährt der
formgeschichtlichen Betrachtung nicht nur bei den Synoptikern
einen breiteren Raum, sondern kommt darauf,
anknüpfend an die neueste Forschung (Roller), auch
bei den Briefen in einem besonderen Paragrafen über
die Briefform und an vielen einzelnen Stellen, besonders
bei dem traditionsgeschichtlich so ergiebigen Jak.,
immer wieder zurück. Ohne sich dabei durch die z. T.
negativ kritischen Ergebnisse der Formgeschichte beirren
zu lassen, trägt er doch in kleinen Einzelheiten den

j neuen Gesichtspunkten Rechnung. So sind die letzten
Reste einer „doktrinären" Betrachtungsweise beseitigt,
wenn auch in den Paragrafen-Überschriften S. 50, 54,
69 nicht mehr von dem „dogmatischen" Charakter, sondern
nur noch von dem Charakter der einzelnen synoptischen
Evangelien die Rede ist. Bei dem Joh.-Ev. ist
die Bezugnahme auf die „Logosvorstellung der dama-

I ligen philosophischen und religiösen Bildung" (so
Feine 4, S. 98) fallen gelassen. Und zu Apg. 10

i braucht Behm den Begriff des volkstümlichen Erzäh-
iitngstons. Die schallanalytische Methode von Sievers
und Johannes Jeremias ist nur zum Gal., allerdings mit
Hinweis auf die entsprechenden Untersuchungen zu den
anderen neutestamentlichen Schriften, erwähnt. So ist
auch damit wie überall sonst die neueste Fragestellung
sorgfältig berücksichtigt und die Literatur nachgetragen.
Z. B. haben sich die Literaturangaben für das Joh.-Ev.
gegenüber der 4. Auflage verdoppelt. Auf S. 3 ist
eine Übersicht über die Gesamtkommentare gegeben;
dazu kommt noch S. 318—326 ein ausführliches Verzeichnis
der Kommentare zu den einzelnen neutestamentlichen
Schriften (je bis zu über 20 Nummern). Dabei
ist hier wie auch sonst die ausländische Forschung reichlich
berücksichtigt.

Die Kanongeschichte ist fast unverändert geblieben.
Die Textgeschichte hat nach Form und Inhalt eine Umgestaltung
erfahren, bei der auch die neuen Funde
und die modernen Erkenntnisse berücksichtigt worden
sind. Für eine neue Auflage wird darüber hinausgehend
eine durchgreifende Erneuerung des Abschnittes zu wünschen
sein. Die Textgeschichte des neuen Testaments
beginnt seit dem Bekanntwerden der Chester-Beatty-
Papyri nicht mehr im 4. sondern schon im 3. Jahrhundert
. Die historische und theologische Bedeutung
dieser Tatsache muß künftig gebührend deutlich in die
Erscheinung treten. Die Kanon- wie die Textgeschichte
werden vielen überhaupt zu knapp erscheinen (vgl. W.
Bauer, ThLZ. 49, 1924, 176 f.). Die Einleitung in die
einzelnen Schriften ist in der achten Auflage um 46
Seiten, dazu 9 Seiten Kommentarverzeichnis gewachsen.
Vielleicht daß der Verlag wenigstens eine entsprechende
Erweiterung der Kanon- und Textgeschichte für die
nächste Auflage ermöglicht.

Alles in allem ist das Werk und erst recht in der
neuen Gestalt eine gediegene Darstellung der gesicherten
Ergebnisse und ihrer Verarbeitung in der modernen
Einleitungswissenschaft. Es bleibt ein ausgezeichnetes
Lehrbuch für den Studenten und ein wertvolles Hilfsmittel
für den Mitforscher.
Gießen.__Georg Bertram.