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1938 Nr. 17

Spalte:

305

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die zwölf kleinen Propheten 1938

Rezensent:

Beer, Georg

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305

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 17.

306

Die zwölf Kleinen Propheten. Hosea bis Micha von Theodore H.
Robinson. Nahum bis Maleachi von Friedrich Horst. Bogen 1 —10.
Tübingen: J. C. B. Mohr 1936. (160 S.) Kr. 8° = Handbuch zum Alten
Testament. Erste Reihe, Abt. 14. Subskr. RM6—; einzeln RM 6.60.

Mit besondrer Freude ist der 12 kleine Propheten-
konimentar in dem neuen Handbuch zum A. T. zu begrüßen
. Darin behandelt Robinson nach der Reihenfolge
der hebr. Bibel die 6 ersten kleinen Propheten;
Horst, dem die folgenden 6 zufallen, bietet vorab
Nah. 1/2.

Der neue Kommentar bewegt sich in den von Wellhausen
, Duhm, Stade, Outhe und Marti gezognen Gleisen
weiter. Beeinflußt ist er auch von der Formge-
Bchichte Ounkels, ohne sie zur Hauptsache zu inachen.
Zu den kennzeichnenden prophetischen Stilformen (S. 1)
möchte ich u. a. doch auch die eigentliche Rede rechnen
cf. Jes. 28, 7ff. Jer. 7, lff.

Das besonders Erfreuliche an der Arbeit Rob.s ist
die freimütige historische Kritik, die an den einzelnen
Stoffen, geübt wird. So bleibt auch R. dabei, dal} Am.
9,8 ff. od. Mi. 5,1—3 der Sturz der Dynastie Davids
vorausgesetzt ist. Freilich wundert mich, daß R. Hos.
13,13 ff. von Hosea ableiten will. Was die kidige Ehegeschichte
Hoseas anbetrifft, so sieht R. in Kap. 3 keine
Fortsetzung, sondern eine Parallele zu Kap. 1, Kap. 1
ist Bericht eines Unbeteiligten, Kap. 3 stammt von Hosea
selbst. Rob. scheint mir im Recht zu sein. Ohne in
ein erbauliches Pathos zu verfallen, weiß R. den Leser
für die Propheten Altisraels zu begeistern. So bezeichnet
er z. B. Arnos (S. 73) zwar nicht als den ersten
Prediger der sozialen Gerechtigkeit und des anstandigen
Verhaltens der Menschen untereinander — besaß doch
Israel schon lange vor Arnos von Jahwe gebotene sittliche
Ordnungen — wohl aber als den ersten, „der betonte
, daß die von Jahwe geforderte Rechtschaffenheit
nicht in der Beobachtung bestimmter einzelner Vorschriften
bestände, sondern in der Anerkennung entscheidendender
Grundsätze". So bildet ihm Arnos „das erste
Glied in der langen Kette gottbegnadeter Menschen . . .
die den Weg bereiteten für die Erkenntnis Gottes als
der personhaften Verkörperung aller sittlichen Werte".
Sehr zeitgemäß ist (S. 118) das Wort das an solche
Bibelfreunde gerichtet ist, die die Anerkennung des Walfischwunders
des Jona als sicherstes Zeichen wahrer
Rechtgläubigkeit fordern. Zu den leidenschaftlichen Aussprüchen
Joel 4,9—14 wider die Heiden bemerkt Ro.:
„Das Ganze ist ein lehrreiches Beispiel der Racheträuine
des unterdrückten Israel." Trotz aller Zeitgebundenheit
sind die Besten der alttestamentlichen Propheten eine
typische Erscheinung in der allgemeinen Geistesgeschichte
. Wie Micha seine beißenden Scheit- und Drohreden
gegen die herrschenden Klassen richtet, unter denen seine
Landsleute zu leiden hatten, hätte auch „ein französischer
Bauer um die Mitte des 18. Jahrh. sprechen können"
(S. 12S).

Nach dem, was Horst zu Nah. 1/2 bietet, ist zu erwarten
, daß seine vollendete Arbeit auf der Höhe der
Leistung Rob.s stehen wird.

Neckargemfind._ _ Georg Beer.

Müller, Prof. D. Hans Michael: Das Alte Testament — Christlich
Jüdisch/Weltlich. Ein Beitrag zur ökumenischen Frage. Leipzig:
J. C. Hinrichs 1937. (85 S.) 8°. RM 2.40.

Das Buch ist ein leidenschaftlicher Protest gegen
alttestamentliche Anwendung und Verfälschung der neu-
testamentlichen Botschaft. Diese Botschaft ist gut, sie
war und ist für die Welt ein Segen. Aber wenn ihre
Verwirklichung sich alttestamentlich vollzieht, wird der
Segen in Fluch verkehrt. Der Auserwähltheitsglaube
Frankreichs und Englands, die spanische Missionierung
der Indianer, das Gott-mit-uns im Sinne eines besonderen,
nationalistischen Geschütztseinwollens, die Rechtfertigung
der Politik durch die Religion — bis hin zu den hierfür
sehr typischen Heiligen Kriegen der Kirche oder auch des
Islam —: das ist alles im Stile des irdischen Israel gedacht
. Deshalb ist es nötig, das AT. richtig zu sehen.

„Das AT. ist wie ein Gebirge, dessen Gipfel im Lichte
des NT. glühen, dessen unvergängliche Quellen nur
in diesem Lichte sichtbar werden" (S. 16). Nur so werden
innerhalb des AT. die Stellen deutlich, an denen der
Christ vorüberzuwandern hat; diese Einschränkung hat
aber christlich zu gelten, nicht religionsgeschichtlich in
dem Sinne, daß man das AT. als die Edda der Juden zu
begreifen hätte. Auch in dieser richtigen Haltung zum
AT. ist Luther das Vorbild.

Das AT. enthält eine eigentümliche Dissonanz zwischen
Sakralem und Politischem. Diese „schwebende
: Dissonanz allein, wenn man nur bemerkt, daß Gott selbst
I sie nicht zur Ruhe kommen läßt, macht das AT. zur
! Heiligen Schrift" (S. 21). Erst das NT. löst diese „noch
' unentschiedene Dissonanz" auf. Im AT. finden sich lauterer
Glaube und freie Berechnung nebeneinander; daher
! ist zu begreifen, daß sein Weg sowohl zum Christentum
wie auch zur „Entstehung einer wahnwitzigen Volkssituation
", des Judentums, geführt hat, das durch seine
Entscheidung gegen Jesus auf die Stufe der allgemeinen
Religionsgeschichte zurückgesunken ist. Das AT. ist für
< das Christentum unentbehrlich als die „nie veraltende
Voraussetzung für die Entstehung und der immerwährende
Prüfstein für die Daseinsberechtigung, die Reinheit
'■ und die Universalität des Christentums" (S. 24). Auch
für den Staat ist es alles andere als gleichgültig, wie die
| Kirche zum AT. steht: daß nämlich nicht das „jüdische
| Religions- und Rassewesen an sich, sondern der Gegen-
: satz gegen das Jüdisch' verstandene und verengte AT."

für die Kirche von Belang sei. M. vermißt bei der Kirche
j in puncto AT. das, was er „theologische Zivilcourage"
S nennt; mit Luther muß bekannt werden: „Moses" ist
nur da „Christenspiegel", wo er Evangelium enthält und
i wo er das „Gesetz der Natur" vorbildlich ausspricht; wo
das nicht der Fall ist, ist „Moses" „der Juden Sachsenspiegel
". Nur so ist die Frage zu klären, was im AT.
i Gottes Wort ist und was nicht. Nur so aber kann das
| ganze AT. ein Stück der Bibel bleiben, nämlich bei Anwendung
des Doppelmaßstabs „Evangelium und Gesetz
der Natur". „Also halt ich die Gebot, die Moses gegeben
hat, nicht darum, daß Moses geboten hat, sondern
daß sie mir von Natur eingepflanzt sind und Moses
I gleichstimmt mit der Natur" (Luther). Wer der Frage
! nach dem rechten christlichen Verständnis des AT. ausweicht
, ist ein „frommer Halbjude"! Altes Testament
besagt ja nicht einfach dasselbe wie „erster Teil der
Bibel"; das falsche Verständnis des AT. verjudet das
Evangelium, gibt den Feinden des Christentums geeignete
Waffen, verhindert, daß Menschen von heute es mit
dem echten Evangelium und mit dem echten Ärgernis
desselben zu tun bekommen, dient der „Auseinander-
manövrierung von Christentum und Nationalsozialismus",
; schadet also der Kirche und dem Volk. — Relativ unabhängig
von diesen Erkenntnissen ist allerdings der persönliche
Umgang mit der Bibel; da kann es vorkommen,
daß irgend ein alttestamentliches Wort den Leser „frei
überfällt". Grundsätzlich aber ist der Maßstab, der an
das AT. zu legen ist, der doppelte: „einerseits das
,Naturgesetz' Gottes für den Menschen, vor allem jedoch
das andere, ,was Christum treibet'."

Es ergibt sich dann weiter die Erkenntnis des Unterschiedes
zwischen jüdischem und nationalsozialisti -
schem Rassegedanken. Ist ersterer notwendig gegen -
christlich, so braucht es bei dem letzteren keineswegs
der Fall zu sein. Das wäre vielmehr nur dann gegeben,
wenn er die (alttestamentliche) Gleichsetzung von
Gottesdienst und Politik wiedereinführen wollte (S. 49).
Luthers Scheidung der zwei Reiche taucht hier auf. Als
Beispiel für ein mögliches Nebeneinanderleben der beiden
Reiche wird das heutige Japan genannt. In diesen
Zusammenhang ist die Frage Kirche und Staat zu steilen.
Der theokratisch-klerikale Weg — daß nämlich von der
Kultgemcinschaft her das Schicksal der Volksgemeinschaft
geformt wird — und der synagogale Weg — daß
die Gemeinde ihres Glaubens lebe irgendwo im Winkel