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Ausgabe:

1938 Nr. 15

Spalte:

270

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Johann Jakob

Titel/Untertitel:

Trilogie altindischer Mächte und Feste der Vegetation 1938

Rezensent:

Glasenapp, Helmuth

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Seite 1

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269

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 15 16.

270

einen, Oott zugekehrten Seite, die sich auf das Evangelium
gründende vera Ecclesia Wittenbergs, während auf der
anderen alle bis dahin bekannt gewordenen Religionen,
die religiones et cultus humani sine verbo, versammelt
sind. Und zu dieser letzteren Gruppe gehört vorzüglich
— zusammen mit Judentum und römischer Kirche — der
Islam. Es leuchtet ein, daß eine derartige ... in zwei
Teile aufspaltende Betrachtungsweise sich Schranken
setzt, deren Berechtigung wir nicht mehr anerkennen
können; jedenfalls führt diese mit einem unzulänglichen
Absolutheitsbegriff operierende Art der vergleichenden
Religionsbetrachtung zu keiner gerechten, sachgemäßen
Wertung" (S. 111). Seine ,eschatologiseh-pessimistisehe'
Einstellung und publizistische Geschkhtsphilosophie', die
„die ganze Weltgeschichte lediglich als Kommentar zur
Bibel" ansah, war bei Melanchthon auch der Grund,
daß er seine .mangelhaften Kenntnisse' und bewußt subjektive
Darstellung* auf diesem weiten Gebiet nicht einzusehen
vermochte, sondern im Gefühl eines überlegenen
Glaubensbesitzes die falsche und minderwertige Religion
Muhammeds einer parteiischen Verurteilung aussetzte.
Dies blieb natürlich nicht ohne .Praktische Auswirkungen
' (S. 141 ff.), die sich zunächst in einer kaum verständlichen
,missionarischen Indifferenz' äußerte; liegt
doch der Gedanke einer Missionstätigkeit unter dem
christusfeindlichen Islam Melanchthon völlig fern (hier
hätte M. Köhler die sehr sorgfältigen Ausführungen über
dieses Problem von W. Eiert in der von ihm zitierten
Monographie ,Morphologie des Luthertums' Bd. I (1931)
S. 341 ff. eingehender heranziehen können). Da ferner
Melanchthon „eine reine, nur der Wahrheit verpflichtete
Wissenschaft, die nicht zweckgebunden ist und die
Forschung um der Sache willen treibt", nicht kannte,
ja nach Lage der Dinge nicht kennen konnte, so ist auch
seine grundsätzliche Unduldsamkeit' gegenüber einer
Fremdreligion nur zu verständlich, zumal in eigentümlicher
Weise auch patriotische Anliegen' mithereinspie-
len, die in den Bekennern des Islam die religiös-kulturellen
Feinde des christlichen Abendlandes bekämpfen. Im
Anhang gibt der Verfasser einen leider etwas zu kurz
gehaltenen ,Vergleich mit Luthers' schon öfters behandelter
,Islamkritik', wobei er ausdrücklich hervorhebt, daß
man bei Luther ein gewisses inneres Ringen um das
Problem der Fremdreligion, ihr Leben und ihre Entwicklung
spüre, während bei Melanchthon „immer die
gleiche starre Negation herrsche" (S. 164). Vielleicht
wäre der Abstand zwischen der konfessionell-polemischen
Haltung der Reformatoren und der verständnisvollen
sachkundiger Orientalisten beim Beginn der Aufklärumgs-
zeit noch deutlicher hervorgetreten, wenn der Verfasser
am Schluß auf das bahnbrechende Buch des Utrechter reformierten
Theologen Hadrian Reland ,De Religion«
Mohatnmedica libri duo' (1705) hingewiesen hätte, worin
in der Praefatio die berechtigte Frage aufgeworfen wird:
„Hätte der Islam eine so weite Verbreitung in Asien,
Afrika und selbst in Europa finden können, wenn er eine
so sinnlose Religion sei, wie man ihn von Seiten der
Christen einzuschätzen beliebt? Es wäre doch nicht
in Abrede zu stellen, daß an geistiger und künstlerischer
Begabung die Anhänger Mohammeds andere Völker,
wenn auch nicht übertroffen, doch ihnen wenigstens
gleichgekommen seien, zumal ja bei den Christen im
frühen Mittelalter Kunst und Wissenschaft ziemlich darniedergelegen
habe. Darum sei auch eine genaue Untersuchung
notwendig, ob wirklich die Mohammedaner alles
das glauben und lehren, was ihnen die Mehrzahl der
Christen immer wieder vorhält" (s. des Näheren meine
°hen angeführte Untersuchung über den ,Islam', S. 89 f.).
Die von Haas angeregte, von Hch. Weinel geförderte Arbeit
ist ein beachtenswerter Beitrag zur Geschichte der
j^eligionsforschung, zugleich aber auch zur religiösen
Haltung der Reformationszeit, deren immer wieder versuchte
Repristination, auch in der Gegenwart, doch ihre
ganz bestimmten Grenzen hat.

München. R. F. M e r k e 1.

j Meyer, J. J.: Trilogie altindischer Mächte und Feste der
Vegetation. Ein Beitrag zur vergleichenden Religions- und Kulturgeschichte
, Fest- und Volkskunde. Zürich: Max Niehans 1937. (XII,
339 S.) gr. 8°. RM 16.80.

Der in Chur im Ruhestande lebende Chicagoer In-
dologe J. J. Meyer ist außer mit großen Werken über
I altindische Staats- und Rechtslehren mit einer Reihe von
Arbeiten hervorgetreten, welche das Liebesleben der Hindus
behandeln (Das Weib im altindischen Epos, Altindische
Schelmenbüicher u. a.). Der vorliegende gewichtige
Band behandelt Probleme, die gewissermaßen auf
der Schnittfläche beider Arbeitsgebiete liegen, als sie
nach indischer Auffassung sowohl dem Gebiet des „Dhar-
j ma" (religiöses Gesetz) wie des „Kama" (Liebe) ange-
i hören.

Das ganze Buch zerfällt in drei selbständige, besonders paginierte
I Stücke. Der erste Teil behandelt den altindischen Liebesgott Käma als
' Vegetationsdämon und bespricht die ihm geweihten Feste; ein Anhang
erörtert den Grund der Segenswirkung der Glocke. Der zweite Ab-
| schnitt ist überschrieben „Bali, Gott Saturnus, sein Fest und Allerseelen
in Indien". Hier sucht M. darzutun, daß der aus der Legende von
I Visnu's Inkarnation als Zwerg bekannte Dämon Bali ein chthonischer
Gott ist und daß das ihm zu Ehren gefeierte Fest sowohl der Förderung
der Fruchtbarkeit wie dem Totenkult dient. Im dritten Teil wird Indra
als Gott der Frühlingssonne und der Fruchtbarkeit gedeutet und der
phallische Charakter des Indra-Baums und der Indra-Standarte, die bei
den puränischen Indra-Feiern eine Rolle spielen festgestellt. Ein umfangreicher
Anhang ist dem Varuna-Problem gewidmet. Nach M. ist
auch Varuna ursprünglich ein phallischer Gott; als Herr des Wachstum
spendenden Regenwassers und der Erde wird er als König und Strafgott
aufgefaßt. Im Rgveda „ersteigt er den Himmel", wird zum Mond
bezw. Sorna in Verbindung gebracht und von „einem Auserlesenen, den
man etwa Bruder des andern Ariers Zarathustra nennen könnte" (S. 266)
zu einer Göttergestalt gemacht, die durch ihre sittliche Größe alle anderen
Götter des Veda überragt.

Das ganze Werk zeugt von einer umfassenden Belesenheit
in der indischen Literatur und eingehender
Beschäftigung mit Werken und Problemen der vergleichenden
Volkskunde. Die Erklärung der Götter als Vegetationsdämonen
, die M. von Wilhelm Mannhardt's
Arbeiten angeregt, bietet, wird als allzu einseitig nicht
auf allgemeine Zustimmung rechnen dürfen, doch gebührt
M. unstreitig das Verdienst, auf viele bisher nicht
beachtete Zusammenhänge hingewiesen zu haben. Zu
bedauern ist die allzu große Breite der Darstellung und
das ständige Abschweifen auf Dinge, zumal geschlechtlicher
Natur, die mit dem Thema in keiner oder nur loser
Beziehung stehen. Durch strengere Begrenzung und
übersichtlichere Gruppierung des Stoffes hätte das Buch
zweifellos wesentlich gewonnen. Aber auch in der vorliegenden
Form vermittelt es eine Fülle von Anregungen
für den Erforscher altindischer Glaubenslehren und Kultbräuche
.

Königsberg/Pr. H. von Glasenapp.

Volk und Volkstum. Jahrbuch für Volkskunde, in Verbindung mit
der Görres-Gescllschaft hrsg. v. Prof. Dr. Georg Schreiber. III. Band.
München: Kösel-Pustet 1938. (400 S., 31 Abb.) gr. 8°. RM 7.50.
Der dritte Band des Jahrbuches für Volkskunde
(Vergl. die Anzeige von Bd. 2 Th.LZ. Jg. 62 Nr. 14)
wird eingeleitet durch die tiefschürfende Arbeit des
Herausgebers über „das Türkenmotiv" im deutschen
Volkstum. Der Verf. weist nach, daß die Türkennot
stets starke Geschlossenheit und deutsche Selbstbesinnung
weckte. Dem katholischen Brauch der „Türken-
glocke" entsprechen die Verordnungen evangelischer Fürsten
über die Abhaltung von Bittstunden, wie sie für
Brandenburg-Ansbach aus dem Jahre 1683 vorliegen.
Die Bedeutung dieses volkserregenden Elements erhellt
aus den katholischen Dankfesten (so B. Mariae Virginis
de Victoria) am Jahrestag der Schlacht von Lepanto,
den Erörterungen über das Problem der Türkentaufeu
seit G. Agricola (die in Bayern und Westfalen auch
stattfanden) den Schulddramen und Operntexten („Entführung
aus dem Serail"), wie der Verbreitung von
Fluchformeln „Kruzitürken", Hundenamen wie „Sultan"
und Wirtshausschilderu „Zum Halbmond". J. Demleit-