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Ausgabe:

1938

Spalte:

244-245

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Leeuw, G. van der

Titel/Untertitel:

De primitieven mensch en de religie 1938

Rezensent:

Mensching, Gustav

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Theologische Literaturzeiiung 1938 Nr. 14.

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Forschung nur ein Weg übrig; sie muß sich bei jeder
einzelnen Erscheinung einmal die Frage vorlegen, ob
sie spezifisch indisch ist oder unter ähnlichen kulturellen
Verhältnissen auch bei Völkern verschiedenster Rasse
vorkommt, (z. B. die Vorstellung von Vater Himmel
und Mutter Erde). Sie muß weiter erörtern, ob eine
Erscheinung alt-arisch ist, da sie im Rigveda und bei
Griechen, Germanen usw. nachgewiesen werden kann,
ob sie in vorarischer Zeit (Mohenjo Daro), bezw- beute
bei nicht-arischen indischen Völkern autochthon ist. Weiterhin
besteht die Möglichkeit, daß etwas erst einer Periode
entstammt, in welcher das Ariertum schon unter
nicht-arischen Einwirkungen stand, so daß es also aus
der Vermählung arischen und nichtarischen Geistes hervorgegangen
sein kann- Und schließlich bleibt noch
zu erwägen, ob ein Phänomen, das zu einem bestimmten
Zeitpunkt auftritt, nicht aus einem anderen Kulturkreis
entlehnt worden ist. Erst bei einer sorgfältigen Prüfung
dieser verschiedenen Möglichkeiten in jedem Einzelfall
kann man hoffen, wenn überhaupt, das schwierige Problem
einer Lösung entgegenzuführen. H. hat derartige
Untersuchungen nicht angestellt, er sucht das Problem
vielmehr mit intuitiver Wesensschau zu lösen; d. h. ohne
nähere Begründung erklärt er das, was ihm selbst artgemäß
erscheint für arisch, alles andere für nichtarisch.
So schreibt er (S. VIII) „Der hochgesteigerte magische
Sakramentalismus und das übertriebene Priesterwesen
der Brähinana-Zeit etwa um 1000- vor Chr. sind nichtarisch
bestimmt". Während er im ältesten Buddhismus
noch das „nordische Erbe deutlich genug zu erkennen"
glaubt (S. 239) sagt er vom Jainismus (S. X) daß „wir
von ihm nur sehr späte Überlieferungen haben, die mitten
im Orientalisierungsprozeß der indischen Religionen
entstanden sind" — als ob nicht Teile des Jaina-Kanons
bis um 300 vor Chr. zurückreichen und damit jedenfalls
nicht jünger als der Pali-Kanon sein dürften.

In seiner Darstellung des „religiösen Aitbildes der
Indogermanen" schreibt H. (S. 3) „Die kraftlebendige
Einheit von erscheinender Wirklichkeit und der in ihr
wirkenden Gottmacht ist ja schließlich das arteigenste
Erlebnis im indogermanischen Glauben allüberall-
Hinter oder in allen Gotterscheinungen war eine Gott-
urmacht — der Urgott — der Personales und Überpersonales
immer in polarer Spannung vereinigt". Daß
sich diese Vorstellung in manchen indischen Religionen,
findet, steht außer Zweifel, fraglich bleibt freilich, ob
man sie als spezifisch arisch in Anspruch nehmen darf,
da sie ja gerade in hinduistischen Systemen und im
Vajrayana eine besondere Ausbildung erfahren hat, in
Lehren also, die nach H. unter dein Einfluß orientaliider
und mongolider Rasse-Elemente entstanden sind. Unzutreffend
ist es hingegen, diese Vorstellung als die gemeinsame
Grundlage aller indogermanischen Religiosität
zu bezeichnen. Gerade im 1. Jahrtausend v. Chr.,
als die Arier den Polytheismus überwanden, sind eine
Reihe von religiösen Systemen entstanden, die wohl eine
Vielzahl von mächtigen, aber vergänglichen und karma-
bedingten Göttern verehren, einen weltschaffenden und
weltbeherrschenden persönlichen Gott oder ein in der
Welt zur Erscheinung kommendes göttliches Absolutum
hingegen nicht anerkennen. Dies gilt nicht nur vom
Jainismus und anderen Lehren, sondern auch vom alten
Buddhismus. Denn das Nirväna des Päli-Kanons ist
nicht als ein unpersönlicher Urgott anzusehen, der allem
zugrunde liegt, sondern als ein Zustand ewiger seliger
Ruhe. Im Jainismus sowohl wie im alten Buddhismus
liegen Religionsfoirmen vor, die ein ewiges Weltgesetz
anerkennen, dem alle Wesen, also auch die Götter, unterworfen
sind, denen aber eine monotheistische oder pan-
theistische Ausdeutung des Weltprozesses fernliegt. Eine
derartige Anschauung begegnet uns ja auch sonst bei
indogermanischen Völkern, so bei Griechen und Germanen
.

Auch in einer anderen Hinsicht scheint mir H. in
seinem Bestreben, die verschiedenen Glaubensvorstellun-
gen der Indo-arier auf einen Nenner zu bringen, der

! unendlich reichen Mannigfaltigkeit ihrer Anschauungen
nicht genügend gerecht zu werden. Bekanntlich bildet die
Lehre, daß es kein unveränderliches Selbst (ätman) gibt,
sondern nur einen Strom gesetzmäßig wechselnder Daseinselemente
die Grundlage aller buddhistischen Systeme
alter und neuer Zeit. Da H. der Ansicht ist, daß
| der Glaube an ein unzerstörbares Seelenwesen zum Ur-
, besitz aller indogermanischen Religionen gehöre (S. 4),
l erklärt er die Auslegung, welche die Buddhisten seit
zwei Jahrtausende gegeben haben füir „ein grobes Mißverständnis
der Lehre Buddhas" (S. 43). Es ist natür-
! lieh möglich, wenn auch unwahrscheinlich und bisher
! unbewiesen, daß die Buddhisten die Lehre ihres Meisters
vom „Nichtselbst" falsch verstanden haben; für die Feststellung
, daß alle Indoarier eine gemeinsame Lehre
von Selbst besessen hätten, genügt jedenfalls nicht die
i Behauptung, daß die buddhistischen Kirchenlehrer insge-
j samt geirrt hätten. Daß die buddhistische Theorie, nach
welcher das, was wir Ich nennen, keine unwandelbare
I Einheit darstellt, sondern durch das Zusammenwirken
| einer Vielheit von Faktoren zustandekommt, nicht eine
nicht-arische Neuerung darstellt, sondern in alten ari-
! sehen Vorstellungen ihre Vorläufer hat, ergibt sich dar-
j aus, daß die im Hinduismus und Jainismus zur Herrschaft
gelangte Ansicht von der Unsterblichkeit einer unveränderlichen
Seele dem Rigveda noch fremd ist und in den
J Brähmanas und älteren Upanisaden noch die Vorstel-
j lung bekannt ist, daß der ätman als anderen vergäng-
i liehen Komponenten eines Wesens gleichordnet oder als
die Zusammenfassung vergänglicher Elemente angesehen
wurde.

Mir scheint daher ein Beweis für die „Übereinstimmung
aller wesentlichen Geistesbewegungen im indo-

j germanischen Bereich" (S. 91) nur dann geführt wer-

j den zu können, wenn man die Anschauungen der vedi-
schen Zeit nur auszugsweise berücksichtigt und unter
Ausschluß so bedeutsamer und aufschlußreicher Gebiete
wie des Buddhismus und Jainismus nur den Entwick-

I lungsstrom in Betracht zieht, der im Hinduismus fließt.
Daß in der Lehre der Brähmanen vieles von altarischer

j Gottes- und Seelenauffassung fortlebt, ist wahrscheinlich;
eine andere Frage ist hingegen, ob sich für viele we-

I sentliche Dinge, in denen H. Ausdrucksformen der indo-

j germanischen Religiosität sieht, wirklich der Beweis für

[ ihren indogermanischen Ursprung führen läßt. So scheinen
nach den neuesten Forschungen der Shiva-Kult und
die Yoga-Praxis bereits den vorarischen Bewohnern von
Mohenjo-Daro bekannt gewesen zu sein und das seltene

! Vorkommen der Seelenwanderungslehre bei indogermani-

j sehen Völkern läßt es als sehr zweifelhaft erscheinen,

! ob für die Theorie von der Metempsychose arische Herkunft
in Anspruch genommen werden kann (S. 17, 165),

! denn die griechischen Philosophen und die keltischen

| Druiden können sie auch aus einer nicht-arischen Kultur

! entlehnt haben.

Mir scheinen deshalb die Ergebnisse, zu denen H.

| bei seinen Darlegungen über „das religiöse Artbild der
Indogermanen und die Grundtypen der indo-arischen
Religion" gelangt, auf unsicherem Grunde zu stehen;

I vielleicht ist es überhaupt noch zu früh, etwas abschließendes
über den arischen Anteil an der Entwickelung
der indischen Religionen zu sagen, solange wir vom

| Glauben und Kult des vor-arischen Indien so wenig wissen
. Der Wert des Buches liegt m. E. vielmehr in etwas

j anderem: in der anregenden und neuartigen Behandlung
vieler Einzelprobleme des älteren Hinduismus. Darüber
hinaus ist das Buch lesenswert als das Glaubensbekenntnis
eines begeisterten Idealisten, der den religiösen

I Reichtum Indiens aufzeigen und für unsere Zeit nutz-

i bar machen will-

Königsberg Pr._ _ H. v. G lasenapp.

vanderLeeuw, O.: De primitieve mensch en de religie.

j Anthropologische studie. Qroningen-Batavia: Verlag J. B. Wolters
1937. (187 S.).

Die Grundabsicht moderner Religionswissenschaft,
i religiöse Phänomene zu „verstehen" und zwar von letz-