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Ausgabe:

1938 Nr. 13

Spalte:

235-237

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Struck, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Einfluss Jakob Boehmes auf die englische Literatur des 17. Jahrhunderts 1938

Rezensent:

Buddecke, Werner

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 13.

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Der Verlag hat für klaren Druck und gute Ausstattung des Bandes j
Sorge getragen.

Bedauerlich ist, daß am Anfang Calvins Brief an den Leser und
der Brief an Franz I. fortgelassen worden sind. Wenn der letztere auch
anderwärts in deutscher Sprache vorliegt und für modernes Denken
höchst anstößig ist, beide Stücke sind für das Verständnis der Institutio
so unerläßlich, daß sie nicht fehlen dürfen. Man kann nur wünschen,
daß sie trotz des nun unvermeidlichen Schönheitsfehlers wenigstens in
dem angekündigten Registerbande Aufnahme finden.

Berlin-Lichterfelde. Wilhelm Niesei. i

Struck, Dr. Wilhelm: Der Einfluß Jakob Boehmes auf die
englische Literatur des 17. Jahrhunderts. Berlin: Junker und i
Dünnhaupt 1936. (262 S.) gr. 8° = Neue deutsche Forschungen. Ab- !
teilung Englische Philologie. Bd. 6. RM 10—.

Das Buch ist eine erweiterte Preisschrift der Universität
Rostock vom Jahre 1932/33. Der Verfasser untersucht
den Einfluß Böhmes auf das geistige Leben
Englands im 17. Jahrhundert, wobei er in erster Linie
die theologische und die religionsphilosophische Literatur
jenes Zeitraums berücksichtigt. Denn mit Edward j
Dowden ist er der Ansicht: „Literature and especially I
what is most valuable in seventeenth-century literature, I
cannot be studied without reference to the history of
religion".

Die Arbeit „gründet sich auf ein längeres Quellen- j
Studium in England. Es wurde die englische Literatur
des 17. und des 18. Jahrhunderts, soweit erforderlich j
und durch Kataloge feststellbar, neu durchgegangen". !
Ein Verzeichnis ausgewählter Literatur und zahlreiche |
(für den Böhmebibliographen mitunter recht wertvolle) ]
Hinweise in den Fußnoten lassen die breite stoffliche ]
Grundlage des Werkes erkennen. Auch Handschriften ]
des Britischen Museums, der Friends Library und der i
Dr. William's Library in London sowie der Bodleiana !
in Oxford sind benutzt worden.

Die Frage, wie bedeutend der Einfluß Böhmes war,
sucht der Verfasser auf dem natürlichen Wege zu beantworten
, indem er zeigt, welcher Art er gewesen ist.
Freilich ist Struck sich darüber klar, daß bei der Viel- '
heit möglicher Einflüsse die Wirkung Böhmes nicht
immer mit Sicherheit nachgewiesen werden kann. Er
warnt auch davor, schon aufgrund äußerer Merkmale
von einem Einfluß Böhmes zu sprechen, wie es Mar- i
garet L. Bailey in ihrem Buch Milton and Jakob Boehme
öfter getan hat-

Um aber einen Prüfstein dafür zu haben, ob im bestimmten
Falle Böhme der Vater des Gedankens gewesen
ist, oder ob außer ihm noch andere Quellen in |
Betracht kommen, legt Struck die Lehre Böhmes in der |
Weise dar, daß er an ihrer religiösen Grundlage wie I
an ihren Hauptgedanken das Eigene und Ursprüngliche I
deutlich vom Überlieferten und Zeitgemäßen abgrenzt.
Hierbei zeigt sich, daß der mystische Voluntarismus '
und die Naturbezogenheit Böhmes sein Weltbild entscheidend
bestimmen. Sie machen, wie Struck mit Recht behauptet
, „die Kraft und Größe seiner Mystik" aus.

Im Hauptteil des Buches wird dann der Einfluß
Böhmes 1. auf die mystische Religiosität, 2. auf die
Gottesidee und die Spekulation über das Böse, 3. auf ',
die Naturphilosophie im England des 17. Jahrhunderts
erörtert. Damit wird die Betrachtung auf diejenigen
Fragen des englischen Geisteslebens ausgerichtet, die i
sich schon für die Mystik Böhmes als die zentralen ,
erwiesen hatten. In drei Längsschnitten durch die Ge- '
schichte des Jahrhunderts untersucht Struck die zum
jeweiligen Thema in Beziehung stehenden Lehren, wobei
er es freilich nicht vermeiden kann, einige Persönlichkeiten
und Gruppen wiederholt, wenn auch in ver- ;
schtedenem Zusammenhang, zu behandeln.

Soweit in Böhmes Werk mystische Religiosität zum j
Ausdruck kommt, mußte es bei der in der Common-
wealthzeit entstandenen Bewegung der Independenten, j
die von der Sehnsucht des Volkes nach religiöser Erneuerung
und unmittelbarer Gottesnähe getragen war,
besondere Empfangsbereitschaft finden. Eng mit Böhme
verbunden waren die beiden bedeutendsten independen-

tischen Sekten, die Quäker oder die Gesellschaft der
Freunde und die sogenannten Böhmisten, aus denen
später die Philadelphische Sozietät hervorging. Während
aber die Quäker bald eine kirchlich-soziale Haltung
annahmen, bewahrten die Böhmisten ihre Eigenart
, einen mystischen Enthusiasmus, der mit dem deutschen
Pietismus in nahem geistesgeschichtlichem Zusammenhang
steht- Daß Böhmes religiöse Anschauungen
aber auch auf dem Boden der anglikanischen Kirche
Fuß fassen konnten, beweisen vor allem die Übersetzungen
seiner Werke mit ihren eindrucksvollen Vorreden
, die Sparrow, Ellistone und andere Angehörige
der Staatskirche schufen. Begünstigt wurde der Einfluß
Böhmes auf die Independenten und Anglikaner dadurch,
daß ihre Frömmigkeit vielfach Züge neuplatonischer
Mystik trug. Die eigentliche Verbindung Böhmes mit
dem Neuplatonismus aber vollzog sich bei Henry More,
dem Haupt der Schule von Cambridge.

Im Lauf des 17. Jahrhunderts verstärkte sich in England
der Widerspruch gegen den Calvinismus, wobei
sich manche Gegner auf Böhme beriefen. Denn wie
seine Religiosität die Gottferne des calvinistischen Glaubens
überwinden half, so wirkte seine Ethik dem Gedanken
der Prädestination entgegen, indem sie die Freiheit
und sittliche Verantwortung des Menschen vor Gott
betonte. Wenn Böhme aber andrerseits einen Gottesbegriff
lehrte, der den Dualismus von Gut und Böse
als Möglichkeit in sich schloß, und der es also zuließ,
die Sünde des Menschen mit dem Wirken Gottes in
Beziehung zu bringen, so konnte man ihm hierin nicht
folgen, ohne seine Lehre zu verändern. So sali der
Neuplatonismus das Böse lediglich als Privation des
Guten an, während es für die entgegengesetzte Anschauung
absolut von Gottes Lichtnatur geschieden blieb.
Die Böhmisten wiederum und selbst John Pordage, der
bedeutendste englische Böhmeschüler im 17. Jahrhundert
, waren geneigt, den Gedanken der Entwicklung des
Bösen aus dem göttlichen Ungrund aufzugeben und seinen
Ursprung in der widersittlichen Tat des Menschen
zu suchen. Überhaupt waren es ethische Motive, die
Böhmes Anhänger bestimmten, den Dualismus in seinem
Gottesbegriff abzuschwächen oder zu beseitigen.
Aber indem man dies tat, nahm man auch dem Bösen
den Charakter der furchtbaren metaphysischen Macht,
die Böhme erlebt hatte, und die er grade mit jenem
Dualismus systematisch begründete.

Wie der Calvinismus so hatte auch die englische
auf Erfahrung und Induktion gegründete Naturwissenschaft
den Menschen und die Natur durch eine weite
Kluft von Gott getrennt. Beiden Auffassungsweisen
stellte sich eine Betrachtung der Natur entgegen, die
von dem mystischen Erlebnis ihrer Gottverbundenheit
ausging, und die von Böhme, aber auch von Agrippa
und Parazelsus beeinflußt war. Vor allem hatten die englischen
Rosenkreuzer, die ebenso wie die deutschen
Böhme äußerst nahe standen, erkannt, daß Gott sich
nicht nur in der Seele offenbare, sondern auch durch
die Natur zum Menschen spreche, die ein Gleichnis der
ewigen Welt und ihrer verborgenen Kräfte sei. Sie
waren ferner mit Böhme überzeugt, daß nur der Wiedergeborene
die ewige Gestalt der Dinge, ihre „Signatur",
zu schauen vermöge, und daß nur er zu dem wahren
Werk der Alchimie befähigt sei, die Natur durch einen
geistigen Prozeß zu läutern und den Leib Gottes in ihr
sichtbar zu machen. Aber selbst für die experimentelle
Naturwissenschaft eines William Simpson konnte die
Lehre Böhmes richtungweisend sein. Und in diesem
Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob und wieweit
auch Newton von Böhme beeinflußt war. Sie ist von
Karl Robert Popp im Jahre zuvor behandelt und wohl
deswegen hier beiseite gelassen worden.

Im letzten Teil seines Buches wendet sich Struck
der englischen Dichtung des 17. Jahrhunderts zu mit
dem Ergebnis, daß sich ein Einfluß Böhmes auf sie
nicht feststellen läßt; auch die Annahme, daß Böhme