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Ausgabe:

1938 Nr. 12

Spalte:

214-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lake, Silva

Titel/Untertitel:

Family 2 and the Codex Alexandrinus 1938

Rezensent:

Seesemann, Heinrich

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 12.

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deutschem Gewände gesammelt in die Öffentlichkeit hinausgehen
lassen. Den ganzen Reichtum dieser „Meditationen
" in einer Rezension zu erschließen, ist unmöglich
; an dieser Stelle darf ich mich ja auch damit be- ;
gniigen, des Verfassers Stellung im spezifisch religionswissenschaftlichen
Bereiche zu charakterisieren. Kerenyi
steht im wesentlichen auf W. F. Ottos Standpunkt.
Er setzt sich S. 15 ff. für eine Religionspsychologie
«in, die in den antiken Göttern nicht „Illusionen der
Seele", sondern „Realitäten der Seele" sieht, Realitäten,
die ihre objektive Stütze im Reiche des Geistes oder der
Natur haben; die antike Religion erscheint ihm also als
»ein« Religion nicht des supranaturalistischen Glaubens, j
sondern des Realitätsgefühls, dessen Grund letzten En- !
des der Kosmos ist" (S. 35), d. h. „die Wirklichkeit j
der Natur, die zugleich die Gültigkeit einer, geistigen j
Ordnung in sich schließt" (S. 33): die Götter sind somit
„auf griechische Art und Weise erkannte Weltwirklichkeiten
" (S. 71). So schildert er S. 74 ff., ausgehend
von primitiven Felszeichnungen, die „Ergriffenheit
" durch die Weltwirklichkeit in ihren verschiedenen
Aspekten, die den Keim zur Erkenntnis und Verehrung
von Gottheiten in sich trägt; S. 105ff. charakterisiert er
die Dichterschaft am Bilde der Musen, in denen das
Griechentum die im Dichter wirkende Lebensfülle plastisch
schaute, und S. 102 ff. zeigt er wieder, wie der
von der Landschaft ergriffene Geist Göttergestalten erblickt
, die ihm den Sinn dieser Landschaft offenbaren.
Im dritten Aufsatz S. 59 ff. ist ihm Aphrodite „die
Erfüllung, der Augenblick des vollkommen Schönen",
Artemis die jungfräuliche Ungebrochenheit, die schon
die Möglichkeit und Fähigkeit in sich trägt, die Schrek-
ken des Gebärens zu erleben und zu ertragen oder
daran zu sterben, und der ihr nahestehende Hippolytos
ist die sich vor der Selbstaufgabe in Aphrodite behauptende
Männlichkeit. Apollon aber, dessen Namen das
Buch zum Titel hat, ist nach S. 37 ff. der Gott übersinnlicher
Transzendenz, der Lebensfernheit des sich I
vom Dasein und von der Welt distanzierenden Geistes,
der Todesrealität, die dem primitiven und dem körperlichen
Menschen finster erscheint wie die heiligen Tiere
des Gottes Wolf, Rabe und Krähe, dem geistigen Menschen
aber hell wie der Schwan als Verwirklichung
der vollkommenen Reinheit, einer Katharsis, die für
seine Individualität entweder völlige Vernichtung oder
Unsterblichkeit der vom Leibe getrennten Seele bedeutet
. Aus solcher Apollonschau erklärt Kerenyi die pythagoreischen
Läuterungstendenzen und des Sokrates Unsterblichkeitsbeweise
im Phaidon, der in tieferein Sinne i
e"i Apollonhymnos ist; so wird ihm „apollinisch" jede
geistige Haltung, die die Unzulänglichkeit des Sinnlichen
Oder des Menschlichen gegenüber dem Übersinnlichen
°der dem Göttlichen empfindet, angefangen vom Seelen-
u"d Ideenweltmythos, „der an die Stelle der Schau der
alten großen Götterwirklichkeiten tritt und sich vom
delphischen Gotte doch nicht losreißt" (S. 55), bis zu
den Mimen des Sophron (S. 166 ff.) und den Charak- j
teren des Theophrast (S. 246), deren realistische Schil-
derung der menschlichen Verhältnisse den Kontrast zu
der ungetrübten Reinheit der Götterwelt bildet — ja,
wenn die berückende Schau, jener geistigen Reinheit
von Griechen oder Nichtgriechen je erlebt wird, „so
Ist es immer eine wesentlich griechische Gottesschau,
welche in die Apollonreligion gehört, ob diese so genannt
wird oder nicht . ." (S. 56).

So sucht Kerenyi also ähnlich wie Otto die Realität !
der antiken Götter, denen eine objektive Existenz nicht
mehr direkt zugestanden werden kann, in dem seelischen
t-rlebnis der Menschen, insofern es mit einem Wirklich- j
Keitskomplex korrespondiert und daraus seinen „Reali- j
latscharakter" gewinnt. So werden diese Götter also j
immer wieder von neuem erlebbar; wenn es „apollinische
, artemisische, hermetische Wirklichkeit" gibt,
■ Pnn auc'i der moderne Mensch von solcher Wirklichkeit
„ergriffen" werden, die antike Religion gewinnt

wieder „existentielle" Bedeutung für uns, indem sie unsere
Stellungnahme zum Dasein zu beeinflussen vermag,
ja, ihre Wirkung ist überhaupt zeitlos. Im Grunde genommen
ist Kerenyis Anschauung die eines jeden Religionshistorikers
, den etwas in seiner eigenen Seele
menschlich oder rassisch mit den Göttern Griechenlands
verbindet, aber so sublimiert, wie diese Gestalten hier
erscheinen, sind sie doch bis zu einem gewissen Grade
Gefäße persönlichen Erlebens, und je allgemeiner sie
gelten sollen, umso mehr drohen sie ihre spezifisch hellenische
Individualität zu verlieren. Sie werden hier,
nicht was sie waren, aber was sie sein konnten, doch
zeugt nicht gerade das von der inneren Dynamik, die
ewig in ihnen lebt?

Tübingen. Hans Herter.

Lake, Silva: Family n and the Codex Alexandrinus. The Text
aecording to Mark. London: Christophers 1936. (XIV u. 160 S.) S"
= Studies and Documents ed. by Kirsopp and Silva Lake, vol. V. 15 s.

C o 1 w e 11, Einest Cadman : The Four Gospels of Karahissar.
Vol. I: History and Text. Chicago: The University of Chicago Press
1936. (XV u. 268 S. u. 13 Taf.) 8°. $ 10—.

S c h m i d , Josef Prof. Dr.: Untersuchungen zur Geschichte des
griechischen Apc.-Textes I: Der Apokalypsetext des Arethas von
Kaisareia und einiger anderer jüngerer Gruppen. Athen : Verlag der
Byzantinisch-Neugriechischen Jahrbücher 1936. (78 S.) 8° = Texte
und Forschgn. z. Byzantinisch-Neugriech. Philologie Nr. 17. RiM 6—.

Sanders, Henry A. and Johanna Ogden: The Text of Acts
in MS 146 of the University of Michigan. Philadelphia: The
American Philos. Society 1937. (97 S.) 8° — Proceedings of the
American Philosophical Society, Vol. LXXVII, Nr. 1.

Im Folgenden soll über vier textkritische Arbeiten
berichtet werden, die sich alle durch größte Sorgfalt auszeichnen
. Ein genaues Eingehen auf ihre Ergebnisse
ist hier nicht möglich; jedoch soll das Wesentliche
einer jeden Arbeit hervorgehoben werden.

1. Silva Lake geht in genauester Untersuchung
einer ihres Erachtens von H. von Soden zu schnell
beantworteten Frage nach: wie verhält sich cod. A
zu der Hs.-Familie Ka (v. Soden), die sie nach der besten
Hs. dieser Gruppe Familie IT nennt. Zur Beantwortung
dieser Frage zieht sie aus den Hss. nur eine Schrift
des N.T. heran, das Marcusevang. Ihr Resultat ist
darum auch nur als vorläufiges anzusehen; es muß noch
nachgeprüft werden, ob ihr Ergebnis auch auf die anderen
Schriften des N. X, zum wenigsten auf die 4 Evangelien
, zutrifft. Hoffentlich nimmt die Vf. selbst diese
Nachprüfung vor. Im vorliegenden Heft bietet sie zunächst
eine auch nur am Mc. ev. vorgenommene Durchprüfung
von 21 Hss. der Familie n. Sie zeigt, wie weit
die Hss. dieser Gruppe zusammengehören und stellt
ein übersichtliches Stemma auf. Cod. II hat als Archetypus
dieser Gruppe zu gelten. Dann kommt sie zu
ihrem Hauptthema, und weist nach, daß cod. A, nicht —
wie von Soden meinte — Glied der Familie n ist,
auch nicht ihr Archetyp sein kann, sondern nur in verwandtschaftlicher
Beziehung zu ihr steht. Aber wie ist
diese verwandtschaftliche Beziehung näher zu deuten'
Nach der Vf. liegt es so, daß cod. A und cod. II einen,
gemeinsamen Stammvater haben, den sie mit x bezeichnet
. Dieser gemeinsame Archetyp aus dem IV. Jahrh.
muß stark von Hss. des Cäsarea-Textes beeinflußt sein;
die Möglichkeit, daß er die Lucianische Rezension darstellt
, erwähnt die Vf. nur, ohne sich bestimmt für sie
zu entscheiden; zu cod. A kommen dann noch Einflüsse
des Alexandrinisehen Textes hinzu. Das ist das
nicht ganz einfache Ergebnis. Ob es richtig ist?
Über ein „vielleicht" kommt man nicht hinaus. M. E.
nimmt die Vf. hier zu starke Kombinationen vor, und
versucht eine zu bestimmte Antwort zu geben. Der
Hauptwert ihrer Arbeit liegt darin, daß sie uns eine
gute und einleuchtende Übersicht über die Familie n
bietet und die besondere Stellung des cod. A vor Augen
führt. Dies beides ist von großem Vorteil für die weitere
Forschung, auf der die Vf. uns mit ihrem Gatten