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Ausgabe:

1938 Nr. 12

Spalte:

211-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Güntert, Hermann

Titel/Untertitel:

Altgermanischer Glaube 1938

Rezensent:

Clemen, Carl

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 12.

212

G fl n t e r t, Prof. Hermann : Altgermanischer Glaube nach Wesen

und Grundlage. Heidelberg: Carl Winter 1037. (IV, 141 S., 56 Abb.
auf 24 Taf.) 8° = Kultur und Sprache. 10. Bd. RM 5—.

Dieses neue Buch des Heidelberger Indogermanisten
besteht aus drei Vorträgen, deren erstem auch Abbildungen
beigegeben sind. Er behandelt das bronzezeitliche
Grab von Kivik in Südschweden, das, wie jetzt gewöhnlich
, ohne weiteres als altgermanisch • betrachtet
wird, obwohl gerade seine Erklärung durch O. eine andere
Herleitung nahelegen könnte.

Auch wenn er zunächst (im allgemeinen wohl im Anschluß an Bing,
Mannus 1915, 62ff., z.T. auch an Erbt, Midgard 1931, 5tff.) die auf
der 1. Grabplatte dargestellten beiden Äxte, Speerspitzen (doch vergl.
Almgren, Nordische Felszeichnungen 1934, 180 f. und meine Urgeschichtliche
Religion I, 1932, 109) und kleine Pyramide als Symbole für Thor,
Odin bzw. Tyr und Freyr deutet, so ist das wohl schon deshalb nicht
überzeugend, weil bei der Pyramide nichts auf einen Phallus, geschweige
denn „den Mutterschoß der Erde, die auch aus Gräbern wieder neu gebiert
" (S. 16), erinnert. Wenn nach G. selbst Steine sonst, ebensowie
bekanntlich Waffen, Toten mitgegeben wurden, so wird auch ihre Darstellung
in einem Grab wohl am einfachsten als Ersatz dafür angesehen
werden müssen. Ja Schiffe oder Schlitten, wie sie auf der 1. Platte
unter jenen Gegenständen und ebenso wohl auf der 2. abgebildet sind,
erscheinen, wenngleich sie zunächst die Sonne herumfahren sollten, um
den besuchten Gegenden ihren Segen zuzuwenden, wieder nach G. selbst
auch sonst auf Grabsteinen, weil jene Wirkung zugleich den Toten zu
gute kommen sollte; man braucht also in Kivik den Schlitten nicht,
wie G. will, auf den Winter oder vielmehr Tod zu deuten. Eher könnte
das Zackenband auf Platte 3 und 4 „in frühen Zeiten ein stilisiertes
Bild des Wassers gewesen" und hier „als Heilszeichen für Fruchtbarkeit
und Segen angebracht worden" sein; wenigstens kann man dafür geltend
machen, „daß sonst alle Zeichnungen auf unserm Denkmal eine besondere
Bedeutung haben, daß sonst nirgends etwas als bloßer Schmuck
angebracht ist" (S. 9). Sicher ist wohl auf Platte 4 und ebenso 6 (5 ist
verloren), und zwar aus dem vorhin angegebnen Grund, die Sonne dargestellt
, während die Deutung der auf Platte 6 darüber erscheinenden
Gebilde als Götterschiffe, die G. auch nur „mit allem Vorbehalt" vorträgt
(S. 8), nicht recht einleuchten dürfte — ebensowenig freilich die
andern von Almgren angeführten Deutungen. Sehr wahrscheinlich ist
dafür wieder, daß die auf Platte 3 teils, wie auch auf Platte 7, gegen einander
, teils hinter einander herlaufenden Pferde, sowie der mit zwei
Pferden bespannte Rennwagen auf letzterer auf zu Ehren des Toten angestellte
Pferdekämpfe und -wettläufe oder -fahrten hindeuten, durch die
mindestens ursprünglich das zu opfernde oder dem Toten mitzugebende
Pferd ausgewählt werden sollte. Sehr unsicher ist dagegen, wie auch
G. selbst sehr wohl weiß, seine Erklärung des auf Platte 7 weiterhin
dargestellten Fisches und des von ihm (sehr kühn) daneben dargestellt
gefundenen Hundes oder Wolfes, „bekannter Totentiere", als auf „das
Totenreich über der See bezw. dem Totenfluß" hinweisend (S. 13). Daß
auf Platte 8 zwei Lurenbläser abgebildet sind, ist klar; weniger, obwohl
G. das „mit ziemlicher Sicherheit" annimmt (S. 13), daß hier ein dritter
Mann eine Trommel schlägt (was man doch wohl nicht in dieser Weise
tut); eher, daß in der Mitte ein Opfertrog zu sehen ist. Aber daß die
neun neben ihm stehenden und die acht auf Platte 7 erscheinenden vermummten
Gestalten mit dem Vogelkopf die Ahnen darstellen sollten, in
deren Kreis im ersten Fall der Tote als schon aufgenommen gälte, wäre
nur denkbar, wenn er unter dem vor den acht Gestalten stehenden
Mann zu verstehen wäre — und das ist, da dieser wohl nicht die Hände
zum Gebet erhebt, sondern in der rechten Hand denselben Gegenstand,
wie der Mann vor den beiden Lurenbläsern hält, nicht sehr wahrscheinlich
. Möchte man daher in ihm, zugleich in Übereinstimmung mit dem
sonstigen Charakter der bisher besprochenen Darstellungen, vielmehr eine
bei Leichenfeierlichkeiten auftretende Gestalt sehen, so wohl auch in den
Vermummten, wobei freilich unerklärt bleibt, weshalb ihrer das eine Mal
acht, das andere neun sind. Die vier Gestalten, die auf der Platte 7
noch zu sehen sind, und die je drei Gestalten, die auf der Platte 8 zusammen
mit je einem vielleicht ein Schwert tragenden Mann abgebildet
sind, könnten in den ösenartigen Gebilden, vor denen sie stehen, für
den Toten geopfert werden sollen, wenn auch die Deutung dieser Gebilde
als „heiliger Kreissetzungen" (S. 10) sehr unsicher ist — ebenso
freilich ihre Erklärung als des „Rachens der verschlingenden Erde, die
jetzt die Reste der Opfertiere (?) für immer verborgen hat", durch Bing
(a. a. O. 73) oder als von oben gesehener Rundhütten durch Franz (Ipek
1928, 105). Wenn endlich auf der Platte 8, wieder in einem Halbkreis
, eine Feuerbohrung dargestellt sein sollte, so würde sie kaum eine
Neuzeugung bedeuten; denn daß daneben eine Frau „mit auffälliger
Beinhaltung" (S. 13) stünde, ist wohl unsicher, und erst recht, daß die
Haltung den angedeuteten Sinn hätte. Auch daß die Feuerbohruug in
der nordischen Bronzezeit als Zeugung aufgefaßt worden sei, wird sich
nicht beweisen lassen und wäre selbst daraus nicht zu schließen, daß
nach Almgren (a. a. O. 207) in einem ägyptischen Grab eine Feuerbohrung
dargestellt gewesen sein soll; außerdem würde dann hier ein Vorgang
dargestellt sein, der kaum zu den Leichenfeierlichkeiten gehörte.

So wird man die Feuerbohrung, wenn sie dargestellt ist, lieber mit dem
| Menschenopfer in Verbindung bringen, das, wie wir sahen, hier voraus-
j gesetzt sein könnte.

Dann ist freilich an dem Kivikdenkmal auch nicht
j besonders gut „die Sippe als feste Einheit im Leben und
| Tod" (S. 15) zu beobachten; im Gegenteil: es soll
nach G. auf ein Totenreich hindeuten. Und wäre es
selbst anders, so würde dieser Umstand nach ihm ge-
j rade nicht auf das Indogermanentum, sondern (wie die
Anlage der christlichen Kirchen) auf die Megalithgräber-
; kultur zurückzuführen sein, in der die Ahnfrau auch
schon häufig dargestellt worden sei. Die Beweise für
diese Deutung auch schon der paläolithischen Frauenfiguren
, die G. versucht, scheinen mir freilich wieder
nicht irgendwie zwingend zu sein, und wenn aus den
Megalithgräberleuten erst durch ihre Vermischung mit
Indogermanen die Germanen entstanden sind, so könnte
j das Grab von Kivik noch nicht auf diese, sondern eben
j auf Megalithgräberleute zurückgehen, d. h. für den alt-
| germanischen Glauben gar nichts beweisen.

Wenn G. in seinem zweiten Artikel als dessen Wesen
i zunächst bezeichnet, daß die Götter sterben und wiederkommen
, so gilt wenigstens das letztere nur von den
Vanen, die wieder ursprünglich von-den Megalithgräberleuten
, wie die Asen von den Indogermanen, verehrt
worden sein sollen. Freilich läßt sich das für
die Megalithgräberleute nur zum Teil nachweisen, und
wenn doch schon Indogermanen zugleich Ackerbauern
waren, so könnten auch-sie bereits den Vanen ähnliche
Gottheiten gehabt haben, ja ich glaube das (Religionsgeschichte
Europas I, 1926, 173 f., 179 ff., Altgermanische
Religionsgeschichte 1934, 75 ff.) nachgewiesen
zu haben, und halte daher eine „Umwälzung in der
germanischen Religionsgeschichte" in der von G. (S. 54)
beabsichtigten Weise nicht für angebracht. Wenn er
weiter die germanischen Hauptgottheiten nicht als Naturwesen
, sondern als „individuell gefaßte Bilder und Symbole
für besonders gefühlte und verehrte Kräfte und
Kraftmächte, die durch die Erde fluten", (S. 55) deuten
will, so scheint mir das kein scharfer Gegensatz
zu sein, und wenn er über Götter und Menschen das
Schicksal stehen läßt, so dürfte diesen Glauben auch
gegenüber andern ähnlich urteilenden Gelehrten Kummer
(Midgards Untergang3 1937, 203ff.) richtig als nicht
mehr religiös bezeichnet haben. Auch G. bemerkt (S.
71), er sei nur für „starke, gesunde, jugendlich ge-
I spannte und selbstsichere Menschen" zu ertragen gewesen
, und erkennt (S. 75) als Wirkung der christlichen
Mission, wenngleich er in der jetzt üblichen einseitigen
J Weise ihr Wie verurteilt, an: „die Leidenschaften wurden
gezügelt, die ethischen Werte vertieft."

„Daß das, was am germanischen Glauben wesentlich
I ist, auch heute noch in unserer Gegenwart Bedeutung
I gewinnen kann" (Vorwort), sucht ü. endlich in seinem
dritten Kapitel auf Grund ausgedehnter philosophischer
und naturwissenschaftlicher Kenntnisse zu zeigen. Wir
reden von Kräften, die wir doch nicht verstehen, aber
„wo das verstandliche Forschen haltmachen muß, beginnt
das Gebiet des religiösen Glaubens" — freilich
nur, weil es noch „ein weites Gebiet letzter und tiefster
i Fragen" (S. 108) gibt. Was G. statt dessen gegen die
I Verabsolutierung von Werten, über die Bedeutung der
I Gattung und nicht des Individuums, sowie den Einfluß
der Rasse ausführt, kann hier außer Betracht bleiben;
um so mehr sei zum Schluß noch hervorgehoben, daß
| seine Darlegungen auch dort, wo ich gegen sie Bedenken
äußern zu müssen glaubte, in Einzelheiten doch
sehr lehrreich und wertvoll sind.
Bonn.____Carl C1 e m e n.

Ker6nyi, Karl: Apollon. Studien über antike Religion und Humanität
. Wien: Franz Leo & Comp. 1937. (281 S.) RM6-; geb. 7.80.
Der mit der deutschen Wissenschaft engverbundene
ungarische Gelehrte hat in dem vorliegenden Buche
Vorträge und Aufsätze, die meist bereits an zerstreuten
| Stellen in verschiedenen Sprachen publiziert waren, in