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1938 Nr. 11

Spalte:

197-198

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die pommersche Kirchenordnung [Kercken-Ordeninge des gantzen Pamerlandes] von 1535 1938

Rezensent:

Stelter, Hugo

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197

Theologische Literaturzeitung 1938 Nr. 11.

198

die Hühner doch gerade viel Eier legten). Freilich wird
man nicht selten hier wünschen, daß die Auseinandersetzung
mit Erklärungen, die vom vorchristlichen Volksglauben
ausgehen, noch ernsthafter wäre. Darf man,
um nur ein Beispiel zu nennen, bei der Deutung der
Lichter auf Kirchhöfen und Gräbern die apotropäische
Bedeutung, die das Licht im Volksglauben weithin hatte,
außer acht lassen? Was schließlich die grundsätzliche i
Beurteilung angeht, so wird der lutherische Theologe
bei ihr immer wieder die Grenzen spuren, die der
Betrachtungsweise des Verfassers gesetzt sind. Das gilt
nicht nur für die Beurteilung der Reformation und zu be- j
anstandende I>eutungen von Einzelheiten lutherischen Kir-
chentums, wie sie z. B. S. 57, 119, 169 begegnen,
sondern vor allem auch für die kirchengeschichtlich wichtige
Frage, in wie weit die in dem mittelalterlichen volks- |
frommen Brauchtum vollzogene Germanisierung des
Christentums nur eine arteigene Aneignung des Evangeliums
oder eine Überfremdung durch vorchristlichen
Volksglauben bedeutete. Gewiß bringt das Buch man- I
dien Beleg für eine Bekämpfung einzelner Mißbräuche j
und abergläubischer Vorstellungen durch die Kirche und j
hält auch der Verfasser gelegentlich nicht mit seiner
Kritik zurück. Aber die letzte entscheidende Frage, wie
all diese Bräuche, die mit dem Ablaß, der Heiligenverehrung
, dem Do ut des der Wallfahrten und Votiv- j
gaben u. a. m. von der biblischen Verkündigung her
zu beurteilen sind, wird nicht gestellt. So gibt das an
Material und Gesichtspunkten reichhaltige Buch dem
Kirchenhistoriker auf die bei der Beurteilung wichtigste
Frage schließlich doch keine Antwort.
Adelebsen. Ph- Meyer.

Nanz, Luise: Der Ordo-Gedanke. Beitr. z. Frage d. mittelalterl. i
Ständegedankens. Stuttgart: Kohlliammer (19371. (IV, 53 S.) 8" = Viertel-
jahrschr. f. Sozial- 0. Wirtschaftsgesch. Bein. 33. (Zugl. Diss.) RM 3.50.
Die Verfasserin behandelt ihr wichtiges Thema außerordentlich
skizzenhaft. Obwohl ihr der nichtständische,
allgemein organisatorische und metaphysische Charakter
des Augustinischen Ordo nicht entgangen ist, kommt sie
darauf in der weiteren nur sehr flüchtig behandelten
Entwicklungsgeschichte nur selten zurück. Auch unterläßt
sie es, die grundsätzliche Bedeutung der Doppelsinnigkeit
des Begriffs Ordo (1) = Stand, 2) = Ordnung
) für die Soziologie des Mittelalters zu würdigen.
Für alle Perioden werden nur einige wenige Beispiele
geboten. Trotzdem fehlt es in dem äußerst knappen j
Kähmen dieser schon deshalb unzulänglichen Studie nicht
an weitschweifigen und überflüssigen Exkursen wie dem
über die Entstehung des Klerikalen Ordo bei Tertullian,
während vorher die entscheidenden neutestamentlichen j
Stellen auf Grund einer unzulänglichen Exegese erörtert
werden. Auch über die „Dreigliederung des sozialen
Organismus" und über das Verhältnis des Ordo-Ge-
dankens im doppelten Sinne zumGradualismus hätte mehr
gesagt werden müssen. Dann war freilich auch eine
gründlichere Darstellung des Thomismus unvermeidlich.
Hamburg. J. Hashagen. |

pommersche Kirchenordnung von 1535 nebst dem Anhang: j
Pia et vere catholica et consentiens veteri ecclesiae ordinatio caeremoniarum |
Pro canonicis et monasteriis. Hrsg. u. erläut. von Pfarrer H. Heyden.
Stettin: Fischer & Schmidt 1937. (127 S.) gr. 8°. RM 3—.

Bugenhagens Pommersche Kirchenordnung (K. O.)
ist im Laufe der Jahrhunderte mehrmals herausgegeben ■
worden; hier erscheint sie zum ersten Male mit ausführlichem
Kommentar. Dieser besteht aus der „Vorge- |
schichte" und dem „Inhalt", die dem deutschen Text und
dem lateinischen Anhang vorangehen, und aus 132 „Erläuterungen
", die am Schluß zusammengestellt sind.

. Oa Bugenhagen sich nicht immer streng an seine
*'.gne Einteilung halten konnte, weil die einzelnen Gebote
sich überschneiden, hat Verfasser bei seiner Besprechung
den „Inhalt" nach Sachgebieten gegliedert:
}■ Von Predigtamt und Gemeinde. 2. Vom Schulwesen.
J- Vom Armenwesen. 4. Vom Gottesdienst.

Im „lateinischen Anhang" gibt Bugenhagen
dann den in den Klöstern verbleibenden Mönchen, denen
lebenslängliche Versorgung zugesagt war, eine pia et
vere catholica ordinatio, d. i. eine Wegweisung, wie
sie es fortan in ihren Gottesdiensten halten sollten.
Vor allem sollten sie den Heiligendienst beseitigen und
der Jungfrau Maria gegenüber wieder Christus in den
Vordergrund stellen.

Die „E r 1 äute r un ge n"wollen zunächst nur feststellen
, wie die K. O. „auf das kirchliche Leben in
den auf 1535 folgenden, für den Aufbau der Kirche
so wichtigen Jahren eingewirkt hat, insbesondere wie
weit sie etwa auf den pommerschen Synoden Gegenstand
von Verhandlungen und Beschlüssen gewesen ist". Die
„Erläuterungen" bieten aber weit mehr. Sie bringen
die Belege zu den einzelnen Stücken der K. O., und
dabei kommt manches zutage und wird manches klargestellt
, was unserer Zeit an der K. O. schon unverständlich
geworden war. Auch wer sich viel mit Kirchenge-
schichte beschäftigt hat, wird hier allerlei Neues finden,
was für das Verständnis des reformatorischen Gedankens
und damit auch für den Neuaufbau der Kirche in unsrer
Zeit von Wichtigkeit ist.

Stettin. Hugo Stelter.

Ekklesia. Eine Sammlung von Selbstdarstellungcn der christlichen Kirchen.
Herausgegeben von Friedr. Siegmund-Schultze. V: Die Osteuropa
i sch en Län d er. 20. Lieferung: Die Kirchen der Tschechoslowakei
. Leipzig: Leopold Klotz Verlag 1937. (250 S.) gr. 8°.

RM 11.50; für Subskribenten 8.50.

Auf diesen Band des großen Sammelwerks muß mit
Nachdruck aufmerksam gemacht werden. Denn kaum ein
anderes Staatsgebiet hat in der Gestaltung der kirchlichen
Gemeinschaften seit dem Weltkrieg so starke
Wandlungen erfahren wie die Tschechoslowakei, und
kaum ein anderes Gebiet zeigt jetzt dermaßen verwik-
kelte und so schwer zu übersehende kirchliche Verhältnisse
wie sie. Es war ganz richtig, daß in diesem Band
die Kirchengeschichte stärker betont werden mußte, als
sonst in den Einzelbänden üblich ist; nur genaue Einsicht
in das geschichtliche Werden kann die große Vielfalt
kirchlichen Wesens verständlich machen. Daher finden
die beiden Landesteile Böhmen und die Slowakei je
eine gesonderte kirchengeschichtliche Darstellung (zusammen
etwa 90 S.). Die 10 Einzeldarstellungen "gelten
vor allem den tschechischen und slowakischen Kirchen-
gemeinschaften, während die deutschen knapper behandelt
sind; für sie konnte z. T. auf den Bd. Österreich
verwiesen werden; die ungarischen aber sollen in dem
zu erwartenden Band über die ungarischen Kirchen mitbesprochen
werden. Immerhin hat die deutsche evang.
Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien durch Joh.
Pfeiffer eine bei aller Kürze sehr reichhaltige Schilderung
gefunden. Außerdem ist je ein Kap. folgenden evang.
Kirchen (der Name wird hier allgemein für „kirchliche
Organisation" gebraucht) gewidmet: Tschechisch-brii-
derische evang. Kirche (d. i. die historisch sehr bedeutsame
Kirche der Böhmischen Brüder, daher verhältnismäßig
ausführlich auf 35 S. besprochen, auch der
kirchengeschichtliche Teil beachtet sie natürlich stark),
Evang. Kirche AB in der Slowakei, Reformierte Christi.
Kirche in der Tschechoslowakei, Brüdergemeine in der
Tschechosl. Republik, Tschechische Brüder-Unität (Kon-
gregationalisten seit 1880), Brüder-Unität der Baptisten
in der Tschecheslowakei (nach dem Weltkrieg aus kleinen
Anfängen kräftig entwickelt), Methodistenkirche, Ev.
Kirche AB in Ostschlesien (Teschener Gebeit). Daß
außer diesen evang. Gemeinschaften auch die von der
römisch-kath. Kirche abgesprengte Tschechoslowakische
Nationalkirche (seit 1920; ca. 850 000 Glieder) eine
eigene Darstellung erhalten hat, ist, obwohl sie nicht als
„evangelisch" bezeichnet werden kann, sehr zu begrüßen:
die Kenntnis dieser im steten Wachstum begriffenen
Kirche ist noch unverhältnismäßig wenig verbreitet, ihre
Entstehung und innere Entwicklung aber ist in vielen Beziehungen
sehr interessant. Verfaßt ist dieser Abschnitt