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Ausgabe:

1937 Nr. 9

Spalte:

164-165

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Heiligenverehrung der christlichen Kirchen 1937

Rezensent:

Stelter, Hugo

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 9.

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Stoff in guter Verarbeitung und Gruppierung, und selbst
der Gelehrte wird durch die Darstellung angeregt und
durch die Literaturangaben weiter geführt.
Bern. A. Debrunner.

Schwartz, E.: Zwei Predigten Hippolyts. München: Bayer.

Akad. der Wissenschaft in Komm. C. H. Beck'sehe Verlagsbuchh. 1936.

(51 S.) 8°. = Sitzungsber. d. Bayer. Akad. d. Wissensch. Philos.-hist.

Abt. Jhrg. 1936. H. 3. RM 3.20.

Die äußerlich wenig umfangreiche Abhandlung enthält
viel mehr, als der knappe Titel verrät. Zunächst
bietet sie allerdings als sehr willkommene Gabe den
kritischen Text zweier längst bekannter, aber nach der
editio prineeps von J. A. Fabricius (1718) durch Routh
und Lagarde nur mangelhaft abgedruckte Hippolytstücke,
von denen das erste gegen die Häresie Noets, das zweite
gegen die Juden gerichtet ist. Aber schon dies, daß es
sich hier tatsächlich, wie die alte Überschrift sagt und
der Stil beweist, um zwei (verstümmelte) Homilien handelt
, hatte die bisherige Forschung nicht erkannt. Besonders
das erste, längere und wichtigere Stück galt von
Fabricius bis Harnack allgemein als der Schlußteil des
Syntagrna, von dem man so gerne ein größeres Fragment
besessen hätte, oder allenfalls einer anderen verlorenen
Schrift H.s. Schw. schiebt diese und so manche andere
von den „Verkehrtheiten, an denen die Literatur über
Hippolyt nur zu reich ist", mit sicherer Hand und guten
Gründen beiseite, ohne sich, nach seiner Art, mit der
älteren, durch ihn widerlegten Literatur mehr abzugeben,
als unbedingt erforderlich ist. Damit wird die Bahn
frei für eine neue und selbständige Untersuchung der
kirchenpolitischen Hintergründe nicht nur dieser Predigt
, sondern der ganzen monarchianischen Kämpfe in
Rom und der sonstigen Schriftstellern Hippolyts.

Die dogmengeschichtlich eingestellte Forschung haftete
bis jetzt immer noch viel zu sehr an den weit zurückliegenden
Ketzernamen und angeblichen Schulzusammen-
hängen, mit der sich die einzelnen Polemiker zu beschäftigen
schienen. In Wirklichkeit hatten diese meist näher
liegende Ziele. Auch mit dem vorliegenden Angriff
gegen die Häresie des Noet meint Hippolyt in Wirklichkeit
nicht den längst verschollenen Ketzer in Kleinasien,
sondern vielmehr seinen römischen Gegenbischof Kallist
. Tertullian machte es ja nicht anders in seinem
Kampf gegen „Praxeas". „Der eine wie der andere
streiten nur mit dem Gegner, dem sie Grund haben zu
grollen, und auch das nur indirekt; denn sie pflegen statt
seiner den zu nennen, von dem sie seine Irrlehre ableiten
." Das wirkt für den so Angegriffenen besonders
entwürdigend und entspricht zugleich einem „seit dem
vierten Jahrhundert fest gewordenen Formgesetz, das
verbietet, im gehobenen Stil lebende Personen mit Namen
zu nennen."

In Wirklichkeit haben ein Noet, Praxeas oder Victorin
(nicht Victor!) nur in einem jeweils ganz kleinen
Umkreis eine Rolle gespielt. Was wir darüber heute
noch feststellen können, wird in den folgenden Untersuchungen
scharf und exakt geklärt. Dabei fällt auf
manche Vorgänge ein neues Licht: das Vorgehen der
Päpste gegen die Monarchianer verquickt sich mit dem
quartodeeimanischen und dem montanistischen Streit und
mit innerrömischen Schwierigkeiten. Die größte Entdek-
kung, die Schwartz in diesem Bereich gelungen ist, betrifft
den Ursprung der pseudotertullianischen Schrift
„Adversus omnes haereses". Lipsius hatte sie benutzt,
um aus ihren Berührungen mit Epiphanius und Filastrius
den vermeintlichen Inhalt von Hippolyts verlorenem Syn-
tagma zu rekonstruieren. Aber das war „ein Schatten
ohne Inhalt". In Wirklichkeit handelt es sich um einen
von Viktorin von Pettau übersetzten und im antiori^eni-
stischen Sinn bearbeiteten griechischen Traktat, der von
Papst Zephyrin oder von einem seiner Kleriker unter
dem Namen des Papstes verfaßt worden ist. Der kirchenpolitische
Sinn dieser Veröffentlichung war, daß
Zephyrin, der Mann des Friedens, mit der feierlichen
Aufzählung „aller" Ketzereien von weiteren, neuen Exkommunikationen
im Stil seines Vorgängers Abstand
nehmen wollte; d. h. er schweigt sich über die „Noe-
tianer" aus, und eben deshalb wurden diese von Hippo-
I lyt, wie uns überliefert ist, in seinem Syntagrna ganz
besonders auf das Korn genommen.

Eine vielleicht nicht ganz so zwingende Hypothese betrifft drei
I anonyme Werke Hippolyts: die Refutatio, die dort genannte Schrift
j jceq'i tt)s tov jravröc, ovaiaq und die Chronik. Schwartz nimmt an,
daß diese Werke im Manuskript fertig waren, als Hippolyt deportiert
wurde, und daß sie deshalb nicht mehr unter seinem Namen veröffentlicht
wurden. — S. 28 Anm. 1 meint Schw., die Bezeichnung der Bischöfe
als TtoeaßirrEQOi sei ursprünglich wohl südgallisch und hinge
mit der Entwicklung der dortigen Kirche zusammen. Aber der Wechsel
j von e;u03iOJtoc, und jtQEoßvtEQOc, im urchristlichen Schrifttum (Act.,
| I. Klem., Past.), stimmt gegen eine solche geographische Einschränkung
nicht minder bedenklich als die später allgemeine Form der Anrede
I cruujiQEoßi'iTEpoc, unter bischöflichen Kollegen an die Schw. selbst erinnert
. S. 43, Z. 8 v. u. ist für Hippolyt zu lesen : Hieronymus.

Es ist unmöglich, alle neuen Beobachtungen und Vermutungen
anzuführen, die die Abhandlung bringt. Diese
Proben müssen genügen. Ganz vermieden sind im engeren
Sinne dogrnengeschichtliche Untersuchungen; auch
im Apparat zum Text sind die Anlehnungen an Irenaus
und sonstige Parallelen nicht angemerkt. Aber es verstellt
sich von selbst, daß eine so tiefgreifende literar-
und kirchengeschichtliche Untersuchung auch in den
im spezielleren Sinn theologischen Fragen mittelbar vieles
lernen — und umlernen läßt. So verpflichtet auch
diese jüngste literarkritische Studie von Eduard Schwartz
I den Literar-, Kirchen- und Dogmenhistoriker gleicher-
j maßen zu uneingeschränktem Dank.

Qöttingen. H. v. Campenhausen.

Die Heiligenverehrung der christlichen Kirchen. Sonderheft der
Zeitschrift „Eine Heilige Kirche", hrsg. von Friedrich Heiler, Oktober-
Dezember 1936. München: Ernst Reinhardt, (90 S.) RM 2.40.

Die Heiligenverehrung in der frühchristlichen, orthodoxen
, römischen, anglikanischen, ja selbst in der lutherischen
Kirche wird uns vor Augen geführt. „Heilige"
heißen im N. T. die Mitglieder der christlichen Gemeinden
als die von und für Christus Herausgerufenen. Es
j ergab sich von selbst, daß diese fortan einen reineren
j Lebenswandel führten, und wenn einer gar seinen Glauben
durch den Märtyrertod besiegelte, so galt er im
I engeren Sinne als Heiliger. Aber man sah in den ersten
I Jahrhunderten in diesen Heiligen nicht Leute, die einen
I besonders großen Schatz von guten Werken aufgespeichert
hatten, von denen sie andern abgeben konnten,
! sondern die Heiligen waren hochgeachtete Christen, mit
[ denen man auch nach ihrem Tode noch in Gemeinschaft,
in der communio sanetorum, verbleiben wollte. Nicht
„zu" ihnen, sondern „mit ihnen zusammen" wollte man
I beten. In der römischen Liturgie (gloria dei) werden sie
als saneti tui, Domine, bezeichnet, d.h. sie sind „Gottes
" Heilige — nicht Heilige aus eigener Frömmigkeit;
| und noch heute ist es dem römischen Katholiken freigestellt
, ob er die Heiligen verehren will oder nicht.

Neben dieser Theorie werden aber die Mißbräuche
der katholischen Volksfrömmigkeit nicht verschwiegen.
Man will nicht mehr „durch Christus zum Vater", son-
I dem „durch Maria und die Heiligen zu Christus" kom-
I men. Man bittet nur um Hilfe in materiellen Nöten und
vergißt darüber das Seelenheil. Man betet zu den Hei-
j ligen für „sich", aber nicht auch für „andere". Die
j Heiligenverehrung wird deshalb als ein ernstes Hinder-
i nis für die Einigung der „Konfessionen" hingestellt,
I und man hat Verständnis dafür, daß die evangelische
i Kirche die Heiligenverehrung ablehnt.

Luthers Stellung zur Heiligenverehrung ist nicht
; einheitlich. Er erklärt die Legenden für „erstunken
i und erlogen", aber er hält an der Tradition fest, schätzt
die h. Elisabeth und die h. Agnes und hat bis zu
seinem Todesjahre an den Marienfesten gepredigt. Von
j Bugenhagen an bis zu Theodosius Harnack hat es in
der evangelischen Kirche immer Freunde der Heiligen
J gegeben, und Bezzel spricht von der „Angst, Menschen-