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Ausgabe:

1937 Nr. 8

Spalte:

150-152

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Müssen wir heute lutherisch oder reformiert sein? 1937

Rezensent:

Schulze, M.

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 8.

150

Moment der aprioristische, lediglich auf Formen gerichtete
Zug im ethischen Denken Schleiermacbers verstärkt
? Reble will auch die Darstellung des theologischen
Studiums von 1811 herbeiziehen; nun, dort genügt
für die Begriffsentwicklung bereits eine „exo-
terische" Kenntnis des Geschichtlichen, etwas, worüber
wie die Theologen, so auch die Philosophen nicht weiter
zu erschrecken scheinen. Darum ist auch der Ethik,
die doch umfassende Philosophie des geistig-geschichtlichen
Lebens sein soll, ein Schweben über den geschichtlichen
Kämpfen eigen, ein Stehenbleiben bei Möglichkeiten
und allgemeinen Grundlagen, während ein Stellung-
nehmen zu den innergeschichtlichen Gegensätzen wohl
als ein Sicheinmischen in allzu konkrete Angelegenheiten
vermieden ist, — wo doch das Konkrete allein schließlich
das geschichtlich Wirkliche ist. — Daß mit dem
Ausgehen von einer begründenden Wissenschaftstheorie
tatsächlich ein neues, so fremdes Moment herein
kommt, spürt Reble auch (S. 171). Er selbst spricht
von einer Schwerpunktsverlagerung (S. 177), er hebt
treffend hervor (S. 173), daß Schleiermacher nunmehr
Grund und Ziel des Wissens als gegensatzlose Einheit
ansieht, wodurch ihm die Gegensätzlichkeit nur eine
Folge der Endlichkeit des Seins und des Bewußtseins
Werde, d. h. das ganze dialektische Denken auch als
Produkt der Endlichkeit erscheine; mithin sein Sinn beträchtlich
relativiert werde. Wenn also jetzt, im Unterschied
zu Hegel das Unendliche die reine gegensatzlose
Einheit darstellt, die Dialektik also nicht in seine Tiefe
reicht (S. 175), was aber nicht aus der Theologie
kommt, sondern aus Spinoza, überhaupt dem antiken
Denken: ist das noch die Fragestellung, noch die Weltbetrachtung
der ursprünglich romantischen Konzeption,
wird nicht auch von hier aus die Fabel von der gradlinig
sich differenzierenden Entwicklung ganz zweifelhaft
? Was folgt, nebenbei gesagt, aus der Auffassung
des Unendlichen als eines Neutrum für eine Metaphysik
der Individualität?

Das Verständnis des in den Entwürfen selbst angewandten
dialektischen Verfahrens verdient, wie gesagt,
durchaus unsere Anerkennung. „Die eigentliche Dialektik
, die Spannung von Leben und Geist löst er im
Ganzen doch allzusehr in Einheit auf." „Das Werden
des Geistes aus dem Leben heraus wird von Schleiermacher
mehr als ein pflanzliches Wachstum, als ein
ruhig harmonisches Bilden und Sichgestalten gesehen,
das durchaus lebendig ist, aber keine Härte und kämpferischen
Züge zeigt" . . . „es ist die Frage, ob nicht in
diesem Punkt Hegel gegenüber Schleiermacher recht
behält". „Mit Schleiermachers relativ ungespannter Einheit
hängt das zweite zusammen, daß er aus den Bedingungen
und Differenzierungen der Natur bei durchaus
richtigem Prinzip doch allzu eindeutig die Aufgliederungen
aller geistigen Gebiete herausentwickeln zu können
«nd zu müssen glaubt" (S. 186 f.). Überhaupt ist die
Nachzeichnung der innerethischen Entwicklungen mustergültig
; man lese nur die Abschnitte über Staat und
Volk, Staat und geistiges Leben, Denken und Sprechen
usw.

Rebles Darstellung zeigt uns nicht nur, daß sich
Schleiermachers organisch-dialektisches Denken in natur-
naft relativierender Weise auswirkt, sie arbeitet auch
das bleibend Bedeutsame dieses Denkens heraus, das
tief in die Struktur des geistig kulturellen Lebens Hineinführende
: „daß die gedankliche Bewegung nicht in
additiv aufbauender Richtung, sondern nur als immer
Weiteres Ausschreiten und Durchgliedern eines Kreises
sich vollziehen kann, in den sie sich von vornherein
hineingestellt findet" (S. 213). Wenn ich gegen einzelne
die Gesamtentwicklung Schleiermachers betreffende Theten
Einwände erhoben habe, so möchte ich damit nur
JJer weiteren Schleiermacherforschung dienen, nicht aber
dieses Verdienst selbst schmälern.
Tübingen. Georg Wehrung.

I Müssen wir heute lutherisch oder reformiert sein? Beiträge
zur Frage einer neuen kirchlichen Einheit. Von Adolf Schlatter,
Wilh. Lütgert, Herrn. Strathinann. Essen: Freizeiten-Verlag 1936.
(64 S.) 8°. RM —.70.

Es sind hier 4, z. T. bereits in Zeitschriften erschienene
Aufsätze zusammengefaßt, denen gemeinsam ist

I die Ablehnung eines engen und starren Konfessionalismus
ebenso wie einer Neutralisierung oder Aufhebung
der konfessionellen Unterschiede, die Vertiefung und
Verinnerlichung des Begriffs Bekenntnis und der Rückgang
von den Bekenntnisschriften der Kirchen auf die
heilige Schrift.

Der erste Beitrag von Schi, ist überschrieben: „Die
Grenzen der kirchlichen Gemeinschaft." Diese endet

i nicht da, wo der Bereich des natürlichen Lebens (Rasse,
Volkstum, Staat) beginnt. Sie greift darüber hinaus.
Andrerseits verhält sie sich ihm gegenüber nicht ablehnend
, sintemal der Gott der Gnade zugleich der
Schöpfer der Natur ist. Die kirchlichen Grenzen bestimmen
sich von innen heraus, vom Werk und Wort
des Christus bezw. vom Glauben aus. Aber dieser ist
keine Sache bloßen Wissens, keine „Denkleistung", sondern
eine den Willen und das Leben bestimmende Macht.
Daher darf die Übereinstimmung mit irgend einem kirchl.
Bekenntnis nicht zur Bedingung der kirchl. Gemeinschaft
gemacht werden. Das gibt nicht Einheit, sondern Ver-
einerleiung, soweit nicht Zwietracht dadurch hervorgerufen
wird. Schi, denkt bei diesem Konfessionalismus
nicht nur an die Forderung der Zustimmung zur
Satisfaktionstheorie oder zur luther. Abendmahlsformel,
sondern an die der Innehaltung des eigentümlichen Weges
zum Glauben, den Luther gegangen ist, durch die Verzweiflung
hindurch. „Für uns ist die erste Erkenntnis
nicht die Wahrnehmung unserer
Ohnmacht, sondern die der uns gegebenen
Kraft, nicht die Anerkennung unserer Verwerflichkeit
, sondern die unserer Pflicht"
(S. 17).

Nach dem 2. Aufsatze Schl.s über „das Evangelium
und das Bekenntnis" verhalten sich beide zu einander
wie Ursprüngliches und Abgeleitetes, schaffendes
Wort und Antwort. Der Einmaligkeit und Vollendung
des Evangeliums steht die Vielheit und Vergänglichkeit,
weil zeitgeschichtliche Gebundenheit der Bekenntnisse
gegenüber. Daher keine Stabilisierung eines Bekenntnisses
! Das Taufbekenntnis des 2. Jahrhunderts ist allerdings
, als Wiederholung der Botschaft Jesu, von bleibendem
Geltungswert; dagegen die Lehre der griechischen
Theologen von der Gottheit Christi und die Luthers
von der Rechtfertigung hängen, wiewohl in ihrem
Kern aus dem Evangelium hervorgewachsen (Geeintheit
Jesu mit Gott, die den verschuldeten Menschen
suchende Gnade), doch zugleich mit der Theologie und
der kirchlichen Lage der betr. Zeit zusammen. Daher
die Forderung eines neuen, zeitgemäßen und volksgemäßen
Bekenntnisses. Aber es darf nicht in Widerspruch
zu dem Evangelium treten, das die Menschen
nicht trennt, sondern vereinigt, und das doch auch in
den alten Bekenntnissen — wenn auch natürlich in
geschichtlich bedingter Form — zum Ausdruck gekommen
ist. Insofern ist an ihnen festzuhalten. Sie dürfen
nur nicht zum Gesetz gemacht werden. Das widerspräche
dem freimachenden Evangelium von der Gnade.
Es bindet auch, aber anders, innerlich, und es bindet
darum auch „ein neues Geschlecht, das biologisch und
völkisch und tatenlustig denkt" (S. 31). —

Der Beitrag von Lütgert über „Union und Bekennt-
- nis" redet sowohl gegenüber der Tendenz zur Auflösung
j der Union seitens des neubelebten lutherischen und
j reformierten Konfessionalismus (Luther Renaissance-
dialektische Theologie") als auch gegenüber der Tendenz
auf eine die Besonderheiten der Bekenntnisse vergleich-
gültigende Einheit der deutschen Volkskirche einer
Union das Wort, welche anknüpfend an das urchristliche
Bekenntnis sich über den Gegensatz der Konfessionen
erhebt und die Reformation lediglich als den Aus-