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Ausgabe:

1937 Nr. 8

Spalte:

145

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blanckmeister, Franz

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Sächsischen Kirchengeschichte ; 44. Heft, Jahresheft für 1935 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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145

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 8.

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Zwingliana. Beiträge zur Geschichte Zwingiis, der Reformation und
des Protestantismus in der Schweiz. Hrsg. vom Zwingliverein. Bd. VI,
Heft 5, 1936 Nr. 1, S. 241—288. Zürich: Berichthaus.

H. Q. Wirz setzt den Aufsatz über die „Familienschicksale im
Zeitalter Zwinglis" fort und berichtet darin über das Frauenkloster zum
Ötenbach und die Johanniterburg Wädenswil. Um die Familie Wirz
gruppiert sich das Leben Zürichs und wir erhalten so manchen intimen
Einblick in das bürgerliche und öffentliche Leben zur Zeit Zwinglis. Ein
Bild eines jungen Wirz ist beigegeben. E. Appenzeller erzählt von
den „französischen Refugianten in Solothurn" und den Umtrieben des
dortigen französischen Gesandten, ihnen als Vaterlandsflüchtigen Schwierigkeiten
zu bereiten. J. Kammerer teilt ein 1556 niedergeschriebenes
«Spottlied auf Zwingli" aus dem Ravensburger Stadtarchiv mit. L.
Weisz bespricht „die neuere Zwingliliteratur in Ungarn", aus der die
Reichweite von Zwinglis Arbeit hervorgeht. Außerdem interessiert die
Notiz, daß der von t Tr. Schiel! gesammelte Briefwechsel Bullingers
jetzt in der Zentralbibliothek in Zürich liegt.

Stuttgart-Berg. G. Bossert.

Blätter für wflrttembergische Kirchengeschichte. Im Auftrag
des Vereins für württ. Kirchengeschichte hrsg. von D. Dr. J. Rauscher.
N. F. 40.Jhg. 1936. Heft 1/4. Stuttgart: Chr. Scheufeie 1936. (S. 1-266).
P. Schattenmann veröffentlicht seinen Vortrag bei der Öhringer
Jahresversammlung des Vereins über die „Eigenart und Geschichte
des deutschen Frühpietismus mit besonderer Berücksichtigung von Württembergisch
-Franken". Er geht aus von der Neubelebung der Frömmigkeit
in der lutherischen Kirche nach dem 30 j. Krieg und zeichnet ein
Bild des Öhringer Stiftspredigers Anton Reiser von Augsburg in den
Jahren 1675 — 78 als Vorkämpfers des Pietismus. F. Fritz bringt
seinen an vielen Einzelnotizen reichen Aufsatz über „Konsistorium und
Synodus in Württemberg am Vorabend der pietistischen Zeit" zum Abschluß
; er erschließt uns den Inhalt der reichen Synodalprotokolle auf
dem Oberkirchenrat. Weiter bespricht Fritz die Quellen zur Geschichte
des württ. Hofpredigers Hedinger und das Verhältnis zum württ. Hof.
Der zum Archivar des Oberkirchenrats bestellte Oberstudiendirektor
i- R. R. Geiges gibt den Schluß seiner Arbeit über „die Auseinandersetzung
zwischen Chr. Frd. Ötinger und Zinzendorf" und
zeigt, wie der schwäbische Wahrheitssinn trotz gegenseitiger Anregung
nicht mit dem herrnhutischen Gefühlschristentum sich begnügen konnte.
O. Engel geht den Spuren des „Michael Weiße im Gesangbuch der
evangelischen Kirche Württembergs" nach. M. Casper schildert Joh.
Kepler als geistlichen Liederdichter und teilt zwei Lieder desselben mit.
G. Boss er t behandelt „die Reformation im Dekanatsbezirk Böblingen" ;
dabei springt die Beziehung Blarers zur Schweiz und zu Straßburg ins
Auge. Ö. Schmid stellt „das kirchliche Leben in Herrenberg" vor der
Reformation dar.

Stuttgart-Berg. G. Bosscrt.

Betträge zur Sächsischen Kirchengeschichte. Hrsg. mit H.
Achelis u. O. Clemen von Franz Blanckmeistert- 44. Heft,
Jahresheft für 1935. Dresden: C. Ludwig Ungelenk 1935/36. (58S.) 8°.
Das vorliegende Heft erscheint als das erste nach
dem Tode des Herausgebers, des Altmeisters der Sächsischen
Kirchengeschichte, Franz Blanckmeister. Das Heft
ist bezeichnend für den Übergang von Franz Blanckmeister
auf Carl Niedner, dem der Referent für einen besonders
gründlichen Beitrag zur Geschichte der Theologie an
der Universität Leipzig („Leipzig um 1832", 1932) dankbarist
. Niedner gibt in diesem Hefte auch den wichtigsten,
über das sächsische Lokalinteresse hinausgehenden Beitrag
, nämlich „Beiträge zur Beurteilung der Wirksamkeit
des Olauchauer Superintendenten D. tbeol. Andreas
Gottlob Rudelbach in Sachsen" (S. 16—27). Niedner
druckt da aus dem sonst wohl völlig unbekannten Buche
C F. Niedners (Die Auswanderer und die lutherische
Kirche, Dresden 1840) einen Bericht über Rudelbachs
Kolloquiumspredigt in Dresden vom 3. Mai 1829 und
verschiedene interessante Urteile über Rudelbach aus
dem Briefwechsel C. B. Meißners mit A. Koethe ab. Wir
stimmen N. ernstlich darin zu, daß beute eine ein- I
dringende Biographie Rudelbachs ein sehr wichtiges Erfordernis
für den Aufbau der lutherischen Kirche
Deutschlands ist.
Berlin. Otto Lerche.

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestan-
tismus im ehemaligen und im neuen Österreich. Hrsg. von
Karl Völker. 57. Jhg. Wien und Leipzig: Manz 1936. (184 S.)
K. Völker untersucht „die Sturmpetition der evangelischen Stände
"i der Wiener Hofburg am 5. Juni 1619" nach ihrer Wirklichkeit und
egende, wie sie in dem 1856 bekannt gewordenen Gemälde Karl Wurzingers
sich aufdrängt. H. Krimm schließt seine Ausführung über
„die Agende der niederösterreichischen Stände vom J. 1571" ab mit
der Schilderung der evangel. Polemik, namentlich der Flacianer gegen
sie, und des Schicksals des Drucks der Agende. P. Dedic berichtet
über „Duldung und Aufenthalt evangelischer Ausländer in Graz am Ende
des 17. Jh.s" und über „die Geschichte des Protestantismus in Olmiitz"
in der Schwedenzeit und seit der Zeit Josefs II. E. Winkel mann
schildert die „Vernichtung des lutherischen Kirchenwessns unter Ferdinand
II" im untersteirischen Mur- und Draugebiet und ihr Exil auf dem
westungarischen Gut Petanitza. G. Treixler gibt ein kurzes Lebensbild
des sächsischen Hofpredigers M. Georg List oder Lysthenius, der
1552—56 Pfarrer in dem Graf Schlickschen Bergstädtchen Graslitz war.
Die Schicksale Lists sind nocn nicht völlig aufgeklärt. R. E. Wagner
veröffentlicht „Des Traugott Bartelmuß Historisch-religiöses Denkmal von
1809". Bartelmuß war 1760—1809 Pfarrer in Teschen und sein Lied
gilt dem 100 j. Bestehen der Gnadenkirche in Teschen seit dem Altranstädter
Vertrag zwischen Karl XII. und Josef I.

Stuttgart-Berg. G. Bossert.

Reble, Albert: Schleiermachers Kulturphilosophie. Eine entwicklungsgeschichtlich
-systematische Würdigung. Erfurt: Kurt Stenger
1935. (VII, 253 S.) 8°. = Sonderschriften der Akad. gemeinnütziger
Wissensch, zu Erfurt. H. 7. RM 10 -; geb. 11.50.

Seitdem i. J. 1913 O. Braun die Entwürfe Schleiermachers
zu einem System der Sittenlehre aus den Handschriften
in ihrer Reibenfolge neu herausgegeben hat,
ist in einem weit günstigeren Maß als zuvor auf Grund
der Ausgabe AI. Schweizers mit ihren zum Teil unhaltbaren
, darum verwirrenden Datierungen eine geschichtlich
entwickelnde und zugleich systematische Darstellung
der ethischen Leistung unseres Philosophen oder
Theologen möglich geworden. Eine solche Darstellung
war umso erwünschter, als gerade das kulturphilosopbi-
sche Denken Schleiermachers auf Dilthey und durch
ihn auf die neueste kulturphilosophische Betrachtungsweise
anregend gewirkt hat. Sie ist von dieser wichtigen
philosophischen Strömung her gewissermaßen auch
leichter geworden. — Aus der Schule Th. Litts und Leisegangs
kommend, ist der Verf. der vorliegenden Studie
mit allem nötigen Rüstzeug ausgestattet; er hat, um es
vorweg zu sagen, die überaus schwierige Aufgabe in
der Hauptsache mit feinem Einfühlungsvermögen
erfolgreich bewältigt. — Alle ethischen Schriften, sagt
die Einleitung, seien herangezogen; zu vermissen ist
freilich die Staatslehre, die doch selbst grundlegende
Ausführungen für ihr Gebiet enthält, deren Verhältnis
zu den Leitgedanken der ethischen Entwürfe hätte erwogen
werden dürfen.

Verf. verfolgt die lange Entwicklung von den Jugendschriften
bis zu den spätesten Akademieabhand»
lungen. In der Auseinandersetzung des Jünglings mit
Spinoza treten, wie er sieht, zum ersten Mal die Momente
der Polarität und der Mischung und damit die
Ansätze zu einem zyklischen, d. h. eine spannungsvolle
Einheit von ihrer Mitte ausgliedernden Denken hervor.
Kulturphilosophische Überlegungen stehen auch hinter
den Reden und Monologen, die mit Recht als Einheit
gefaßt werden. Der Accent liegt freilich weniger auf
den Kulturschöpfungen nach ihrem Sachgehalt, als auf
ihrem Lebensgrund im schöpferischen Geist, — Reble
nennt das die Biosauffassung der Kultur. Gewiß, mau
muß vorsichtig sein, was der Verf. sonst oft genug betont
. Denn wenn Schleiermacher die echte Religion gegenüber
Dogmen und theologischen Systemen als Versteinerungen
des religiösen Lebens abgrenzt, so läßt
sich daraus nicht ohne weiteres ein verallgemeinernder
Schluß ziehen. Schön wird aber die Wechselverflochtenheit
von Individuum und Gemeinschaft (ich und wir),
überhaupt von überpersönlichem Lebenszusammenhang
und Einzelwesen beleuchtet, trefflich wieder der or-
ganologisch-universalistischen Ansicht, die dem Einzelwesen
das Ganze als substantielle Größe einseitig vorordnet
, die eigentliche organisch-dialektische Ansicht
Schleiermachers gegenübergestellt, wonach wie der Einzelne
im Ganzen, so umgekehrt das Ganze im Einzelnen
lebt, also das Ganze in seinem Aufbau durch die
Einzelnen grundlegend mitkonstituiert wird (S. 58, 140),
— was alles mir freilich nicht so neu vorkommt. Wenn