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Ausgabe:

1937 Nr. 7

Spalte:

123-125

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lebreton, Jules

Titel/Untertitel:

L' église primitive 1937

Rezensent:

Munck, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 7.

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minice für Calvin sekundiert, die Reformatoren einander
näher stehen, als sie dem Theologen durch die Schicht
der Bekenntntsschriften ihrer Epigonen hindurch erschienen
sind.

Daß diese vertiefte Deutung der Väter eine Annäherung
bedeutet, ist nicht bloß ein dogmengeschichtlicher
Gewinn, sie hat auch für die letzte Besinnung heutiger
Konfessionen und theologischer Schulen auf das in der
Verkündigung Gemeinsame großen Wert; denn diese
Einigung entsteht nicht durch fortwährende Spaltung
oder Neubildung kirchlicher Gruppen, die durch gegenseitige
Besiegung Einheit zu schaffen trachten. Die letztjährige
Entwicklung lehrt, daß diese Einheit an ganz
anderer Stelle sich vorbereitet; in einer ernsthaft keryg-
matiseh und kirchlich ausgerichteten theologischen Arbeit
und Literatur, welche wiederum Niederschlag ebenso
ernsten praktisch-kirchlichen Bemühens ist. Zu dieser
Gruppe von Büchern, die uns hoffen heißen, darf auch
das vorliegende gerechnet werden.

Jena. Erich Fase her.

Lebreton, J. u. Jacques Zeil ler: L'Eglise primitive. Paris:
Blond & Gay. (474 S.) gr. 8°. = Histoire de l'Eglise depuis les
origines jusqu'ä nos jours. Bd. 1. Fr. 60 —; geb. 100—.

Es wird mit Recht Aufmerksamkeit in der theologischen
Welt erregen, daß in Frankreich von römisch-
katholischer Seite eine Geschichte der Kirche von Rie-
sentimfang geplant ist (Histoire de l'Eglise depuis les
origines jusqu'ä nos jours), die von Augustin Fliehe
und Victor Martin herausgegeben wird, und wovon hier
der erste Band zu besprechen ist. Das ganze Werk soll
24 Bände umfassen von je 500 Seiten (Lexfcon-oktav)
und wird neben den beiden Herausgebern von vielen
bekannten Namen innerhalb der katholischen Geschichtsforschung
geschrieben Für die nächst herauskommenden
Bände können außer Lebreton und Zeiller, die auch
den zweiten Band, der bis zum Mailänder Edikt reichen
soll, abfassen werden, auch noch genannt werden: Pierre
de Labriolle, G. Bardy, Louis Brehier und E. Amann.

In einem Vorwort von den beiden Herausgebern wird
der Zweck des Werkes bestimmt: Nach den ungeheuren
Fortschritten der kirchengeschichtlichen Forschung in
den letzten 50 Jahren kann ein einzelner Forscher kaum
die Geschichte der Kirche vom Anfang bis zu unserer
Zeit schreiben. Deswegen wird hier die ganze Kirchengeschichte
auf c. 12 000 Seiten geschildert, indem ihre
einzelnen Epochen auf mehr als 30 Mitarbeiter verteilt
werden, so daß jeder einzelne Band von Spezialisten bearbeitet
wird. Das Ziel ist: die allgemein anerkannten
Resultate der jüngsten Forschung leicht zugänglich darzubieten
sowohl für Studenten als für ein breiteres
Publikum und dazu noch für Forscher, die den Platz
ihrer Sonderprobleme im größeren Zusammenhang verstehen
möchten, bevor sie ihre Spezialstudien beginnen.

Der vorliegende 1. Band der die Geschichte der
Kirche vom Anfang bis ungefähr zur Mitte des 2. Jahrhunderts
schildert (den Schluß bildet ein Kapitel über
die Apologeten), ist zwischen den beiden Verfassern
so geteilt, daß Lebreton das Judentum, das Neue Testament
, die apostolischen Väter und die Apologeten behandelt
, während Zeiller das römische Weltreich, die
Anfänge der römischen Gemeinde, die Ausbreitung des
Christentums, die Christenverfolgungen, die Kirchen in
den ersten zwei Jahrhunderten, ihre Organisation und
ihr inneres Leben beschrieben hat.

Nach einem kurzen Abschnitt über die heidnische
Welt von Zeiller und einem größeren über das Judentum
von Lebreton, schildert der Letztere Leben und
Lehre Jesu. Die Darstellung ist auf eine Zusammenarbeitung
der vier Evangelien aufgebaut, wonach Jesu
öffentliche Wirksamkeit sich über zwei Jahre erstreckte.
Wie in den folgenden Kapiteln, die die Anfänge der
Kirche und Pauli Reisen und Briefe behandeln, besteht der
Text aus Zitaten und Wiedererzählungen des biblischen
Stoffes ohne systematische Zusammenfassung und Cha-

I rakterisierung. Genau so farblos ist die Schilderung
von Jacobus und Johannes in Kap. V, während Kap. IV
„St. Petrus und die Anfänge der römischen Kirche"
I (Zeiller) knapp und klar ist. Kap. VI (Lebreton) be-
I spricht das christliche Leben am Ende des ersten Jahr-
j Hunderts. Die drei folgenden Kapitel von Zeiller heben
| sich ab durch ihre ausgezeichnete Form und Inhaltsfülle.
| Das gilt für Kap. VII „Die Ausbreitung des Christentums
" und Kap. VIII „Die ersten Christenverfolgungen
i . . .", wo Z. die bei katholischen Forschern übliche
These, daß Nero gegen die Christen Gesetze gegeben
habe, unter Berufung auf Callewaert aufnimmt. Kap. IX
| ist eine etwas zu breite Darstellung der Verfolgungen
I von Domitian bis zu Commodus. Kap. X „Die apostolischen
Väter und ihre Zeit" ist wieder von Lebreton,
der die referierende und zitierende Form auch hier aufnimmt
, wodurch das Kapitel auf 52 Seiten anschwillt,
ohne daß eine wirklich tiefgehende, ausführliche Darstellung
zustande kommt. Die kirchliche Organisation,
die verschiedenen Kirchen und das christliche Leben werden
dann von Zeiller geschildert. Seine Schilderung ist,
besonders im letzten Kapitel, von sehr verschiedenem
Wert. Den Schluß des Bandes bildet Kap. XIV „Die
christliche Apologetik im 2. Jahrhundert" von Lebreton,
wo Justin eingehend behandelt wird. L's These ist,
daß man bei den Apologeten zwischen ihren individuellen
Schwächen und der guten katholischen Tradition
, die sie übernommen haben, unterscheiden kann.

Die Teile, die Zeiller betreut waren, sind im großen
und ganzen die besten, sie sind von einem Historiker
geschrieben und, wo sie am besten sind, ganz vorzüglich.
Lebreton, dem die dogmatisch wichtigen Teile anvertraut
sind, hat eine referierende Darstellungsfoxm gewählt
, die mit häufigen Zitaten oft eine beinahe vollständige
Wiedergabe einzelner Abschnitte der Quellen
| gibt. Es fehlen große Linien und zusammenfassende
Urteile. Dazu hat L. eine populär-wissenschaftliche Form
gewählt, die jedes „vielleicht" oder „wahrscheinlich"
ausläßt. Das gilt besonders für die Darstellung des
Lebens Jesu als einer zweijährigen Wirksamkeit (Ostern
28—Ostern 30), wo sehr viele Einzelheiten genau datiert
werden. Auf die Unsicherheit solcher chronologischen
j Behauptungen wird nirgends aufmerksam gemacht, so
I wenig man unterrichtet wird über die umfassende katho-
j lische Literatur, die im Gegensatz zu L's Auffassung
I eine dreijährige oder eine einjährige Wirksamkeit an-
I nimmt. Der Hinweis auf ein Buch von L. (S. 65,
! Anm. 1) entschuldigt dies völlige Schweigen nicht.

Besonders durch L's referierende Darstellungsform
J bleibt dieser Band mit seinen 474 großen Seiten weit
hinter weniger umfangreichen Darstellungen desselben
| Zeitraums, was Stoff und besonders Gesichts punkte be-
j trifft. Die Herausgeber haben auch mehrere Wieder-
! holungen übersehen, so wird der römische Primat drei-
! mal dargestellt (S. 323 f., 382f. und S. 387 f.), die populären
Beschuldigungen gegen die Christen zweimal
i vorgetragen (S. 404 f. und S. 419f.).

Dazu ist die Bibliographie am Anfang der Bandes wenig wert. Dem
| Forscher gibt sie nichts, und für Studenten fehlt hier eine kritische
Bibliographie und besonders Hinweise auf leicht zugängliche Quellen-
j ausgaben. Welchen Wert hat es z. B. in einer solchen mehr populären
; Bibliographie auf die Inschriftencorpora seihst zu verweisen? Es fällt
in einem französischen Werk auf, daß die vorzügliche protestantische
Forschung des eigenen Landes, z. B. Ooguel und de Faye, nicht genannt
wird.

Die Herausgeber des Gesamtwerkes haben versprochen
, überall eine den Lesern kontrollierbare Darstel-

! lung zu geben, mit ständigen Verweisen auf Quellen und
Literatur. Nur wenn die Argumente, die für die gewählte
Auffassung sprechen, in entscheidender Weise

I in einem Buch oder Artikel dargestellt worden sind,
würde man sich mit einem Hinweis darauf begnügen.

j Dies Versprechen ist in dem vorliegenden Band, insofern
er von Lebreton herrührt, nicht erfüllt worden. Die Be-

I gründung seiner Darstellung besteht allzuoft in Hin-

' weisen auf seine eigenen Bücher „La vie et l'enseigne-