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Ausgabe:

1937 Nr. 6

Spalte:

107-109

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Spinoza. Bd. III. Aus den Tagen Spinozas. 2. Teil: Das neue Leben 1937

Rezensent:

Kesseler, Kurt

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 6.

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keit als oberstem Gesetz der Geschichte", von Gottes
Verborgenheit in der Geschichte und von ihr als „Mittel
der Offenbarung" in einem geschlossenen Ganzen
herausarbeiten, kommt Lilje zu einer „Geschichtsbetrachtung
" aus dem Glauben; d. h. im Gegensatz zur philosophischen
Deutung der Geschichte ist Luther der Überzeugung
gewesen, daß ihr wirkliches Verständnis nicht
auf dem Wege des spekulativen Denkens angeeignet
werden kann, so wie man sich etwa denkend einer Idee
bemächtigt . . .„Die Idee fordert Denken und Erkenntnis
; die Geschiente fordert Entscheidung und Anerkenntnis
". ... ja! nur die „Bekehrung" als Abkehr von
der cognitio carnalis und Hinwendung zur cognitio
spiritualis oder cognitio Christi ermöglicht das rechte
Verständnis der Geschichte. (S. 136 ff.). — Dies Geschichtsverständnis
ist selbst Ergebnis der Offenbarung,
ist aus dem Glauben gottgewirkt: „Drumb greyff zu
und hallt zu, wer greyffen und hallten kan" (cf. S. 142
Schrift an die Ratsherren . . .) Offenbarung Gottes
aber gibt es nur für den Glauben, dagegen bleibt dem
Auge des Unglaubens jegliche Geschichte, auch die sogenannte
Heilsgeschichte stumm (Hamann). Und christlicher
Glaube kennt nur eine inhaltlich bestimmte „in
mit und unter" der Geschichte sich vollziehende Offenbarung
Gottes (cf. die wertvolle Anmerkung zu Heilsund
Öffenbarungsgeschichte auf S. 57 f). Wie hier so
sind auch sonst wichtige Gedanken in Anmerkungen
verwiesen, um, wie zu vermuten ist, den Gang der Darstellung
nicht zu unterbrechen. Die derzeitigen Einwände
Meinholds und Liljes Erwiderung darauf in den Theologischen
Blättern wollen wir hier nicht wiederholen,
vielmehr feststellen, daß es auch heute noch — Jahre
nach dem Erscheinen dieser „theologischen Studie" —
angebracht erscheint, sich gründlich mit ihr auseinanderzusetzen
und zu beschäftigen. Die zeitgeschichtlichen
Grundlagen von Luthers Geschichtsanschauung, wie sie
im 1. Kapitel, aufgezeigt werden, verdienen dabei besondere
Beachtung (vgl. vor allem S. 15, Anm. 5; S. 16,
Anm. 1; S. 19 ff.). Auch der Einteilung der heranzuziehenden
Schriften Luthers ist durchaus zuzustimmen.
— Ob Luthers Gedanken aber eine derartige Systematisierung
vertragen, wie sie besonders in dem Abschnitte
über die Einheit der Geschichte (Kap. 5, besonders S.
127 ff.) vorgetragen wird, ist und bleibt die offene
Frage, die jede sich mit Luthers Lebensarbeit beschäftigende
Theologie niemals außer Acht lassen darf. Und
das ist die einzige, aber auch entscheidende Ausstellung
, die wir der aufschlußreichen und zielbewußten
Arbeit gegenüber nicht unterlassen können: Luther war
nicht systematischer Theologe, sondern der deutsche
Prophet auch in seinem „Geschichtsdenken", das in der
Spannung zwischem göttlich gewirktem Offenbarungsglauben
an Christus und geschichtlich menschlich bedingtem
Wissen um das Wirken des allmächtigen Gotteswillens
in allem Geschehen sich seiner Aufgeschlossenheit
stets bewußt geblieben ist.

Klein Freden, Hannover. Martin Nöldeke.

Dunin Borkowski, Stanislaus v., S. J.: Spinoza. Bd. III. Aus

den Tagen Spinozas. 2. Teil: Das neue Leben. Münster i.W.: Aschen-
dorffsche Verlagsbuchh. 1935. (V, 444 S.) er. 8°. RM 22—; geb. 24—.
Im zweiten Band seines Spinozawerkes hatte der
inzwischen verstorbene Verfasser grundsätzlich dargelegt
, wie die schöpferischen Geister der Menschheit
durch das Zusammenwirken ihrer eigenen Ursprünglichkeit
mit ihrer sozialen und geistigen Umwelt zu erklären
und zu verstehen sind. Im vorliegenden Band wendet er
diese Grundsätze weiter auf die Erforschung Spinozas
an. Mit dem „Entscheidungsjahr" 1657 (nach dem
Bann der Synagoge von 1656), in dem Spinoza gleichsam
das Sprungbrett seines künftigen Wirkens findet (siehe
den früheren Band II des vorliegenden Werkes), beginnt
„das neue Leben", indem Spinoza sich zu theoretischer
Besinnung, aber auch zu praktischer Gewinnung
seiner Zeitgenossen für seine Lehre und Gesinnung

anschickt. Der Verfasser führt uns die verschiedenen
i Stufen hinauf, auf denen Spinoza seine Stellung zu dem
| seine Zeit bewegenden Toleranzproblem gewann.
Mit „Strichzeichnungen und Schattenrissen zu Land
und Leuten" beginnt das Buch und zeichnet den wirtschaftlichen
und geistigen Horizont der damaligen
G e n e r a 1 s t a ate n. Von der Lebensweise in den
| Niederlanden, von Reichtum und Armut, von Geld und
j Gehältern, Lebensführung und Steuerlasten, nicht zu-
j letzt von Büchern, Briefen und Zeitschriften, die die damalige
Zeit bewegten, hören wir, und wie im Sprichwort
der Zeit ihr Leben zum Begriff erhoben wird. Aus dieser
Welt erwächst der geistige Aspekt der Zeit, Gra-
cians Einfluß wird deutlich gemacht, seine Botschaft
von der Ganzheit der Lebenswirklichkeit, deren Künder
! auch Spinoza war, aber über Gracians Torsoarbeit hin-
| aus auch ihr Zeichner und Gestalter, meinend, damit
I etwas Unbedingtes und Unumstößliches zu schaffen. Wie
j ihm dabei nicht nur von Gracian, sondern auch aus
I Leyden und von Niels Stensen Anregungen zuflössen,
( das muß man in dem Buche selber nachlesen. Es steuert
I seinem Ziel, Spinozas Stellung zum Toleranzproblem,
I in manchen Umschweifen, die aber doch nicht vom Wege
I aibführen, zu. Es zeichnet alle möglichen Bilder, Stimmen
und Vorbilder zu der Ganzheitsphilosophie Spinozas.
) So schauen wir eindrucksvoll in die metaphysische Ur-
j Problematik der Zeit. Neben Populär- und Dichter-
j Philosophen kommt die wissenschaftliche Philosophie der
Zeit zu Wort. Das alles wird aufgrund einer immensen
i Belesenheit am Ende des Buches aus den verschieden-
i sten europäischen Quellen belegt.

Hier nun erscheint Spinoza inmitten der geistigen
' Brandung der Zeit, aus der das Problem der Toleranz
aufsteigt. Und wenn v. D. B. auf Seite 232 im
Fortgang der Gedankenführung den Finger auf die
Aktualität des Gegenstandes legt — „für uns sind alle
diese Gedankengänge philosophisch von geradezu erschütternder
Aktualität" — dann steigt die Spannung
des Lesers. Der mannigfach verschlungene Knoten des
Problems wird aufgedröselt und gezeigt, welche oft divergierenden
Einzelfragen in dem Problem zusammendrängen
. Die verschiedenen Rinnsale und Bäche aus ver-
j schiedener Richtung, die hier zum Strome zusammen -
| schießen, werden klar gelegt. Schwärmer, Arminianer,
| Remonstranten, Unitarier aus allen Ländern sind daran
beteiligt. Das enthüllt ein farbenreiches, wieder durch
eingehende Belege und Nachweisungen verlebendigtes
Bild von den religiösen und weltanschaulichen Kämpfen
der Zeit und ihren Motiven. Und dann erseheint in
diesem Zusammenhange Spinoza mit seiner Stellung und
Haltung.

Spinoza begrenzt Philosophie und Theologie
so gegeneinander, daß ein Gegensatz zwischen beiden
unmöglich wird. Die Philosophie solle Wahrheit
und Weisheit lehren, die Theologie dagegen nur Frömmigkeit
und Gottesgehorsam. Der Schriftbeweis für
die theologische Begrenzung auf diese Pflichten, den
Spinoza nicht für sich, wohl aber wegen der Wirkung
auf seine Zeitgenossen brauchte, mußte mißlingen, Spinoza
hat ihn aber überhaupt nicht gründlich genug geführt
, was seinen Gegnern nicht verborgen geblieben ist.
Den Bekenntnisfrieden unter den Konfessionen unterscheidet
Spinoza scharf vom Problem der Denk- und
Redefreiheit: jeder Mensch hat das Recht sich frei zu
äußern, soweit er damit nicht die Ruhe und den Bestand
des Staates gefährdet. Damit bindet Spinoza seine Theorie
an den metaphysischen Satz von der Gleichläufigkeit
von Macht und Recht, von andern Voraussetzungen*
aber muß sich eine andere Auffassung von den religiöser
. Gewissensrechten ergeben. Auch Spinoza hat
vom Naturrecht her — etwa im Gegensatz zu Hobbes —
doch Zugänge zu Freiheitsansprüchen gegenüber dein
Staat gefunden.

Das gelehrte Buch bricht hier ab, und wir warten mit
Spannung auf den letzten Band. Der vorliegende Band