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Ausgabe:

1937 Nr. 6

Spalte:

103-104

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schoenebeck, Hanns-Ulrich von

Titel/Untertitel:

Der Mailänder Sarkophag und seine Nachfolge 1937

Rezensent:

Jursch, Hanna

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103

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 6.

104

dann nur die Zahlen anzugeben, statt wie üblich, den
betr. Mönchsvater und die Nummer seiner Apophtheg-
men; die Kenntnis des griechischen Alphabets darf
man bei den Lesern eines solchen Buches erwarten,
in jedem Buchstaben sich zurechtzufinden ist eine kleine
Mühe, und es scheint mir wichtig zu hören, wem jedesmal
ein Wort zugeschrieben ist; dagegen weckt es verdrießliche
Erinnerungen an die Inflationszeit, wenn man
sich erst ans Umrechnen geben muß.

Göttingen. Herrn. Dörries.

Schoenebeck, Hanns-Ulrich von: Der Mailänder Sarkophag
und seine Nachfolge. Gitta del Vaticano: Roma, Pontificio Isti-
tuto Di Archeologia Cristiana. Freiburg: Herder u. Co. 1935. (XVI
u. 128 S., 54 Abb.) gr. 8°. RM 7 - .

Die Abhandlung versucht, durch die Analyse eines
bedeutenden Stückes altchristlicher Sarkophagplastik den
Anteil herauszustellen, der den Provinzen neben Rom
im Kunstschaffen der Spätantike zukommt. Als Musterbeispiel
ist der Mailänder Sarkophag in S. Am-
brogio gewählt, ein Werk des späten Klassizismus,
an dem die Forschung griechischen Einfluß bereits
festgestellt hat, bei dem aber der Grad dieses Einflusses
kontrovers ist.

Der Verfasser geht von dem Bilderkreis der Stadttorsarkophage
aus, zu denen unser Werk gehört. Die
vierseitige Dekoration mit Stadtmauern hat ihr Vorbild
in der Monumentalmalerei des Westens, das Architekturbild
ist in Rom heimisch. Für das Motiv der Front,
die traditio legis, wird ein Grundtypus herausgearbeitet,
der ebenfalls auf Rom zurückgeführt wird. Die Baum-
starksche These von syrischen Darstellungen wird zwar
erwähnt, aber mit keinem Wort widerlegt. Hier ist das
Ergebnis ein wenig zu stark von der Absicht bestimmt,
alle Bildelemente aus dem Westen herleiten zu wollen.
Auch die maiestas domini auf der Rückseite wird aus
der westlichen Tradition verstanden, finden wir doch
die ersten repräsentativen Zentralkompositionen in den
Katakomben! Während die Motive von Front und Rückseite
erst dem 4. Jahrhundert angehören, enthalten die
Nebenseiten z. T. ältere Bildmotive, unter ihnen auch
Moses. Daß er in der älteren christlichen Sarkophagplastik
regelmäßig bärtig dargestellt sein soll, ist doch
wohl ein Druckfehler. (Widerspruch zwischen S. 20
u. 22). So bieten die prunkvollen Stadttorsärge mit
ihrer Abhängigkeit von der Monumentalmalerei allerlei
Neues, und es ergeben sich die Fragen nach der Werkstatt
und der Herkunft der Künstler.

Die Tektonik und Komposition des Mailänder Sar-
kophages sind gründlich herausgearbeitet. Besonders
wichtig sind die geschlossene Wirkung des Ganzen,
Form und Darstellung des Deckels, Verhältnis von Sok-
kel und Gesims zum Ganzen. Für die Ornamentik wird
griechischer Einfluß zugegeben, wenn auch in römischer
Umsetzung. Der Aufbau des Sarkophags wird als selbständige
Neuschöpfung gewertet. Die Idee der Dekoration
wird nicht mehr durch esehatologische Gedanken,
sondern durch ein dogmatisch-lehrhaftes System bestimmt
.

Die Verschiedenheit des Stils wird durch drei Künstlerhände
erklärt, dem Meister werden die Langseiten,
die Schmalseite mit der Lehrscene und das Portrait-
medaillon zugeschrieben, das übrige den beiden Gehilfen
. Der Stil des Meisters, für den die Reihung gleicher
Figuren und die gestreckten Proportionen charakteristisch
sind, weist nicht nach Rom — nur der Gehilfe
I mit seiner Vorliebe für runde Formen gehört
in die Nähe des Bassussarkophages — sondern nach
dem Osten. So war der ausführende Meister wahrscheinlich
ein Grieche, damit hätte auch die Ornamentik
ihre Erklärung gefunden. Bildtradition und Ausführung
stammen also aus verschiedenen Kunstkreisen. Das ist
das Ergebnis für dieses einzelne Werk.

Wie steht es nun aber mit der ganzen Gruppe, zu der
der Mailänder Sarkophag gehört? Der Verfasser führt

uns in dem Abschnitt über die Variationen der Mailänder
Komposition alle Stücke der Gruppe vor und kommt
: zu dem Ergebnis, daß die vier römischen z. T. schlechte,
i in Rom gearbeitete Nachbildungen des Mailänder Sar-
! kophags sind. In Gallien befindet sich kein Exemplar
der engeren Stadttorgruppe, hier entstehen aus den Motiven
dieser Gruppe und anderen Darstellungsreihen
j neue Kompositionen. Besonders interessant ist die ober-
: italienische Gruppe (Sarkophage in Tolentino, Ancona
und Mantua), die sich von der römischen und der gallischen
dadurch unterscheidet, daß der Sarg ein tek-
tonisches Bauwerk, der Deckel in Form eines Haus-
j daches behandelt ist und Lang- und Schmalseiten gleichwertig
geschmückt sind.

Zum Verständnis dieser Gruppe wird die Vorge-
; schichte der italisch-gallischen Sonderformen herangezogen
: Die sogenannte kelto-römische Gruppe, deren
letzte Entwicklungsstufe die oberitalienischen Stadttorsarkophage
darstellen. Als charakteristisch für die kelto
-römische Gruppe wird folgendes herausgestellt: Sie
! reicht von Ancona bis Marseille, ohne dominierendes
Zentrum. Gallien und Oberitalien haben einen gemein-
i samen, durch allerlei Einwirkungen abgewandelten
j Grundtypus. Der italische Typus wird durch den Osten
I und eigene Tradition immer neu geformt, Gallien übernimmt
nur die italischen Sonderformen, selten die öst-
j liehen Elemente. Nur der Deckeltypus stammt aus Klein-
, asien und kommt vielleicht auf dem Donauwege nach
j Gallien, unter Umgehung Oberitaliens, wo er sich ge-
; rade nicht findet. Die in Oberitalien beliebten realistischen
Themen treten in Gallien zugunsten von mythologischen
Scenen zurück, ebenso im Rheinland. Das
Rheinland ist direkt abhängig von Gallien, Gallien und
; Oberitalien stehen in Wechselwirkung. Die oberitalischen
Stadttorsarkophage haben also Beziehungen zu
älteren einheimischen Traditionen.

Die sorgfältige Datierung der meisten Stadttorsärge
auf das letzte Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts dürfte
auf allgemeine Zustimmung rechnen. Es handelt sich
I um Prunkarbeiten für den vornehmsten römischen Be-
amtenadel.

Ein Überblick über die Kunst am Hofe des Theodo-
I sius und Honorius in Mailand rundet die Darstellung
| ab. Der Wert des Mailänder Sarkophages steigt, wenn
wir erfahren, wie wenig sich aus jener kurzen Blüte-
I zeit erhalten hat. Der Sarkophag ist ein Produkt jener
Residenz, die von Rom, dem Osten und den nördlichen
Provinzen ihre Kräfte bezog. Er hat aus einheimischer
Tradition nur die tektonische Gliederung, die Plastik,
den Deckeltypus, alles andere aus der Fremde, den Bild-
I bestand aus Rom, den Stil aus dem Osten.

Der Wert der vorliegenden Abhandlung liegt nicht
I nur darin, daß wir eine wichtige Einzelgruppe nach Stil
und Ikonographie überschauen und genau datieren können
, sondern noch mehr darin, daß die landschaftlichen
Verschiedenheiten gesehen und in ihrer Bedeutung erkannt
sind und daß sie bei der Analyse der Kunstwerke
entscheidend ins Gewicht fallen. Wir sind da zwar noch
am Anfang des Weges, die Ergebnisse im einzelnen sind
noch nicht sicher, aber wir können nur vorankommen
' durch Monographien, die das Material nach Ikonographie
, Stil und Landschaft ordnen.

Störend ist die größere Zahl von Druckfehlern, besonders da, wo
sie den Sinn stören. S. 90 Z. 3: lies I u. II statt II. u III. S. 13 Z. 12
u. ö. der agnus dei statt das.

Jena. Hanna Jursch.

Statuta capitulorum generalium ordinis Cisterciensis ab anno
1116 ad annum 1786, quae ex libris praesertim manu scriptis collegit,
recognovit, annotatione critica enodationibusque instruxit et edidit
J. M. Canivez. Tomus III ab anno 1262 ad annum 1400. I.ouvain
1935. (XI, 758 S.) 8°. = Bibliotheque de la Revue d'histoire ecett-
j siastique. Fase. 11. Beigas 36—.

Von dem großen Quellenwerk der Beschlüsse der
Generalkapitel (abgekürzt G. K.) des Zisterzienserordens
ist an dieser Stelle jetzt der 3. Band anzuzeigen, der