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Ausgabe:

1937 Nr. 6

Spalte:

100-101

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Büchsel, Friedrich

Titel/Untertitel:

Theologie des Neuen Testaments 1937

Rezensent:

Preisker, Herbert

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 6.

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„Offenbarung und Ges'chic'hte" oder „Absolutheit des
Christen tum s" umgehe und somit alles vom Standpunkt
einer Theologie zwischen F. Chr. Baur und Bousset-
Heitmüller wertet, die wir als „liberale" heute mit Mißtrauen
betrachtet sehen. In der Tat wurzelt W. fast
ganz in dieser Einstellung und ist besonders in dieser
Art Literatur zu Hause. Er betet denn auch nicht den
Gottessohn an, sondern „bewundert und verehrt das
Unvergleichliche und Einzigartige dieses Genius". (S.17),
dessen gewaltige geschichtliche Leistung darin besteht,
die jüdische und griechische Ahnenreihe (von Moses
bis zum Buch Henoch und von den Orphikern bis zu
den kynisch-stoisChen Wanderpredigern, vgl. die Ahnentafel
auf S. 359) überhöht und in sich und seiner Botschaft
geeint zu haben, indem er aus israelitisch-jüdift-
scher Gottesfurcht und griechischer Philanthropie einen
neuen Vatergott der Liebe für alle Völker verkündete.
Dies Bild erwächst nun nicht aus den Evangelien — sie
leisten, wie Vf. S. 17 versichert, als christliche Werbeschriften
für diese universale Betrachtung wenig Hilfe
— sondern aus einer geistigen Ahnenreihe, die von So-
krates über Plato, Antisthenes, Stoa und Kyniker bis
hin zu Seneca führt, eine Fülle von Stellen aus diesen
Philosophen bringt, die vorbereitenden Charakter für
Jesu Botschaft hatten und immer wieder durchblicken
läßt, daß der Galiläer Jesus auch vom Griechengeist
gepackt und getroffen wurde. (Vgl. S. 273 Seneca —
Jesus und ihre Beziehung zur kynisch-stoischen Wanderpredigt
, ferner 283 ff. 292 Sokrates und Mt. 6, 8—33!
308 Jesu Lehre und Piatons Timaios, 252 Antisthenes
und Jesus gebrauchen das Bild vom Arzt, 314 f. Jesu
Stellung zu den „Heiden".)

Dieser inneren Verwandtschaft mit griechischem
Geist steht nun auf der anderen Seite ein Gegensatz
zum jüdischen Geist gegenüber. Ed. Meyers Versuch,
Jesus als Absenker aus dem so leidenschaftlich befehdeten
Pharisäismus zu verstehen, empfindet Vf. mit
Recht als unzulänglich. Wie hätte dann Jesu Lehre so
schnell Griechen herzen entzünden können? (S. 24 f.).
Von da aus muß er manche Stellen der Evangelien als
Interpolation von Judenchristen empfinden (222 zu Mk.
10,29. S. 239 zum Stammbaum Jesu). Man lese nur,
wie Vf. im 10. Abschnitt (221ff.) Jesu grundsätzliche
Abwendung von den Denkformen seines Volkes beweist
und eine Hinwendung zu den Denikformen Zarathustras
feststellt, um zu sehen, wie W. die schon auf S. 52 ff.
angewendete Methode der Untersuchung von Denkformen
hier für Jesu Denken fruchtbar zu machen versucht
.

Wenn der Verfasser (235) vom Genius Christi redet,
wenn er (287) „Jahve die einzige echte Idee des Judenvolkes
" nennt, in Sokrates wie Jesus den ewigen Geist
„geoffenbart" sein läßt (323), den Begriff des „Men-
schensohiies" als schlichtes Bekenntnis des den Kyni-
kern nahegerückten Wanderredners Jesus zur Menschlichkeit
(Philanthropia, humanitas) versteht (334) und
(369) endlich feststellt, daß Jesus in die Linie der hellenistischen
Wanderredner, aber nicht der Propheten des
AT gehöre, so wird der Fachtheologe gewiß manchen
Schauder empfinden, der weniger „fromm" ist als kritisch
— aber man täte dennoch dem Autor Unrecht,
wenn man ihm vorwürfe, er nivelliere durch religionsgeschichtliche
oder „rein" historische Betrachtungsweise.
Das will er nicht, oft ist er bemüht, der Einzigartigkeit
Jesu gerecht zu werden. Als Beispiel diene folgende
Formulierung: „Die Wesensmitte eines jeden Herrenwortes
ist der Vatergott, der uns fordert, daß wir seinen
Willen tun. Und drüben bei den kynisen-stoisChen Weiten
ist es die göttliche Vernunft im Menschen selbst, die
ihr Recht verlangt und ihre Kraft verleiht" (254). Gewiß
treten bei dieser an Hegel orientierten Geschichtsschau
die eschatologischen Probleme des „Messias-Menschensohnes
" ganz zurück gegenüber der „Lehre" des
Erfüllers griechischen Ahnens und Denkens — und das
ist eine Unterlassung, die bei aller Weite des Forschens

und aller Fülle des Stoffes dennoch ein einseitiges Bild
erzeugen muß. Aber wer dieses Werk ganz durchstudiert
, findet auch als Fachgelehrter — vor allem in den
j Textparallelen zu Jesusworten — eine Fülle von Anregungen
, die er durchdenken muß. Und wodurch könnte
der Fachmann dem Autor besser für sein jahrelanges
Mühen danken, als daß er dieses gehaltreiche Werk in
die Reihe der Bücher stellt, die ihm bei weiterem Forschen
zur Hand sein müssen?
Jena. Erich Fascher.

Büch sei, Friedrich: Theologie des Neuen Testaments. Geschichte
des Wortes Gottes im Neuen Testament. Gütersloh : C. Bertelsmann
1935. (VIII, 207 S.) RM 6—; geb. 7.50.
Auf sehr knappem Raum (207 S.) legt B. eine neu-
testamentliche Theologie vor. Es ist ihm nicht dämm
I zu tun, die Einzelprobleme nach allen Seiten hin aufzu-
1 rollen. Vielmehr will er zum Verstehen der wichtigsten
Grundlinien führen, die Grundzüge der neutestamenft-
lichen Botschaft auch dem Anfänger aufzeigen (Vorwort
). Dem Verf. gelingt es auch, da« Gemeinsame
am neutestamentlichen Evangelium zu entwickeln, die
Grundlinien klar zu zeichnen und die Hauptgedanken-
gänge darzulegen. Auseinandersetzungen mit anderen
Auffassungen sind auf das Notwendigste beschränkt,
um den Überblick über das Ganze nicht zu stören. Wo
sie vorkommen, sind sie meist in die am Ende des
Buches stehenden Anmerkungen verlegt. Mit aller Klarheit
sind die entscheidenden Abgrenzungen gezogen,
einerseits gegen Barths subjektive Umbiegung neutesta-
mentlicher Anschauungen, anderseits gegen Überspitzungen
der religionsgeschichtlichen Schule. In der Darstellung
selbst finden sich oft ausgezeichnete kurze Zusammenfassungen
in glücklicher Formulierung. Mit aller
begrüßenswerten Bestimmtheit wird herausgearbeitet,
daß das Urchristentum in seiner Gesamtheit, also auch
bei Paulus, nichts oder nur wenig zu tun hat mit Mystik
, Ekstase und antikem Sakramentalismus, daß es
vielmehr bei ihm um „Glauben, Hoffen und Liebe oder
noch kürzer um Liebe" geht; alles andere ist nur Nebensache
. Der übergreifende Gesichtspunkt, daß es im
N.T. um die „Geschichte des Wortes Gottes" geht, läßt
die tiefste Einheit allenthalben durchklingen; nur so
können wir wissen, was es ums N.T. als Wort Gottes
ist, eine Aufgabe, die die neutestamentliche Forschung
nur zu oft vergessen hat. Freilich so sehr ich selbst
diesen Gedanken betone, und so dankenswert B.'s Ausführungen
hier sind, so ist doch Verf. nicht immer der
| Gefahr entgangen, vorschnell die Unterschiede zu über-
I brücken; oder er müßte manchmal noch tiefer graben,
um hinter den äußeren Verschiedenheiten die letzte E i n -
h e i t zu sehen.

Eine andre Frage ist, wieweit in solch einer zusammengedrängten
Darbietung der neutestamentlichen Theologie
auch wieder — neben den vorhin genannten gro-
I ßen Vorzügen — eine Gefahr liegt. Vielleicht dürfte man
solche Gesamtdarstellungen nicht schon Anfängern, wie
Verf. meint, geben, denen sonst alles zu einfach, klar
und selbstverständlich erscheint; sondern ein solcher
Grundriß ist eher für die, die sich durch Eitizelunter-
j suchungen und die Fülle der mannigfachen Auffassungen
I hindurchgearbeitet haben, um sich dann mit solch einer
in sich geschlossenen Darstellung fruchtbar auseinander-
I zusetzen. Wenn ich also auch sehr wohl den Wert einer
I solchen Darstellung des neutestamenttlichen Glaubens-
i gutes, einmal ganz für sich betrachtet, sehe, so bedaure
| ich doch, daß die Auseinandersetzung mit der neutestamentlichen
Umwelt gar sehr zu kurz gekommen ist.
! Man kann das N. T. ja doch nicht isolieren, und bei der
I gegenwärtigen Fragestellung (z. B. wohin gehört Jesus,
| ins Abendland oder Morgenland? Vgl. z. B. Wechsler u.

a.) ist wichtig, gerade in Auseinandersetzungen mit der
j religiösen Umwelt aufzuzeigen, wie sich die Eigenart des
i N.T.'s abhebt, und wo sie durch Aufnahme fremder
I Stoffe von ihrem ursprünglichen Wesen abgebogen ist.