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Ausgabe:

1937 Nr. 5

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hampe, Karl

Titel/Untertitel:

Wilhelm I., Kaiserfrage und Kölner Dom 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 5.

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Jesus und Johannes", in dem unter dem Gesichtspunkt
Mystik und Eschatologie ein biblisch-theologischer Vergleich
gewagt wird: Bei Johannes hat die Eschatologie
ihre Kraft verloren und ist zu einem Moment der Mystik
geworden, während umgekehrt bei Jesus die Mystik
ein Moment der Eschatologie war und bei Paulus beide
sich ebenbürtig gegenüberstanden. „Dieser Dreischritt
ist das Thema der urchristlichen Religionsgeschiichte"
(S. 212). Die vorliegende Untersuchung ist typisch
für eine bestimmte Abkehr von einem „untheologischen"
oder theologisch unergiebigen Paulusbild (vgl. dazu die
Polemik gegen Ad. Deißmann) und für den neuerdings
öfter wiederkehrenden Versuch) die konstruktive Methode
F. Chr. Baurs wieder zur Geltung zu bringen, Man weiß,
daß gerade diese konstruktive Methode zu wichtigen
Resultaten führte, die selbst dann noch Bestand hatten,
als die wissenschaftliche Voraussetzung sich änderte
(vgl. dazu meine Untersuchung: „Die Entstehung der
paulinischen Christologie" ZNW. 1929). Das Urteil F.
Chr. Baurs, Paulus sei eine „echt dialektische Natur",
wird von unserem Verf. wiederholt, doch handelt es
sich nach ihm hier nicht um theoretische, sondern um
existentielle Dialektik (S. 174, Anm. 1). Das Wahrheitsmoment
, das in dieser Behauptung liegt, darf anerkannt
werden und bricht sich auch in der Schilderung
St.'s immer wieder Bahn; hier und da fällt auch neues
Licht auf grundlegende Fragen der paulinischen Theologie
. Das Verhältnis von Theologie und Mystik in äußerem
Widerspruch und in innerem Zugeordnetsein ist
gut beobachtet (vgl. dazu auch die beiden Anmerkungen
auf S. 52). Doch seien bestimmte Fragen, die das
Grundsätzliche angehen, an den Verf. gerichtet: Ist das
Gesetz der „inneren Form", von dem die vorliegende
Untersuchung ausgeht, in seiner ästhetisch-inhaltlichen
Fassung wirklich die notwendige Voraussetzung, um
Paulus zu verstehen? Erhält nicht die hier beschriebene
Tatsache der „dialektischen Existenz" eine geradezu mythisches
Gewicht, das für eine Paulusdarstellung auch
bedenkliche Konsequenzen haben könnte? Ist die neu-
testamentliche Christusverkündigung richtig beschrieben,
wenn unser theologisches Zeugnis so stark auf das wirkende
Gesetz, auf den geschichtlichen Prozeß und das
überweltliche Prinzip hinweist? Gerade deshalb, weil
St. um die „adäquate Erfassung des historischen Objektes
" kämpft, müssen die Voraussetzungen seiner Arbeit
theologisch geprüft werden. Vielleicht könnte man
in manchen Punkten eine Berührung mit E. Stauffers
Grundbegriffe einer Morphologie des neutestamentlichen
Denkens" 1929 feststellen, eine Studie, die St. nur kurz
zitiert (S. 13). Ist die philosophisch-spekulative Gedankenführung
St.'s klar und oft auch recht interessant,
so wird der Exeget doch über manches Urteil erstaunt
sein (man beachte z. B. die Auswertung des Bekehrungsberichtes
der Apgsch. auf S. 28 ff. oder das Urteil über
die Joh. Offenbarung S. 209 Anm. 1: „Die Apokalypse'
erscheint wie die Rache der wild gewordenen Eschatologie
an der sie verzehrenden Mystik") und die Ausführungen
über Karl Marx und den Marxismus auf S.
192 sind für den Historiker auch nicht unbedenklich
(„Marx wie Paulus treiben Geschichtsphilosophie mit
dialektischer Methode, um ihre Gegenwart und ihre geschichtlichen
Tendenzen daraus zu begreifen, um daraus
in Bejahung dieser objektiven Tendenzen ihre Lage
und ihre Aufgabe der Gegenwart zu erkennen und sie
im Sinne der Zeit zu vollführen." S. 192 Anm. 1).
Es mag sein, daß diese „dialektische Methode" hier
und da einen neuen Lichtblick in die paulinische L>
teratur gewährt, sie führt aber andererseits doch zu Verzerrungen
und Fehlurteilen, die abgelehnt werden müssen
. Doch wollen wir dem Verf. zusichern, daß die
Frage nach einer „wesensmäßigen und adäquaten Erfassung
des historischen Objekts" nicht erledigt sein
darf.

Halle a. S. Otto Michel.

Hampe, Karl: Wilhelm I. Kaiserfrage und Kölner Dom. Ein

biographischer Beitrag zur Geschichte der deutschen Reichsgründung.

Stuttgart: W. Kohlhammer 1936. (VII, 183 S.) 8°. Geb. RM 4—.
Der vor kurzem nach mehr als dreißigjähriger reich
gesegneter Lehrtätigkeit heimgegangene Vertreter der
mittelalterlichen Geschichte Deutschlands in Heidelberg
hat gelegentlich auch zu aktuellen Fragen der neuen
und neuesten deutschen Geschichte Stellung genommen.
Im vorliegenden Falle teilt er uns als Grundlage seiner
Ausführungen einen Bericht des belgischen Gesandten
im Haag, de Beaulieu, an seinen Herrn über ein Gespräch
mit dem Kronprinzen Humbert von Italien mit
(Juli 1808). Nach den Ausführungen des italienischen
Kronprinzen hat König Wilhelm I. von Preußen ihm ein
Jahr zuvor (1867) in Potsdam anläßlich eines Besuches
gesagt, „daß er die Vollendung des Kölner Domes beschleunige
, um sich dort zum Kaiser von Deutschland
krönen zu lassen." Da an der Zuverlässigkeit dieser
diplomatischen Mitteilung nicht zu zweifeln ist, so ergeben
sich die Fragen: 1) hat König Wilhelm 1867 tatsächlich
an die Erwerbung der deutschen Kaiserkrone
gedacht und 2) konnte für den protestantischen König
eine Krönung im katholischen Dome von Köln überhaupt
in den Bereich der Möglichkeiten treten?

Hampe schildert unter Anführung eines überaus reichen
Materials von Beweisen und Andeutungen in den
Quellen, die er geschickt kombiniert, daß das im preußischen
Könige durchaus lebendige Ziel einer nationalen
Einigung Deutschlands unter preußischer Führung bewußt
auch im Hinblick auf die Erneuerung des Kaisertums
, wenigstens seit etwa 1867, erstrebt wurde. Allerdings
war König Wilhelm über den Gang der Verhandlungen
und über den Widerstand der süddeutschen
Könige oft sehr verärgert, und er nahm an dem ihm
schließlich aufgezwungenen Titel „Deutscher Kaiser",
der im Gegensatz zu dem von ihm erstrebten „Kaiser
von Deutschland" territoriale Hoheitsansprüche jeglicher
Art ausschloß, bis zum letzten Augenblicke Anstoß.

Aber die andere Frage ist für uns wichtiger: Konnte
Wilhelm I., an dessen evangelischer Überzeugungstreue
irgendwie zu zweifeln wir keinen Anlaß haben, im Ernste
daran denken, sich in dem zweifellos katholischen Dome
von Köln krönen zu lassen? Hampe hält die Möglichkeit
eines solchen Gedankens und auch die Möglichkeit seiner
Ausführung — Wilhelm I. hätte auch dann wie schon
1861 in Königsberg die auf dem Altar liegende Krone
selbst ergriffen — für durchaus möglich. Hampe weist
dazu hin auf den Umstand, daß der seit 1841 rührig
tätige Dombauverein durchaus interkonfessionell arbeitete
und daß die Angelegenheit des Kölner Dombaues
eine ganz und gar nationaldeutsche war und immer mehr
wurde, seitdem Friedrich Wilhelm IV. am 4. September
1842 den Grundstein zum Ausbau der Doimkirche gelegt
hatte mit dem Hinweis darauf, daß es sich um das Werk
des Brudersinnes aller Deutschen aller Bekenntnisse
handle.

Zu den Ausführungen Hampes seien zwei Ergänzungen
gegeben. Zwölf Tage nach der Grundsteinlegung
des Ausbaues durch den Preußenkönig in Köln fand
am 16. September 1842 in Leipzig jene denkwürdige
Versammlung statt, die den vom Hofprediger D. Karl
Zimmermann in Darmstadt gegründeten kirchlichen
Hilfsverein mit der seit 1832 in Leipzig bestehenden
Gustav Adolf-Stiftung zum Evangelischen Verein der
Gustav Adolf-Stiftung vereinigte. Das erste Jahrzehnt
des neuen Gustav Adolf-Vereins geht nun vielfach dieselben
Wege, erlebt dieselben Erfolge und begegnet denselben
Schwierigkeiten wie die zahlreichen Dombauvereine
. Aber trotz gelegentlich drückend empfundener Konkurrenz
wurde gerade in den Kreisen des Gustav Adolf-
Vereins der Kölner Dombau als eine gemeinsame Angelegenheit
aller Deutschen aller christlichen Bekenntnisse
freudig anerkannt. Von diesem Blickfelde her
hätte mau es dem König Wilhelm durchaus nicht verargen
können, sich im Kölner Dome etwa zu krönen.