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Ausgabe:

1937 Nr. 5

Spalte:

84

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knolle, Theodor

Titel/Untertitel:

Luthers Glossen zum Alten Testament 1937

Rezensent:

Rad, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 5.

84

bei dem Verfasser der vorliegenden Schrift Bedenken
auf, ob von den indischen Denkern gerade Sankara
Acärya, den „viele Inder für den größten und gefährlichsten
aller Ketzer" halten, die geeignetste Gestalt
für einen Vergleich mit Meister Eckehart wäre, schon
auch darum, weil es fraglich sei, ob alle ihm zugeschriebenen
Schriften auch wirklich von ihm herrühren (Vorwort
). Da nun Meister Eckehart in seinen deutschen
Schriften uns als Prediger und Seelsorger besonders
nahekommt, so schien es für einen Vergleich lehrreicher
zu sein, auch unter den indischen Denkern einen Mann,
der religiösen Praxis zu wählen. Dazu hielt der Verfasser
am geeignetsten den frommen hinduistischen Sänger
Mänikka-Vasagar, dessen tiefreligiöse Hymnen H.
W. Schomerus im Verlag Eugen Diederichs (Jena) ,Die
Hymnen des Mänikka-Vasagar (Tiruväsaga)' in Übersetzung
herausgegeben hatte. Einleitung und Schluß
gehören nun eigentlich zusammen, da sie programmatische
Ausführungen über die Bedeutung der Mystik
innerhalb der verschiedenen Religionen und besonders
im Christentum enthalten, die wohl nicht unwidersprochen
bleiben werden. So wenn er behauptet, daß es
„keine Mystik sei, was im Johannes-Evangelium als
Inhalt der Botschaft Jesu" dargeboten werde oder
wenn er verschiedene mystisch-magische Aussagen des
Paulus im Gegensatz zu A. Schweitzer ,Die Mystik
des Apostels Paulus' allzu rational-pastoral deutet.
Nach dieser Verschiebung der Einstellung muß der Verfasser
konsequenterweise die These aufstellen, Meister
Eckehart stehe, soweit er Mystiker sei, „nicht auf dem
Boden neutestamentlichen Christentums, sondern zeige
sich abhängig von neuplatonischen Ideen, wie sie ihm
besonders durch arabische und jüdische Philosophen
übermittelt worden seien." Mag die Lehre Jesu vielleicht
ursprünglich gemäß ihrer Orientierung von mystischen
Einflüssen wenig berührt worden sein, auf jeden
Fall aber ist das Evangelium in seiner Entwicklung zur
Weltreligion ohne Mystik überhaupt nicht zu denken.
Es mag darum auch wohl kaum zutreffend sein,
Meister Eckehart in diese engere Belichtung zu stellen
und die Stromkreise des religiösen Lebens nach
bestimmten Gesichtspunkten abzuschalten. Denn wenn
im Untertitel die ,Mystik auf deutschem und indischem
Boden' dem Vergleich unterstellt und Mänikka-Vasagar
„mit seiner Mystik weltanschaulich und religiös
als echter Inder angesprochen" wird, so wäre die Frage
gewesen, ob Meister Eckehart als Repräsentant der
deutschen Mystik gelten kann, was unbedingt zu bejahen
ist und in zweiter Linie zu untersuchen gewesen,
wie weit die deutsche Mystik überhaupt christlich ist
oder synkretistischen Charakter an sich trägt.

Sehr aufschlußreich sind die durch ausführliche Quellenzitate
belegten Vergleiche hinsichtlich ,des mystischen
Zentralerlebnisses' (Geburt Gottes in der Seele, Besitzergreifung
der Seele durch die Sakti), ,des das mystische
Zentralerlebnis Hindernden' (Sünde, Übel), der Erfordernisse
für das Zustandekommen des mystischen
Zentralerlebnisses' (Voraussetzungen für die Geburt Gottes
in der Seele, Voraussetzungen für die Besitzergreifung
der Seele durch die Sakti), ,des weiteren Lebens
unter dem Zeichen des mystischen Zentralerlebnisses'
(unter der Herrschaft des in der Seele geborenen Gottes,
unter der Herrschaft der Sakti) und schließlich ,des
durch das mystische Zentralerlebnis angebahnten und
ermöglichten Vollkommenheitszustands'. Die eingehenden
Analysen beider Mystiker haben eine weitgehende
sachliche Übereinstimmung ergeben und der Verfasser
wirft zum Schluß noch die Frage auf, wie sich diese
Übereinstimmung zwischen den Gedankengängen Ecke-
harts und Mäntkka-Väsagars sowie der südindischen si-
vaitischen Theologie erklären lasse. Ganz im Sinne
Rud. Otto's (in dessen ,Texten zur indischen Gottesmystik
Vischnu-Näräyana', Jena 1923) legt sich
ihm der Gedanke einer Konvergenz der Typen nahe,
d. h. die Grundtypen nehmen je nach Rasse, Veran-

j lagung, Geschichte, Kultur eines Volkes wohl verschiedene
Ausdrucksformen an, stimmen aber doch in ihrem
wesentlichen Gehalt mit einander überein. Daß der
Verfasser noch die kritische, ,im Auftrag der Deutschen
Forschungsgemeinschaft' herausgegebene Ausgabe ,der
deutschen und lateinischen Werke' Meister Eckeharts

I wenigstens in ihren ersten Lieferungen verwerten konnte,

J ist erfreulich; wir hätten nur gewünscht, daß diese
nunmehr grundlegende Ausgabe bei Abfassung der vor-

I liegenden Untersuchung schon weiter fortgeschritten gewesen
wäre.

I München. R.F.Merkel.

! Knolle, Theodor: Luthers Glossen zum Alten Testament in

Auswahl nach der Ordnung seiner Lehre. München: Chr. Kaiser 1935.

(Q2 S.) gr. 8°. = Die Lehre Luthers. H. 2. RM 2.50.

Dieses Büchlein enthält einen sehr originellen Beitrag
zu der heutigen Debatte über eine theologische
Auslegung des A. T. Natürlich konnte in so engem Rahmen
nur eine Auswahl geboten werden, jedoch war
eine Wiedergabe „fast aller für die Lehre wichtigen
Glossen" angestrebt. Diese Absicht, „dem Lehrverständnis
des A. T. zu dienen" verbot eine einfache Aufreihung
der Glossen nach der Reihenfolge der atl. Bücher.
Es dominiert der systematisch theologische Gesichtspunkt
und demgemäß sind die Glossen um einzelne dogmatische
Gedankenkreise geordnet. (A. Die Offenbarung,
B. Die Kirche, C. Die Ordnungen; jeweils wieder mit
Unterabschnitten). Man wird dem Vf. zugeben müssen,
daß er mit dieser Überordnung der dogmatischen Gesichtspunkte
doch den besseren Weg zur Ausbeute des
Glossenbestandes beschritten hat. (Es wäre ja auch
möglich gewesen, die Glossen einfach fortlaufend mit
dem Text der Bücher dem Bibelleser darzubieten und so
die Bedeutung des jeweilig glossierten Wortes dem
systematisch theologischen Gesichtspunkt vorzuordnen).
Indessen trotz dieser sorgfältigen Disposition halten
wir es für mögich, daß der praktischen Verwendung
des Büchleins fühlbare Grenzen gesteckt sind, denn man
kann es doch nicht eigentlich fortlaufend lesen, weil
viele der Glossen zu sehr vom Augenblick eingegeben
sind und theologisch ohne Zusammenhang in sich selber
ruhen. Diesen Mangel hat der Vf. dadurch auszugleichen
gesucht, daß er am Ende des Buches ein Verzeichnis
sämtlicher glossierten Stellen angefügt hat, so daß
das Buch auch von dem, der nach Glossen zu bestimmten
Stellen fragt, im einfachen Nachschlageverfahren benützt
werden kann.

Es ist ein eigentümlich komplexes Bild von Luthers
Schriftauslegung, das sich dem Leser darbietet. Weitab
von der hermeneutischen Konsequenz und Akribie Calvinscher
Auslegungen lesen Wir hier sprühende Einfälle,
sehen die unbefangenste Verbindung des streng Lehrhaften
mit der subjektivsten Erfahrung, neben originellen
philologischen Beobachtungen die freieste Allegorese!

So wird der, dem Luthers Glossen in den Quellen
nicht zugänglich sind, dem Vf. großen Dank wissen
für die Vermittlung dieser bisher so wenig bekannt gewordenen
Schätze. Der Exeget von heute wird freilich
zu einer unmittelbaren Verwendung dieser Glossen etwa
in Predigt oder Unterricht nicht in allen Fällen raten
können.

Jena. v. Rad.

Steiger, Robert: Die Dialektik der Paulinischen Existenz.

■ Ein morphologischer Versuch. Leipzig: J. C. Hinrichs 1931. (VI, 222 S.)
8°. = Untersuchungen z. N. T. Hrsg. v. H. Windisch. H. 20.

RM 12.60; geb. 15 — .

Das Vorwort dieses Paulusbuches beginnt mit dem
Satz: „Vorliegende Arbeit versucht eine neue Darstellung
der paulinischen Theologie, indem sie Paulus als existentiellen
Denker zu begreifen und sein gesamtes Werk
auf das Leitmotiv der existentiellen Dialektik zurückzuführen
sucht." Es h andelt sich daher um das
Wagnis (vergl. den Untertitel: „Ein morphologischer