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Ausgabe:

1937

Spalte:

79

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stern, Erich

Titel/Untertitel:

Religiöse Entwurzelung und Neurose 1937

Rezensent:

Knabe, E.

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71)

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 4.

80

Stern, Erich: Religiöse Entwurzelung und Neurose. Berlin:
Philo-Verlag 1931. (32 S.) gr. 8°. RM 1.20.

Der Titel ist auskunftsreich genug. Der Verfasser
sieht die Minderwertigkeitserkenntnisse, den Zwiespalt
und die Glaubenstiefpunkte in jeglichem Menschenleben.
Das ist nicht unwichtig. Aber was in andern Schriften
andeutungsweise schon genannt ist, macht er zum
Thema. Er geht auf das Gefühl der Neurotiker, von
Kräften, die in ihnen aufsteigen, gefesselt zu sein,, ein.
Der Neurotiker ist der ichhafte Mensch, der vereinsamen
muß. Der fromme Mensch kann nicht ichhaft sein.
Die Hingabe'an Gott hebt alle Ichhaftigkeit auf. Nur
ganzer Glaube weiß, wohin er seine Kräfte sublimieren
kann. Weil wir wohl bestenfalls uns zur Tat, aber nicht
zu freudiger Tat, nämlich zur Liebe zwingen können,
fühlen wir unsere Abhängigkeit von der liebeschaffenden
Gnade. Der Neurotiker bedarf einer Umstimimung des
Charakters. Der Therapat kann nur ein Stücklein weit
führen, die Wandlung muß in den Kranken selbst vorgehen
. Heilung bedeutet Vertrauen gewinnen, und auch
insofern gilt, daß alle Heilung Gnade ist. Wir müssen
Vertrauen haben auch wo wir nicht verstehen. Im Idiot
von Dostojewski steht: „Wir erniedrigen die Vorsehung,
wenn wir aus Ärger darüber, daß wir sie nicht verstehen,
ihr unsere Begriffe unterschieben." Ein feines Abschluß-
wort des Büchleins.

Moritzburg. E. Knabe.

Ehrenstein, Walter: Grundlegung einer Ganzheitspsychologischen
Typenlehre. Berlin : Junker und Diinnhaupt Verlag
1936. (114 S.) 8°. = Neue Deutsche Forschungen, herausgegeben von
Hans R. G. Günther und Erich Rothacker Band 49, Abtlg. Charakterologie
, Psychologische und Philosophische Anthropologie Bd. 2. RM 4.80.

Vf. betont die Notwendigkeit gesicherter psych.
Kenntnisse für die Gegenwart. „Die Nation wird im
Daseinskampf überlegen sein, die den richtigen Menschen
an der richtigen Stelle zu verwenden weiß." Waren
Staatsmänner und Dichter Förderer psych. Denkens,
so hat die wissenschaftliche Psych, die Aufgabe, von
den Ergebnissen der theor. Psych, aus eine Typenlehre
zu entwerfen. Vf. will das von dem leitenden Gesichtspunkt
der Ganzheitsbetrachtung aus in starker, aber
sich abhebender Anlehnung an F. Krüger und auf Grund
eigener früherer Forschungen zur Ganzheitsbetrachtung,
unter besonderer Betonung naturwissenschaftlich fundierter
Psych, und unter Verwertung Kretschmerseher Typenlehre
. Die Durchführung dieser Aufgabe engt sich
infolge der Grundposition allzusehr ein. So sorgfältig
diese Untersuchung auch ist, sie dürfte der gestellten
Aufgabe nicht ganz gerecht werden. Die Arbeit atmet
in ihren Gegenständen noch allzusehr die Luft der vor-
ganzheitlichen Psych. Wir vermissen die inhaltliche Bestimmung
der „Ganzheit" und deren Gerichtetheit. Man
wird keine psych. Typenlehre schaffen können auf bloß
naturwissenschaftlicher Basis.

Gießen. Johannes Neu mann.

Kittel, Prof. Gerhard: Die Judenfrage. 2., Überarb. u. durch 2
Beilagen verm. Ausg. Stuttgart: W. Kohlhammer 1933. (128 S.) 8°.

RM 1.20.

Diese wertvolle Arbeit bedarf kaum noch einer besonderen
Anzeige. Sie ist in dem entscheidungsvollen
Jahre 1933 als eine theologische Antwort auf die Judenfrage
geradezu von politischer Bedeutung gewesen;
nicht als ob die deutsche Gesetzgebung einer theologischen
Rechtfertigung bedurft hätte, sondern weil sie
vor aller Welt den Beweis erbracht hat, daß Christentum
und Volkstum untrennbar zusammengehören. K.
zeigt, daß die frühere Entwicklung dieser Frage nicht
nur dem deutschen, sondern auch dem jüdischen Volk
verderblich gewesen ist. Die größte Gefahr bestand

in der Judenemanzipation. Indem der deutsche Staat
diese unterbunden hat, leistet er den Fremden insofern
einen positiven Dienst, als er sie vor die eigene Volks-
tumsfrage stellt. Es war besonders verdienstvoll von
K., daß er auf diese Zusammenhänge hinwies und den
vielen Mißverständnissen entgegentrat, die besonders im
Ausland gegen das deutsche Vorgehen entstanden sind.
Unter diesen war in der Tat keines so schwerwiegend
als die Behauptung, daß der deutsche Staat in diesem
Punkte unchristlich gehandelt hätte.

Die eigentliche Lösung der Judenfrage sieht K. als
eine intern religiöse Frage an, ob es nämlich gelingt,
daß die Juden wieder Juden werden und damit zu ihrem
Glauben zurückkehren (S. 76). Dann werden sie die
Zerstreuung und das Gastsein unter den fremden Völkern
im Glauben tragen und bejahen lernen. Für den
Christen bleibt allerdings noch die Frage, ob das Judentum
über die eigene fromme Enderwartung hinaus
noch dazu kommen wird, in Christus selber die Erfüllung
des alten Glaubens zu erblicken. — Wichtig
ist die doppelte Beurteilung des Judenchristentums,
die sich nun nach verschiedenen Widerständen auch
in den kirchlichen Kreisen durchgesetzt hat: 1) die
Judenchristen sind nur im Glauben unsere Brüder;
2) wegen ihrer Andersartigkeit können sie eine leitende
Stellung in der Kirche nicht inne haben.

Eine Antwort an Martin Buber und eine grundsätzliche
Verteidigung des Gedankens einer judenchristlichen
Kirche sind beigefügt. Die 3. Auflage (1934, 135 S.) ist

: im Text und in den Anmerkungen nur wenig verändert.

j Meist handelt es sich um Ergänzungen, darunter einige

! wichtige statistische Angaben.

Jena. H. E. Eisenhuth.

23 or kurjem erfcfjien:

I Orientalische Stimmen zum Erlösungsgedanken

3n ©emeinfcrjaft mit
2B. Soerfter, 51. Hücker, S). S). Sdjaeber unb 3t. Schmibtke
herausgegeben »on
<Profeffor 2>r. 3tan$ Soefdjner, fünfter i. 215.

VI, 117 6eiten. ©r.8°. 23reis geheftet 3.60

OTorgenlanb. ©arftellungen aus ©efchidjte unb Äultur bes Oftens.

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3nhalt: 3. Saefdjner: 2>er (Srlufungsgebanke in ber SRcIi=
gionsgefchicrjte. — 3. 6 d) m i b t k e: ©Ugamefdjs 6treben
noch (Jrlöfung Dom Sobe. - "JB. 3oerfter: 5)ie ®r»
löfungshoffnitng bes Spätjubentums. — 21.9? ü dt e r: 2lus
bem mnftifchen Schrifttum neftorianifdjer 9Jiönd)e bes
6.-8. 3ohrhunberts. 3. 2 a e f d) n e r: Die (Erlöfungs»
fehnfucht in ber iflamifchen SJtnftik bes Mittelalters. —
S). S). 6d)aeber: ©er 2nanid)äismus nad) neuen jun»
ben unb 5orfd)ungen. — 9tamen= unb Sadjregifter.
TOrgenbs in ber ©efdjicrjte können mir eine fo lange 3eitfpanne
religiöfer (Jntroicklung überfchnuen rote im norberen Orient. Durt
hat aud) ber Srlöfiingsgebanke, ber einem allgemein»menfd)iid)cn
<8ebürfnis entfpringt unb im Ghriftenhtm jum Äerngebanken ge»
roorben tft, aber bei keiner SReligion üöllig fehlt, befonbers reiche
unb eigenartige Ausprägungen erfahren. Aus ber Sülle ber <Er=
fcheinungen roerben im oorliegettben S)eft einige ber bebeittenbften
»on hernorragenben 6ad)kennern bargeftellt. ©er Oricntalift unb
ber ^Religtonsgefchtchtler geroinnen einen roeiten lleberblidt. 3ugleich
bient bas SBerk einem lebenbigen 23ebürfnis ber ©egentuart.
$üft es bod), im Spiegel ber Vergangenheit Klarheit über bie
eigene Stellungnahme ju gewinnen.

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J. C. HINRICHS VERLAG / LEIPZIG C1

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 27. Februar 1937.

Verantwortlich: Prof. D. W. B a u e r in Göttingen, Düstere Eichenweg 14.
J. C. Hinrichs Verla?, Leipzig C 1, Sclierlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.