Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1937 Nr. 3

Spalte:

55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lindhardt, Poul Georg

Titel/Untertitel:

Den nordiske kirkes historie 1937

Rezensent:

Achelis, Thomas Otto

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

55

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 3.

56

Anbetracht dieser Nachweisungen, die den Lutherbiographen
fast Zeile um Zeile kontrollieren, Anerkennung
und Dank auszusprechen; wir stellen sie den geschätzten
Untersuchungen gleicher Art, die H. Volz den Lutherpredigten
des Mathesius (1930) gewidmet hat, gern zur
Seite. Der Untersuchung über die Quellen gehen voran
einige Mitteilungen über Entstehung, Ausgaben und
Übersetzungen des Werkes; es folgen Zusammenstellungen
über den Aufbau und den Wert des Lutherbildes
von Cochläus, von dem (S. 272—301) ein objektivnüchterner
Auszug gegeben wird. Wir stimmen H. zu,
wenn er feststellt, daß dem Cochläus keine bewußte
Unwahrheit, Fälschung und Entstellung nachzuweisen
ist, und begrüßen es, daß H. den Ton und die immer gereizte
Ausdrucksweise des Parteischriftstellers scharf tadelt
, der immer wieder von Parteileidenschaft verblendet
Form und Schranken des exhortativen Publizisten weit
hinter sich läßt.

Berlin. Otto Lerche.

Fülöp-Miller, Rene: Leo XIII. und unsere Zeit. Macht der
Kirche-Gewalten der Welt. Zürich: Rascher Verlag [1935]. (V, 215 S.)
8°. Geb. RM 5.80.

Der Verfasser ist durch eine größere Anzahl kulturgeschichtlicher
Werke, u. a. auch über die Jesuiten, bekannt
geworden; bei aller Kritik, die gegenüber dem
außerordentlich fruchtbaren Schrifttum Fülöp-Millers angebracht
erscheinen mag, wird man sich der Gewandtheit
der Darstellung und dem Reiz der geordneten Aufbereitung
eines umfangreichen und schwierigen Stoffes nicht
entziehen können. Das vorliegende anregend, aber recht
flüchtig geschriebene — Frhr. v. Ketteier war Bischof und
nicht Erzbischof von Mainz (S. 30, 139 u. a. m. — und mit
einem sehr angeschwollenen unordentlichen Literaturverzeichnis
versehene Buch ist vor den jetzigen Kundgebungen
des Papstes gegen den Bolschewismus erschienen
. Man wird sagen dürfen, daß auch in diesen
neuesten Kundgebungen des römischen Pontifex die
Ideen Leos XIII. („Rerum novarum") fortleben und
daß sich Pius XI. erneut zu den thomistischen Lehren
seines großen Lehrer bekennt, wie er das schon früher
grundsätzlich getan hat („Quadragesimo anno").

Der Verfasser schließt sein Buch (S. 205) mit den
Worten: „Von neuem erweist es sich heute, daß zwar
manche Einzelheit der thomistischen Lehre im Wandel
der Epochen ihre Gültigkeit verloren haben mag, daß
jedoch Leo XIII. von Thomas etwas übernommen und
zu neuem Leben erweckt hat, das grundsätzlich in der
Gegenwart ebenso Geltung haben kann wie im Mittelalter
— das zeitlose Prinzip der Über- und Unterordnung
, das die Wahrheit nicht bloß im Bereich des Sinnfälligen
, des Vernunftgegebenen, des Naturhaften allein
sucht, sondern in der Totalität des Physischen und des
Metaphysischen." In dieser Tatsache ist auch die Begründung
dafür zu sehen, daß die römische Kirche mit
dem den Rationalismus und Mechanismus ablehnenden
Faschismus einen wirklichen Frieden hat schließen können
. Wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, müssen
wir wohl auch (trotz Hudal) mit einem endgültigen Frieden
zwischen der Papstkirche und dem Nationalsozialismus
rechnen. In dieser Situation bietet das neue Buch
Fülöp-Millers mancherlei Anregungen und Ausblicke,
ohne dem Unterrichteten neue Kenntnisse zu vermitteln.
Berlin. Otto Lerche.

Lindhardt, P. G.: Konfirmationens Historie i Danmark.

Kopenhagen: O. Lohse 1936. (48 S.) 8°.
Während im königlichen Anteil der Herzogtümer
Schleswig und Holstein schon 1646 die Konfirmation
eingeführt wurde, hat im Königreich Dänemark erst
der Pietismus 1736 sie durchgeführt; äußerer Anlaß
war das 200jährige Reformationsjubiläum. In knapper
Form unterrichtet Pastor Lindhardts Heft darüber; der
Anhang gibt zahlreiche Literaturhinweise.

Rendsburg. Th. O. Achelis.

Geyer, Xaver: 50 Jahre Auslanddeutsche Missionsarbeit

für Glauben und Volkstum. Freiburg, Br.: Herder & Co. 1936. (VIII,
219 S. m. 56 Abb.) gr. 8°. RM 3.90; geb. 4.80.

Die seelsorgerliche Betreuung der Auslandsdeutschen
ist eine Errungenschaft der letzten Jahrzehnte.
Immer wieder muß darauf hingewiesen werden, daß
die internationale römische Kirche die Zusammenhänge
zwischen Religion und Volkstum zunächst übersehen,
dann für nicht wichtig genug gehalten hat. Im Grunde
macht ja auch die internationale lateinische Kirchensprache
Roms Seelsorge in der Landessprache schwierig
und oft unmöglich. Die Sprache der Messe und der
lateinische Kirchengesang waren dem lusobrasilianischen
Mischling genau so unverständlich wie dem katholischen
Einwanderer aus Deutschland, der im fremden Volkstum
versinken mußte. Bischof Geyer weist nicht ohne gewisse
Erbitterung darauf hin (S. 194), daß zumal im
Auslande oft deutsch gleich protestantisch gesetzt wurde
und daß die Verpflichtungen der deutschen Katholiken
erst spät erkannt wurden. Daß auf diesem Gebiete
dann in den Zeiten der politischen Konjunktur eine
nicht immer erfreuliche Betriebsamkeit einsetzte, ist bekannt
. Dabei darf immer wieder darauf hingewiesen
werden, daß die überwiegende Mehrheit des eigentlichen
Auslandsdeutschtums noch heute protestantisch
ist und daß die Bewahrung des Volkstums hier wesentlich
eine Leistung der evangelischen Kirche ist, daß
aber die überwiegend katholischen, in geschlossenen
Siedelungen lebenden Grenzlanddeutschen der Gefahr
des Volkstodes nicht so sehr ausgesetzt sind.

Bischof Geyer schildert in diesem mit vielen, oft
recht belanglosen und meist allzu persönlich eingestellten
Bildern ausgestatteten Erinnerungsbuche seine Arbeit
im Sudan als Missionspriester und apostolischer Administrator
von den Mahdiaufständen bis in das Jahr
des Versailler Vertrages, dann kurz seine Reisen in Nordamerika
und die Gründung seines Auslandpriesterseminars
in Form einer religiösen (klösterlichen) Gemeinschaft
, der „Gemeinschaft von den heiligen Engeln",
die erst (seit 1924) in Bad Godesberg am Rhein,
seit 1934 in dem einst benediktinischen, dann säkularisierten
Kloster Banz in Oberfranken ihre Heimat hat.
Die „Gemeinschaft von den heiligen Engeln" tritt damit
in edlen, aussichtsreichen Wettstreit mit dem St.
I Raphaelsverein, mit dem Reichsverbande für die katholischen
Auslanddeutschen und mit der Auslandsarbeit
des Bonifatiusvereins.

Es wäre Pflicht jedes evangelischen Theologen, die
vielfachen Leistungen dieser Organisationen, die längst
die etwa vom Gustav Adolf-Verein, von der Hamburger
und der Bremischen Auswanderermission, von Neuen-
dettelsau usw. vollbrachte Arbeit in Schatten stellen,
sorgfältig zu verfolgen. Das Buch des Bischofs Geyer,
der in seiner Banzer Gemeinschaft den auslanddeutschen
Priesternachwuchs der römisch-katholischen Kirche heranzieht
, ist in vieler Hinsicht anziehend und lehrreich
und gibt Aufschluß über mancherlei Probleme des
Diasporalebens und aus wichtigen Gebieten, in denen
sich Diasporafragen und Missionsprobleme kreuzen. Bedauerlich
ist es, daß Bischof Geyer nur allzuoft törichtsentimentale
Märchen von der Not der deutschen Glaubensspaltung
erzählt (S. 102, 161), die keineswegs dem
christlichen Deutschland förderlich sind, daß er absolut
kein Verständnis für deutsche evangelische Diakonissenarbeit
hat (S. 15) und daß er den Protestantismus
nur allzu bereitwillig in die Nähe von Glaubenslosig-
keit, Freimaurerei und schließlich gar Kommunismus
! rückt. Diese sonst in der Auslandsarbeit, also mei-
[ stens in doppelter Diaspora, nicht mehr häufig anzu-
| treffende Haltung macht es dem evangelischen Theo-
| logen nicht leicht, die hier gebotenen Erinnerungen aus
einem fast 55jährigen Diaspora- und Missionspriesterleben
gehörig auszuschöpfen.
Berlin. Otto Lerche.