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Ausgabe:

1937 Nr. 3

Spalte:

54-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herte, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Lutherkommentare des Johannes Cochläus 1937

Rezensent:

Lerche, Otto

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 3.

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Die Anfänge Sareptas (1765) liegen durchaus in
dem großzügigen Plane der Landeskolonisation der Kai- |
serin Katharina II. (1763), die namentlich aus dem Süden
und Südwesten Deutschlands Siedler in die weiten
Räume Rußlands zu ziehen wußte. Die Kaiserin hatte |
sich auch in ihren Erwartungen hinsichtlich der Glieder
der Brüdergemeine nicht getäuscht. Trotz der Ungunst
der geographischen und klimatischen Verhältnisse auf
der Bergseite am letzten Wolgaknie brachte es Sarepta
bald auf dem Gebiete des Tabakbaues, der Textilindustrie
und vieler rührig betriebener Handelszweige zu j
bürgerlichem Ansehen und wirtschaftlicher Bedeutung, !
was beides bereitwillig von den Organen des Staates I
anerkannt wurde. Diese wirtschaftliche Blüte Sareptas
dauerte an be/w. stellte sich nach verschiedenen harten
Rückschlägen durch Aufruhr und Feuerbrunst immer
wieder ein, solange das innere Ziel der Brüdergemeine [
im Auge behalten wurde und mit einiger Aussicht auf
Erfolg verfolgt werden konnte. Als Sarepta Wirtschaft- |
lieh seine frühere Bedeutung endgültig eingebüßt hatte,
war dies brüderische Ziel freilich schon längst zur
Utopie geworden.

Dieses innere brüderische Ziel war nicht Kolonisation
sondern Mission. Der Missionstätigkeit der Gemeine
Sarepta widmet Hafa das wichtigste Kapitel seines
Buches (S. 1 IQ—157). Jeder Missionstätigkeit im
weiten Rußland außerhalb der russischen Staatskirche
waren durch die Staatsgesetze engste Grenzen gesetzt,
die um so stärker beobachtet werden mußten, je mehr
sich die Regierung auf die Kirche sich zu stützen genötigt
sah. So blieb der Gemeine Sarepta nur die Mission
unter den benachbarten Kalmükken, eine Mission,
die trotz ihrer äußerst geringen Erfolge von der Staatskirche
mit Mißfallen beobachtet und schließlich verboten
wurde. So wandelte sich die Mission in Diasporapflege
, die allerdings den evangelischen Deutschen in
und um Saratow Wolga aufwärts auf der Bergseite
wie auf der Wiesenseite höchst erwünscht sein mußte.
Hafa bezeichnet die Diasporaarbeit einmal mit Innerer
Mission oder er braucht die Begriffe Diasporaarbeit
und Innere Mission als Synonyma. Jedenfalls ist die
Diasporaarbeit der Brüdergemeine überhaupt etwas anderes
wie die der Kirchen, der Landeskirchen zumal,
und der Diasporapflegeorganisationen. Da die Sarep-
taner Arbeit aber in einer Zeit geschah, in der weder
eine preußische Diasporakollekte, noch die Petersburger
Unterstützungskasse noch der Gustav Adolf-Verein und
der Lutherische Gotteskasten (Martin Luther-Bund)
existierten, so durfte sie ohne Rücksicht auf Andere ausschließlich
eigenen brüderischen Idealen und Formen
folgend vorgehen. Nach Hafas Darstellung handelt es
sich bei der sareptanischen Diasporaarbeit nie und miim-
mer um Proselytenmacherei, denn alle missionarische
und diakonische Arbeit erfolgte vielmehr im Einvernehmen
mit den Pfarrern und den Kirchengemeinden
bezw. ihren Organen. Die entstellenden Gemeinschaften
blieben innerhalb der Landeskirche'; die bisher aufrecht
gehaltene Sonderung der Bekenntnisse (Reformierte, Lutheraner
) blieb unangetastet, es kam weder zu Unions- I
macherei noch zu Kirehenmengerei. Die Erstarkung der
«V.-luth. Landeskirche in Rußland und die ordnungsmäßige
Betreuung der Gemeinden wie der Pfarrer durch
das Generalkonsistorium in Petersburg und seine Organe
setzte der Diasporaarbeit der Brüdergemeine von Sarepta
ein Ziel. Diese letzte Tatsache ist von Hafa nicht
genügend erkannt und dementsprechend herausgearbeitet.
— Die eigenartige Bedeutung von Ignaz Aurel Feßler, i
der uns hier freilich nur während seiner Saratowschen
Zeit angeht und dem Hafa wohl nicht ganz gerecht wird,
verdiente einmal eine gründliche Behandlung. Es ist I
wichtig, daß auch hierzu das Archiv in Herrnhut Mate- j
nal bietet. — Die Arbeit Hafas verdient jedenfalls unsere
wärmste Anerkennung.

Berlin- Otto Lerche.

Herte, Adolf: Die Lutherkommentare des Joh. Cochlaeus.

Münster i. W.: Aschendorff 1935. (XX, 351 S.) gr. 8°. = Refonnations-
geschichtliche Studien u. Texte H. 33. RM 17.45.

In seiner „Geschichte der neueren Historiographie"
(1911) bezeichnet Eduard Fueter die „17 Predigten
von den Historien des Herrn Doctoris Martini Lutheri
seligen" durch Johs., M a t he s i u s (1566) als die einzige
deutsche Biographie des 16. Jahrhunderts, die auf
eine höhere Bedeutung (— soll wohl heißen ,Beachtung
' — d. Ref.) Anspruch erheben darf. Fueter fährt
dann fort: die eigentlich biographischen Abschnitte reproduzieren
meist bloß unkritisch genug Luthers eigene
Erzählungen und stützen sich mit Vorliebe auf Anekdoten
von recht zweifelhafter Authentizität. Schließlich
bezeichnet Fueter den wackeren Mathesius als eine
Eckermann-Natur: er habe Luthers eigentümliches Wesen
deshalb so treu wiedergeben können, weil er selbst
als Denker und als Theologe eine ganz unselbständige
Persönlichkeit war (Fueter a. a. O. S. 259 f.). Diese Bemerkung
befindet sich bei dem Verfasser des vielgebrauchten
Handbuches in dem Abschnitt über Kirchengeschichtsschreibung
in der Schweiz; von dem ersten
katholisch eingestellten Biographen Luthers, Johs. Co-
chläus (Dobeneck), findet sich bei Fueter überhaupt
kein Wort. Bei aller Verehrung aber und allem historisch
-antiquarischen und theologischen Interesse, das wir
der Arbeit des Mathesius auch heute noch entgegenbringen
und das angesichts der schönen Neuausgabe
durch Cohrs-Hürlimaiin (vgl. Theol. Lit. Ztg. 1935 Nr.
21) bedeutsam angeregt worden ist, wollen wir es doch
begrüßen, daß die Beschäftigung mit der gegnerischen
Lutherbiographie des Johs. Cochläus nicht abreißt und
immer wieder zu neuer Stellungnahme nötigt. —

Cochläus ist uns nicht unbekannt, aber er hat sich
bei der protestantischen Geschichtsbetrachtung unbeliebt
gemacht nicht sowohl durch seine Commentaria de actis
et scriptis Martini Lutheri (1549) und seine scharfe Ablehnung
des Reformators als vielmehr durch seinen
Stellungswechsel zwischen 1519 und 1521, zu dem ihn
wahrscheinlich rein äußerliche Dinge und zwar nur solche
veranlaßt haben. Cochläus war gelehrter Humanist:
mit gleicher Begeisterung widmete er sich den klassischen
Studien wie der Aufhellung der deutschen Ver-
angenheit. Es ist durchaus das Gegebene aus dieser
ituation, daß wir ihn im Kreise der Jungen für die
Reformation aufgeschlossen sehen wie wir ihn auch
in Bologna in der Nähe von Ulrich von Hutten finden.
Aber Cochläus war auch Literat und Publizist: er war
Journalist und schrieb im Sinne und nach dem Wunsche
seines Auftraggebers, der ihm die notwendigen
Subsistenzmittel gab. So wechselte er seinen Arbeitskreis
und seine Stellung, so wurde er Parteischriftsteller
und damit dann heftig polternder Gegner Luthers. Wenn
man die Darstellung von Luthers Leben durch Mathesius
neben die Köstlins gestellt hat, so darf man die
Commentaria des Cochläus neben und mit Denifles
Lutherwerk betrachten. Auch auf protestantischer Seite
erfreuen sich die Lutherforschungen Denifles gewisser
ernsthafter Beachtung.

Herte stellt zu den jetzt vorliegenden kritischen Studien
zur Geschichtsschreibung der Gegenreformation eine
weitere Studie über die katholische Lutherliteratur im
Bannkreise der Lutherkommentare des Cochläus und
eine historisch-kritische Gesamtausgabe dieser Connmen-
taria im Rahmen des Corpus Catholicorum in nahe Aussicht
. Damit würde der Cochläusforschung ein besonders
eindringlicher Anstoß gegeben werden, und zwar
von einem Bearbeiter bezw. Verfasser aus, der schon
vor den uns jetzt vorliegenden kritischen Studien der
Cochläusforschung gedient hat. („Die Lutherbiographie
des Jobs. Cochläus. Diss. Münster 1915; Art. Cochläus
in Lexikon für Theologie und Kirche 2, 1931, S. 998.)

Den Hauptteil der vorliegenden Studie macht eine
eingehenden Quellenuntersuchung (S. 28—226), namentlich
die der von Cochläus nichtgenannten Quellen (S. 85
bis 226) aus. Wir stehen nicht an, dem Verfasser in