Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1937 Nr. 2

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mannheim, Karl

Titel/Untertitel:

Mensch und Gesellschaft im Zeitalter des Umbaus 1937

Rezensent:

Neumann, Johannes

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

39

Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 2.

40

der Hand wegen der Fülle der Gesichtspunkte, die sie
für eine systematische Geschichtsdeutung aufstellt,
z. Z. Bangor, N.Wales._Otto A. Piper.

Ho che, Alfred E.: Aus der Werkstatt. München: J.F.Lehmanns
Verlag 1Q35. (260 S.) 8°. RM 4.50 ; geb. 6—.

Seiner vielgelesenen Selbstbiographie Jahresringe,
Innenansicht eines Menschenlebens', die in ThLZ 1935
Nr. 23 von mir besprochen wurde, hat der Freiburger
Psychiater A. E. Hoche nunmehr einen Band früher erschienener
Aufsätze unter dem Titel: ,Aus der Werkstatt
' folgen lassen und darauf gesehen, vor allem diejenigen
auszuwählen, „die dem Verständnis der Gebildeten
ohne weiteres zugänglich" sind. Freilich bei der
Auswahl dieser Beiträge mag der Verfasser selbst empfunden
haben, daß teilweise „Stimmungen" und Anschauungen
„zu Worte kommen, die der heutigen Generation
unbekannt" und fremd sind, ja „auch bei den
Älteren schon zu verblassen" beginnen. Für den Theologen
sind besonders wertvoll die Beiträge über Geisteskrankheit
und Kultur' sowie über ,Scbülerselbstrnor-
de' und aus den Kriegsjahren die Aufsätze: ,Seelische
Massenerscheinungen' und ,Vom Sterben'; der philoso-
sche Skeptiker erkennt hier ruhig an, daß „das sanfteste
Sterben bei sonst gleichen Verhältnissen zweifellos denr
jenigen beschieden ist, denen die innere Sicherheit gegeben
ist, daß ihnen nur ein Übergang zu einem besseren
Leben bevorsteht. Wem diese religiöse Beruhigung nicht
zu eigen ist, darf mit Neid auf die im Glauben Sterbenden
hinblicken" (225). Die scherzhaft anmutenden
Skizzen aus der Inflationszeit am Schluß hätten ruhig
wegbleiben können, da solch erzwungener Humor heute
kaum mehr verstanden wird.
München._R. F. Merkel.

Döhl, Dr. Ilse: Bewußtseinsschichtung. Ein Beitrag Z.Entwicklungsgeschichte
ihrer Theorie, insbes. durch Nachweis von Ursprüngen
bei Leibniz. Berlin: A. Collignon 1935. (III, 101 S.) 8°. RM 2.90.
Diese verdienstvolle Arbeit mußte einmal mit dieser
Gründlichkeit und Breite großen Apparates gemacht
werden. Es ist allzusehr die Meinung entstanden, das
Unbewußte sei eine Hypothese der Psychoanalyse. Und
mit dem Acheron dieses Unbewußten wollte niemand
etwas zu tun haben. Hier wird nun, ausgehend von
dem Begriff der Bewußtseinsschichtung Hellpachs, aufgewiesen
, daß der Begriff des Unbewußten eine ausgesprochene
deutsche Angelegenheit ist. Was als neu
und als Schöpfung Freuds erschien, ist viel umfassender
bereits bei Leibniz ausgesprochen, nur daß Leibniz
seine Psychologie einmauert in seine Metaphysik.
Übrigens habe Leibniz bereits die pädagogische Bedeutung
gesehen, wie sie Pfister von Freud aus bearbeitet
habe.

Gießen. Johannes Neu mann.

Mannheim, Karl: Mensch und Gesellschaft im Zeitalter
des Umbaus. Leiden: A. W. Sijthoff 1935. (XVIII, 208 S.) 8°.

Fl. 4.20; geb. 5—.

M. behandelt das die ganze Welt bewegende Problem
des Verhältnisses des Umbaus des Menschen zum
Umbau der Gesellschaft. Das Laissez-faire-Prinzip des
freien Waltens der Kräfte hat zu einer hohen Rationalisierung
der Leistung geführt, ohne daß die moralische
Vernünftigkeit mitgewachsen wäre. Wenn es nicht gelingt
, das moralische Chaos zu bewältigen, droht die

Vernichtung unserer Kultur. Vf. sieht die Losung---

gemäß seiner Fragestellung von den Perspektiven der

Aufklärung aus--in einer Verbindung von Planung

und freiem Walten der Kräfte. M. meint, daß gleichzeitig
von außen und von innen anzusetzen sei (Tiefenpsychologie
), wobei man zunächst Pioniertypen
schaffe. Die Bedeutung der Religion für die Umformung
von Mensch und Gesellschaft beachtet M. nicht, ebensowenig
wird er der deutschen Situation gerecht. Gleichwohl
ist das Buch nicht nur methodisch, sondern auch
in Einzelergebnissen (Begriff des Rationalen; Elite und

Masse u. a.) wie in Fragen an unsere Zeit ein nachdenkliches
Werk.

Gießen._ Johannes N e u m a n n.

Schulte, P. Chrysostomus: Was der Seelsorger von nervösen
Seelenleiden wissen muß. Mit Nachwort u. kritischen Bemerkungen
eines Facharztes. Paderborn: Ferdinand Schöningh 1936. (364 S.) 8°.

RM 3.30 ; geb. 4.80.

Sichtlich aus umfangreicher Erfahrung bietet Vf. eine
zumal für den kath. Geistlichen geschriebene Einführung
in das angegebene Gebiet unter kritischer Sichtung
der Tiefenpsychologie. Eine klare Abgrenzung und ausführliche
Beschreibung der Krankheitsbilder, zumal im
Hinblick auf die Frage Religion und nervöse Erkrankungen
. — Ein außerordentlich sympathisches, gütiges
Buch. Nur ist das Gewicht zu sehr auf die ausgesprochenen
neurotischen Krankheitsbilder gelegt und diese
zu sehr als Psychopathie behandelt, statt in ihr Lebensschwierigkeiten
zu sehen, wie denn mehr diese Gegenstand
pastoraler Psychotherapie sein sollten.
I Gießen._Johannes N eu m an n.

| Ficht n er, Pfarrer Dr. med. et phil. Horst: Systematik der Seelsorge
. Gegenwartspsychologische Grundlegung und Gestaltung des
j evangel. Dienstes an der Seele. Leipzig: A.Anger. (126S.)8°.

RM 3.60 ; geb. 4.80.

Diese med., psych, und theol. enzyklopädisch angelegte
Arbeit konnte nur ein Arzt schreiben, der zugleich
I Pfarrer ist. Mit der Exaktheit des Arztes gibt Vf. eine
I allseitig gründliche Darlegung des Seelenlebens, angelehnt
in der Methodik an die ärztliche Arbeit, und zeigt,
wie und wo die seelsorgerliche Arbeit gemäß der psych,
und soziologischen Struktur spezifisch gegliedert anzusetzen
hat. — Es ist erstaunlich, wie Vf. in diesen gut
100 Seiten ein Lern- und Lehrbuch der Seelsorge geschaffen
hat, ohne das keine „Praktische Theologie"
mehr denkbar sein sollte, wie wir auch hier die Vorschläge
Fichtners hinsichtlich der notwendigen psych.
Ausbildung der Theologen („Akademien der Seelsorge")
nachdrücklich unterstreichen möchten.
Gießen. Johannes Neu mann.

6ocbcn gelangte jur Ausgabe

Theologie

des Neuen Testaments

<ßon ^5rof. d. Dr. 'Zßanl Jane, Sjalle q. 6. (f)

Siebente Auflage, (llnoeränb. DTeubrudt ber 6. IHufl.)
XVI, 456 Seiten, £er. 8°.

3)rci Q3efunberrjeitcn finb es nor allem, benen Seines
9?cuteftamentlirtie Rheologie ihre unDcrgleicrjlicrjc unb noch
immer roachjenbe Popularität uerbankt: <f)ier ift ein
tbcologifches Shich, nicht eine ©efdjicbte ber utdjrtft«
liehen «Religion, fonbern eine ©efchichtc ber theologischen
Senkarbeit, bic im 9L Z. geleiftct ift, nid)t aus bem ©ctft
irgenb einer 3eit, fonbern aus bem ©lauben ber KMrcfje
beratts gefchrieben. S)kt ift ein fad) Heb es «Budi, hier
bat nicht Seine, fonbern 3efus, Paulus, 3ohannc5 (auch
3ohannes!) bas SBort. eine möglidjft fubftat^reiclje unb
moglichft bwotbefenfreie 2)arftellung — mit jeber 2luf=
läge tritt biefes »odjäiel beutlidjer zutage. S)hr ift ein
brauebbares Bud), nicht für bie 3achge(ebrten, fon»
bem für bic Stubenten gefchrieben, klat im Aufbau, jdel=
beiuufjt in ber ^roblemftellung, feft in ber Sübrung, um«
ficljtig in ben Eiteraturoetmeifen — bie in ber Stauffer»
fdjen "Bearbeitung ber 6. Auflage burdigreifeub erneuert
unb burch <8erüdifid)tigung uon über 400 Arbeiten ber
jüngften 3eit auf ben Staub ber gegenwärtigen Sorfdjung
gebradjt loorben finb.

Preis geheftet <R9R 10-; gebunben TODt 12.5a

J. C. Hinrichs Verlag / Leipzig

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 30. Januar 1937.

Verantwortlich : Prof. D. W. B a u e r in üöttingen, Düstere Eichenweg 14.
J. C. Hinrichs Verlag, Leipzig C 1, Scherlstraße 2. — Druckerei Bauer in Marburg.