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Ausgabe:

1937 Nr. 2

Spalte:

38-39

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haecker, Theodor

Titel/Untertitel:

Der Christ und die Geschichte 1937

Rezensent:

Piper, Otto A.

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 2.

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wußtsein, in der Weise D.'s zu Ende gedacht, die Wunden, die es
selber geschlagen hat (121).

Bollnows Darstellung ist durchgehend von einer
schönen Lebendigkeit erfüllt. Freilich ist D. ebenso wie
auch bei Bischoff allzu modern gesehen, sind die Konturen
dieses Portraits allzu scharf ausgezogen. D.'s
geistiger Physiognomie haftet nun einmal etwas Ver-
schwimmendes an, das man vielleicht mit Bischoff (40)
als sokratische Zurückhaltung verstehen kann. Der Satz,
daß die geschichtliche Wirklichkeit unter der Hand
des sie entdeckenden Forschers eine andere wird (103),
•st eben zweideutig: der üefahr dieses Zusammenhangs
scheint Bollnow nicht entgangen zu sein.

Wichtiger aber sind grundsätzliche Einwendungen,
<iie jedoch nur soweit vorgebracht werden sollen, als
sie von den beiden Autoren ausdrücklich erneuerte Positionen
D.'s betreffen.

Zuvor mögen einige kritische Bemerkungen Bollnows hier Erwähnung
finden (166 ff.). B. bemängelt es, daß D. den Ausdrucksbegriff
ausschließlich am Erlebnisausdruck orientiert. Vor allem aber weist
er auf die Einseitigkeit hin, mit der D. in Konsequenz dieser Verengung
nun auch das Wesen des Menschen nur vom Erlebnisausdruck
her bestimmt. Er sieht darin einen weltanschaulich bedingten Vorgriff
, und er erinnert dabei an D.'s ästhetisch-pantheistische Tendenzen
. D. gehe an die Frage nach dem Wesen des Menschen mit
der Frage nach der menschlichen Innerlichkeit heran. Diese Innerlichkeit
habe sich nach D.'s Forderung zum Ausdruck zu bringen.
Damit sei sie aber von vornherein als ein Wert angesetzt. Weiter wird
*ie durch die These, qualifiziert, daß ihr echter Oehalt sich im
Ausdruck erschöpfend gestalten lasse. Dem stehe jedoch die religiöse
Erfahrung etwa Kierkegaards entgegen, nach der eine letzte
Tiefe sich prinzipiell nicht ausdrücken lasse. Eine Verengung sei
auch die Zurückführung des Lebens auf das Erleben: die Leistung
des Lebens als Kraft, das Wesen des Menschen als Funktion trete
dabei zu sehr in den Hintergrund.

Bollnow sieht also sehr wohl die Grenzen des
D.'schen Ausdrucksprinzips. Nicht einmal die geistes-
geschichtliche Forschung läßt sich vollständig darauf
begründen. Keinesfalls reicht es aus, um die Aufgabe
der Philosophie (oder auch der Theologie) zu bestimmen
. Besonders problematisch aber ist seine Verknüpfung
mit dem Immanenzprinzip. Bollnow versucht zwar
zu zeigen, daß auch D. um die Rätselhaftigkeit des Lebens
weiß (56), aber daß es wesensmäßig Unverständliches
gibt, davon hat D. in seiner Theorie des Ver-
stehens keine Notiz genommen. Derartiges läßt sich
eben nur in transzendierender Betrachtung ergreifeu
(wobei wir hier von der Frage absehen, wie sich eine
solche Betrachtung durchführen läßt).

Damit hängt es zusammen, daß die Problematik der
Existenz im moderneu Sinn aus der D.'schen Philosophie
eigentlich herausfällt. Wir verdanken D. wertvolle und
tiefsinnige Äußerungen über das menschliche Dasein,
aber der Begriff des Selbst existiert nun einmal nicht
für seine Philosophie. Bereits die Rede von einem individuellen
Träger des Lebens gilt ihm als transzendente
Setzung, die m der Philosophie nichts zu suchen hat.
Wenn man darum D. gerade als Wegweiser für die Existenzphilosophie
aufstellt, so wird man nur eine heute
schon allzusehr zerredete Problematik vollends um jede
gedankliche Schärfe bringen. Was aber die Sendung D.'s
für die deutsche Gegenwart betrifft, so mag man sich
dankbar an die wundervollen Beiträge zur Geschichte
des deutschen Geistes erinnern; seine systematischen
Konzeptionen haben jedoch nicht mehr Aktualität als
die jedes anderen Denkers von Rang. Man mag sogar
in seiner wissenschaftstheoretischen Bindung eher eine
Grenze seiner Gegenwartsbedeutung erblicken: Kierkegaard
und Nietzsche haben uns aus ihrem so ungleich
lebendigeren Krisenbewußtsein heraus jedenfalls gerade
heute ungleich Wichtigeres zu sagen. So wird man den
lendenzen der beiden Autoren auf eine Aktualisierung
der D.'schen Philosophie skeptisch gegenüberstehen
müssen, um dagegen ihre nachverstehende und verlebendigende
Darstellung, sowie vor allem Bollnows kritisch
weiterführende Bemerkungen dankbar anzuerkennen.

_Qot1ingen. _ Hermann Zeltner.

Haecker, Theodor: Der Christ und die Geschichte. Leipzig:
Jakob Hegner 1935. (152 S.) 8°. Kart. RM 3.80; geb. 5.50.

In dieser inhalts- und gedankenreichen Schrift entwickelt
Th. Haecker, was nach seiner Auffassung we-
[ sentlich für eine christlich (-katholische) Geschichtsauf-
j fassung ist. Der neuere Katholizismus hat zu dieser
Frage noch nicht viel Bedeutendes beigesteuert. H.
j sucht in sehr feiner Weise die (an sich ungeschichtliche)
| Ontotogie und Anthropologie des Hlg. Thomas ins
I Geschichtliche zu wenden, indem er sie vom neueren
| Augustinismus (Pascal, Kierkegaard, Newman) her interpretiert
. Nach H. wird durch die Inkarnation ein
Ineinander von Heilsgeschichte und profaner Geschichte
| hervorgerufen. (Unter Heilsgeschichte versteht er im
I Unterschied zum Protestantismus in erster Linie den
| Weg des Individuums zu Gott.) Er sieht die Heilsgeschichte
nicht nach Art der dialektischen Theologie als
i einen Vorgang an, der von Fall zu Fall senkrecht von
oben in die (horizontale) Prof angeschiente einbricht,
sondern als göttliche Dynamik, die die Profangeschichte
in übernatürlich-geschichtlicher Weise umgestaltet. Alles
Geschaffene habe Geschichte, aber Geschichte im eigentlichen
Sinne gebe es nur im Reiche der Werte und Güter,
die durch und in der Freiheit des Menschen realisiert
oder aktualisiert werden sollten (S. 46). Es gebe Fortschritt
in der Geschichte, allerdings nicht als mechanische
Entwicklung. Um seiner Freiheit willen habe der
Mensch die Pflicht, seine Vernunft zu gebrauchen, und
dadurch in der Geschichte fortzuschreiten. Diese geschichtliche
Aufgabe bestehe unabhängig von der Sorge
für das Heil der Seele (S. 78).

Drei Mächte wirkten in der Geschichte: Gott als
ihr Herr, Satan als der Fürst dieser Welt, dem seine
Macht von Gott verliehen sei, und der Mensch, der
kraft seiner schöpferischen Anlagen im Reiche des Erschaffenen
befähigt sei, das Antlitz dieser Welt zu ändern
. Das Wissen um die hierarchische Ordnung dieser
drei Mächte und die Betonung der Macht Satans stellen
m. E. den wichtigsten Beitrag H.s zum christlichen
Geschichtsproblem dar. Aus dem Verhältnis von Gott
und Mensch ergebe sich sowohl der empirische Pluralismus
der Vöikergeschicbte, wie auch deren einheitliche
Bezogenheit auf ein letztes Ziel, welches im absoluten
Sinne die gloria Dei sei und im kreatürlichen Sinne
das Heil von Personen (S. 99). Alles diene diesem
letzten Ziele, aber dieses selbst sei indifferent gegenüber
Kultur und Zivilisation. Geschichte sei vor allem
charakterisiert durch den Gegensatz zwischen Kirche
und politischer Macht hinter dem der Gegensatz von
Heilsgeschichte (im Sinne von Seelengeschichte) und
Profangeschichte stehe. Denn die Christen glaubten,
daß es zur Autorität der Kirche gehöre, darüber zu
entscheiden, wo die Grenzen der politischen Macht lägen.

H.s Schrift stellt mehr eine Sammlung von Essays
als eine systematische Erörterung des Geschichtsproblems
dar. Zuweilen ärgert einen seine selbstgefällige
Art seinen Gedanken ein Relief zu geben durch Mißdeutungen
gegnerischer Gedanken (z. B. wenn er S. 13
Lessing vorwirft, er lehre im Nathan, daß es den echten
Ring nie gegeben habe). Theologisch wird man vor
allem die Vernachlässigung dessen bedauern, was die
evangelische Kirche unter Heilsgeschichte versteht, nämlich
das geschichtliche Handeln Gottes im Alten und
Neuen Bunde. Damit hängt zusammen, daß bei H. auch
die geschichtlichen Grundphänomene der Aufeinanderfolge
und der geschichtlichen Erfahrung keine entscheidende
Rolle spielen. Man wird deshalb ernstlich
fragen müssen, ob das, was er Heilsgeschichte nennt,
wirklich (abgesehen vom eschatologischen Ziele) eine
Einheit hat und Geschichte genannt zu werden verdient,
oder nur eine lose Nebeneinanderreihung von Einzelschicksalen
ist. Auch was er in diesem Zusammenhange
über die geschichtliche Funktion der Kirche sagt, wirkt
direkt dürftig. Trotz dieser Mängel legt man die kleine
Schrift im Ganzen mit einer gewissen Dankbarkeit aus