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Ausgabe:

1937 Nr. 2

Spalte:

35-37

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bollnow, Otto Friedrich

Titel/Untertitel:

Dilthey 1937

Rezensent:

Zeltner, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 2.

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unbekannten Neuen, eine allenthalben fühlbare Spannung
kennzeichnet die Stimmung der Übergangszeit auch
in den Reichsstädten. In den kirchlichen Fragen brachen
die gegensätzlichen Anschauungen durch, die teils zu
einem verzehrenden Brand, zu einem leidenschaftlichen
Für und Wider die alte Kirche aufflammten, teils verhalten
unter der Asche glimmten. Ein solches stilles,
doch wohlgenährtes Feuer brannte im elsässischen Hagenau
, der vormaligen Kaiserstadt, die nach Ursprung
und Entfaltung mit starken Fasern im Alten Reich verwurzelt
war" und „Auch hier griffen Stadt und Bürgerschaft
eigenen Vorteils halber in die Kirchenregierung
ein. Auch hier herrschte religiöse Erregung der Massen
, die sich, als die mittelalterliche Welt einstürzte,
schutzsuchend in die Mutterkirche drängten. Doch wurden
die Grundfesten, auf denen die alte Kirche stand,
in Hagenau nicht nachhaltig erschüttert. Die Dinge
spitzten sich in der Stadt nirgends so zu, daß die dortige
kirchliche Gesamtlage unerträglich und unhaltbar
wurde." Damit wären also alle einseitig grellen Beleuchtungen
, die Schmidlin den Hagenauer Verhältnissen
hat zuteil werden lassen, weithin abgeblendet.

Gunzerts Arbeit beruht im Wesentlichen auf Quellenforschungen
im Hagenauer Stadtarchiv und im Bezirksarchiv
des Unterelsasses zu Straßburg. Die grundsätzliche
kirchliche und kirchengeschichtliche Literatur
ist dagegen nicht ausreichend herangezogen. Von den
vier Hauptabschnitten — Stadt und Kirche, Entfaltung
und Leben der Geistlichkeit, Spital- und Stiftungswesen,
Volksfrömmigkeit — ist der erste der Wichtigste, auch
wenn er sich vorwiegend nur mit der Stellung der Pfarrkirche
St. Georg, die von den Johannitern in Dorlisheim
versorgt wurde, beschäftigt. In dem Verhältnis des
Rates und der Bürgerschaft von Hagenau zu ihrer
Hauptpfarrkirche, die abgesehen von ihrer Stellung unter
Bischof und Archidiakon einem außerhalb der Reichsstadt
ansässigen Reichsstande hörig war, sammelt sich
wie in einem Brennpunkte das gesamte kirchliche Leben
der Stadt. Dieses Leben hatte wohl seine religiösen
und mystischen, seine wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen
Seiten, die alle von G. mit einer ins Kleinste
gehenden, quellenmäßig begründeten Breite in den drei
folge nden Abschnitten behandelt werden. Aber dies
ganze immer wieder — und doch immer wieder anders
gespannte Verhältnis war vor allem politischer Art:
und das wird von G. nicht recht beachtet, vielfach übersehen
, nirgends aber eigentlich herausgearbeitet.

Gewiß aber läßt es der Verfasser deutlich werden,
daß die Stadtbevölkerung in weiten Schichten mit der
Kirche nicht mehr restlos einverstanden war, daß sie
heiligen Brauch in gotteslästerlichen Mißbrauch verkehrt
sah und daß sie von der Unruhe der Zeitenwende
im Innersten tief ergriffen war. Allerdings geht G.
vielfach ohne tieferes kirchliches Verständnis an diese
Dinge heran, wie etwa ein Ausdruck: er „verteilte das
Abendmahl auf beide Arten" allzu deutlich werden läßt.
Berlin. Otto Lerche.

Bollnow, Otto Friedr.: Dilthey. Eine Einführung in seine Philosophie.

Leipzig: B. G. Teubner 1936. (X, 199 S.) gr. S°. RM 9.60; geb. 11.60.
Bischoff, Dietrich: Wilhelm Diltheys geschichtliche Lebensphilosophie
. Mit einem Anhang: Eine Kantdarstellung Diltheys.
Ebda. 1935. (63 S.) gr. 8°. RM 2.80.

Bischoffs Abhandlung ist eine ziemlich summarisch
gefaßte Einleitung zu einer bisher ungedruckten Kantdarstellung
Diltheys, die durch ihre Lebendigkeit und
Souveränität bezaubert (zugrunde liegt eine Vorlesungsnachschrift
von Herman Nohl aus dem Jahre 1903).

B. schildert, ausgehend von D.'s in der Auseinandersetzung mit
Kant erwachsener Konzeption einer „Kritik der historischen Vernunft
", den Zusammenhang zwischen den Geisteswissenschaften und
der Idee der D.'sehen Lebensphilosophie. Modern erscheint D. insbesondere
durch die Betonung der Volksgcbundenheit der Geisteswissenschaften
(B. bezeichnet darum das Ethos dieser Wissenschaften
mit einem etwas problematischen Ausdruck als „funktionale
Objektivität"). Die Darstellung der Lebensphilosophie rückt das

Moment der Geschichtlichkeit in den Mittelpunkt: aus der Einsicht
in die Endlichkeit und Zeitlichkeit des Daseins erwächst „die stolze
und freie Haltung D.'s", „der das Leben unter Ausschluß aller
transzendenten Setzungen bejaht".

Bollnow bemüht sich mit Erfolg, eine zwar elementare
, aber sachlich doch in die Tiefe gehende Einführung
in Diltheys Philosophie zu geben. Gelegentliche Einwendungen
und selbständige Fortbildungen D.'scher Gedanken
bereichern die Darstellung nicht nur systematisch
, sondern geben ihr erst die rechte plastische Geschlossenheit
.

An Bollnows Einleitungskapitel interessiert die Bemerkung, daß
die transzendentalphilosophische Orientierung der Lebensphilosophie
sich von dem damals aktuellen Thema der Transzendentaltheologie
herleitet. (D. war ja ursprünglich Theologiestudent!) So erklärt
sich auch die Bestimmung der Religion als einer notwendigen
Funktion des Menschen und als weitere Konsequenz das Verständnis
der ganzen Welt des Geistes als menschlicher Schöpfung. Aber
D. sucht andererseits aus der rationalistischen Enge des Kantianis-
mus zur Erfassung des vollen realen Daseins zu kommen. So erwächst
das methodische Prinzip der Lebensphilosophie: das Leben aus
seinen eigenen Formen heraus zu verstehen (28). Die eigentliche
produktive Wendung D.'s sieht B. jedoch in der Tendenz einer Auf-
' hellung des Lebens von seinen geschichtlichen Objektivierungen
her (25). Durch die lebendige Beziehung auf die Geschichte sei D.
„die Vereinigung des philosophischen Denkens mit der handan-
legenden Arbeit der Wissenschaft" und damit die Oberwindung der
Unbestimmtheit und des Subjektivismus gelungen, die der Leliens-
philosophie etwa bei Nietzsche noch anhaften (199). Darum sei
D. für die gegenwärtige philosophische Situation ebenso bedeutsam
wie Kierkegaard und Nietzsche, wie er auch nur im Zusammenhang
mit diesen beiden richtig verstanden und gewürdigt werden
könne (19).

B. schildert dann die D.'sche Konzeption des Lebens und seine
Gliederung in den Lebensbezügen. Er entwickelt weiter die Lehre
von den Kategorien des Lebens und klärt dabei in teilweisem Anschluß
an Misch vieles auf, was an den D.'schen Fragmenten zunächst
undurchsichtig erscheint. Besonders wichtig ist das Schlußkapitel
über Ausdruck und Verstehen. Im Verstehen vermag das
Leben in sich selbst zurückzuwenden. Damit es aber zu dieser Selbsterfassung
kommt, muß es sich im Ausdruck selbst gestallen.
Ausdruck und Erlebnis sind nach D. in Wirklichkeit eins. Es ist
nichts im Erlebnis enthalten, was nicht auch im Ausdruck da wäre.
Aber der Ausdruck repräsentiert nicht etwa nur das Erlebnis, sondern
er hebt etwas Neues heraus, indem er das Erlebte artikuliert. Er
ist „Explikation, die zugleich Schaffen ist". Der Weg zum Verstehen
geht darum immer über den Ausdruck. Auch mich selbst
kann ich nicht unmittelbar, etwa durch Introspektion, sondern nur
über den Ausdruck meiner selbst erfassen.

Aber das so charakterisierte Verstehen ist selbst noch unmittelbares
Verstehen. Es bezieht sich auch immer nur auf einzelne Lebensäußerungen
. Die Bemühung des höheren Verstchens setzt ein, wenn
„das normale Verhältnis von Lebensäußerung und Innerem" gestört
ist, wenn jemand sich etwa durch Schweigen dem Einblick
Unberufener entzieht. Wir versuchen dann, uns das zunächst Befremdliche
in einem größeren Ganzen einsichtig zu machen. So
kommt es erst zu einem Verständnis der Individualität. Das gilt in
vollem Umfang auch für das Verstehen meiner selbst: erst wenn
ich über mich erstaune oder erschrecke („wie konnte ich nur
so etwas tun!") fange ich an, mich als Individualität zu sehen.

Die Theorie des Verstehens ist das Kernstück der D.'schen
Philosophie. Aus ihr ergibt sich die Bedeutung der geschichtlichen
Wirklichkeit für die philosophische Anthropologie: ,,Was der Mansch
sei, sagt ihm nur die Geschichte". Das führt zu der Einsicht, daß
es kein festbleibendes Wesen des Menschen gibt, sondern daß sich
dieses entsprechend der in ihm liegenden echten Schöpfennacht im
Verlauf der Geschichte selbst verwandelt (197). Auf analoge Weise
entspringt aus dem Verständnis der Weltanschauungen als Ausdrucks-
gcstalten verschiedener menschlicher Grundhaltungen ein neuer Reichtum
und eine neue Freiheit: der Mensch gewinnt den Blick für das
Recht anderer Möglichkeiten und lernt die Konsequenz einer geschlossenen
Weltanschauung als Vorurteil erkennen. Zugleich damit geht
ihm die Möglichkeit der Schöpfung neuer Weltanschauungen, die
Freiheit zu neuer Setzung auf (81 ff.). Die Orientierung der Lebensphilosophie
an der Geschichte führt also nicht notwendig zum
Relativismus, sondern bringt dem Menschen durch die Enthüllung
I seiner Geschichtlichkeit gerade die entscheidende Vertiefung seines
Freiheitsbewußtseins. In dieser Wendung zeigt sich für B. die Überlegenheit
D.'s über die moderne Existenzphilosophie: die Unergründlichkeit
des Daseins bedeutet ihm nicht einen Mangel aller
vom Menschen erzeugten und daher von ihm übersehbaren Lebeni-
ordnungen gegenüber der drohenden Übermacht und Unheimlichkeit
I der Welt. D. sieht vielmehr: Leben ist unergründlich, weil es „offen"
I ist in seine Möglichkeiten hinein. So heilt das geschichtliche Be-