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Ausgabe:

1937 Nr. 2

Spalte:

32

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Châteillon, Sébastien

Titel/Untertitel:

Concerning heretics 1937

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologische Literaturzeitung 1937 Nr. 2.

32

22. 30 f. Frappieren muß dann der, hoffentlich nicht
als Motto für den neuen Gesenius — Buhl gewählte
Satz (S. 22): „Philologische Theologie ist irrende Theologie
"! Und — Köhlers eigene Theologie des A.T. ist
richtige Theologie? Da klingt doch viel besser der bei
Köhler S. VI zu lesende Satz: „Reformatorische Theolo-

fie ist ... die Theologie der hellen klaren Gründe",
n diesem Sinn enthält K.'s Buch für den Studenten gar
manche treffliche Abschnitte. Z. B. über die Herkunft
des Namens Jahwe S. 27 f. Hier tritt K. für die Keniter-
hypothese ein. Das Gleiche gilt für die Erörterung über
die Offenbarung Gottes im A.T. S. 41 f. „Der Gott des
A.T. hat eine Geschichte." Sie geht von der Enge in
die Weite. Die Offenbarung Ex. 6, 2—7 steht „theoretisch
auf dem Boden des Polytheismus" (S. 43). Dazu
vergleiche man S. 50 unter 6. Oder man beachte, was
S. 89 über die Inspiration der Schrift gesagt ist. Die
Grundlage der biblichen Inspirationslehre ist der Botenspruch
, den der Profet im Auftrag Gottes überbringt!
Oder S. 144 die Ausführung über Gen. 3, 14 f. Den
Text als Protevangelium zu deuten, ist „schriftwidrig".
S. 168 findet sich im Zusammenhang mit Erörterungen
über die Sündhaftigkeit im A.T. eine gute Analyse von
Ps. 51. Der Sprecher im Psalm ist kein Einzelner, sondern
die Gemeinde. Das Buch liest sich gefällig. Allerdings
sehe ich dabei ab von einzelnen schnurrigen Ausdrücken
wie z. B. S. 199 „festen" = Feste feiern;
S. 200 „einfältige" . . Strafe. S. 31/2 „Streuung des
Ausdrucks"; S. 41 „alles beschlagendes Walten"; S.
144 „beschwiegen". Oder kleinen Schönheitsfehlern wie
2 mal D1N3S S. 32; S. 29 p*s>. S. 231, 8 lies
"•nrn st. "»rn. (Sich selbst zitiert K. (cf. S. 246)
am meisten. Wellhausens Name kommt nirgends vor).
Es wäre noch manches anerkennendes Wort im Einzelnen
zu sagen. Zusammenfassend muß ich aber doch urteilen
: Es wird noch manchem Leser so gehen wie mir
— er wird mit gemischten Gefühlen Köhlers Theologie
des A.T. genießen! Dazu gibt gleich der erste Satz
S. 1 Anlaß : „Daß Gott da ist, dieser Satz ist die große
Gabe des Alten Testaments an die Menschheit." Arme
Antike! Dann war die ganze Umwelt um Israel nur dunkelstes
Heidentum. Da haben wir wieder die Insel der
Seligen, zu der keine Fahrstraße führt. Hat Israel
denn gar nichts Gutes von den Heiden angenommen?
Hier rächt sich eben, daß K. mehr als Dogmatiker
als als Historiker seine Theologie des A.T. niedergeschrieben
hat.

Heidelberg. Georg Beer.

Brandt, Lic. theol. Wilhelm: Neutestamentliche Bibelkunde.

Eine Einführung in Inhalt und Gestalt der urchristlichen Botschaft.
Berlin: Furche-Verlag [1932]. (260 S.) gr. 8°. = Die urchristliche
Botschaft hrsg. v. O. Schmitz, 25. Abt. RM 3.90; geb. 4.80.

Ein wohlgelungener Versuch, den beiden wichtigsten
Anforderungen zugleich gerecht zu werden, die eine neu-
testamentliche Bibelkunde erfüllen soll: behaltbare Übersicht
über Form und Aufbau der Bücher des Neuen
Testaments und lebendige Einführung in ihren Inhalt
in knappester Form. Ein Buch, aus der Erfahrung bibel-
kundlichen Unterrichts erwachsen, wertvoll für den Bibelleser
als Anleitung zu wirklichem Vertrautwerden mit
der Bibel, unentbehrlich für den Studenten der Theologie
, damit er lernt, Exegese zu treiben vom Überblick
über das Ganze des Neuen Testaments aus und das Verständnis
des Ganzen nutzbar zu machen für das Eindringen
ins Einzelne. Ohme wissenschaftlichen Anspruch
geschrieben, schlägt die Arbeit des bibelkundigen Theologen
sehr glücklich die so notwendige Brücke vom
Lesen der Bibel zur Bibelwissenschaff und vom wissenschaftlichen
zum praktischen Schriftstudium. Daß inzwischen
schon die 4. Auflage erschienen ist, läßt hoffen
, daß der Weg in das Neue Testament, den B. weist,
begangen wird.

Berlin. j. ßehm.

! Concerning Heretics, whether they are to be persecuted and how they
are to be treated, a collection of the opinious of learned men both
ancient and modern. An anonymous work, attributed to Sebastian
I Castellio. Now first done into English, together with excerpts
from other works, of Sebastian Costellio and David Joris, on religious
liberty. By Roland H. Bainton, Associate Prof. of Church History,
Yale University. Columbia University Press 1935. (XIV, 342 S.).
Wie aus der amerikanischen Geschichte ohne Weiteres
begreiflich, pflegt die dortige historische Forschung
lebhaft die um die Entstehung der Toleranz
und der Menschenrechte kreisende Problematik. Ge-
! genwärtig hat der ehemalige Professor an der Cornell
University in Ithaea G. L. Burr geradezu eine Schule
! junger Historiker herangezogen, die auf diesem Gebiete
arbeiten, von denen F. C. Church und R. L. Bainton
die bekanntesten sein dürften. Aus der Feder von Bainton
, Professor in New Häven, stammt eine ganze Reihe
| von Untersuchungen zu dem Problem: Reformation und
j Ketzerprozeß; in gewissem Sinne strebten sie alle dem
vorliegenden Buche zu, einer Übersetzung der berühmten
Schrift des Martin Bellius (Castellio): de haere-
ticis mit erläuternden Anmerkungen und einer sehr eingehenden
Einleitung. In dieser wird zunächst die Veranlassung
des Buches von Castellio, die Ausgaben desselben
die Mitarbeiter (Lelio Sozini, Curio, Borrhaus,
Joris [ ?]) vorgeführt, dann der Hauptnachdruck auf die
von Castellio benutzten Quellen gelegt. Deren Analyse
führt so ziemlich zu einer sehr wertvollen Geschichte
der Ketzerverfolgung in der christlichen Kirche. Über
Lactanz, Chrysostomus, Hieronymus, Augustin geht es
zu Erasmus, der mit Recht von der undogmatic piety
der devotio moderna her verstanden wird, mit dem Ziele
der Mystik. Treffend aber heißt es: But Erasmus
was by no means an unqualified advocate of liberty; the
authority of the Church was always in reserve. Daher
sagt Erasmus auch: „To kill blasphemous and seditious
heretics is necessary for the maintenance of the state".
Es kommt dann nur darauf an, was als Aufruhr und vor
allem, was als Blasphemie verstanden wird. Für das
Verständnis Luthers in dieser Frage ist das grundlegend.
Denn hier liegt die Wandlung in puncto Ketzerprozeß
bei ihm; er hat Aufruhr und Gotteslästerung genannt
und entsprechend bestraft wissen wollen, was ursprünglich
Geisterkampf war. „The turning point" war, wie
Bainton richtig bestimmt, der Bauernkrieg von 1525.
Durch die Erklärung, ein Gotteslästerer habe kein Gewissen
, und man dürfe glauben, was man wolle, es
nur nicht immer öffentlich sagen, kam Luther über
alle Schwierigkeiten hinüber. Auch bei Brenz muß die
Gotteslästerung die ganze Last tragen. Calvin unterscheidet
gewiß zwischen Häresie und Aufruhr bezw.
; Gotteslästerung, nähert aber doch, stärker als B. betont,
j die Ketzerei dem Vergehen gegen die gesellschaftliche
j Ordnung an; Servet ist als Gotteslästerer verurteilt
[ worden. Als Gruppe der „Protestant Liberais: Erasmians"
| werden Hedio, Pelikan, von dem auch B. nicht recht
anzugeben weiß, warum er in Martin Bellius als Sekun-
I dant erscheint, Coelius Secundus Curio und Brun I eis
| besprochen, endlich als „Independents" Wilhelm v. Hessen
, who followed the paternal example, Sebastian Franck
| und Castellio. Wird weiterhin der Einfluß von De
j haereticis erörtert, so steht die Polemik Bezas an der
| Spitze, der sich scharf gegen die Idee der Annahme
I von Fundamentalartikeln wendet. Andererseits sind die
[ wackere Katharina Zell, Pierre Toussaint, Adrian van
Haemstede, Coornheert, Bayle für Castellio und das
[ Buch eingetreten, das 1620 und 1663 in holländischer
Übersetzung erschien.

Die Übersetzung von Bainton liest sich glatt und
I ist sorgfältig kommentiert. (Angabe der Bibelzitate, der
; Fundorte, der benutzten Quellen usw.). Eine gute Bibliographie
steht am Schluß und einige gut ausgewählte
zeitgenössische Bilder sind beigegeben — alles in allem,
j eine sehr wertvolle wissenschaftliche Gabe.

! Heidelberg. V. Köhler.